Zwischen Unsichtbarkeit und Emanzipation: Lesbische* Lebensgeschichten im Südwesten (1945–1980)
Ein Email-Interview mit der Forschungsgruppe „Lesbische* Lebenswelten“ der Universitäten Heidelberg und Freiburg
Siehe auch den Beitrag zur Veranstaltung am 29.04.26, 18 Uhr im Hotel Silber:„Die Erste, die ich kannte…“ – Lesbische* Lebenswelten zwischen 1945 und den 1980er Jahren
Das folgende Interview ist im Kontext des bevorstehenden Abschlusses des Forschungsprojekts „Lesbische* Lebenswelten“ der Universitäten Heidelberg und Freiburg entstanden. Im Zentrum stehen lesbische Lebensgeschichten im deutschen Südwesten zwischen den 1920er- und 1980er-Jahren. Während ein erstes Modul die Zeit der NS-Diktatur untersucht hat, richtet sich der zweite Teil auf die Nachkriegszeit.
Das Interview bezieht sich ausschließlich auf das zweite Modul „Zwischen Unsichtbarkeit, Repression und lesbischer Emanzipation“. Es fragt danach, wie sich Ausgrenzung, gesellschaftliche Normen und Formen von Verfolgung nach 1945 fortsetzten – und wie zugleich neue Räume lesbischer Sichtbarkeit, Selbstorganisation und Emanzipation entstanden.
Diese Forschung steht in einer langen Geschichte von Kämpfen um Sichtbarkeit und Anerkennung queerer Lebensrealitäten sowie um die Aufarbeitung des NS- und Nachkriegsunrechts an queeren Menschen. Diese Themen wurden über Jahrzehnte von staatlichen Stellen weder wissenschaftlich noch erinnerungskulturell angemessen berücksichtigt; vieles wurde außeruniversitär und ehrenamtlich erarbeitet.
Erst durch langjähriges zivilgesellschaftliches Engagement wurde erreicht, dass diese Themen als Forschungsfeld anerkannt und im Aktionsplan „Für Akzeptanz und gleiche Rechte Baden-Württemberg“ (2015) universitär gefördert wurden. Wir von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e. V. freuen uns, gemeinsam mit dem Queeren Netzwerk Baden-Württemberg, mit vielen engagierten Menschen und Politiker:innen wie insbesondere Brigitte Lösch sowie mit zahlreichen weiteren Initiativen dazu beigetragen zu haben. So konnten neben den außeruniversitären Projekten erstmals auch wichtige universitäre Projekte in Baden-Württemberg entstehen: zu homosexuellen Männern, zu trans*, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen an der Universität Stuttgart (ab 2015 und bis Ende des Jahres 2026) sowie zu frauenliebenden Frauen an den Universitäten Heidelberg und Freiburg (seit 2021, Abschluss im April 2026).
Bisher ist unseres Wissens keine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse geplant. Gerade diese unterschiedlichen Perspektiven – einschließlich außeruniversitärer Forschung – bestmöglich zusammenzuführen, gemeinsam einzuordnen und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist aus unserer Sicht jetzt eine wichtige Aufgabe. Dafür braucht es nach wie vor eine institutionelle Absicherung und verlässliche Finanzierung sowie die Bereitschaft der Zusammenarbeit zwischen außer- und universitärer Forschung. Für dieses Ziel werden wir uns als AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ weiterhin einsetzen.
Dieses E-Mail-Interview versteht sich als Teil dieses Engagements: Es macht zentrale Perspektiven des zweiten Forschungsmoduls erstmals einem breiteren Publikum zugänglich und verweist auf eine wissenschaftlich wie gesellschaftlich hochaktuelle Debatte.
Ich bedanke mich bei den Wissenschaftler*innen Steff Kunz, Muriel Lorenz und Elena Marie Mayeres für die Beantwortung der folgenden Fragen.
Ralf Bogen, AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“
Wie ist ihr Forschungsprojekt aufgebaut und wie sind Sie vorgegangen?
Steff: Zunächst ist es für das Verständnis des Projekts wichtig zu erwähnen, dass es in drei Teilprojekte mit unterschiedlichen thematischen Schwerpunkten aufgeteilt ist. Wir haben uns bewusst für diese Teilung entschieden, da wir so verschiedene Perspektiven einnehmen und im gemeinsamen Austausch ein vielschichtigeres Bild der Lebenssituationen frauenliebender* Frauen entwerfen können.
Während sich das Teilprojekt in Freiburg den Kommunikations- und Vernetzungorten widmet, beschäftigen sich die beiden anderen Teile in Heidelberg mit den Beziehungsweisen frauenliebender Frauen und der Situation von lesbisch* queeren Frauen in Psychiatrien.
Wir bearbeiten alle den gleichen Zeitraum und sind in ständigem Austausch, da sich Inhalte natürlich auch überschneiden. Dadurch gelingt es die Lebenssituation von frauenliebenden* Frauen aus sehr unterschiedlichen Richtungen zu beleuchten.
Muriel: Dieser mehrteilige Zugang ist besonders deswegen wichtig, da es bisher nur sehr wenig Forschung zu unserem Thema gibt und wir daher unseren Blick zunächst weiten mussten, um die Spuren lesbisch* queeren Lebens zu finden. Profitiert haben wir dabei von der Arbeit engagierter, ehrenamtlich tätiger Aktivist*innen, die sich dem Thema bereits ab Mitte der 1970er Jahre zuwandten. In diesem Zusammenhang ist es wichtig zu erwähnen, dass wir eines der ersten vom Land geförderten Forschungsprojekte in Baden-Württemberg sind, das sich mit lesbisch* queeren Lebenswelten beschäftigt. Maßgeblich für die Initiierung und Durchsetzung dieses Projekts war das jahrelange politische Engagement der lesbischen Aktivistinnen des Queeren Netzwerks Baden-Württemberg. Ohne sie wäre dieses Forschungsprojekt nicht entstanden. Aufgrund ihres Einsatzes und auf Initiative der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen wurde der Förderung des Projekts im baden-württembergischen Landtag zugestimmt. Nur dadurch konnten unsere Stellen geschaffen werden, die dazu beitragen, das Thema in der universitären Forschung und Lehre zu verankern und damit die Sichtbarkeit von lesbischen* und queere Frauen in der Geschichte und in der Gesellschaft zu vergrößern.
Um dieses Ziel zu erreichen, mussten wir die Geschichten lesbischer* und queerer Frauen aber erst einmal finden. In der ersten Phase unseres Projekts haben wir uns vor allem mit der Zeit der Weimarer Republik und dem Nationalsozialismus beschäftigt. Für diesen Zeitraum waren wir in erster Linie auf Akten, Egodokumente oder Zeitschriften angewiesen, um Spuren lesbisch* queeren Lebens zu finden. Jetzt in dieser zweiten Phase hatten wir das Glück, dass es noch Menschen gibt, die uns ihre Geschichte selbst erzählen können.
Elena: Das bedeutete zunächst, Zeitzeug:innen überhaupt zu finden – was sich als eine der größten Herausforderungen erwiesen hat. Wir haben dafür sehr breit gestreut: durch den Versand zahlreicher Postkarten und Aufrufe in ganz Baden-Württemberg, durch Informationsveranstaltungen unter anderem in Ravensburg, Freiburg und Heidelberg sowie durch Medienarbeit, etwa Zeitungsinterviews und Podcasts. Zusätzlich spielte das sogenannte Schneeballverfahren eine wichtige Rolle, bei dem bereits gewonnene Interviewpartner:innen weitere Kontakte vermittelt haben.
Insgesamt konnten wir mit 29 Personen lebensgeschichtliche Interviews – Gespräche die teilweise über acht Stunden lang gingen. Ein intensiver Prozess – auch für uns als Forscher:innen. Wichtig war uns dabei auch der sensible Umgang mit teils schmerzhaften Erinnerungen und die Wertschätzung der Bereitschaft mit uns zu sprechen. Die Interviews haben uns sehr differenzierte Einblicke in subjektive Erfahrungen, Handlungsspielräume und Deutungen ermöglicht.
Steff: Neben der Analyse von Fachzeitschriften und Aufsätzen, haben wir im medizingeschichtlichen Teil die Analyse von Patient*innenakten in den Mittelpunkt gerückt. Viele dieser Akten sind in Archiven noch aufbewahrt und inhaltlich von großem Wert. Hier war es von großem Vorteil für uns, dass als ich den Zugang zu den Patient*inneakten der Psychiatrie erfragt habe, die Archivar*innen sich an die Forschung von Claudia Weinschenk erinnern konnten, die kurz vor unserem Projekt diese Akten gesichtet hat. Archive sind einer (neben natürlich Zeitzeug*innen) der wichtigsten Quellen, die wir als Forschende haben um Geschichte queer zu schreiben und wenn Archivar*innen für solche Fragestellungen sensibilisiert sind, macht das schon einen großen Unterschied. Es finden sich in diesen Akten Lebensläufe, Gesprächsprotokolle der therapeutischen Sitzungen und weitere Details, die es möglich machen zu überprüfen, wie mit queeren Verhaltensweisen und Begehren in den Psychiatrien umgegangen wurde.
An der Forschungsgruppe „Lesbische* Lebenswelten“ beteiligt sind:
Prof. Dr. Karen Nolte, Professorin für Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität Heidelberg und Direktorin des gleichnamigen Instituts. Forschungsschwerpunkte: Medizin- und Psychiatriegeschichte, Körper- und Geschlechtergeschichte; Geschichte der Gesundheitsberufe, Material Cultures Studies, Queer History.
Prof. Dr. Sylvia Paletschek,Professorin für die Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts an der Universität Freiburg. Forschungsschwerpunkte: Frauen- und Geschlechtergeschichte, Universitäts- und Wissenschaftsgeschichte, Geschichtskultur.
Prof. Dr. Katja Patzel-Mattern, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte und Prorektorin für Innovation und Transfer. Forschungsschwerpunkte: Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Wissenschaftsgeschichte, Gender Studies und Körpergeschichte, Gedächtnis und Erinnerung.
Steff Kunz,M.A., studierte Kulturwissenschaften in Frankfurt (Oder) und Genderstudies in Berlin. Forschungsschwerpunkte: Stigma „Asozial“ im Nationalsozialismus und Kontinuitäten, Psychiatriegeschichte im 20. Jahrhundert, Geschlechtergeschichte.
Muriel Lorenz, M.A., studierte Vergleichende Geschichte der Neuzeit in Freiburg. Forschungsschwerpunkte: Frauen – und Geschlechtergeschichte.
Elena Marie Mayeres, M.A., studierte Soziologie, Philosophie und Sozialwissenschaften in Jena, Potsdam und Berlin. Forschungsschwerpunkte: Queer History, Kritische und Feministische Theorie, Stadt- und Raumforschung.
Mirijam Schmidt,M.A., studierte Neuere und Neueste Geschichte in Heidelberg. Forschungsschwerpunkte: Geschichte der Arbeiterschaft, Alltagsgeschichte- und Geschlechtergeschichte.
Ute Reisner, M.A., studierte Geschichte und Literaturwissenschaften/Romanistik: BLOG Anforschungsphase, künstlerische Umsetzung 2.Phase.
Michelle Watzig, M.A., studierte Geschichte in Bamberg und Heidelberg: Social Media und Veranstaltungsorganisation.
Claudia Weinschenk, M.A., freie Historikerin: Aktensichtung und -auswertung im medizinhistorischen Projekt.
Können Sie uns kurz Ihre wichtigsten Forschungsergebnisse nennen?
Elena: Das Teilprojekt ‚Die Grenzen des Privaten‘ untersucht, wie Geschlecht, Sexualität und Beziehungen rechtlich und gesellschaftlich geordnet wurden. Obwohl (Liebes-)Beziehungen privat erscheinen, entscheidet sich in gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen, welche Beziehungen als legitim gelten und welche abgewertet werden. Nach 1945 wurde die bürgerliche Kleinfamilie in der BRD zum Leitbild von Ordnung und Normalität, während queere und nichteheliche Beziehungen ausgeschlossen wurden. In diesem Rahmen blieben Beziehungen zwischen Frauen lange oft unsichtbar, weil weibliches Begehren selten als eigenständige Liebe anerkannt wurde. Nach außen erschienen sie häufig nur als Freundschaft, zugleich gab es solche engen Beziehungen häufiger, als sie benannt wurden. Viele Frauen erinnerten sich später an Frauenpaare aus ihrer Kindheit, die erst im Rückblick – oft nach dem eigenen Coming-out – als Liebespaare lesbar wurden.
Mit den rechtlichen Lockerungen und kulturellen Veränderungen der 1970er-Jahre wurden Beziehungen zwischen Frauen zunehmend als Liebesbeziehungen erkennbar und als „lesbisch“ benennbar. Diese Sichtbarkeit eröffnete neue Möglichkeiten, brachte aber auch neue Formen der Abwertung mit sich. Medienberichte, etwa zur Itzehoe-Debatte oder mit der BILD-Kampagne „Die Verbrechen der lesbischen Frau“, prägten ein stigmatisierendes öffentliches Bild. Gleichzeitig wurde das Recht auf „lesbische Liebe“ in den Aktionen zum Itzehoe-Prozess zu einer politischen Forderung nach Anerkennung und Glück. Für viele verstärkten diese Debatten jedoch auch die Angst vor Stigmatisierung, sodass lesbisches Begehren lange schwer auszusprechen blieb.
Gleichzeitig entstanden neue soziale Räume wie Szeneorte, Buchläden und Frauenzentren, die Begegnung, Austausch und gemeinsame Deutungen ermöglichten. Sie waren nicht für alle zugänglich, wurden aber für viele Frauen zu wichtigen Orten, um die eigenen Gefühle einzuordnen und Beziehungen anders zu leben. Freundinnenschaften gewannen als politische und persönliche Praxis an Bedeutung, während die Subkultur auch Raum für Dating, Affären und die Suche nach Liebe bot. Insgesamt erweiterten sich in den 1970er-Jahren die Handlungsspielräume für Beziehungen außerhalb der Ehe, auch wenn der Heiratsdruck weiter groß blieb und die Entscheidung für ein nicht-heteronormatives Leben mit sozialer Abwertung verbunden war.

Eingesprochene Zitate aus den Interviews von Zeitzeuginnen, gemischt mit einem neu komponierten Soundtrack, werden in einem musikalischen Hörspiel von Ute Reisner bei der Abschlussveranstaltung „Die Erste, die ich kannte…“ vom Forschungsprojekt am 29. April 2026 im Hotel Silber zu hören sein. Bild: siehe www.sounds-art.de.
Steff: Die Ergebnisse des medizinhistorischen Projektteils basieren auf der Sichtung von rund 1.900 Patient*innenakten aus der Heidelberger sowie 3.600 Entlassungsschreiben aus der Tübinger Psychiatrie zwischen 1950 und 1970. Ein Teilergebnis ist, dass Patient*innen nur selten explizit aufgrund ihrer lesbischen Sexualität behandelt wurden. Stattdessen standen meist Symptome wie Angst, Schlaflosigkeit, Depressionen oder körperliche Beschwerden im Vordergrund. Teils waren diese Beschwerden völlig unabhängig von lesbisch* queeren Themen, teils aber auch als Symptome unterdrückter Homosexualität, der Angst vor sozialen Folgen und Diskriminierung oder Selbstabwertung zu interpretieren.
Sexualität spielte dennoch häufig eine Rolle im Behandlungsverlauf, jedoch lässt sich daraufhin keine Regelmäßigkeit in den Behandlungsformen erkennen. Es zeigte sich, dass die konkrete Therapie stark von sozialen Faktoren abhing, etwa davon, ob Patient*innen als „einsichtig“ galten, wie sie sich verhielten oder welcher sozialen Schicht sie zugerechnet wurden. Die Diagnosen Neurose, Schizophrenie und Psychopathie waren die meist vergebenen Diagnosen bei lesbisch* queeren Verhaltensweisen oder Begehren. Homosexualität selbst wurde kaum als eigenständige Diagnose geführt, sondern meist eben „nur“ als Symptom dieser Krankheitsbilder interpretiert. Die Behandlungsformen reichten daher auch von therapeutischen Gesprächen, über die Gabe von Beruhigungsmitteln (ab Beginn 1950er) bis hin zu Elektro- und Insulinschocks (von Ende der 1940 bis in die 70er Jahre hinein), je nach vergebener Diagnose. Lesbische*, trans- und intersexuelle Körper, Verhaltensweisen und Sexualitäten wurden dabei sozusagen oft indirekt der heterosexuellen Norm angepasst. Ein Zitat aus dem Jahr 1964 kann die Verknüpfung von Sexualität zusammen mit einer allgemeinen Beurteilung des Gesundheitszustands der Patient*innen verdeutlichen: „Auf Befragen über ihre erotische und lebensphilosophische Einstellung gab sie einen langen Bericht, aus dem man entnehmen konnte, daß die Untersuchte sich unklare, verschwommene Ansichten über Erziehung, Sexualität, Stellung der Geschlechter zu einander usw. machte. […] Das psychische Zustandsbild der Untersuchten wird zudem noch durch eine perverse (homosexuelle) Einstellung kompliziert, die bei der Untersuchten sowohl durch ihre eigenen Angaben als auch durch ihr Verhalten […] deutlich geworden ist.“ (Quelle: Archiv des Universitätsklinikums Heidelberg, 64/452)

Muriel: Auf der Suche nach Kommunikations – und Vernetzungsorten lesbisch*queerer Menschen in Südwestdeutschland der Nachkriegsjahrzehnte haben wir in unserem Teilprojekt viele Kontaktzonen und Berührungspunkte lesbisch* queeren Begehrens ausfindig machen können. Mal waren es schon frühe Begegnungen etwa in der Schule oder im Sportverein, manchmal entstanden die ersten Begegnungen erst nach dem Berufsleben oder wenn die Kinder aus dem Haus waren. Zentral für diese Begegnungen war besonders vor den 1970er Jahren Privatheit bzw. Teilöffentlichkeit. Jenseits der gesellschaftlichen oder familiären Kontrolle, oftmals in homosozialen Kontexten, konnten heteronormative Grenzen überschritten werden: Etwa in der Natur, in Privatwohnungen oder im Urlaub. Diese Räume waren aber meist nur temporär verfügbar, fragil oder entstanden im Rahmen einer Beziehung. Die Unsichtbarkeit dieser privaten Räume und die Unsagbarkeit des eigenen Begehrens unterstützte oftmals das eigene Gefühl des „Anders oder Nicht-Normal“-Seins. Dies verschloss den Blick auf verdeckt existierende Strukturen und Lebenswelten, die hätten Vorbild und Anker sein können, zusätzlich. Erst in der Retrospektive konnten gleichgeschlechtliche Beziehungen und Räume im Nahbereich erkannt werden. Neben diesen privaten Räumen existierten auch immer öffentliche Räume wie Lokale und Bars, diese waren aber oftmals von Männern dominiert und wenig frauenliebende* Frauen fand dort Zugang. Sichtbare Räume und Beziehungen wurden zudem gesellschaftlich diffamiert und unterlagen staatlicher Kontrolle und Sanktionierung. Besonders in kleineren Städten und Orten waren diese Orte Verbots/Tabuzonen und konnten nicht ohne gesellschaftliche oder familiäre Ächtung besucht werden. Manche dieser Strukturen bestehen (in Nachfolgeprojekten) bis heute. Diese auch in Baden-Württemberg umkämpften Räume waren aber nicht für alle Menschen zugänglich – oftmals existierten sie nur in Großstädten, oftmals war ein spezifisches Auftreten und Aussehen erforderlich, um dazu zu gehören. Negative Berichte, stigmatisierende Beschreibungen von den sogenannten „Kampflesben“ und Repressionserfahrungen erschwerten den Zugang zusätzlich. Jenseits dieser Räume entstanden auch in anderen Kontexten Vernetzungsorte lesbischer* Frauen: In Bad Boll wurde 1985 die erste Zusammenkunft lesbischer* Frauen in der evangelischen Kirche organisiert. Die Teilnahme war für viele Frauen riskant, da sie mit dem Verlust ihres Arbeitsplatzes rechnen mussten, sofern ihr Begehren bekannt werden würde. Bezeichnend dafür waren die ersten Bilder der Tagung, auf dem alle Frauen mit dem Rücken zur Kamera stehen. Der Kampf um die Sichtbarkeit und Anerkennung wird an diesem Ort weitergeführt und 2025 feiert die Lesbentagung Bad Boll ihr 40-jähriges Bestehen.
Was haben die drei Teilprojekte gemeinsam?
Muriel: In allen drei Teilprojekten zeigt sich, dass das Thema „(Un-)Sichtbarkeit“ von großer Relevanz war. So konnte die Unsichtbarkeit zwar Schutz vor direkten Sanktionen, Pathologisierung und Ausgrenzung bieten, erschwerte aber das Aufgehen in einer Beziehung oder in einer Gruppe und ließ Menschen in dem Gefühl, die Einzige zu sein, zurück. Die vermehrte Sichtbarkeit hingegen war zwar für einige ein Schritt zur Selbstermächtigung, vereinfachte das Kennenlernen und beförderte die Vernetzung sowie die politische Organisierung, führte aber in einer vermeintlichen Gegenreaktion zur Verbreitung von pathologisierenden Zerrbildern lesbischer* Frauen in der Öffentlichkeit, die wiederum zu Abgrenzung führten. Zudem drohten lesbischen* Frauen neben rechtlichen Sanktionierungen, wie dem potentiellen Verlust des Sorgerechts, auch der Verlust des Arbeitsplatzes oder gesellschaftliche Ausgrenzung. In diesem Spannungsfeld mussten sich lesbisch*queere Frauen in den ersten Jahrzehnten der BRD bewegen. Ihre Lebenswege sind dabei so unterschiedlich, wie die Personen selbst.
Ihre Forschungsarbeit berührt unterschiedliche Generationen. Konnten Sie trotz individueller Unterschiede relevante generationsspezifische Prägungen identifizieren, und wenn ja, welche?
Elena: Trotz individueller Unterschiede konnten wir durchaus generationsübergreifende Gemeinsamkeiten feststellen. Besonders prägend ist das wiederkehrende Motiv von Schweigen und Scham, das viele Befragte in ihrer Kindheit und Jugend erlebt haben – und das sich durch verschiedene Generationen zieht.
Gleichzeitig zeigen sich aber auch deutliche Unterschiede, etwa beim Zugang zu lesbischen Netzwerken und Räumen. Das Alter, in dem Frauen erstmals Kontakt zu entsprechenden Orten oder Subkulturen hatten, variiert stark. Dabei spielt nicht nur die Generation eine Rolle, sondern auch Faktoren wie Wohnort und soziale Herkunft.
Subkulturelle Orte waren schwer zu finden – meist brauchte es persönliche Kontakte um von Schwulen- und Lesbenbars zu erfahren. Gerade für Frauen, die keine Berührungspunkte zum subkulturellen Leben hatten, konnte die aufkommenden Frauen &Lesben-Literatur und Presse der 1970er ein wichtiger Bezugspunkt sein. Zeitschriften und Bücher konnten so für manche Frauen in den 70er und 80er Ausgangspunkt sein ihr Lesbischsein zu entdecken – Möglichkeiten die vor den 70er und 80er so nicht bestanden.

Der Chor „Musica Lesbiana“ wird die Abschlussveranstaltung „Die Erste, die ich kannte…“ am 29. April 2026 im Hotel Silber musikalisch unterhalten. Bild: siehe Webseite des Chors.
Wie schätzen Sie die Relevanz Ihrer Forschungsarbeit für die breite Öffentlichkeit ein?
Elena: Unsere Forschung ist besonders relevant für aktuelle Debatten über Familie, Beziehungen und soziale Netzwerke.
Die historischen Lebensgeschichten zeigen eine große Vielfalt an Beziehungsweisen und Formen des Zusammenlebens, die oft jenseits der klassischen Kleinfamilie organisiert waren. Dazu gehören langfristige Partnerschaften zwischen Frauen, Wahlverwandtschaften, enge Freundinnennetzwerke oder gemeinschaftliche Sorgebeziehungen, die zentrale Funktionen von Familie übernommen haben. Viele Frauen haben von Frauenpaaren oder alleinstehenden Frauen in ihrer Kindheit in den 50er und 60er berichtet. Immer schon haben Frauen auch außerhalb der heterosexuellen Ehe gelebt.
Diese Perspektiven helfen uns, unser heutiges Verständnis von Familie und Beziehungen zu erweitern. Sie machen deutlich, dass das, was häufig als „natürlich“ oder selbstverständlich erscheint – etwa das Modell von Mutter, Vater und Kind –, historisch keineswegs alternativlos war.
Gerade in einer Zeit, in der Familie von einigen gesellschaftlichen Akteur:innen wieder stark auf dieses Modell verengt wird, zeigt unsere Forschung: Familie war immer schon vielfältiger. Indem wir diese historischen Beispiele sichtbar machen, tragen wir dazu bei, gegenwärtige Debatten zu differenzieren und scheinbare Selbstverständlichkeiten kritisch zu hinterfragen.
Steff: Was die medizinhistorische Aufarbeitung des Umgangs mit lesbisch queeren Menschen angeht, so ist es höchste Zeit, dass öffentlich darüber gesprochen wird, welche Rolle Psychiatrien bei der Diskriminierung queerer Menschen spielten. Auch wenn lesbische Liebe nicht strafrechtlich verfolgt wurde, so zeigen einige der Fälle aus unserer Studie, dass die Gesellschaft Psychiatrien durchaus als Korrektionsinstrument bewusst wahrnahm und nutze. Schon Kindern und Jugendlichen wurde bei unangepasstem Verhalten mit der Einweisung in Psychiatrien und Heil- und Pflegeanstalten gedroht und unter dem Deckmantel des Schutzes brachten Eltern ihre Töchter tatsächlich zur Vermeidung eines „ausschweifenden sexuellen“ Lebensstils zur Untersuchung in die Universitätspsychiatrien. Für lesbische* Frauen konnte diese Institution durchaus zu einem unsicheren Ort werden, selbst wenn dies nichts mit den Beschwerden zu tun hatte, weswegen sie die Klinik aufsuchten oder dort eingewiesen wurden. Schon alleine dadurch, dass wenn ihre Sexualität zum Thema wurde, diese auch in Entlassungsschreiben benannt wurde und so der Einweisende Arzt, Schulen, Eltern und weitere Institutionen informiert wurden. Auch wenn es reichlich spät kommt, aber vielleicht hilft es der ein oder anderen lesbisch* queeren Frau die in den 50er bis 70er Jahren aufwuchs, einzuordnen, dass sie nicht allein war mit diesem Schicksaal. Die breite Öffentlichkeit erkennt vielleicht, dass lesbisch*, trans*, inter* und queer auch in ihren vielleicht kleinen Herkunftsorten in Baden-Württemberg schon lange vor der heutigen LSBTTIQ-Bewegung existierte und nicht als Trend abgetan werden kann.

Muriel: Ich würde unsere Forschung in der aktuellen politischen Situation höchste Relevanz zugestehen.
In einer historischen Perspektive lassen sich politische Entwicklung gut nachvollziehen. Seit 1945 können einige Erfolge die Lebenssituation lesbisch* queerer Frauen benannt werden: So müssen sie bei einer Scheidung nicht mehr fürchten wegen ihres Begehrens das Sorgerecht für ihre Kinder zu verlieren. Homosexualität wird nicht mehr offiziell als Krankheit gelistet. Seit 2017 ist die Ehe für alle in Deutschland möglich und 2023 gedachte der Deutsche Bundestag erstmal den queeren Opfern des Nationalsozialismus.
Dagegen stehen Alltagserfahrung lesbisch* queerer Menschen, die mitunter von Beleidigungen, Diskriminierung und Gewalt geprägt sind. Hinzu kommt, dass auch auf rechtlicher Ebene noch einiges zu tun ist: So sind „Sexualität“ und „geschlechtliche Identität“ immer noch nicht als Kategorien in das Diskriminierungsverbot nach Artikel 3 des Grundgesetzes aufgenommen. Auch die Modernisierung des Abstammungsrechts steht immer noch aus: Das bedeutet, dass -obwohl zwei Frauen verheiratet sind – die Frau, die das Kind nicht geboren hat, das Kind als „Stiefkind“ adoptieren muss, um überhaupt als Elternteil zu zählen. Dieser Prozess umfasst große bürokratische Hürden als auch die Prüfung der Lebensumstände und der Eignung der Person durch das Jugendamt.
Gleichzeitig verschärft sich die Situation für queere Menschen zunehmend: Letztes Jahr gab es aus der deutschen Politik die Forderung nach einem Register für trans* Personen und die Gewalt gegenüber queeren Personen nimmt zu, was dazu führt, dass sich queere Menschen weniger trauen, ihre Beziehungen offen zu leben und in der Öffentlichkeit sichtbar zu sein. Und auch außerhalb Deutschlands zeichnet sich ein düsteres Bild ab: Es gibt immer noch 7 Länder auf der Welt, in denen die Todesstrafe für Homosexualität praktiziert wird, in 62 Ländern ist Homosexualität kriminalisiert. In Ungarn, den USA, Russland und vielen anderen Teilen der Welt nehmen rechte Tendenzen immer weiter zu. Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass sich solche Entwicklungen oft in der Diskriminierung und Verfolgung von Menschen äußern, die sich nicht einer vorgegebenen Geschlechternorm unterordnen.
Gerade daher ist es jetzt von ungeheurer Bedeutung Sichtbarkeit für queere Menschen zu schaffen. Ihre Geschichten zu erzählen, ihrer Diskriminierungserfahrung und Verfolgung auf der einen Seite, aber auch ihre Widerständigkeit, Kämpfe und das Festhalten an ihren Beziehungen auf der anderen Seite.
Unsere Forschung macht queere Lebenswelten in ihrer historischen Vielfalt sichtbar und verankert sie in Gesellschaft, Geschichtsschreibung und Lehre. Sie erinnert daran, dass queeres Leben immer Teil der Geschichte war – trotz wiederkehrender staatlicher und gesellschaftlicher Ausgrenzung. Nationalsozialistisches Denken und rechte Ideologien verschwanden nicht 1945, und es brauchte unermüdlichen Einsatz, um Räume zu schaffen, in denen queeres Leben wieder möglich wurde. Indem wir die Geschichten dieser Menschen und ihrer Kämpfe erzählen, übernehmen wir gesellschaftliche Verantwortung und machen zugleich deutlich, wie zerbrechlich diese hart erkämpften Freiheiten sind – und wie dringlich es ist, sie zu verteidigen.
Blog, Booklet, Queer und Gender Studies Science Slam
Aus unserem Projekt (sowie aus dem Projekt in Stuttgart) ist ein Blog mit dem Namen „lesbenwelt.hypotheses.org“ enstanden, auf welchem in kurzen Beiträgen unterschiedliche Themen aus den letzten Jahren aufbereitet wurden. Hier kann bei Interesse auch ohne wissenschaftliche Vorkenntnisse gestöbert und sich informiert werden.
Aus dem ersten Projektteil ist ein Booklet entstanden, welches weiterhin kostenfrei als PDF heruntergeladen werden kann.
Außerdem ist aus dem Projekt ein „Queer und Gender Studies Science Slam“ entstanden, welcher in regelmäßigen Abständen im Marstallcafe in Heidelberg stattfindet. In kurzen aufgelockert dargestellten Beiträgen sprechen die Slammer:innen dort über diverse queere und frauenpolitische Themen.
Texte, Podcasts und Interviews
Des weiteren sind in den letzten Jahren diverse Texte, Podcasts und Interviews entstanden, die unsere Ergebnisse einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich machen: Ausführliche Literaturempfehlungen von vielen wichtigen Aktivist*innen und Wissenschaftler*innen, finden sich am Ende des von uns herausgegebenen Booklets aus unserem ersten Forschungsprojekts mit dem Titel: Alleinstehende Frauen‘, ‚Freundinnen‘, ‚Frauenliebende Frauen‘ – Lesbische Lebenswelten im deutschen Südwesten:
Teil 1 Räume: (Muriel zusammen mit Adrian de Silva Artikel zu virtuellen Räumen; Steff Artikel zu Psychiatrischen Kliniken zusammen mit Karen Nolte)
Teil 2 Differenzen: (Artikel von Elena zusammen mit Katja Patzel-Mattern zu queer-lesbischen Beziehungsweisen)
Artikel zu Lesbische* Frauen* in einer westdeutschen Psychiatrie in den ersten Nachkriegsjahren im Dossier von zeitgeschichte|online.
Zeitungsbeitrag „Kontext, Wochenzeitschrift – Auf der Spur Frauenliebender Frauen„
Einen Vorschlag, wie es möglich ist Patient*innenakten queer zu lesen, findet sich im Band „Sexualitäten und Geschlechter – Historische Perspektiven im Wandel“ unter dem gleichnamigen Artikel, auch kostenlos unter: https://t1p.de/g5ehy
Podcast Light On! Queere Kultur und Geschichte, Folge 11: Frauenliebende* Frauen in Deutschen Südwesten.
Das Projekt Lesbische* Lebenswelten auf unserer Webseite Der-Liebe-wegen.org:
Grußwort von Ute Reisner vom Queeren Netzwerk Baden-Württemberg, Themengruppe Geschichte zur Veranstaltung „Lesbisches* Leben im deutschen Südwesten“ am 23. April 2024 im Erinnerungsort Hotel Silber
BOOKLET „LESBISCHE* LEBENSWELTEN IM DEUTSCHEN SÜDWESTEN (CA. 1920ER JAHRE – 1950ER JAHRE)“ ERSCHIENEN
FORSCHUNGSPROJEKT DER UNIVERSITÄTEN HEIDELBERG UND FREIBURG ZU LESBISCHEN LEBENSWELTEN ZWISCHEN 1920 UND 1970