30 Jahre Weissenburg – ein Ort für Vielfalt, Zusammenhalt und Zukunft
Im Gespräch: Schatzmeister Stefan Willbold über die Jahre seit 2008 und die Visionen für die Zukunft
„Die Weissenburg“ ist das queere Kommunikations- und Beratungszentrum in der Weißenburgstraße 28a im Stuttgarter Süden. Es wird von dem gleichnamigen Verein als Treffpunkt, Anlaufstelle und Veranstaltungsort für Personen betrieben, die „nicht cisgeschlechtlich[1] und/oder heterosexuell sind und/oder dem Poly-Spektrum[2] und/oder der Leder-/Fetischszene angehören, insbesondere lesbische, schwule, bisexuelle, trans, inter[3], queere und asexuelle/aromantische Menschen sowie Menschen, die sich noch unsicher sind oder für sich keine oder eine andere Selbstbezeichnung wählen (kurz: LSBTIQA+)“[4].
Was als mutiges Projekt in einer Zeit begann, in der Sichtbarkeit noch mühsam erkämpft werden musste, hat sich heute zu einem lebendigen Netzwerk entwickelt. In ihm engagieren sich Menschen und derzeit 28 Gruppen leidenschaftlich in den unterschiedlichsten Bereichen für die (Selbst-)Akzeptanz sexueller sowie geschlechtlicher Vielfalt. Das Herzstück bildet dabei das selbstverwaltete Café der Weissenburg. Hier entstehen Gespräche und Freundschaften, werden Spieleabende verbracht und Vielfalt ganz selbstverständlich gelebt. Über die queere Community hinaus wirkt das Zentrum als wichtiger Motor für ein offenes Stadtklima, indem es durch zahlreiche Aktivitäten Vorurteile abbaut.

Weissenburg bei Stuttgart Pride: die offenen Jugendgruppen (14 bis 27 Jahren: Gender*nauts, LUNA und Königskinder) sowie die offenen Gruppen und Treffs ab 21 Jahre (Legenderies, Regenbogenritter, Silverluna, Sonntagstreff sowie Treffpunkt für alle LSBTIQA+ Menschen) sind mit dabei!
Stefan, wenn Du an deine Anfänge als Schatzmeister zurückdenkst: Wie hat sich deine Rolle über die Jahre gewandelt?
Damals habe ich die Buchhaltung in der Regel donnerstags in zwei Stunden erledigt. Acht Jahre später kam die Personalverwaltung dazu. Heute arbeiten auf gut sechs Vollzeitstellen verteilt zehn hauptamtliche Mitarbeitende in den verschiedenen Arbeitsfeldern. Da in der Weissenburg die räumlichen Voraussetzungen für die Beratungsarbeit nicht gegeben sind, mussten wir neue Räume dafür finden. Inzwischen arbeiten wir an drei Standorten. Deren Verwaltung sowie die Betreuung der unterschiedlichen Projekte ist rein ehrenamtlich nicht mehr zu stemmen.
Kannst Du uns ein Beispiel für eines dieser Projekte nennen?
Im Projekt „Regenbogen.Bildung.Stuttgart“ führen in Zusammenarbeit mit dem FETZ (Frauenberatungs- und Therapiezentrum Stuttgart) zwei Mitarbeitende zusammen mit Peers – also Expert:innen aus eigener Erfahrung – Workshops zu geschlechtlicher und sexueller Vielfalt an Schulen durch. Das ist mitunter sehr herausfordernd. Es zeigt sich deutlich, dass es an vielen Schulen nach wie vor große Vorurteile zu überwinden gilt und ein hoher Mehrbedarf besteht.
Welcher Moment hat Dich am meisten herausgefordert und welcher hat Dich am lautesten lachen lassen?
Als Person mit finanzieller Verantwortung ist die Sorge groß, wenn die Einkünfte weniger werden, aber die Ausgaben bleiben. Das macht mich dann unruhig und kostet mich auch mal eine schlaflose Nacht.
Am traurigsten war der Augenblick, als mir die Polizei die Nachricht von Joachim Steins Tod übermittelt hat. Er war von Anfang an Wegbereiter und Manager der Weissenburg. Als die traurige Nachricht eintraf, hatte die Feier zum 27. Geburtstag des Vereins bereits begonnen. Wir Vorstände besprachen uns kurz vor der Tür des Cafés und entschieden, Joachims Ableben bekannt zu geben. Tränen flossen, doch die Gäste blieben und ich denke, es gab sehr viele intensive Gespräche, in denen an Joachim und die Begegnungen mit ihm erinnert wurde. Sein Lachen bleibt allen, die ihn kannten in Erinnerung. Es war oft und laut im Café zu hören. Mein Lachen dagegen ist weniger laut und eher zurückhaltend. Freude an der Vereinsarbeit empfinde ich immer wieder neu, zum Beispiel darüber, dass durch die Fusion mit der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart ein wichtiger Generationswechsel gelang. Ich freue mich sehr darüber, wie viele Personen sich im ehrenamtlich betriebenen Café engagieren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass eine Handvoll engagierter junger Leute das Café in Eigenregie renoviert. Das ist großartig und macht mich glücklich.

Beim 30-jährigen Jubiläum der Weissenburg dankte Julia (rechts) von der russischsprachigen queeren Gruppe RussQueer dem ebenfalls russischsprachigen geschäftsführenden Vorstandsmitglied Sven Tröndle (links) stellvertretend für das gesamte Team der Weissenburg für die Unterstützung queerer Geflüchteter: „Für mich ist es gefährlich, nach Russland zurückzukehren. Aber hier in der Weissenburg habe ich eine Familie gefunden, die mir am Herzen liegt.“
Wenn wir nach vorne blicken: Was ist dein wichtigster Wunsch für die nächsten 30 Jahre der Weissenburg?
Ich wünsche mir, dass unser Verein mit seinen Einrichtungen und Angeboten weiterhin Bestand hat und sich weiterentwickelt. Nach wie vor leben queere Personen aus Angst vor Übergriffen versteckt, suchen Orte, an denen sie sie selbst sein können. So einen Ort zu bieten, sehe ich als unsere wichtigste Aufgabe.
Meine Zukunftsvision ist weiterhin das Regenbogenhaus Stuttgart. Bereits vor ca. zehn Jahren war mit anderen Akteuren der queeren Community die Idee entstanden, einen Ort zu finden, an dem Büros, Café, Räume für Workshops, Meetings, Chorproben, Tanzkurse, etc. zusammengeführt werden können. Daraus entwickelte sich über Jahre das Projekt Regenbogenhaus Stuttgart, das seit 2020 mit finanziellen Mitteln der Stadt befördert wurde. Leider ist es bislang nicht gelungen, einen geeigneten Ort zu finden. Unterstützt wird derzeit noch das virtuelle Regenbogenhaus, eine Homepage – siehe https://regenbogenhaus-stuttgart.de/. Sollte es uns gelingen, in den nächsten Jahren ausreichend Geldmittel für die Gründung einer queeren Stiftung zu sammeln – etwa fünf Millionen – so wäre dies ein wichtiger Schritt, den Betrieb einer eigenen Einrichtung abzusichern. Dies würde uns unabhängiger von Fördermitteln machen und unsere Arbeit nachhaltig auch für künftige Generationen sichern.

Queere Erinnerungskultur ist ein wichtiger Bestandteil der Arbeit des Weissenburg e.V.. Dafür sei das Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org, die Beteiligung am Kampf für den Erhalt des ehemaligen Gestapogebäudes Hotel Silber und an der darin eingerichteten Dauerausstellung oder zahlreiche Veranstaltungen genannt – wie hier im Foto vom Landtag am Gedenktag für die NS-Opfer im Januar 2025.
Das Interview führte Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.
[1] Cisgeschlechtlich ist das Gegenteil von Trans und bedeutet, dass die eigene Geschlechtsidentität mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.
[2] Poly-Spektrum ist die Vielfalt einvernehmlicher, nicht-monogamer Beziehungsmodelle.
[3] Inter ist ein Sammelbegriff für Menschen, deren körperliche Geschlechtsmerkmale nicht der medizinischen oder gesellschaftlichen Norm von eindeutig männlich oder weiblich entsprechen.
[4] Aus der Satzung des Weissenburg e.V.