Foto oben: Symbolische Unterschriftenübergabe an Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer (Referat Jugend und Bildung) beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026

Sehr geehrte demokratische Mitglieder des Gemeinderats,

anlässlich des bevorstehenden CSD-Rathausempfangs und des Beginns der CSD-Kulturwochen 2026 möchten wir unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch im Kampf gegen das §175-Unrecht“ erneut in den Blick rücken.

Seit der Übergabe der über 2000 Unterschriften an Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer, Referat Jugend und Bildung, als Vertreterin der Stadt Stuttgart beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026 haben wir von der Stadt die schriftliche Rückmeldung erhalten, dass wir uns noch etwas gedulden sollen. Bei einer zufälligen persönlichen Begegnung haben Sie, Herr Dr. Fabian Mayer, Erster Bürgermeister der Landeshauptstadt Stuttgart, zudem eine grundsätzlich unterstützende Haltung gegenüber unserem Anliegen erkennen lassen. Dies sehen wir als ein positives Signal und als gute Grundlage für den weiteren Dialog.

Mit diesem Schreiben wollen wir unterstreichen, dass formale, rechtliche und finanzielle Einwände gegen eine angemessene Würdigung von Dr. Fritz Bauer im Stuttgarter Rathaus nicht länger im Wege stehen sollten. Wir von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, von IG CSD Stuttgart, LSVD+ Baden-Württemberg und dem gesamten Verein Weissenburg wollen Sie alle für die baldige Realisierung unserer drei Kernanliegen gewinnen:

  • Sichtbare Würdigung im Rathaus: Hier soll ein Großfoto mit Begleitinformationen Dr. Fritz Bauer als demokratisches Vorbild, als couragierten Juristen im Kampf gegen die Nazi-Barbarei und auch als Vorkämpfer gegen das §175 -Unrecht bekannter machen.
  • Fritz-Bauer-Platz im Stadtzentrum: Ein Platz mit einer digitalen Informationstafel nahe dem ehemaligen Amtsgericht soll nach ihm benannt werden. An diesem Ort ist er am 24. März 1933 wegen seiner der NSDAP unliebsamen sozialdemokratischen politischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunft verhaftet und in das erste KZ Württembergs auf dem Heuberg verschleppt worden.
  • Erinnerungs- und politische Bildungsarbeit: Die Stadt ist gefordert, Bauers demokratisches Vermächtnis durch Stipendien und Bildungsprogramme lebendig zu halten.
Auf der CSD-Hocketse im Vorjahr vertretene Parteien unterstützen das Anliegen einer angemessenen Würdigung von Fritz Bauer bereits in 2025: Bündnis90/Die Grünen KV Stuttgart, Die Linke Stuttgart, LSU Baden-Württemberg, Piratenpartei Stuttgart, SPDqueer Stuttgart, Volt Deutschland – Landesverband Baden-Württemberg (auf Grund des starken Regens wurden nicht mehr alle auf der Hocketse vertretenen Parteien angefragt und/oder fotografiert wie beispielsweise die FDP Stuttgart oder Partei Mensch Umwelt Tierschutz – Tierschutzpartei. Dies bitten wir zu entschuldigen)

Das herausragende Verdienst Dr. Fritz Bauers besteht unumstritten darin, die juristische Aufarbeitung der faschistischen Verbrechen Hitlerdeutschlands maßgeblich vorangetrieben und mit der Initiierung des Frankfurter Auschwitz-Prozesses einen Wendepunkt im Umgang der Bundesrepublik mit den NS-Verbrechen herbeigeführt zu haben. Zu seinem Lebenswerk gehört jedoch auch sein Einsatz gegen die strafrechtliche Verfolgung homosexueller Männer nach § 175. Dieser Aspekt wird bislang noch nicht in dem Maße gewürdigt, das ihm zusteht. Gerade der CSD 2026 bietet einen guten Anlass, diesen Teil seines Wirkens stärker sichtbar zu machen – denn gerade Stuttgart hat allen Grund, diesem Teil von Fritz Bauers Wirken in seiner Erinnerungskultur einen deutlich sichtbareren Platz einzuräumen (siehe hierzu folgende Anlagen: Anlage 1: „Die spezielle Verantwortung der Landeshauptstadt Stuttgart unter der Ägide des Oberbürgermeisters Arnulf Klett“ und Anlage 2: „Die §175-Verfolgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei in den 50er- und 60er-Jahren“).

Die aktuelle universitäre Studie „Paragraf 175 StGB in der jungen Bundesrepublik – Verfolgung und staatliche Repression: Baden-Württemberg im Fokus eines sich wandelnden Sexualitätsdiskurses 1945-1969“von Dr. phil. J. Noah Munier[1] bestätigt die früheren außeruniversitären Recherchen von unserem Internetprojekt  www.der-liebe-wegen.org [2]:  Baden-Württemberg und insbesondere Stuttgart nahmen in den 1950er- und 1960er-Jahren eine bundesweite Spitzenstellung bei der Verfolgung homosexueller Männer nach § 175 ein. Bis Ende 1972 war die Stuttgarter Polizei der städtischen Verwaltung unterstellt, wobei der damalige Oberbürgermeister Arnulf Klett ihr oberster Dienstherr war. Unter seiner Ägide verfolgten die städtischen Behörden in den 1950er- und 1960er-Jahren eine besonders unnachgiebige Linie gegen homo- und bisexuelle Männer mit Methoden wie verdeckte Überwachungen, Einsatz von V-Männern, Razzien, Konzessionsentziehungen sowie Rosa Listen und Lichtbilderkarteisammlungen. Zugleich zeigt die Studie, dass dieser Verfolgung menschenfeindliche Vorstellungen zugrunde lagen, die homosexuelle Männer als Gefahr für Kinder, Familie und Gesellschaft diffamierten und ihnen gleiche Würde und Rechte absprachen – Denkweisen, deren Spuren bis heute fortwirken.

Breite Unterstützung für das Anliegen Dr. Fritz Bauer als demokratisches Vorbild, als couragierten Juristen im Kampf gegen die Nazi-Barbarei und auch als Vorkämpfer gegen das §175 -Unrecht an seinem Geburtsort hier in Stuttgart bekannter zu machen durch verschiedene soziale Organisationen bei der CSD-Hocketse im letzten Jahr: zum Beispiel Sportverein Abseitz, AIDS-Hilfe Stuttgart, Elterngruppe homosexueller Kinder, AktivistA (Verein des asexuellen Spektrums), „Schalom – Salam – Merhaba & Grüß Gott“: tgbw e.V. und weitere religiöse Organisationen beim CSD, Mission TRANS sowie Verein zur Förderung von Jugendlichen.

Wir möchten Sie deshalb ermutigen, sich für eine angemessene Würdigung Dr. Fritz Bauers im Stuttgarter Rathaus einzusetzen, die auch seinen Einsatz gegen den § 175 ausdrücklich einbezieht. Damit würde die Stadt seinem Lebenswerk in seiner ganzen Breite gerecht werden und zugleich ein wichtiges Zeichen setzen: für die Sichtbarkeit eines bislang zu wenig beachteten Kapitels der Stuttgarter Geschichte und für die Erinnerung an die Opfer der Verfolgung homosexueller Männer in unserer Region sowie weiterer Menschen, die aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder geschlechtlichen Identität bzw. ihres Geschlechtsausdrucks staatlicher Ausgrenzung ausgesetzt waren.

Gerade im Jahr des CSD 2026 bietet sich die Möglichkeit, historische Verantwortung, Menschenwürde und eine vielfältige Erinnerungskultur sichtbar miteinander zu verbinden.

Anlagen:
Anlage 1: Die spezielle Verantwortung der Landeshauptstadt Stuttgart unter der Ägide des Oberbürgermeisters Arnulf Klett
Anlage 2: Die §175-Verfolgungspraxis der Stuttgarter Kriminalpolizei in den 50er- und 60er-Jahren


[1] Siehe https://der-liebe-wegen.org/extremes-ausmass-bestaetigt-studie-zur-verfolgung-homosexueller-maenner-in-baden-wuerttemberg-von-j-noah-munier-erschienen/.

[2] Siehe: https://der-liebe-wegen.org/nachkriegszeit_baden-wuerttemberg_spitzenreiter_der_verfolgung/#kapitel3.