Abbildung: Fassade des Amsterdamer STRAAT-Museums für Street Art und Graffiti mit einem großen, aus dem Konterfei Anne Franks und einem Zitat aus ihrem Tagebuch in englischer Übersetzung („Let me be myself“– „Lasst mich ich selbst sein“) bestehenden Graffito. Foto: privat.

Anne Frank, eines der bekanntesten Opfer des Holocaust, könnte heute ein wichtiges Vorbild für queere Jugendliche sein. Ihre weniger bekannte, aber in der ursprünglichen Fassung ihres Tagebuchs erkennbare Queerness kann jungen Menschen auf ihrem oft schwierigen Weg zum Coming-out Mut machen.

Von Thomas Tews

Am Donnerstag, dem 6. Januar 1944, vertraute Anne Frank, die sich zu diesem Zeitpunkt bereits seit eineinhalb Jahren mit ihrer Familie im Hinterhaus der Prinsengracht 263 in Amsterdam versteckt hielt, ihrem Tagebuch bzw. ihrer fiktiven Freundin Kitty ihre Gefühle körperlicher Anziehung zum gleichen Geschlecht, etwa zu ihrer früheren Freundin Jacqueline van Maarsen, an:

„Manchmal bekomme ich abends im Bett ein schreckliches Bedürfnis, meine Brüste zu befühlen […]. Unbewusst habe ich solche Gefühle schon gehabt, bevor ich hierher kam, denn ich weiß, dass ich, als ich einmal abends bei Jacque schlief, mich nicht mehr halten konnte, so neugierig war ich auf ihren Körper, den sie immer vor mir versteckt gehalten hatte und den ich nie gesehen habe. Ich fragte Jacque, ob wir als Beweis unserer Freundschaft uns gegenseitig die Brüste befühlen sollten. Jacque lehnte ab. So war es auch, dass ich ein schreckliches Bedürfnis hatte, Jacque zu küssen, und dass ich es auch getan habe. Ich gerate jedes Mal in Ekstase, wenn ich eine nackte Frauengestalt sehe, so wie zum Beispiel in der Springerkunstgeschichte eine Venus. Ich finde es manchmal so wunderbar und schön, dass ich an mich halten muss, dass ich die Tränen nicht laufen lasse. Hätte ich nur eine Freundin!“[1]

Für eine Deutung dieser Tagebuchpassage als Ausdruck von Queerness lassen sich gewichtige Argumente anführen: Zum einen schreibt Anne Frank, dass sie solche Gefühle schon gehabt habe, bevor sie in das Versteck kam, und erzählt anschließend die Episode mit ihrer Freundin Jacque, die zum Zeitpunkt des Tagebucheintrages mindestens eineinhalb Jahre (so lange war Anne Frank bereits im Versteck) her sein muss. Anne Frank hatte solche Gefühle also über einen längeren Zeitraum. Zum anderen schreibt sie nicht nur von Interesse für das gleiche Geschlecht, welches auch für eine heterosexuelle Pubertierende nicht ungewöhnlich wäre, sondern von „Ekstase“.

Die zitierte, Anne Franks gleichgeschlechtliches Verlangen zum Ausdruck bringende Tagebuchpassage ist nur in der als ‚Version a‘ bezeichneten, von Anne Frank ohne Vorentwürfe direkt geschriebenen ersten Fassung ihres Tagebuches zu finden. In der von Anne Frank nach einem im Radio ausgestrahlten Aufruf des exilierten niederländischen Erziehungsministers, die Leiden des niederländischen Volkes während der deutschen Besatzung zur Veröffentlichung nach dem Krieg zu dokumentieren, teils umgeschriebenen und korrigierten, an einigen Stellen erweiterten und an anderen Stellen gekürzten ‚Version b‘ fehlt die genannte Passage im Tagebucheintrag vom 6. Januar 1944[2].

Auch in der von Anne Franks Vater Otto Frank nach Kriegsende aus der ursprünglichen ‚Version a‘ und der umgearbeiteten ‚Version b‘ zusammengestellten, auf einen von niederländischer Verlagsseite vorgegebenen Umfang gekürzten ‚Version c‘ ist die betreffende Passage nicht enthalten, da sie der niederländische Verleger Gilles Pieter de Neve zusammen mit Erwähnungen von Anne Franks Menstruation gestrichen hatte. 1947, als das Buch in den Niederlanden erschien, war es noch unüblich, ungezwungen über geschlechtliche und sexuelle Themen zu schreiben, insbesondere in Jugendbüchern. Otto Frank indes missfielen die für die niederländische Ausgabe vorgenommenen Streichungen der Stellen, welche „die Empfindlichkeiten der niederländischen Puritaner oder Katholiken verletzen könnten“[3], wie er es in einem Brief an die Übersetzerin einer geplanten englischen Ausgabe ausdrückte. In der Folge erschien die queere Passage in der 1952 in den USA und Großbritannien veröffentlichten englischen Ausgabe[4].

Als nach Otto Franks Tod die Autorin und Übersetzerin Mirjam Pressler im Auftrag des Anne Frank Fonds in Basel die Tagebuchversionen ‚a‘ und ‚b‘ zur wesentlich umfangreicher als die ‚Version c‘ ausfallenden, heute weltweit verbindlichen ‚Version d‘ zusammenführte, wurde der queere Teil des Tagebucheintrages vom 6. Januar 1944 aufgenommen. Allerdings wird seine Auffindung dadurch erschwert, dass aus dem in Anne Franks ursprünglicher Tagebuchversion ‚a‘ einzigen Eintrag vom 6. Januar 1944[5] zwei Einträge[6] gemacht wurden und die Beschreibung queerer Gefühle nur in einem der nun zwei Tagebucheinträge vom 6. Januar 1944 zu finden ist.

Angesichts der Tatsache, dass es sich bei Anne Frank vermutlich um das bekannteste Opfer des Holocaust handelt und vielen Aspekten ihres Lebens Aufmerksamkeit geschenkt wird, wundert sich die Historikerin Anna Hájková in ihrer 2019 an der Universität Rostock gehaltenen und anschließend in überarbeiteter und erweiterter Form unter dem Titel „Menschen ohne Geschichte sind Staub. Homophobie und Holocaust“ publizierten ‚Hirschfeld-Lecture‘ über „die beinahe vollständige Missachtung von Anne Franks Queerness in der wissenschaftlichen Literatur“[7].

Das Verschweigen von Anne Franks Queerness macht auch vor der Schulbildung nicht Halt. Vor knapp drei Jahren ordnete sogar ein Schulbezirk im Bundesstaat Florida in den Vereinigten Staaten von Amerika an, dass an seinen öffentlichen Schulen die von Ari Folman, einem israelischen Filmregisseur und Sohn polnischer Holocaustüberlebender, und David Polonsky, einem israelischen Comiczeichner, gestaltete Graphic Novel „Anne Frank’s Diary“ („Das Tagebuch der Anne Frank“) nicht mehr behandelt werden darf, weil sie eine Szene, in der Anne Frank vergeblich ihrer Freundin Jacque das gegenseitige Zeigen ihrer Brüste vorschlägt, sowie ein Bild, in dem Anne Frank beim Gang durch einen von klassizistischen Statuen nackter Frauen gesäumten Laubengang in einem Park in Verzückung gerät, enthält[8]. Das Buchverbot erfolgte auf eine Beschwerde durch die konservative Gruppe „Moms for Liberty“ („Mütter für die Freiheit“) und auf der Grundlage eines ein Jahr zuvor in Florida beschlossenen Gesetzes, das den Unterricht über sexuelle Orientierungen und Geschlechtsidentitäten einschränkt oder verbietet. Dies ist ein Paradebeispiel für die Doppelmoral mancher konservativer Rechter, die lautstark linke ‚Cancel-Culture‘ beklagen, aber gleichzeitig alles, was nicht in ihr Weltbild passt, verbieten möchten.

Wenn wir die queeren Aspekte des von Anne Frank im Teenageralter verfassten Tagebuches, das inzwischen nicht nur zu den meistgelesenen Büchern der Welt, sondern auch zur Standardlektüre vieler Heranwachsender zählt, offensiv thematisieren würden, könnte dies zu einer breiteren gesellschaftlichen Akzeptanz von Queerness beitragen und Jugendliche dazu ermutigen, sich offen mit eigenen queeren Gedanken und Gefühlen auseinanderzusetzen und zu diesen zu stehen. Anne Frank hätte es sicherlich gefallen, nicht nur zu einer ikonischen Stimme gegen Antisemitismus und Rassismus, sondern auch gegen Homophobie und Queerfeindlichkeit zu werden. So wie Nelson Mandela und andere Antiapartheidaktivisten während ihrer Inhaftierung auf Robben Island aus der Lektüre von Anne Franks Tagebuch Kraft schöpften[9], könnten dies auch queere Jugendliche in ihrem häufig nicht leichten Coming-out-Prozess tun, wobei ihnen folgende von Anne Frank am Dienstag, dem 11. April 1944, in ihr Tagebuch notierte Aussage als Leitspruch dienen könnte:

„Lasst mich ich selbst sein, dann bin ich zufrieden.“[10]

Zum Thema dieses Beitrages bietet dessen Autor Thomas Tews Vorträge und Workshops, die via E-Mail an thomas.tews@web.de angefragt werden können, an.

Anmerkungen:


[1] Deutsche Übersetzung zitiert nach: Anne Frank, Tagebuch Version a. In: Anne Frank, Gesamtausgabe. Tagebücher – Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus – Erzählungen – Briefe – Fotos und Dokumente. Hrsg. vom Anne Frank Fonds, Basel. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. 3. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, S. 557–708, hier S. 608.

[2] Anne Frank, Tagebuch Version b. In: Anne Frank, Gesamtausgabe. Tagebücher – Geschichten und Ereignisse aus dem Hinterhaus – Erzählungen – Briefe – Fotos und Dokumente. Hrsg. vom Anne Frank Fonds, Basel. Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. 3. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, S. 709–795, hier S. 774 f.

[3] „[…] were likely to offend Dutch Puritan or Catholic susceptibilities.“ Zitiert nach: Anna Hájková, Menschen ohne Geschichte sind Staub. Homophobie und Holocaust. Hirschfeld-Lectures, Band 14. Wallstein Verlag, Göttingen 2021, S. 40 f.

[4] „Sometimes, when I lie in bed at night, I have a terrible desire to feel my breasts […]. I already had these kinds of feelings subconsciously before I came here, because I remember that once when I slept with a girl friend I had a strong desire to kiss her, and that I did do so. I could not help being terribly inquisitive over her body, for she had always kept it hidden from me. I asked her whether, as proof of our friendship, we should feel one another’s breasts, but she refused. I go into ecstasies every time I see the naked figure of a woman, such as Venus, for example. It strikes me as so wonderful and exquisite that I have difficulty in stopping the tears rolling down my cheeks. If only I had a girl friend!“ (Anne Frank, The Diary of a Young Girl. Translated from the Dutch by B. M. Mooyaart-Doubleday, with an introduction by Eleanor Roosevelt. 60th printing. Pocket Books, New York 1968, S. 117).

[5] Frank (Anm. 1), S. 607–611.

[6] Anne Frank, Tagebuch. Edition von Mirjam Pressler (Version d, in Überarbeitung der Fassung von Otto H. Frank). Aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler. 30. Auflage. Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2022, S. 159–161 und S. 161–163.

[7] Hájková (Anm. 3), S. 37.

[8] Anne Frank’s Diary. The Graphic Adaptation. Adapted by Ari Folman. Illustrations by David Polonsky. Viking, London 2018, S. 90 f. / Das Tagebuch der Anne Frank. Graphic Diary. Umgesetzt von Ari Folman und David Polonsky. Übersetzt von Mirjam Pressler, Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. 7. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, S. 92 f.

[9] Ronald Leopold, Anne Frank. In Zusammenarbeit mit Bas von Benda-Beckmann, Gertjan Broek und Menno Metselaar. Aus dem Niederländischen von Waltraud Hüsmert. C.H.Beck, München 2023, S. 136.

[10] Deutsche Übersetzung zitiert nach Frank (Anm. 1), S. 663.