Schüler:innen des Wagenburg-Gymnasiums aktiv für die Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“
Noch kurz vor Weihnachten erhielten wir ein Schreiben von Dr. Axel Nothardt, Verbindungslehrer des Wagenburg-Gymnasiums, der mit seinen Schüler:innen 214 Unterschriften für unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ gesammelt hat. Er hat sich auch bereit erklärt, bei unserer Film- und Diskussions-Veranstaltung am 17. Januar 2026 „Wie das demokratische Vorbild Fritz Bauer bekannter machen?“ in der Weissenburg (Weißenburgstraße 28a in Stuttgart) dabei zu sein. Das hat uns sehr gefreut und veranlasst, folgendes Kurzinterview mit ihm zu führen:
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Unterschriftenaktion an Ihrer Schule zu unterstützen?

Dr. Axel Nothardt: Seit ich als Jugendlicher das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss gesehen habe, bin ich von Fritz Bauer fasziniert. In dem Stück wird der von Fritz Bauer initiierte Auschwitzprozess in Szene gesetzt. Immer wieder bin ich bei meinen Recherchen zum Holocaust auf ihn gestoßen. Im Jahr 2022 veranstaltete ich mit unserer UNESCO-AG eine szenische Lesung über das Leben und Wirken von Fritz Bauer. 2023 und 2025 spielten meine Schüler*innen in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von Straftaten in der NS-Zeit den Fall Wilhelm Boger nach. Bauer hatte ihn aufgrund seiner sadistischen Methoden in Auschwitz angeklagt. Da ich schon lange überlege, wie Fritz Bauer geehrt werden könnte, begeisterte mich die Idee, ihn zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Stuttgart zu machen. Diese Aktion ließ sich leicht mit dem Amnesty-Briefmarathon verbinden, den die UNESCO-AG immer zu Weihnachten durchführt. Die Schüler*innen stellten in den Klassen die Leistungen von Bauer vor und gaben allen Stuttgarter Schüler*innen die Möglichkeit, die Petition zu unterschreiben.

Mit der Unterschriftenaktion wird auch der langjährige Einsatz von Fritz Bauer gegen das §175-Unrecht gewürdigt, der bislang in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Welche Rolle spielte dieser Aspekt?
Dr. Axel Nothardt: An unserer Schule gibt es seit vielen Jahren ein großes Interesse an der Thematik rund um die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Das erste große Projekt gegen Homophobie organisierte die UNESCO-AG bereits vor zwölf Jahren. Damals wurden Homosexuelle in die neunten Klassen eingeladen. Sicher haben solche Projekte es erleichtert, dass sich auch homosexuelle Lehrer*innen outen konnten und dass es für Schüler*innen einfacher ist, sich als nonbinär zu outen. Die Initiative von Fritz Bauer, den § 175 abzumildern, war hierfür ein entscheidender Anfang. Für unsere Schüler*innen war Fritz Bauers Wirken beim Auschwitz-Prozess sehr wichtig. Ausschlaggebend, die Unterschriftenaktion zu unterstützen, war jedoch zu meiner eigenen Überraschung sein Wirken zum § 175.

Welche Projekte hat die Schulgemeinschaft bereits zum Holocaust und gegen Homophobie durchgeführt? Wie ist es dazu gekommen? Wie sind die Erfahrungen damit?
Dr. Axel Nothardt: 2014 wollten die Jungs es wissen. Jeden Morgen, wenn sie sich in der Schule treffen, fallen sie sich in die Arme und küssen sich. Was bei Mädchen akzeptiert sei, müsse auch für Jungs gelten, so unsere Zehntklässler. „Das ist unser Kampf für Männerrechte.“ Dieses Engagement wurde unterstützt, indem Homosexuelle in die Klassen eingeladen wurden.
Die Mädchen der UNESCO-AG organisierten einen Flashmob. Sie gingen Arm in Arm durch die Königsstraße und sprachen die Passanten auf das Thema an. Die Reaktionen waren spannend. Jedes Jahr werden Plakate zu allen Varianten von Sexualität im Schulhaus aufgehängt. Die Ideen stammen von den Schüler*innen, die bei den Projekten die Hauptverantwortlichen sind. Wir Lehrer*innen unterstützen sie nur bei der Umsetzung. Deshalb haben wir immer beste Erfahrungen gemacht und die Projekte stoßen auf großes Interesse.
Unser bisher größtes Projekt zum Holocaust ist die Gedenkfahrt nach Auschwitz. Im Februar 2024 und 2026 werden wir wieder eine Woche lang nach Polen fahren. In Krakau werden wir das Schindler-Museum, eine Zeitzeugin und die jüdische Gemeinde besuchen. Wir werden an einer politischen Stadtführung teilnehmen und ein Klezmer-Konzert besuchen. In Auschwitz werden wir das Stammlager und das Lager in Birkenau besichtigen und einige Workshops besuchen. Dabei ist die Aufarbeitung wichtig. Die Schüler*innen werden ihre Erlebnisse in einer Präsentation für die Schulgemeinschaft umsetzen. Beim letzten Mal führten sie ein Theaterstück auf, hielten eine Rede und trugen ein Gedicht vor. Außerdem zeigten sie Bilder, spielten Klezmer-Musik und sangen. Die gesamte Reise wurde in einem Buch mit Berichten und Bildern festgehalten. Wichtig ist, dass die Schüler*innen ihre Umsetzung selbst wählen dürfen und dabei unterstützt werden.
Das Kurzinterview führte Ralf Bogen