Wir danken Bodo Niendel für die freundliche Genehmigung, den folgenden Buchtipp zu veröffentlichen. Zuerst erschienen bei www.queer.de (Bild: Querverlag).

„Die weite Welt“ ist der abschließende Roman der autobiografischen Dilogie (= Zweiteiler, Anm. der Redaktion) von Lutz van Dijks bewegtem Leben. Teil eins, „Irgendwann die weite Welt“, handelte von einem Kind und Jugendlichen, der in einem sprachlosen, postfaschistischen Westberliner Außenbezirk (Lankwitz) aufwächst, langsam sein Schwulsein entdeckt und sich politisiert. Doch Berlin wurde ihm zu klein – eine besondere Insel, umschlossen von einer Mauer. Der erste Teil endet mit der Flucht in die USA.

Der Anfang März erschienene zweite Teil, „Die weite Welt“, beginnt 1974 mit der Ankunft als 18-Jähriger in New York – nahezu ohne Geld und ohne Bleibe. Über eine studentische Arbeitsvermittlung bekommt der Ich-Erzähler einen Job – die Arbeitserlaubnis hat er sich erschwindelt – außerhalb von New York als Busfahrer. In Bushkill, einem Touristenort, trifft er auf die Realität von Konservatismus und Rassismus, aber verdient seine ersten Dollars.

Ein Liebhaber für fantastische Nächte

Wieder in New York, findet er mit Bob einen Liebhaber für fantastische Nächte. Er schreibt sein erstes schwules Liebesgedicht. Ihn zieht es weiter. Er lernt in Texas Familie Buster kennen, jobbt auf der Farm, betreut die schwer erkrankte Tochter. Die konservative Familie schließt ihn in ihr Herz und sieht in ihm ihren Sohn, den sie nie hatten. Doch: „Ich kann leider kein Sohn für euch sein. Ich suche nach mir selbst und andere, die so sind wie ich. Ich bin schwul.“ Die Familie liebt ihn trotzdem und beschenkt ihn großzügig.

Es zieht ihn weiter nach El Paso in Mexiko, wo er den etwas älteren Strichjungen Carlos kennenlernt und den Sex kauft. Sie freunden sich an, und Carlos gibt großzügige Preisnachlässe. Ihn zieht es weiter in die „schwule Hauptstadt der USA.“ In San Fransisco kennt er niemanden. Auch hier hilft ihm „die Suche nach Menschen, die anders sind“. Er begegnet dem Rastafari Marley, mit dem es ebenfalls zu körperlich intensiven Begegnungen kommt.

Das Jahr in den USA lässt ihn reifen


 „Die weite Welt“ ist Anfang März im Berliner Querverlag erschienen

Die Zeit in den USA macht ihn stark: „Ich habe gesehen, dass das Leben, auch mein Leben, ganz anders sein kann.“ In den USA hat er das Schreiben von Tage- und Notizbüchern intensiviert. Das Schreiben sollte ihm später zur zweiten Natur werden. Das Jahr in den USA lässt ihn reifen, obendrein kann er durch die Jobs etwas Geld ersparen. Selbstbewusster schwuler Sex tut ein Übriges.

Zurück in Berlin, konfrontiert er seine Eltern: „Ich weiß nun sicher, dass ich homo­sexuell bin.“ Die sind nicht erfreut. Gleichzeitig erfährt er, dass in der Zwischenzeit seine Jugendliebe Martin bei einem Motorradunfall ums Leben kam. Es zieht ihn nach Hamburg. Hier schreibt er sich für das Studium „Verhaltensgestörten-Pädagogik“ ein. Er wohnt in einer Wohngemeinschaft – damals noch eine junge Wohnform. 1976 wird er auf der Großdemonstration in Brokdorf gegen das Atomkraftwert abermals mit Polizeigewalt konfrontiert. Er gründet mit anderen Student*­innen die Gruppe „Alternative Sonderpädagogik“ und beteiligt sich in der frisch gegründeten Gruppe „Homo­sexuelle Aktion Hamburg“. Zudem hilft er mit bei der Renovierung des ebenfalls neuen Magnus Hirschfeld Centrums (MHC) in Hamburg. Er ist eng verwoben mit der sich frisch emanzipierenden westdeutschen Schwulenbewegung.

Lehrer für „besonders schwierige Kinder“

Alternative pädagogische Ansätze inspirieren ihn zu seinem ersten Buch „Alternativschulen“ – 600 Seiten stark, mit einer Startauflage von 10.000 Exemplaren. Er beginnt als Lehrer zu arbeiten, zunächst in einer Grundschulklasse, später in einer sechsten Klasse für „besonders schwierige Kinder“. Auch dort outet er sich – sogar vor dem Kollegium. Ein mutiger Schritt, denn damals drohte homo­sexuellen Lehrer*­innen in einigen Bundesländern offen die Entlassung.

Er engagiert sich in der Gewerkschaft wie bei Amnesty International. Viele seiner Schüler danken ihm noch Jahre später, auch wenn einige tragische Wege gehen – Gefängnis oder Herointod, wie er dies später erfährt und publizistisch aufarbeitet.

Seine Mutter stirbt früh an einem Hirnschlag. Auch das, was wir heute „Regenbogen­familie“ nennen, erfährt er durch die Freundin Elke. Mit den Kindern Malte und Gesche bleibt er lebenslang in Kontakt, es werden ebenso seine Kinder.

Lutz van Dijk mit „Die weite Welt“ auf Lesetour
Montag, 4. Mai, 19 Uhr: Hamburg – Curiohaus, Rothenbaumchaussee 11
Dienstag, 5. Mai, 19 Uhr: Osnabrück – Altstädter Bücherstuben, Bierstr. 37 (im Rahmen von Gay in May)
Mittwoch, 6. Mai, 18 Uhr: Bremen – Stadtbibliothek, Am Wall 201
Donnerstag, 21. Mai, 19.30 Uhr: Wien – Buchhandlung Löwenherz, Berggasse 8
Montag, 1. Juni, 19 Uhr: Münster – Volkshochschule, Aegidiistr. 70
Dienstag, 2. Juni, 19 Uhr: Dorsten – Jüdisches Museum Westfalen, Julius-Ambrunn-Straße 1
Mittwoch, 3. Juni, 18.30 Uhr: Düsseldorf – Mahn- und Gedenkstätte, Beatrice-Strauß-Zenrum
Montag, 8. Juni, 19 Uhr: Hannover – Literaturhaus, Sophienstr. 2
Dienstag, 9. Juni, 16 Uhr: Halle – Universität, Franckeplatz 1 (Haus 31)
Dienstag. 9. Juni, 19.30 Uhr: Magdeburg – Netzwerk Freie Kultur, Breiter Weg 30
Mittwoch, 10. Juni, 20.30 Uhr: Berlin – Buchladen Prinz Eisenherz, Motzstr. 23
Montag, 15. Juni, 19 Uhr: Bochum – Stadtbibliothek, Gustav-Heinemann-Platz 2-6
Dienstag, 16. Juni, 19.30 Uhr: Bielefeld – Volkshochschule, Ravensberger Park 1
Donnerstag, 18. Juni, 19 Uhr: Amsterdam – Goethe Institut, Herengracht 470
Dienstag, 23. Juni, 19.30 Uhr: Frankfurt am Main – Switchboard, Alte Gasse 36
Mittwoch, 24. Juni, 19.30 Uhr: München – Buchpalast, Kirchenstr. 5
Donnerstag, 25. Juni, 19 Uhr: Landshut – (Ort noch zu bestätigen)
Mittwoch, 1. Juli, 19.30 Uhr: Berlin – Rosa Luxemburg Stiftung (Bibl.), Straße der Pariser Kommune 8A
Donnerstag, 2 Juli, 19 Uhr: Köln – Buchsalon Ehrenfeld, Wahlenstr. 11 (im Vorprogramm des CSD)
Samstag, 4. Juli, 17 Uhr: Bonn-Bad Godesberg – Parkbuchhandlung, Am Michaelshof 46
Mittwoch, 8. Juli, 19.30 Uhr: Aachen – Buchhandlung Worthaus, Gregorstr. 2
Donnerstag, 9. Juli, 19.30 Uhr: Essen – Buchhandlung Proust, Am Handelshof 1
Donnerstag, 27. August, 19 Uhr: Münster – KCM Verein für queeres Leben, Am Hawerkamp 31
Sonntag, 6. September, 16 Uhr: Falkensee – Regenbogen Cafe, Bahnhofstr. 89
Montag, 7. September, 19 Uhr: Potsdam – Stadtbibibliothek, Am Kanal 47

Überzeugter Pazifist

Persönliches Lebensthema ist der überzeugte Pazifismus. Der Nato-Doppelbeschluss spornt ihn an. Sein von ihm initiierter Aufruf „Pädagogen gegen Rüstungswahnsinn“ wird von 14.000 Personen unterzeichnet. Weitere Initiative, Kongresse und Bücher folgen. Dabei lernt er auch die großen Entspannungspolitiker der SPD Egon Bahr und Willy Brandt kennen. Dem Bundesamt für Verfassungsschutz ist die Friedensbewegung ein Dorn im Auge und diffamiert sie als „kommunistische Friedensaktivitäten.“ Der Pazifismus wird ihn nie loslassen. Selbstverständlich besucht er weiterhin von Zeit zu Zeit Schwulenbars und -saunen für guten Sex, doch eine Liebe will sich nicht so Recht ergeben.

Auf Detlef wird er im Schwulen-Block auf der Demonstration zum 1. Mai aufmerksam. Aber die Wege trennen sich. Seine Verbeamtung und damit seine Lehrerstelle hängt er an den Nagel.

Ein schwules Leben in den 1980ern und 1990er Jahren ist stets auch konfrontiert mit Aids. Auch viele enge Freunde von ihm sterben. Zum Glück setzt sich dank der CDU-Gesundheitsministerin Rita Süssmuth ein weltweit beachteter liberaler Präventionsansatz durch.

In Israel und Palästina sucht er Menschen, „die sich für Verständigung und Frieden einsetzen“. Er wird fündig und publiziert dazu ein weiteres Buch. 1992 nimmt er eine Stelle im Anne-Frank-Haus in Amsterdam an. Er engagiert sich hier für Demokratie und Freiheit, und er wird eher aus pragmatischen Gründen niederländischer Staatsbürger. Er lernt den bildhübschen Alberto kennen, grundsaniert mit ihm ein Haus in Amsterdam. Schöne Jahre, doch auch diese Wege trennen sich. Alberto zieht es weiter.

1997 erhält er den Jugendliteraturpreis von Namibia und reist auf Einladung des Goethe-Instituts nach dem Ende der Apartheid auch nach Südafrika und lernt dort erstmals den Friedennobelpreisträger Bischof Desmond Tutu kennen – ein Kontakt, der nicht abreißen sollte. In der Amsterdamer „Thermos Sauna“ passiert es dann endlich: Mit Perry läuft ihm der „Mann fürs Leben“ über den Weg, und mit dem Preisgeld des Gustav-Heinemann-Friedenspreises für den weiteren Jugendroman „Township Blues“ haben sie das Startkapital, um in einem Township in der Nähe von Kapstadt ein Projekt für HIV-positive Kinder zu gründen. An der Eröffnungsfeier des 2002 gegründetem Projekt HOKISA nimmt wieder Erzbischof Tutu teil, der später auch ein Vorwort zu einem seiner Bücher schreiben wird. HOKISA wird sein großes Projekt und Südafrika wird seine Heimat, die er jedoch für Lesereisen verlässt.

2023 gelingt ihm der Coup. Nach beharrlichem Engagement entscheidet die neue Bundestagspräsidentin Bärbel Bas von der SPD, dass bei der Gedenkstunde im Bundestag zum Holocaustgedenktag, dem 27. Januar, erstmals an die queeren Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird. Es ist eine hochbeachtete und würdevolle Gedenkstunde mit vielen prominenten Redner*innen, die er maßgeblich initiiert hat.

Mehr als 50 Bücher, zahlreiche Auszeichnungen und Preise. Dieser unprätentiös geschriebene autobiografische Roman ohne Eitelkeit versetzt in Staunen, was zu bewegen ist, wenn Mensch will. Lutz stieß an und veränderte, gerade weil er in seiner zutiefst freundlichen Art immer auch beharrlich ist.

Nicht nur das Buch sei empfohlen, sondern ebenso ein Besuch seiner Lesungen. Wer ihn erlebt hat, kommt wieder. Dazu gibt es nicht mehr viele Gelegenheiten. Es ist zu hoffen, dass Lutz trotz fortschreitender Parkinson-Erkrankung nicht nur die Lesereise absolviert, sondern mit seinem Mann Perry und seinen Wahlverwandten noch eine glückliche Zeit verbringt und am Ende so selbstbestimmt, wie er es sich wünscht, aus dem Leben scheiden kann.

Infos zum Buch
Lutz van Dijk: Die weite Welt. New York bis Kapstadt. Roman. 336 Seiten. Querverlag. Berlin 2026. Taschenbuch: 20 € (ISBN 978-3-89656-365-1). E-Book: 12,99 €