Es ist kaum zu glauben …
… es sind nun fast sechs Jahre vergangen, seitdem wir mit unsem Internetprojekt „Der Liebe wegen“ erstmals für die heutige Region Baden-Württembergs die Ausgrenzungs- und Verfolgungsgeschichte von gleichgeschlechtlich begehrenden Menschen im Januar 2017 detailliert sichtbar gemacht haben.
Wir haben uns nicht träumen lassen, welches Echo wir mit unserer Arbeit hervorrufen: das ging vom ersten Preis des Landespreises für Heimatforschung Baden-Württemberg 2018 über die Anerkennung unserer Arbeit bei der Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg anlässlich des Gedenktags für die Opfer des Nationalsozialismus in 2019, bis zur Erwähnung im Katalog „Hotel Silber – eine Dauerausstellung zu Polizei und Verfolgung“ in 2021 sowie in allen uns bekannten wissenschaftlichen Veröffentlichungen zum Thema regionale Verfolgung von sexuellen Minderheiten während der NS-Diktatur.

Bewegende, kritische und erfreuliche Rückmeldungen
Wir freuen uns insbesondere über bewegende und dankbare Rückmeldungen von Angehörigen, die nichts oder kaum etwas über das Schicksal ihrer Verwandten während der NS-Diktatur wussten.
Wir sind auch dankbar für kritische Hinweise, die uns unter anderem dazu bewegt haben, zwei Personen aus unserer digitalen Gedenkkarte herauszunehmen. Ebenso waren wir erfreut, über die Zusendung von Biografien, die wir dafür neu aufnehmen konnten. In verschiedenen Städten, so in Ulm, Tübingen, Heidelberg, Freiburg und Stuttgart konnten wir durch unsere Webseite zu einer weiteren Vor-Ort-Aufarbeitung mit entsprechenden Veranstaltungen und Veröffentlichungen anregen. So schrieb uns Lisa Okroi vom Projekt Queere Geschichte*n Freiburg: „Für den Audioguide [Queere Geschichte*n Freiburg] habe ich unter andrem auf Informationen eurer Webseite zurückgegriffen und bin sehr froh, dass ihr in dieser Form Vorarbeit zur queeren Geschichte Freiburgs geleistet habt. Insbesondere bei den Stationen 6 Käthe Seifried, 10 Charlotte Wolff, 19 Fritz Hauser 21 Verfolgung homosexueller Männer im NS und 22 Frühe Homo-Bewegungen hat mir eure Webseite sehr geholfen.“ Und auf der Webseite derliebewege.de – Stuttgart  (neu) entdecken“ heißt es: „Inspiriert durch / angelehnt an das Projekt DER LIEBE WEGEN, verwebt die entstehende Karte des Stadtgebietes Stuttgart dessen Recherchen zu Menschen im deutschen Südwesten, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden mit Erfahrungen und Erlebnisberichten engagierter Stuttgarter_innen.“

Warum ein Update in 2022/2023?
Angesichts des Erstarkens rechtspopulistischer Kräfte in Europa mit entsprechenden Wahlergebnisse ist es uns wichtig, weiterhin dazu beizutragen, dass es extrem rechten Kräften nicht noch einmal gelingt, an ausgrenzende Geschlechts-, Sexualitäts- und Familienvorstellungen anzuknüpfen und diese für ihre demokratiefeindlichen Ziele zu instrumentalisieren. Bei neuen Beiträgen unserer Webseite unter „Neues“ und „Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit“ wollen wir stärker als bislang aktuelle Entwicklungen berücksichtigen sowie Menschenrechtsarbeit hinsichtlich der heutigen Lebenssituation von Menschen, die sexuellen und/oder geschlechtlichen Minderheiten zugehören, ein größeres Gewicht geben.
Unsere Webseite war technisch bislang leider nicht so aufgebaut, dass sie leicht durch neue Beiträge fortgeführt werden kann, was nun geändert wurde. Bei verschiedenen Veranstaltungen haben Teilnehmende bedauert, dass sie erst so spät von unserem Internetprojekt Kenntnis erlangt haben und das Projekt noch zu wenig in Schulen und in der Allgemeinheit bekannt sei. Wir werden daher nun mit unserem
Update auch für eine Repräsentanz in sozialen Netzwerken wie zum Beispiel Facebook sorgen in der Hoffnung, so mehrere Jugendliche wie auch Erwachsene zu erreichen.

Neue Zusammensetzung unseres Teams
Werner Biggel und ich freuen uns, dass wir für unser „Der-Liebe-wegen“-Team Kerstin Bosse und Christel Stroh gewinnen konnten, die sich insbesondere weiblich-lesbischer Themen, Anliegen und Aktivitäten im Bereich der Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit annehmen werden. Für Themen zu geschlechtlichen Minderheiten hat sich Janka Kluge zugesagt, in Kürze hin und wieder Beiträge beizusteuern, wofür wir dankbar sind.

Was ist im Aufbau der Webseite neu?
Wir haben den vertikalen Aufbau der Rubriken unserer Webseite verändert:

  • Die erste Rubrik „NEU“ zeigt die aktuellsten drei Beiträge.
  • Die zweite Rubrik „ZUM PROJEKT(-NAMEN)“ stellt zum einen die Weiterentwicklung des Projekts dar und beinhaltet die Einführung aus 2017, bei der insbesondere auf die Frage eingegangen wird, warum wir uns für den Projekttitel „Der Liebe wegen“ entschieden haben.
  • Die dritte Rubrik „BESONDERES“ enthält Beiträge von besonderer Bedeutung.
  • Die vierte Rubrik „ERINNERUNGS- UND MENSCHENRECHTSARBEIT“ zeigt Beiträge in ihrer zeitlichen Chronologie.
  • Die fünfte Rubrik „SPÄTE AUFARBEITUNG“ behandelt die Aktivitäten staatlicher Stellen sowie das Verhältnis zwischen außeruniversitärer und universitärer Forschung. Hier hat sich in den letzten Jahren, insbesondere was die Aufarbeitung frauenliebender Frauen angeht, Einiges getan, und wir hoffen, dass sich im Bezug auf das durch die NS-Diktatur verursachte spezifische Leid geschlechtlicher Minderheiten auch noch Einiges in unserer Region geleistet und vorangetrieben werden kann. 
  • Die sechste Rubrik „WIE RECHERCHIEREN“ planen wir zu einem späteren Zeitpunkt zu aktualisieren.
  • Die siebte Rubrik „STUDIENARBEITEN“ zeigt Studienarbeiten zum Thema Sexualitäts- und Geschlechtergeschichte in der Region des heutigen Baden-Württemberg.
  • Die achte Rubrik „GRUSSWORTE“ wurde nicht verändert.
  • Die neunte Rubrik „DANKE“ und die zehnte RUBRIK „MITARBEITENDE“ sind selbst erklärend und wurden aktualisiert.

Ralf Bogen für das neue Team von „Der Liebe wegen“ (zum Update in 2022/2023)


Warum der Projekttitel „Der Liebe wegen“? 

„Kann denn Liebe Sünde sein?“ – Deutscher Evangelischer Kirchentag in Stuttgart 2015:
Videoausschnitt „Gedenken zu Beginn: Ausgegrenzt und totgeschwiegen – Verfolgung von gleichgeschlechtlich Liebenden“

Nicht auf Sex reduzieren lassen
Menschen im deutschen Südwesten wurden wegen ihrer Liebe und Sexualität im Nationalsozialismus und in der Nachkriegszeit ausgegrenzt und verfolgt. Neben Personen, die Liebes- und Sexualbeziehungen zu jüdischen Mitbürgern oder Nichtdeutschen eingegangen waren, betraf dies gleichgeschlechtlich Liebende, um die es auf unserer Website geht.
Mit dem Titel „Der Liebe wegen“ wollen wir uns dabei gegen noch immer weit verbreitete Vorurteile wenden, die mann-männliche Beziehungen auf (promisken) Sex reduzieren, ihnen die Liebes- und Bindungsfähigkeit absprechen sowie Beziehungen von frauenliebenden Frauen nicht ernstnehmen und ihnen autonome (sexuelle) Bedürfnisse nicht zugestehen.

Ein gefährlicher Nährboden …
Es sind nicht wenige Repräsentanten der Katholischen Kirche, evangelikaler Gruppen, islamischer Verbände und weiterer Religionsgemeinschaften, die noch heute eine vollständige Gleichberechtigung von Frauen ablehnen sowie gelebte Homosexualität immer noch als „widernatürlich“ und „abnormal“ diskreditieren. Damit stärken sie einen gefährlichen Nährboden für radikalere Formen der Abwertung, Ausgrenzung und Diskriminierung bis hin zu Hass und Gewalt. In vielen Ländern Europas und auch in den USA bauen rechtspopulistische Kräfte darauf auf, gefährden so demokratische Grund- und Menschenrechte und versuchen Homo- und Transphobie sowie rückwärtsgewandte Geschlechterrollen und Familienbilder wieder salonfähig zu machen.

… wirkt unterschwellig und subtil weiter
Speziell in Baden-Württemberg kommt hinzu, dass die Geschichte der Abwertung, Ausgrenzung, Verfolgung und Pathologisierung von Menschen, die sexuellen und geschlechtlichen Minderheiten angehören, noch nicht angemessen aufgearbeitet wurde und daher unterschwellig und subtil weiterwirkt.
Mit unserer Website wollen wir dazu beitragen, dass dieses Defizit überwunden wird. Insbesondere durch unsere Gedenkkarte „Namen und Gesichter“ wollen wir die Verfolgung während der nationalsozialistischen Diktatur in der Region des heutigen Baden-Württemberg anhand von Einzelschicksalen sichtbar machen. Erstmals veröffentlichen wir zahlreiche Scans von Originaldokumenten, die zum Beispiel die Einweisung in ein Konzentrationslager durch regionale Polizeidienststellen zeigen oder Häftlings-Personal-Karteien und Todesmeldungen aus den Konzentrationslagern abbilden.
Für die Nachkriegszeit belegen wir sehr konkret, dass im Bundesvergleich die Verfolgung in Baden-Württemberg besonders intensiv war und in unserer Region auch Kastrationen an § 175-Strafgefangenen und monatelange Isolationshaft bis in die 60er Jahre praktiziert wurden, was nach einer besonderen Entschädigung für dieses staatliche Unrecht schreit.

Zu den „Schubladen“ lesbisch, schwul, heterosexuell . . .
Auf der Homepage verwenden wir die Begriffe „lesbisch“ und „schwul“, wohlwissend, dass es sich hierbei um „Schubladen“ handelt. Im wirklichen Leben gibt es „die Lesbe“ sowie „den Schwulen“ ebenso wenig wie „die Heterosexuelle“ bzw. „den Heterosexuellen“. Vielmehr hat jeder Mensch seine eigene Form von Liebe und Sexualität, so individuell wie sein Fingerabdruck. Es gibt unendlich viele Varianten, die begrifflich gar nicht alle erfasst werden können, wie dies auch der Exkurs Geschlecht deutlich macht. Über die konkrete sexuelle Orientierung und über das konkrete Geschlecht der von uns vorgestellten Menschen kann letztlich nur spekuliert werden. Quellen der Verfolger aus der NS-Zeit können irreführend sein, da der Vorwurf der Homosexualität auch als Vorwand benützt wurde, um mißliebige Personen zu diskreditieren.

In Würde und Respekt sein Leben führen
Mit der Website wollen wir das Anliegen unterstützen, dass rückwärtsgewandte, ausgrenzende Sexualitäts-, Geschlechts- und Familienbilder nicht wieder für demokratie- und emanzipationsfeindliche Zwecke instrumentalisiert werden können. Wir wollen dazu beitragen, die Akzeptanz menschlicher Liebes- und Lebensvielfalt zu stärken als auch  aktuellen Formen der Diskriminierung und Ausgrenzung couragiert entgegenzuarbeiten, damit „die jüngere Generation von homosexuellen Frauen und Männern, Mädchen und Jungen […] ihr Leben […] in Würde und Respekt zusammen mit ihren Partnern, Freunden und Familien führen“ können. Denn: „Ohne Erinnerung gibt es keine Zukunft.” (siehe Auszüge aus einem 1995 von acht homosexuellen KZ-Überlebenden verfassten Memorandum).

Werner Biggel und Ralf Bogen (zur Einführung in 2017)

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