Alle Fotos von Tabea Guenzler Photography (@tabeaguenzlerphotography)  www.tabeaguenzler.com – siehe https://www.stuttgart-pride.de/2026/05/18/idahobita-2026/

Am 17. Mai, dem Internationalen Protesttag gegen Queerfeindlichkeit, hatten unter Federführung der IG CSD Stuttgart e.V. verschiedene queere Vereine und ihre Unterstützer*innen gemeinsam gegen die zunehmende Gewalt und Hetze gegen queere Menschen und den Rechtsruck von Politik und Gesellschaft hier in Deutschland eine Protestkundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz vor dem Ehrenhof durchgeführt. Die Rock- und Pop-Sängerin Steffi List hat mit ihrer kraftvollen Musik, klaren Haltung und sozialem Engagement für eine gute Stimmung gesorgt.

Einer der Redebeiträge widmet sich der Frage „Warum wir am IDAHOBITA* an Fritz Bauer erinnern – und warum wir weiter für seine angemessene Ehrung in Stuttgart eintreten“. Wir dokumenten hier diese Rede von Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.:

Warum wir am IDAHOBITA* an Fritz Bauer erinnern und weiterhin für seine angemessene Ehrung eintreten?

Diese Frage habe ich bereits 2024 gestellt – und sie ist heute aktueller denn je. Denn noch immer ist es notwendig, Diskriminierung sichtbar zu machen – insbesondere für Menschen, die mehrfach betroffen sind. Dazu gehören auch queere Geflüchtete, ganz egal, ob sie aus dem Iran, aus Russland oder einem anderen Land kommen. Niemand flieht freiwillig. Niemand verlässt freiwillig seine Heimat, seine Familie, sein vertrautes Leben.

Ein Blick in unsere eigene Geschichte zeigt, wie nah uns dieses Thema ist: Zwischen 1933 und 1945 mussten zahlreiche queere Menschen fliehen, verfolgt von der NS-Diktatur. Sie verloren ihre Heimat, ihre Sicherheit und oft auch ihre Angehörigen. Umso wichtiger war es, dass sie im Ausland Schutz und Unterstützung fanden.

Einer von ihnen war Fritz Bauer. 1903 in Stuttgart geboren, wurde er 1933 als Mensch mit jüdischer Herkunft und als Sozialdemokrat verhaftet und in ein Konzentrationslager verschleppt. Ende 1935 gelang ihm die Flucht nach Kopenhagen. Doch auch dort war er nicht sicher.
Die dänische Polizei führte über ihn eine Akte mit insgesamt 31 Einträgen. Darin wurde er als „bis dato unbekannter Ausländer“ beschrieben, der nicht nur sogenannte einschlägige Lokale besucht habe, sondern auch dabei beobachtet wurde, dass er in seiner Wohnung sexuellen Kontakt mit einem Mann gehabt haben soll. „Von der Straße aus konnte man beobachten, dass der Deutsche sich ausgezogen hat, ohne sich einen Pyjama anzuziehen“: Der dänische Polizist, der diesen Satz in seinen Bericht schreibt, beobachtet Fritz Bauers Fenster noch nachts um 2.30 Uhr.
Im Verhör bestritt Bauer diese Beobachtungen nicht. Die Polizei konfrontierte ihn zudem mit dem Vorwurf, er könne in verbotene schwule Prostitution verwickelt sein. Denn in Dänemark war bezahlter Sex zwischen erwachsenen Männern auch strafbar. Besonders entwürdigend war, dass diese Informationen an das sozialdemokratische Unterstützungskomitee weitergegeben wurden. Zwischen 1938 und 1940 wurde er immer wieder verhört.´Er musste mehrfach versichern, keine homosexuellen Kontakte mehr zu pflegen. Denn die Drohung war klar: Abschiebung nach Nazideutschland.

Als Bauer 1949 nach Deutschland zurückkehrte, war die Gefahr staatlicher Verfolgung keineswegs vorbei. Der §175 in der verschärften NS-Fassung blieb bestehen – bis zu Bauers Tod im Jahr 1968. Es ist anzunehmen, dass Bauer weitgehend abstinent lebte, wie so viele schwule Männer in dieser Zeit. Wenn sie das nicht geschafft haben, mussten sie ständig damit rechnen, von der Polizei oder Nachbarn entdeckt zu werden.
Auch in der Bundesrepublik wurden Tausende Männer weiterhin verfolgt, verurteilt und ihrer Würde sowie ihrer Freiheit beraubt – oft mit lebenslangen seelischen Folgen. Viele zerbrachen daran. Manche nahmen sich das Leben, andere gerieten in Alkohol- oder Medikamentenabhängigkeit. Wenn die Umstände des frühen Todes von Fritz Bauer bis heute ungeklärt sind – warum wurde dann bislang so selten die Frage nach den Folgen von Verfolgung, Druck und Ausgrenzung für seinen frühen Tod gestellt?“
Besonders bedrückend ist dabei der Blick nach Baden-Württemberg: das Bundesland war ein Zentrum der §175-Verfolgung. Noch 1959 entfiel etwa jede dritte §175-Verurteilung auf dieses Bundesland [exakt waren es 696 §175-Verurteilungen in Baden-Württemberg von bundesweit 2395 §175-Verurteilungen.]
Selbst KZ-Überlebende wurden auch hier in Stuttgart erneut wegen ihrer Homosexualität verurteilt – ein erschütterndes Zeichen für die Kontinuität des Unrechts.

Fritz Bauer ist vielen bekannt als Initiator der Frankfurter Auschwitzprozesse – als unermüdlicher Kämpfer für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Doch noch viel zu wenig bekannt ist: Er war auch ein früher und mutiger Gegner des §175. Bereits 1952 versuchte er, dessen Verfassungsmäßigkeit prüfen zu lassen. 1963 gab er den Sammelband „Sexualität und Verbrechen“ mit heraus und stieß damit eine breite Debatte an. Sich in den 1950er Jahren als hoher Staatsbeamter so zu positionieren, war ein Tabubruch
– und ein Akt großer Zivilcourage.

Doch an Fritz Bauer zu erinnern, heißt auch, die Gegenwart kritisch zu betrachten. Im November 2023 war die Empörung zu Recht groß über Treffen von rechtspopulistischen und neonazistischen Politikern in Potsdam. Dort wurde ein Plan diskutiert, der unter dem Begriff „Remigration“ die Vertreibung von Millionen Menschen, auch deutscher Staatsbürger mit Migrationshintergrund, vorsieht. Weniger Beachtung findet jedoch: Dieselben rechtspopulistischen bis neofaschistischen Kräfte greifen auch die an, die sie zwar als „deutsch“ definieren – ihnen aber mehr oder weniger vorwerfen, zu wenige Kinder in die Welt zu setzen. Das zeigt: Rassismus ist – 1933 wie heute – eng verknüpft mit der Bekämpfung von Homosexualität und Schwangerschaftsabbruch. Diese Ideologien richten sich gegen eine offene, vielfältige, geschlechtergerechte Gesellschaft – und genau deshalb ist die Erinnerung an Fritz Bauer so wichtig.

Denn gleichzeitig beobachten wir: Rechtspopulistische und neofaschistische Kräfte werden stärker und aggressiver. Bereits 2019 zitierte die Neue Zürcher Zeitung den Gründer der homo- und transfeindlichen Plattform CitizenGo, den spanischen Anwalt Arsuaga, mit den Worten: „Seit den sechziger Jahren haben unsere Feinde viele Schlachten gewonnen. Doch in den letzten Jahren haben wir den Spieß umgedreht, und am Ende werden wir diesen Krieg gewinnen (…) Um den Prozess zu beschleunigen, müssen wir uns weltweit besser vernetzen und aggressiver werden. (…) Wir müssen die liberalen Politiker das Fürchten lehren!“
(Quelle: 
https://www.nzz.ch/international/italien-salvini-erweist-christlichen-fundamentalisten-die-ehre-ld.1471486)

Diese Worte zeigen deutlich, mit welcher Strategie und Entschlossenheit hier weltweit und gut organisiert vorgegangen wird. Und deshalb gilt: Es liegt in der Verantwortung von jedem Einzelnen von uns, dass es soweit nicht kommt. Es ist unsere Verantwortung, dass wir aus 1933 die richtigen Lehren ziehen und uns heute nicht auseinanderdividieren lassen. Die Hauptgegner sind diese rechtspopulistische bis neofaschistische Kräfte, die uns den Krieg erklärt haben und jene, die sie im Hintergrund finanzieren. Wo der Hauptgegner steht, dürfen wir bei all unseren Meinungsdifferenzen und Schwierigkeiten im Umgang miteinander nicht aus dem Blick verlieren, NIE UND NIMMER!

Gerade deshalb ist es so wichtig, dass Stuttgart Fritz Bauer endlich angemessen ehrt – als couragierten Juristen, als demokratisches und moralisches Vorbild und als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht.

Genau das haben wir als AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ gemeinsam mit dem IG CSD Stuttgart, dem LSVD+ Baden-Württemberg und dem gesamten Verein Weissenburg e. V. mit unserer Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ vom Gemeinderat der Stadt Stuttgart gefordert. Dafür treten wir auch weiterhin ein.

Eine solche Ehrung wäre weit mehr als Symbolik. Sie wäre ein klares Bekenntnis zu Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Zivilcourage – und ein deutliches Zeichen gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit. Denn: Erinnerung ist kein bloßer Rückblick – Erinnerung ist ein Auftrag für die Zukunft. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte unter Druck geraten, brauchen wir solche klaren Zeichen mehr denn je.

Deshalb: Schluss mit dem Zögern. Es ist Zeit für ein klares Zeichen des Stuttgarter Gemeinderats –
gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit: durch eine endlich angemessene Ehrung von Fritz Bauer in Stuttgart. Deshalb gilt – wie schon beim Kampf um den Erhalt des Gestapogebäudes Hotel Silber:
Hartnäckig dranbleiben. Überzeugen. Verbündete gewinnen.

Oder, um es mit Bob Marley zu sagen:
„Get up, stand up – stand up for your rights.
Get up, stand up – don’t give up the fight.“