Foto oben: Stuttgart Pride Kundgebung auf dem Stuttgarter Schlossplatz am 25. Juli 2026.

Am 16. Juli 2026 haben demokratische Stadträtinnen und Stadräte des Stuttgarter Gemeinderats fraktionsübergreifend einen Antrag eingereicht, nach dem eine neue Ehrung für herausragendes demokratisches Engagment eingeführt und Dr. Fritz Bauer gewidmet werden soll (zum Antrag bitte nach unten scrollen). Bei der CSD-Kungebung am 25. Juli 2026 hat Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. folgende Rede hierzu gehalten [sobald das Video zur Kundgebung von der IG CSD Stuttgart online geschaltet ist, wird hier ein Link zu diesem Video nachträglich noch veröffentlicht]:

Schön, dass ihr alle da seid. Ich bin Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.

Wir feiern heute Vielfalt, Freiheit und Sichtbarkeit. Dass wir das können, ist nicht selbstverständlich. Deshalb möchten wir heute auch an einen Menschen erinnern, der sich schon früh für Recht, Freiheit und Menschenwürde eingesetzt hat: an den in Stuttgart 1903 geborenen Fritz Bauer.

Gemeinsam mit der IG CSD Stuttgart, dem LSVD+ Baden-Württemberg und dem gesamten Verein Weissenburg haben wir beim letzten CSD die Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ durchgeführt, die viele von Euch unterstützt haben. Vor dem diesjährigen CSD-Rathausempfang haben wir einen offenen Brief an alle demokratischen Mitglieder des Stuttgarter Gemeinderats geschrieben. Er endet mit den Worten:
„Lassen Sie uns jetzt gemeinsam durch eine angemessene Würdigung von Dr. Fritz Bauer (…) in seiner Geburtsstadt Stuttgart ein wichtiges Zeichen gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit und für eine offene und demokratische Stadtgesellschaft setzen!“

Heute können wir sagen: Unser gemeinsamer Einsatz war erfolgreich.

Die übergroße Mehrheit der Stadträtinnen und Stadträte setzt sich inzwischen fraktionsübergreifend dafür ein, eine neue Ehrung für herausragendes demokratisches Engagement einzuführen – und sie Fritz Bauer zu widmen. Außerdem soll ein Platz vor Landgericht und Oberlandesgericht künftig seinen Namen tragen. Das ist ein starkes Zeichen für unsere Stadt. Und gerade heute, am CSD, ist es für uns ein ganz besonderer Anlass, gemeinsam zu feiern!


Warum ist uns das so wichtig?

Fritz Bauer war einer der bedeutendsten Juristen und Antifaschisten unseres Landes. Als Sozialdemokrat jüdischer Herkunft wurde er am 23. März 1933 im Zusammenhang mit den Planungen eines Generalstreiks gegen die Machtübernahme der NSDAP an seinem Arbeitsplatz hier am Amtsgericht Stuttgart verhaftet. Acht Monate lang war er in den Konzentrationslagern Heuberg und Oberer Kuhberg inhaftiert. 1936 gelang ihm die Flucht nach Dänemark.
Nach seiner Rückkehr aus dem Exil im Jahr 1949 machte er die Aufarbeitung der Verbrechen des Hitlerfaschismus zu seiner Lebensaufgabe. In den 1960er-Jahren brachte Fritz Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt die Verbrechen von Auschwitz und die NS-Euthanasieverbrechen vor Gericht – und gab den Opfern eine Stimme.

Für uns als queere Vereine ist aber noch etwas anderes wichtig: Bereits in den 1950er-Jahren forderte Bauer als hoher Staatsbeamter die Abschaffung des §175 – zu einer Zeit, in der das ein mutiger Tabubruch war.
Gerade Stuttgart trägt hier eine besondere Verantwortung. Denn hier wurde die Verfolgung homosexueller Männer nach 1945 besonders intensiv fortgesetzt. Sogar KZ-Überlebende wurden erneut wegen ihrer Homosexualität verurteilt. Dieses Unrecht darf nicht vergessen werden!

Seit 2009 setzen wir uns deshalb dafür ein, die Geschichte der Verfolgung queerer Menschen in unserer Region sichtbar zu machen.

Gemeinsam haben wir viel erreicht:

  • 2010 die Ausstellung zur NS-Verfolgung homosexueller Menschen im Rathaus,
  • unsere 2017 veröffentlichte Webseite „Der-Liebe-wegen“ mit 250 Biografien homosexueller NS-Opfer aus unserer Region,
  • 2018 den Erhalt des ehemaligen Gestapogebäudes Hotel Silber mit einer Dauerausstellung, auch zum Verfolgungsbereich „Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“
  • und zuletzt 2024 die Gedenktafel an der ehemaligen NS-Kripoleitstelle Stuttgart
    im Hospitalviertel, die heute auch an die Opfer aus sexuellen Minderheiten erinnert.

Und nun kommt erfreulicherweise ein weiterer Meilenstein hinzu:
Die längst überfällige Würdigung Fritz Bauers durch unsere Stadt.

Allein hätten wir das nicht geschafft: Unser Dank gilt allen Unterstützenden aus der Regenbogen-Community, aber auch den Schülerinnen und Schüler des Eberhard-Ludwig-Gymnasiums und des Wagenburg Gymnasiums, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten, der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, den Stuttgarter Stolperstein-Initiativen; Zeichen der Erinnerung, ver.di, die IG Metall Vertrauensleute Mercedes-Benz Untertürkheim und dem gesamten Deutschen Gewerkschaftsbund.

Dass wir Fritz Bauer gerade beim CSD ehren, könnte kaum passender sein.
Aus dänischen Polizeiakten wissen wir, dass Bauer sich zumindest bei einem Verhör zu seinen homosexuellen Kontakten und Neigungen bekannte. Trotzdem wird seine Homosexualität bis heute häufig verschwiegen oder infrage gestellt. Das ist kein Einzelfall: Auch Hans Scholls Verhaftung und anschließendes Verhör im Gestapogebäude Hotel Silber 1937 wegen homosexuellen Handlungen wurde jahrzehntelang verschwiegen. Umso wichtiger ist es, dass wir heute in unserer Erinnerungskultur queere Aspekte von Biografien endlich sichtbar machen.
Als Bauer 1949 nach Deutschland zurückkehrte, galt der von den Nationalsozialisten verschärfte §175 unverändert weiter. Und dennoch schwieg Bauer nicht. Er erhob öffentlich seine Stimme gegen dieses Unrecht. Dass wir heute freier leben können, verdanken wir Menschen wie ihm.

Bei allen Meinungsdifferenzen und Schwierigkeiten, die wir im Umgang miteinander haben: Gegen Rechtspopulismus und Faschismus müssen wir  A L L E  zusammenstehen.

Nach Angaben der Amadeu Antonio Stiftung wurde 2025 fast jede zweite CSD-Veranstaltung Ziel von Bedrohungen, Störungen oder Angriffen. Genau deshalb ist das Motto dieses CSD weit mehr als ein Slogan:
„Ohne uns kein Wir. Füreinander laut. Miteinander stark.“

Denn demokratische Freiheiten und Vielfalt verteidigt niemand allein.
Wenn wir einer weiteren Rechtsentwicklung hin zu einer neuen Diktatur erfolgreich entgegentreten wollen, brauchen wir ein starkes antifaschistisches Wir.

Füreinander laut – das heißt: nicht zu schweigen, wenn Minderheiten wieder ausgegrenzt, angegriffen oder antifaschistische Proteste kriminalisiert werden.

Miteinander stark – das heißt: zusammenzustehen, wenn die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergeht und rassistische sowie queerfeindliche Hetze lauter wird.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine(n) Happy Pride!

Ralf Bogen, AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.