Beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026 im Wizemann Stuttgart konnten die Akteure der online-Unterschriftenaktion Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrechtder AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, Kerstin Rudat (LSVD+ Baden-Württemberg), Lars Lindauer (IG CSD Stuttgart), Ralf Bogen (Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“) und Sven Tröndle (Weissenburg e.V.) 2036 Unterschriften Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer (Referat Jugend und Bildung) symbolisch übergeben. Sie bedankten sich bei allen Unterstützenden und appellierten an die Gemeinderäte der Stadt Stuttgart, jetzt ein Zeichen zu setzen und Fritz Bauer eine angemessene Ehrung für sein außerordentliches demokratisches Engagement zuteil werden zu lassen. Zu Fritz Bauer sagten sie (Auszug):

Die Unterschriftenliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist:innen haben wir um das Anliegen erweitert, Fritz Bauer heute auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht zu würdigen. Bis heute ist Fritz Bauer vor allem als Initiator der Auschwitzprozesse bekannt. Wie kaum ein anderer steht er für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Hitlerfaschismus.

Kaum bekannt ist bislang jedoch, dass der in Stuttgart geborene Sozialdemokrat jüdischer Herkunft nach erlittener KZ-Haft 1936 nach Dänemark fliehen konnte, wo er wegen seiner homosexuellen Kontakte von der dortigen Polizei überwacht und mit der Abschiebung nach Nazideutschland bedroht wurde. Weiter ist kaum bekannt, dass er als Generalstaatsanwalt maßgeblich den Weg zur Entkriminalisierung der Homosexualität in der Bundesrepublik ebnete. Beispielsweise gab er in den 1960er Jahren den Sammelband „Verbrechen und Sexualität“ mit heraus, welches als Taschenbuch über 50.000mal verkauft wurde. Tragischer Weise konnte er die Entkriminalisierung durch seinen frühen Tod 1968 im Alter von 64 Jahren nicht mehr selbst erleben.

In Stuttgart brüstete sich noch in den fünfziger Jahren die im ehemaligen Gestapogebäude “Hotel Silber“ ansässige städtische Kriminalpolizei, „zum Schrecken der Homosexuellen Stuttgarts“ geworden zu sein. Stuttgart gehörte in den Nachkriegsjahren zu den Hochburgen der Verfolgung und Drangsalierung homosexueller Männer. In unserer Stadt wurden selbst KZ-Überlebende wie Karl Zeh erneut aufgrund ihrer Homosexualität zu Gefängnisstrafen verurteilt.

Um auch aus diesem in unserer Stadt lang verleugnetem Unrecht zu lernen und das vorbildliche demokratische Engagement Fritz Bauers angemessen zu würdigen, fordern wir den Gemeinderat mit unserer Unterschriftenaktion dazu auf, ihm die höchste Ehrung unserer Stadt zu verleihen.

Beim CSD-Neujahrsempfang hat die IG CSD Stuttgart das neue Motto „Ohne uns Kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark“ für den CSD in 2026 vorgestellt und dazu Folgendes veröffentlicht (Auszüge):

Unser Motto für 2026 ist ein klares politisches Statement und zugleich ein gesellschaftlicher Appell. Queere Menschen sind ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Ihre Vielfalt, ihre Lebensrealitäten und ihre Anliegen gehören in die Mitte – sichtbar, hörbar, geschützt und unterstützt und dürfen nicht von knappen Haushaltskassen abhängen. (…)

Mit Sorge blicken wir aktuell nach Berlin: Der nationale Aktionsplan „Queer leben“ wird von der Bundesregierung offenbar als abgeschlossen betrachtet. Damit fehlt auf Bundesebene derzeit ein zentrales strategisches Instrument für Schutz, Akzeptanz und gleiche Rechte queerer Menschen – gerade in einer Zeit, in der diese dringend gebraucht würden.

Auch auf Landes- und kommunaler Ebene spitzt sich die Lage zu. Viele Kommunen stehen unter finanziellem Druck, Sparmaßnahmen treffen häufig zuerst soziale, kulturelle und zivilgesellschaftliche Strukturen – darunter auch queere Beratungsstellen, Vereine und Projekte. Dabei sind diese Angebote unverzichtbar: Sie bieten Schutzräume, Beratung und Unterstützung für queere Jugendliche, Geflüchtete oder ältere Menschen. (…)

Alarmierend bleibt zudem die Entwicklung bei Hasskriminalität gegen LGBTQIA*-Menschen. In Baden-Württemberg stieg die Zahl der registrierten Fälle von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024 – ein Plus von rund 30 Prozent. Gleichzeitig ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. (…)

Die Stuttgart PRIDE 2026 steht für Sichtbarkeit, Sicherheit und Entschlossenheit. Wir setzen uns füreinander ein, wenn andere es nicht tun. Wir sind miteinander stark, wenn unsere Rechte infrage gestellt werden. Ohne uns kein wir – und ohne Solidarität keine gerechte Zukunft.

(Die ganze Mottoerklärung siehe hier)

Wir danken dem Vorstand und allen ehrenamtlichen Akivist:innen der IG CSD Stuttgart für diesen Abend und für alle ihre Aktivitäten für Sichtbarkeit, Sicherheit und demokratische Entschlossenheit!