30 Jahre Weissenburg: ein Fest der Menschen und ihre Geschichten – für Sichtbarkeit, Würde und Zukunft!
Am 26. September 2026 war es endlich soweit: der geschäftsführende Vorstand der Weissenburg hatte Freund*innen, Begleiter*innen, Unterstützer*innen und alle, die sich der Weissenburg verbunden fühlen zur 30-Jahres-Feier ins Wizemann eingeladen. Drei Jahrzehnte Weissenburg e.V. – das sind keine bloßen Zahlen, sondern 30 Jahre Sichtbarkeit, und unzählige Geschichten. Besonders deutlich wurde das an diesem Abend durch die sieben Mitglieder des geschäftsführenden Vorstands: Stefan Willbold, Sven Tröndle, Sylvan Pfeiffer, Alexander Jäschke, Gleb Shafigullin, Scarlett Kössl und Max Hanselmann. Sie erzählten, wie und wann sie zur Weissenburg gefunden haben und was sie bis heute dazu motiviert, sich für die Weissenburg einzusetzen. “Ich bin 26 – und Weissenburg ist 30. Wie crazy ist das?“ – mit diesen Worten begann Gleb Shafigullin seine Rede, die wir hier beispielhaft veröffentlichen. „Was hier in und mit der Weissenburg geleistet wurde, wird erst durch eine größere historische Einordnung deutlich”, so Ralf Bogen von unserer AG Queere Erinnerungskultur an diesen Abend. Er gewährte Einblicke, was der Weissenburg vorausging und was konkret vor 30 Jahren in Stuttgart passierte. Auch seine Rede veröffentlichen wir.
Ein besonderer Dank gilt der Initiative für die würdevolle Beerdigung von Rainer Nitschke: Passend zum 30-jährigen Geburtstag der Weissenburg erhielt sie aus dem Überschuss der Crowdfunding-Aktion eine Spende in Höhe von 2.200 Euro für ihr nachhaltiges Engagement für queere Menschen (siehe Beiträge hierzu beim Online-Magazin EchtStuttgart).
„Auf 30 Jahre Weissenburg, auf alle Menschen, die diesen Ort aufgebaut und geprägt haben, und vor allem auf die nächsten 30 Jahre!“ – aus Gleb Shafigullins Rede:

30 Jahre Weissenburg – das ist wirklich etwas Besonderes. Und ich freue mich sehr, heute hier zu sein und diesen Geburtstag mit euch zu feiern.
Für mich persönlich ist Weissenburg in den letzten Jahren zu einem sehr wichtigen Teil meines Lebens geworden. Ich bin jetzt seit fast zwei Jahren im Vorstand und ich bin sehr dankbar, dass ich die Möglichkeit habe, diese Organisation mitzugestalten und ein Teil dieser Community zu sein.
Wenn ich an Weissenburg denke, denke ich aber nicht nur an einen Verein oder an ein Gebäude. Ich denke vor allem an die Menschen, die diesen Ort zu dem machen, was er ist. An die vielen Menschen, die hier Gruppen gegründet haben, Veranstaltungen organisiert haben, Beratung gemacht haben, sich politisch engagiert haben, neue Menschen aufgenommen haben oder einfach dafür gesorgt haben, dass sich jemand hier zum ersten Mal wirklich willkommen und zu Hause gefühlt hat, so wie ich bei RussQueer.
Und genau das finde ich an 30 Jahren Weissenburg so beeindruckend: Wir feiern heute nicht nur eine Zahl. Wir feiern 30 Jahre Community, Solidarität, Engagement und ganz viele Menschen, die ihre Zeit und ihre Energie in diesen Ort gesteckt haben.
Gleichzeitig möchte ich ehrlich sein: Wenn ich heute an die Zukunft denke, habe ich neben der Freude auch ein bisschen Sorge. Wir sehen, dass die finanziellen Rahmenbedingungen schwieriger werden und dass es nicht selbstverständlich ist, dass eine starke queere Infrastruktur einfach für immer bestehen bleibt.
Aber ich glaube, dass wir heute keinen Grund haben, pessimistisch zu sein. Im Gegenteil. 30 Jahre Weissenburg sind für mich vor allem ein Beweis dafür, was möglich ist, wenn Menschen zusammenkommen und gemeinsam etwas aufbauen. Und deshalb möchte ich heute gar nicht so sehr darüber sprechen, was in den nächsten Jahren alles schwierig werden könnte. Ich möchte lieber darüber sprechen, was wir gemeinsam daraus machen können.
Ich wünsche mir, dass Weissenburg auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen, Unterstützung finden, diskutieren, feiern, manchmal auch streiten – und am Ende trotzdem gemeinsam weitermachen.
Und deshalb möchte ich heute nicht nur auf die letzten 30 Jahre zurückblicken, sondern auch nach vorne schauen.
Ich wünsche mir, dass Weissenburg auch in Zukunft ein Ort bleibt, an dem Menschen zusammenkommen, sich kennenlernen, Unterstützung finden, diskutieren, feiern und gemeinsam etwas bewegen können.
Und ich hoffe sehr, dass wir uns in 30 Jahren wieder treffen – ich dann mit ein paar grauen Haaren mehr, aber hoffentlich immer noch genauso viel Freude und Begeisterung für Weissenburg und unsere Community. Und dass wir dann gemeinsam 60 Jahre Weissenburg feiern können.
Also – auf 30 Jahre Weissenburg, auf alle Menschen, die diesen Ort aufgebaut und geprägt haben, und vor allem auf die nächsten 30 Jahre! Auf Weissenburg!
„Was hier in und mit der Weissenburg geleistet wurde, wird erst durch eine größere historische Einordnung deutlich.“ – aus der Rede von Ralf Bogen:

Liebe Gäste, liebe Freund:innen, liebe Community!
Heute feiern wir 30 Jahre Weissenburg – 30 Jahre Sichtbarkeit, 30 Jahre Liebe in all ihren Farben.
Eine Erfolgsgeschichte, die nicht selbstverständlich ist.
Ich bin Ralf Bogen und engagiere mich seit vielen Jahren in der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ – einer Arbeitsgruppe des Weissenburg e. V. Schon vor 30 Jahren war ich damals dabei und habe miterlebt, wie aus kleinen Anfängen eine lebendige und vor allem vielfältige Community wurde. Die heutige Feier ist daher auch ein schöner Anlass, zusammen zurückzublicken: auf die Kämpfe, die Erfolge und vor allem auf die Menschen, die diese 30-jährige Geschichte überhaupt erst möglich gemacht haben. Denn die Gründung der Weissenburg war kein Selbstläufer. Was hier geleistet wurde, wird erst
durch eine größere historische Einordnung deutlich.
Nach dem Ende des Hitlerfaschismus blieben queere Leben viele Jahre unsichtbar – nicht nur in der offiziellen Erinnerungskultur der Stadt Stuttgart, sondern auch in Familien und Institutionen. In Stuttgart war die Unterdrückung besonders brutal: Noch in den 1950er Jahren rühmte sich die städtische Kriminalpolizei, der „Schrecken der Homosexuellen“ zu sein. Jede dritte Verurteilung nach §175 in ganz Deutschland erfolgte 1959 in Baden-Württemberg.
Solange der §175 galt, waren queere Vereine nicht gemeinnützig und erhielten keine Förderung. So schrieb das Stuttgarter Stadtmagazin Ketchup noch 1988: „Zwar ist die Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart als eingetragener Verein anerkannt, doch die Gemeinnützigkeit wollte das Stuttgarter Finanzamt nicht erkennen, ‚da die Mehrheit des deutschen Volkes der Homosexualität immer noch ablehnend gegenübersteht.‘“
Doch trotz dieser Hindernisse kämpften Menschen weiter.
1991 öffnete das SchwuLZ in Stuttgart – das erste Zentrum für schwule Männer in der Stadt. Damals gab es noch kaum gemischte Kommunikationstreffpunkte zwischen schwulen Männern, lesbischen Frauen und weiteren queeren Personengruppen. Das SchwuLZ wurde von einem Bündnis aus Aids-Hilfe Stuttgart, der Initiativgruppe Homosexualität Stuttgart, Homosexuelle und Kirche, dem Lederclub Stuttgart und der Rosa Zwiebel Esslingen getragen, dass sich Verein für sexuelle Emanzipation damals nannte. Die IG CSD Stuttgart gab es damals noch nicht. Das SchwuLZ hatte kein eigenes Schild an der Tür und agierte nur als Untermieter im Liberalen Zentrum. Es hatte nur an drei Tagen pro Woche geöffnet und erhielt keinerlei städtische Unterstützung.
Vor 30 Jahren überschattete AIDS alles andere. In Stuttgart erfuhr nahezu jede Woche ein schwuler Mann, dass er HIV-positiv ist. Monat für Monat erkrankten oder starben Freunde an den Folgen der Immunschwäche. Auch für den am 5. Februar 1995 neu gegründeten Verein zur Gleichstellung von Lesben und Schwulen stand die HIV-Präventionsarbeit an erster Stelle. So betonte Joachim Stein 1995 in einem Interview im RAINBOW, der Zeitschrift der Aids-Hilfe Stuttgart: „Für HIV-Prävention ist ein Zugang zu öffentlichen Mitteln – da bisher unheilbare Krankheit – noch am leichtesten zu schaffen. Nach dem von der DAH geteilten Ansatz der strukturellen Prävention sind Angebote im Bereich Coming Out, Beratung, Jugendarbeit, Emanzipationsarbeit wichtige Voraussetzungen für eine effektive Präventionsarbeit. Anliegen der schwulen Emanzipationsgruppen ist es, möglichst viele Leute vor einer HIV-Infektion zu bewahren und wo dies nicht mehr möglich ist,Voraussetzungen zu schaffen, dass HIV-Positive (…) so offen und so gut wie möglich in der Szene leben können.“
Dass die ersten Schillerplatz-Hocketsen unter der Federführung der Aids-Hilfe stattfanden, war daher kein Zufall. Der Hocketse-Erlös von 22.599 DM ging 1995 zur Hälfte an den neuen Verein Gleichstellung von Lesben und Schwulen, der später in Weissenburg e.V. umbenannt wurde. In der Krise entstand Zusammenhalt. Und aus der Not heraus wurden Strukturen geschaffen, die bis heute – etwa durch die Repräsentanz der Aids-Hilfe Stuttgart im Gesamtvorstand der Weissenburg – in veränderter Form weiterwirken.
1996 öffnete das neue Zentrum Weissenburg in gleichnamiger Straße – sichtbar von außen, mit eigenem Schild. Das war ein großer Meilenstein für die Sichtbarkeit der queeren Community in Stuttgart. Außer schwulen Männern entwickelte sich der Ort zunehmend zu einem Zuhause für weitere queere Personengruppen: lesbische Frauen, trans*, inter und nichtbinäre Menschen, queere und asexuell Personen. Die Weissenburg trug dazu bei, dass Menschen des Poly-Spektrums – also Menschen, die einvernehmliche, nicht-monogame Beziehungsmodelle leben – sowie Menschen der Leder- und Fetischszene heute selbstbewusster geworden sind.
Die in der Weissenburg seit 1996 über Jahrzehnte gewachsene Vielfalt wurde im April 2024 auch namentlich besiegelt: Als „Weissenburg – Zentrum LSBTIQA+“ bildet das Haus heute das gesamte Spektrum der Regenbogen-Community ab.
Unser herzlicher Dank gilt allen, die diese Erfolgsgeschichte möglich gemacht haben!
Insbesondere ihr Vorstände habt unter schwierigsten Bedingungen – mit wenig Fördermitteln, unterschiedlichen Interessen und immer wieder neuen Meinungsdifferenzen – sichtbare Strukturen geschaffen. Ihr habt Brücken gebaut, wo andere nur Gräben sahen, und bewiesen: Wandel ist nicht nur möglich, sondern gelungen. Ihr habt die Zusammenarbeit zwischen jung und alt erfolgreich gestärkt – das ist eine große Stärke eurer Arbeit.Ob beim schmerzhaften Verlust des langjährigen Aktivisten Joachim Stein oder beim Meistern des durch die Fusion mit der Initiativegruppe Homosexualität Stuttgart geprägten Generationswechsels – das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist Kunst. Und heute, wo queerfeindliche und rassistische Kräfte wieder erstarken, ist eure Arbeit wichtiger denn je. Dass ihr es schafft, die vielfältigen Interessen innerhalb der Weissenburg zu koordinieren, auszubalancieren und euch von Kritik und Fehlern nicht unterkriegen lasst, sondern weiter am Ball bleibt, ist stark. Dafür sagen wir euch allen herzlichen Dank. Und dafür widmen wir euch jetzt einen besonderen Applaus – er gilt einzig und allein euch!
Ein wichtiger Bestandteil der 30-jährigen Geschichte der Weissenburg ist seit vielen Jahren auch die Queere Erinnerungskultur. Dazu gehört unser Internetprojekt Der-Liebe-wegen.org mit über 250 Biografien homosexueller NS-Opfer aus der Region, für das wir 2018 den ersten Preis für Heimatforschung Baden-Württemberg erhalten haben. Und jetzt blicken wir nach vorn:
Im Januar 2027 jährt sich die Veröffentlichung unserer Webseite zum zehnten Mal. In dieser Zeit konnten wir in unserer Stadt viele Erfolge im Kampf um Sichtbarkeit und Würde erreichen: Dafür steht zum Beispiel die Dauerausstellung im ehemaligen Gestapogebäude Hotel Silber, die Gedenkstele zum NS-Terror der ehemaligen Kripoleitstelle im Hospitalviertel, die auf unsere Initiative hin heute auch an NS-Opfer aus sexuellen Minderheiten erinnert oder die aktuell geplante angemessene Würdigung von Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht – in unserer Stadt.
Mit Auftritten der Chöre Musica Lesbiana und Rosa Note, Überraschungen und einer gemeinsamen Feier mit Euch wollen wir das gebührend würdigen.
Save the Date: 23. Januar 2027 in der Weissenburg – 10 Jahre „Der-Liebe-wegen“! Für Sichtbarkeit, Würde und Zukunft.
Danke an alle, die mit uns diesen Weg gehen – und danke an euch, dass ihr heute hier seid!

Die Gründergeneration vor 30 Jahren :-)!




