Unterschriftenübergabe „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ beim CSD-Neujahresempfang
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Hier oben im Video ist die Unterschriftenübergabe „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ (ab 1:27:46) zu sehen.
Beim CSD-Neujahresempfang am 23. Januar 2026 im Wizemann Stuttgart konnten die Akteure der online-Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“, Kerstin Rudat (LSVD+ Baden-Württemberg), Lars Lindauer (IG CSD Stuttgart), Ralf Bogen (Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“) und Sven Tröndle (Weissenburg e.V.) 2036 Unterschriften Frau Bürgermeisterin Isabel Fezer (Referat Jugend und Bildung) symbolisch übergeben. Sie bedankten sich bei allen Unterstützenden und appellierten an die Gemeinderäte der Stadt Stuttgart, jetzt ein Zeichen zu setzen und Fritz Bauer eine angemessene Ehrung für sein außerordentliches demokratisches Engagement zuteil werden zu lassen. Zu Fritz Bauer sagten sie (Auszug):
Die Unterschriftenliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist:innen haben wir um das Anliegen erweitert, Fritz Bauer heute auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht zu würdigen. Bis heute ist Fritz Bauer vor allem als Initiator der Auschwitzprozesse bekannt. Wie kaum ein anderer steht er für die juristische Aufarbeitung der Verbrechen des Hitlerfaschismus.
Kaum bekannt ist bislang jedoch, dass der in Stuttgart geborene Sozialdemokrat jüdischer Herkunft nach erlittener KZ-Haft 1936 nach Dänemark fliehen konnte, wo er wegen seiner homosexuellen Kontakte von der dortigen Polizei überwacht und mit der Abschiebung nach Nazideutschland bedroht wurde. Weiter ist kaum bekannt, dass er als Generalstaatsanwalt maßgeblich den Weg zur Entkriminalisierung der Homosexualität in der Bundesrepublik ebnete. Beispielsweise gab er in den 1960er Jahren den Sammelband „Verbrechen und Sexualität“ mit heraus, welches als Taschenbuch über 50.000mal verkauft wurde. Tragischer Weise konnte er die Entkriminalisierung durch seinen frühen Tod 1968 im Alter von 64 Jahren nicht mehr selbst erleben.
In Stuttgart brüstete sich noch in den fünfziger Jahren die im ehemaligen Gestapogebäude “Hotel Silber“ ansässige städtische Kriminalpolizei, „zum Schrecken der Homosexuellen Stuttgarts“ geworden zu sein. Stuttgart gehörte in den Nachkriegsjahren zu den Hochburgen der Verfolgung und Drangsalierung homosexueller Männer. In unserer Stadt wurden selbst KZ-Überlebende wie Karl Zeh erneut aufgrund ihrer Homosexualität zu Gefängnisstrafen verurteilt.
Um auch aus diesem in unserer Stadt lang verleugnetem Unrecht zu lernen und das vorbildliche demokratische Engagement Fritz Bauers angemessen zu würdigen, fordern wir den Gemeinderat mit unserer Unterschriftenaktion dazu auf, ihm die höchste Ehrung unserer Stadt zu verleihen.
Beim CSD-Neujahrsempfang hat die IG CSD Stuttgart das neue Motto „Ohne uns Kein Wir! Füreinander laut, miteinander stark“ für den CSD in 2026 vorgestellt und dazu Folgendes veröffentlicht (Auszüge):
Unser Motto für 2026 ist ein klares politisches Statement und zugleich ein gesellschaftlicher Appell. Queere Menschen sind ein selbstverständlicher Teil dieser Gesellschaft. Ihre Vielfalt, ihre Lebensrealitäten und ihre Anliegen gehören in die Mitte – sichtbar, hörbar, geschützt und unterstützt und dürfen nicht von knappen Haushaltskassen abhängen. (…)
Mit Sorge blicken wir aktuell nach Berlin: Der nationale Aktionsplan „Queer leben“ wird von der Bundesregierung offenbar als abgeschlossen betrachtet. Damit fehlt auf Bundesebene derzeit ein zentrales strategisches Instrument für Schutz, Akzeptanz und gleiche Rechte queerer Menschen – gerade in einer Zeit, in der diese dringend gebraucht würden.
Auch auf Landes- und kommunaler Ebene spitzt sich die Lage zu. Viele Kommunen stehen unter finanziellem Druck, Sparmaßnahmen treffen häufig zuerst soziale, kulturelle und zivilgesellschaftliche Strukturen – darunter auch queere Beratungsstellen, Vereine und Projekte. Dabei sind diese Angebote unverzichtbar: Sie bieten Schutzräume, Beratung und Unterstützung für queere Jugendliche, Geflüchtete oder ältere Menschen. (…)
Alarmierend bleibt zudem die Entwicklung bei Hasskriminalität gegen LGBTQIA*-Menschen. In Baden-Württemberg stieg die Zahl der registrierten Fälle von 165 im Jahr 2023 auf 212 im Jahr 2024 – ein Plus von rund 30 Prozent. Gleichzeitig ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen. (…)
Die Stuttgart PRIDE 2026 steht für Sichtbarkeit, Sicherheit und Entschlossenheit. Wir setzen uns füreinander ein, wenn andere es nicht tun. Wir sind miteinander stark, wenn unsere Rechte infrage gestellt werden. Ohne uns kein wir – und ohne Solidarität keine gerechte Zukunft.
Wir danken dem Vorstand und allen ehrenamtlichen Akivist:innen der IG CSD Stuttgart für diesen Abend und für alle ihre Aktivitäten für Sichtbarkeit, Sicherheit und demokratische Entschlossenheit!
Sa 17.1.26, Film- & Diskussion: Wie das demokratische Vorbild Fritz Bauer sichtbarer machen?
Film- und Diskussionsveranstaltung anlässlich des Gedenktags für die Opfer der NS-Diktatur in 2026 Samstag, 17. Januar 2026 | Film „Die Akte General“: 18:00 Uhr | Diskussion: 20:00 Uhr | Ort: Weissenburg, Weißenburgstr. 28a, Stuttgart.
Mit einem Grußwort von Barbara Straub, Leiterin der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart.Mit dabei sind: Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V., Stuttgarter Stolperstein-Initiativen, Zeichen der Erinnerung & weitere Aktivist*innen aus der Erinnerungskultur und der LGBTIQA+-Community.
Demokratische Werte stehen unter Druck, während rassistische und queerfeindliche Haltungen wieder sichtbarer werden. Vor diesem Hintergrund gewinnt die Frage an Bedeutung, wie Städte heute Haltung zeigen – und welche Persönlichkeiten sie als Vorbilder für Gerechtigkeit, Vielfalt und Menschenrechte sichtbar machen.
Am 17. Januar 2026 lädt die AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. zusammen mit IG CSD Stuttgart und LSVD+ Baden-Württemberg zu einem Abend aus Filmvorführung und Diskussion in die Weissenburg (Weißenburgstr. 28a, Stuttgart) ein. Um 18 Uhr wird der Film „Fritz Bauer: Die Akte General“ gezeigt, ab 20 Uhr schließt sich eine offene Diskussion an, die auch ohne vorherigen Filmbesuch besucht werden kann.
Fritz Bauer, in Stuttgart geboren, ist vor allem als Initiator der Auschwitzprozesse bekannt und steht wie kaum ein anderer für die juristische Aufarbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen in der Bundesrepublik. Weniger bekannt ist sein langjähriger Einsatz gegen das §175-Unrecht und für die Entkriminalisierung einvernehmlicher (homo-)sexueller Handlungen zwischen Erwachsenen – ein Aspekt seines Wirkens, der im Laufe des Abends ebenfalls aufgegriffen wird.
Ausgangspunkt der Veranstaltung ist die noch bis zum 23.1.2026 laufende Unterschriftenaktion„Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“. Zwar würdigt die Stadt Stuttgart Fritz Bauers Lebenswerk ausdrücklich, verweist jedoch auf rechtliche Bedenken gegen eine posthume Ehrenbürgerschaft. Die Veranstaltenden nehmen dies zum Anlass, die Debatte zu öffnen und gemeinsam mit der Stadtgesellschaft darüber zu sprechen, wie eine demokratische Stadt Verantwortung übernehmen, Haltung zeigen und das Engagement von Persönlichkeiten wie Fritz Bauer dauerhaft sichtbarer machen kann. In diesem Zusammenhang wird auch der Vorschlag einer Fritz-Bauer-Ehrung als möglicher neuer Weg der öffentlichen Würdigung diskutiert – ausdrücklich als offener Impuls und nicht als festgelegtes Ergebnis. Als Orientierung dient unter anderem die Otto-Hirsch-Auszeichnung, mit der in Stuttgart seit 1985 Engagement für die christlich-jüdische Zusammenarbeit gewürdigt wird (Weitere Hintergrundinformationen siehe: „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“: Stadt bringt neue Ehrungsform ins Gespräch).
An der Diskussion beteiligen sich verschiedene Organisationen der Erinnerungskultur und der LGBTQIA+-Community. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, wie Erinnerungskultur demokratische Werte stärken, Rassismus und Queerfeindlichkeit entgegenwirken und für Jung und Alt spannend gestaltet werden kann.
Veranstaltet wird der Abend von der AG Queere Erinnerungskultur, der IG CSD Stuttgart e.V., dem LSVD+ Baden-Württemberg, dem Weissenburg e.V. sowie dem Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“.
Schüler:innen des Wagenburg-Gymnasiums aktiv für die Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“
Noch kurz vor Weihnachten erhielten wir ein Schreiben von Dr. Axel Nothardt, Verbindungslehrer des Wagenburg-Gymnasiums, der mit seinen Schüler:innen 214 Unterschriften für unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ gesammelt hat. Er hat sich auch bereit erklärt, bei unserer Film- und Diskussions-Veranstaltung am 17. Januar 2026 „Wie das demokratische Vorbild Fritz Bauer bekannter machen?“ in der Weissenburg (Weißenburgstraße 28a in Stuttgart) dabei zu sein. Das hat uns sehr gefreut und veranlasst, folgendes Kurzinterview mit ihm zu führen:
Wie sind Sie auf die Idee gekommen, die Unterschriftenaktion an Ihrer Schule zu unterstützen?
Dr. Axel Nothardt: Seit ich als Jugendlicher das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss gesehen habe, bin ich von Fritz Bauer fasziniert. In dem Stück wird der von Fritz Bauer initiierte Auschwitzprozess in Szene gesetzt. Immer wieder bin ich bei meinen Recherchen zum Holocaust auf ihn gestoßen. Im Jahr 2022 veranstaltete ich mit unserer UNESCO-AG eine szenische Lesung über das Leben und Wirken von Fritz Bauer. 2023 und 2025 spielten meine Schüler*innen in der Zentralen Stelle zur Verfolgung von Straftaten in der NS-Zeit den Fall Wilhelm Boger nach. Bauer hatte ihn aufgrund seiner sadistischen Methoden in Auschwitz angeklagt. Da ich schon lange überlege, wie Fritz Bauer geehrt werden könnte, begeisterte mich die Idee, ihn zum Ehrenbürger seiner Geburtsstadt Stuttgart zu machen. Diese Aktion ließ sich leicht mit dem Amnesty-Briefmarathon verbinden, den die UNESCO-AG immer zu Weihnachten durchführt. Die Schüler*innen stellten in den Klassen die Leistungen von Bauer vor und gaben allen Stuttgarter Schüler*innen die Möglichkeit, die Petition zu unterschreiben.
Mit der Unterschriftenaktion wird auch der langjährige Einsatz von Fritz Bauer gegen das §175-Unrecht gewürdigt, der bislang in der Öffentlichkeit kaum bekannt ist. Welche Rolle spielte dieser Aspekt?
Dr. Axel Nothardt: An unserer Schule gibt es seit vielen Jahren ein großes Interesse an der Thematik rund um die sexuelle Orientierung und geschlechtliche Identität. Das erste große Projekt gegen Homophobie organisierte die UNESCO-AG bereits vor zwölf Jahren. Damals wurden Homosexuelle in die neunten Klassen eingeladen. Sicher haben solche Projekte es erleichtert, dass sich auch homosexuelle Lehrer*innen outen konnten und dass es für Schüler*innen einfacher ist, sich als nonbinär zu outen. Die Initiative von Fritz Bauer, den § 175 abzumildern, war hierfür ein entscheidender Anfang. Für unsere Schüler*innen war Fritz Bauers Wirken beim Auschwitz-Prozess sehr wichtig. Ausschlaggebend, die Unterschriftenaktion zu unterstützen, war jedoch zu meiner eigenen Überraschung sein Wirken zum § 175.
Welche Projekte hat die Schulgemeinschaft bereits zum Holocaust und gegen Homophobie durchgeführt? Wie ist es dazu gekommen? Wie sind die Erfahrungen damit?
Dr. Axel Nothardt: 2014 wollten die Jungs es wissen. Jeden Morgen, wenn sie sich in der Schule treffen, fallen sie sich in die Arme und küssen sich. Was bei Mädchen akzeptiert sei, müsse auch für Jungs gelten, so unsere Zehntklässler. „Das ist unser Kampf für Männerrechte.“ Dieses Engagement wurde unterstützt, indem Homosexuelle in die Klassen eingeladen wurden. Die Mädchen der UNESCO-AG organisierten einen Flashmob. Sie gingen Arm in Arm durch die Königsstraße und sprachen die Passanten auf das Thema an. Die Reaktionen waren spannend. Jedes Jahr werden Plakate zu allen Varianten von Sexualität im Schulhaus aufgehängt. Die Ideen stammen von den Schüler*innen, die bei den Projekten die Hauptverantwortlichen sind. Wir Lehrer*innen unterstützen sie nur bei der Umsetzung. Deshalb haben wir immer beste Erfahrungen gemacht und die Projekte stoßen auf großes Interesse. Unser bisher größtes Projekt zum Holocaust ist die Gedenkfahrt nach Auschwitz. Im Februar 2024 und 2026 werden wir wieder eine Woche lang nach Polen fahren. In Krakau werden wir das Schindler-Museum, eine Zeitzeugin und die jüdische Gemeinde besuchen. Wir werden an einer politischen Stadtführung teilnehmen und ein Klezmer-Konzert besuchen. In Auschwitz werden wir das Stammlager und das Lager in Birkenau besichtigen und einige Workshops besuchen. Dabei ist die Aufarbeitung wichtig. Die Schüler*innen werden ihre Erlebnisse in einer Präsentation für die Schulgemeinschaft umsetzen. Beim letzten Mal führten sie ein Theaterstück auf, hielten eine Rede und trugen ein Gedicht vor. Außerdem zeigten sie Bilder, spielten Klezmer-Musik und sangen. Die gesamte Reise wurde in einem Buch mit Berichten und Bildern festgehalten. Wichtig ist, dass die Schüler*innen ihre Umsetzung selbst wählen dürfen und dabei unterstützt werden.
Das Kurzinterview führte Ralf Bogen
Erinnerungen an die Aidskrise der 80er/90er Jahre am Beispiel der AIDS-Hilfe Stuttgart
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„Lachen. Trauern. Kämpfen. Feiern. 40 Jahre Geschichte(n) der AIDS-Hilfe Stuttgart“ – ein Kurzfilm von Ralf Bogen und Lars Lindauer aus der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. Er zeigt Originalaufnahmen aus den 80er- und 90er-Jahren und vermittelt persönliche Einblicke in eine Zeit ohne wirksame HIV-Medikamente – eine Zeit, in der im Großraum Stuttgart über 600 Menschen an den Folgen von Aids starben.
Hinweis zur Schreibweise auf dieser Seite: Wir schreiben Aids gemäß heutiger Rechtschreibung groß am Wortanfang und ansonsten klein. Die Großschreibung AIDS verwenden wir ausschließlich im Eigennamen AIDS-Hilfe Stuttgart.
Vom Ende der Verfolgung zur Aidskrise der 80er/90er Jahre – Erinnerungen am Beispiel der AIDS-Hilfe Stuttgart
Zum 40-jährigen Jubiläum der AIDS-Hilfe Stuttgart baten uns die heutigen Aktiven, von unseren Erfahrungen aus den frühen Jahren der Aidskrise zu berichten. Diese Einladung hat vieles in uns wachgerufen – Erinnerungen, die weit zurückliegen und doch bis heute nachklingen.
Wir haben auf unserer Webseite die Rubrik „Aidskrise der 80er/90er Jahre“ daraufhin eingerichtet. Neben unserem Kurzfilm „Lachen. Trauern. Kämpfen. Feiern. – 40 Jahre Geschichte(n) der AIDS-Hilfe Stuttgart“ finden sich hier auch Wilfried Winklers Beitrag „Das war es wert“– ein eindringlicher Rückblick eines prägenden (Mit-)Gründers der AIDS-Hilfe Stuttgart auf die frühen Jahre der Aids-Krise. Wilfried engagierte sich zwischen 1984 und 1989 sowie 1992/93 im Vorstand, war später hauptamtlicher Koordinator bzw. Geschäftsführer und wurde 1987 erster Landesvorsitzender der Aids-Hilfe Baden-Württemberg. Zum ersten eingetragenen Vorstand gehörten außerdem Leelja Frost, Manfred Horch, Thomas Geyer und Jochen Pohlmann – Menschen, die damals Beruf und Studium weitgehend zurückstellten. Ihnen gilt unser tiefer Dank.
Blicken wir auf die 1980er und frühen 1990er Jahre zurück, wird spürbar, wie eng persönliche Erfahrungen und gesellschaftliche Umbrüche miteinander verflochten waren. Mit der Aufhebung der NS-Fassung des § 175 im Jahr 1969 (Sex zwischen Männern, die 21 Jahre oder älter sind, wurden ab diesem Zeitpunkt staatlicherseits nicht mehr verfolgt) keimte vorsichtig Hoffnung auf. Doch die Aidskrise erschütterte bald diese neu gewonnene Freiheit. Angst und Krankheit bedrohten das Leben, verstärkt durch die verletzende Vorstellung, Aids sei eine ‚Strafe Gottes‘. Gleichzeitig rückten Menschen in dieser Zeit um die Aids-Hilfen enger zusammen – in Stuttgart genauso wie anderswo: Partnerinnen, Freundinnen, Familienangehörige, Ärztinnen und Aktivistinnen bildeten Netzwerke, begleiteten Erkrankte und setzten sich für Würde, medizinische Forschung, Versorgung und gesellschaftliche Anerkennung ein. Aus Trauer erwuchs Kraft, die half, die Verstorbenen in Liebe und Dankbarkeit zu erinnern und Lebensfreude zurückzugewinnen.
Angesichts der gefährlichen Rechtsentwicklung der letzten Jahre und zunehmender Anfeindungen auf Anti-CSD-Demos spüren viele von uns erneut, wie unverzichtbar Zusammenhalt ist. Für die AIDS-Hilfe Stuttgart wünsche ich mir, dass sie auch künftig eine starke, positive Rolle einnimmt – besonders dann, wenn Projekte wie das Regenbogenhaus unter Druck geraten und Menschen wie beispielsweise queere Geflüchtete besonderen Schutz und Unterstützung brauchen.
Auf dass wir weiterhin gemeinsam lachen, trauern, kämpfen, feiern – ja gut, sicher und angstfrei LEBEN können.
Ralf Bogen im November 2025
P.S. Auf dieser Seite werfen wir auch einen Blick auf die Aids-Krise in den USA: Der Film „A Time of Change: Confronting Aids“ gibt den Menschen mit HIV und Aids in San Francisco Anfang der 1980er Jahre ein Gesicht. Zugleich zeigen wir mit mehreren Videos, wie Aktivist*innen gegen den drohenden Tod kämpften, wie ACT UP in den USA entstand und für dringend benötigte Forschungsgelder gestritten wurde.
Abb.: Wilfried Winkler bei der Renovierung der Aids-Hilfe
Das war es wert: von der Panik zur Beratungsstelle – ein persönlicher Rückblick auf die frühen Jahre der AIDS-Hilfe Stuttgart
von Wilfried Winkler, Stuttgart im November 2025
Schlagzeilen verbreiten Angst und Panik „Droht eine Pest?“ „Wird Aids wie ein apokalyptischer Reiter auf schwarzem Ross über die Menschheit kommen?“ „Tödliche Seuche Aids. Die rätselhafte Krankheit.“ So lauteten einige Schlagzeilen in der deutschen Presse ab 1982/83. Angst, Panik, Gefahr! Diese Schlagzeilen verunsicherten die Bevölkerung, besonders die schwulen Männer, die am stärksten von HIV betroffen waren. Um dem entgegenzuwirken, um Tabus zu durchbrechen und zu informieren, traf sich ab Herbst 1984 eine Gruppe von schwulen Männern im Buchladen „Erlkönig“ von Thomas Ott. Später kamen weitere Treffen in Privaträumen hinzu.
Der Verein Aus diesem lockeren Kreis entstand im Februar 1985 die AIDS-Hilfe Stuttgart als nicht eingetragener Verein. Ein entscheidender Schritt für die Akzeptanz als soziale Einrichtung und für die weitere, rasante Entwicklung war die Umwandlung in einen gemeinnützigen eingetragenen Verein im November 1985, verbunden mit der Mitgliedschaft bei der Deutschen Aids-Hilfe und dem Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverband. Die politischen Diskussionen zum Thema Aids – nicht nur in Bayern – unterstrichen, wie wichtig eine stabile Organisation als Ansprechpartnerin in Stuttgart war. Es dauerte Jahre, bis in Bayern die Internierungs- und Tätowierungsdebatten vom Tisch und die Ausgrenzung von HIV-positiven Menschen nicht mehr staatliches Programm waren. Auch in Baden-Württemberg gab es Politiker, die einigen der dort erwogenen Zwangsmaßnahmen durchaus etwas abgewinnen konnten und auf restriktive Ansätze setzten. Wir hingegen wollten aufklären, aufklären, aufklären – ohne Druck und Bedrohungsszenarien. Uns half, dass sich im Bund die liberale Linie der damaligen Bundesgesundheitsministerin Rita Süssmuth durchsetzte. Auch die Stadt Stuttgart orientierte sich auf kommunaler Ebene an dieser Haltung.
Endlich eigene Räume in der Schwabstraße – wachsende Nachfrage Ab September 1985 boten wir erstmals in den Räumen der Drogenberatungsstelle „Release“ eine Telefonberatung an – ein Geburtshelfer unserer Arbeit. Ausgangspunkt war für uns der Gedanke der Selbsthilfe. Im Januar 1986 zogen wir endlich in eigene Räume in der Schwabstraße im Stuttgarter Westen. Widerstände von Bezirksvorsteher und Nachbarn hielten uns nicht auf. Schnell entwickelte sich die Aids-Hilfe zu einer Beratungsstelle für Ratsuchende aus allen Bevölkerungsschichten. Damals hatten wir rund 120 Mitglieder, etwa 30 davon engagierten sich regelmäßig ehrenamtlich. Unterschiedlichste Berufe trafen sich hier: Krankenpfleger, Bankkaufleute, Studierende, Beamte, Selbstständige, Sozialarbeiter…
Herausforderungen Als unabhängige Beratungsstelle brachten wir oft Realitätssinn in politische Diskussionen ein – etwa, wenn vorgeschlagen wurde, Schwule könnten doch monogam leben oder mal ein Jahr auf Sex verzichten, um das Virus einzudämmen. Ich erinnere mich auch an ein Gespräch in einem Landesministerium, wo wir unser Postkarten-Leporello vorstellten. Auf den einzelnen Postkarten waren die Infektionswege klar und freizügig fotografisch dargestellt. Ein Mitarbeiter aus dem Ministerium sagte mir nach der Besprechung, er habe befürchtet, dass die leitende Ministerialbeamtin vor Schreck vom Stuhl fallen würde. Aber nichts dergleichen geschah, sie betrachtete das Leporello souverän und interessiert, und die Postkarten wurden auch von der Deutschen Post bundesweit ordnungsgemäß zugestellt. Stuttgart war damals eher pietistisch geprägt, und Behördenmitarbeiter und -mitarbeiterinnen mussten erst lernen, offen mit Schwulen und Menschen aus den sogenannten Hauptbetroffenengruppen zu diskutieren und zu verhandeln. Wenn ich an die Verantwortlichen im Gesundheitsamt und im Sozialamt zurückdenke, dann öffneten sich die Türen dort rasch. Die Mitarbeitenden auf allen Ebenen dort wollten zuhören, verstehen und mit uns zusammenarbeiten. Notfalls halfen wir mit Sachbüchern aus. Ein Buch wie „Der gewöhnliche Homosexuelle“ von Martin Dannecker verliehen wir gerne.
Selbsthilfe, Unterstützung und psychosoziale Stabilität Zu dieser Zeit war die Situation von Erkrankten katastrophal. Die Behandlungsmöglichkeiten waren unzureichend, die Kenntnis über die Krankheit erst im Wachsen. Viele starben unter schlimmen Umständen. Auch symptomfrei war es für viele Betroffene schwierig: soziale Ausgrenzung, Einsamkeit und Jobverlust drohten, behandelte ein Arzt oder Zahnarzt, wie reagierten die Eltern, gab es noch eine Zukunft? Die Aids-Hilfe bot ein zweites Zuhause, in dem Betroffene Selbstbewusstsein tanken konnten. Selbsthilfegruppen fungierten als Schutzraum, in dem Erfahrungen ausgetauscht wurden. Das war ein Weg, um abwehrenden, auch aggressiven Reaktionen in Teilen der Bevölkerung zu widerstehen. Resilienz wird so etwas heute genannt. Anonymität war gewährleistet. Der Austausch in der Selbsthilfegruppe als Schutzraum war wichtig, denn außerhalb der Räume in der Aids-Hilfe war das Thema oft tabuisiert, es musste mit Panikreaktionen und Isolierung gerechnet werden. Statt Theorie wurden eigene, ganz persönliche Erfahrungen weitergegeben. Von Anfang an standen Selbsthilfe, Beratung, Betreuung und Öffentlichkeitsarbeit im Zentrum unserer Arbeit. Erste Zuschüsse der Stadt Stuttgart flossen.
Öffentlichkeitsarbeit und politische Wirkung Unsere Öffentlichkeitsarbeit war stark zielgruppenorientiert. Streetwork, Präsenz in Diskotheken und Lokalen, Wirte-Gesprächsrunden gehörten dazu. Viele Wirte halfen bei Veranstaltungen mit. Ein Wirt wurde später Vorstandsmitglied der Aids-Hilfe. Wir sind den Wirten und Wirtinnen wie Jürgen, Laura, Heinz, Sylvia, Franz ebenso wie dem Stuttgarter Lederclub noch heute dankbar für ihre kraftvolle Unterstützung. Politisch bewegte sich Baden-Württemberg damals zwischen den Maßnahmen in Bayern und dem übrigen Bundesgebiet. So verwehrte uns der damalige baden-württembergische Kultusminister zwar mit einem Erlass den offiziellen Zugang zum Schulunterricht, dafür suchten aber Schulen, Schulklassen oder Elternvertreter den Kontakt zu uns und luden uns ein. Solche Einladungen nahmen wir gerne an. Auf der anderen Seite unterstützte uns das Land Baden-Württemberg zu dieser Zeit mit ersten Fördergeldern, ergänzend zu den Leistungen der Stadt Stuttgart. Unsere Tätigkeitsnachweise überzeugten wohl – der damalige Stuttgarter Gesundheitsbürgermeister bedankte sich in einem Schreiben an die Aids-Hilfe mit „wachsender Hochachtung“ für unsere Arbeit.
Jochen Pohlmann und Manfred Horch gehörten zu den Gründungsmitgliedern der AIDS-Hilfe Stuttgart im Rahmen der offiziellen Vereinsgründung mit Eintrag ins Vereinsregister und waren 1985 und 1986 im Vorstandder Aids-Hilfe(Foto aus der RAINBOW-Sonderbeilage: „10 Jahre AIDS-Hilfe Stuttgart 1985-1995“).
Haupt- und Ehrenamt: ein starkes gemeinsames Fundament Wohl förderte auch das erste Pressegespräch in eigenen Räumen mit öffentlicher Wirkung die Entscheidung der Stadt Stuttgart, uns die Anstellung des ersten hauptamtlichen Psychologen Mitte 1987 zu ermöglichen. So konnten wir bislang vernachlässigte Aufgaben ausbauen: die Beratung in Vollzugsanstalten, so u.a. in Stammheim und die Betreuung von i.v. Drogenabhängigen, die HIV-positiv getestet wurden. Die ehrenamtliche Arbeit sollte durch diese hauptamtliche Stelle nicht ersetzt, sondern ergänzt werden. Nach und nach arbeiteten ehemalige Drogenkonsumenten in der Aids-Hilfe ehrenamtlich mit.
Breite unserer Aufklärungsarbeit Wie breit unsere Aufklärungsarbeit gestreut war, zeigt folgender Auszug aus dem Terminkalender für die Monate Mai/Juni 1987: Stuttgarter Behindertenschullehrer, Stuttgarter Hebammenschülerinnen, Jugendhaus Leonberg, Junge Union Weinstadt, Jugendhaus Heslach, Jugendhaus Fellbach, Stuttgarter Schülerredakteure, Jugendwohnheim Esslingen, Jugendzentrum Villa 5, Drogenberatungsstelle Release, Jugendhaus Asperg, Evang. Jugendwerk Untertürkheim, Würtemberg-Gymnasium, Pro Familia, Ärztekammer, Jugendhaus Sindelfingen, Messe Stuttgart „pro sanita“, Auszubildende Firma Porsche, Kommunales Kino, Stadtjugendpflege, Diakoniestation Feuerbach, Merlin, DRK Aalen, Kreisjugendpflege Reutlingen, mehrere Infostände in der Stuttgarter Innenstadt, Jungsozialisten Schwäbisch Gmünd, SPD Böblingen, Gottlieb-Daimler-Berufsschule, Evang. Akademie Bad Boll, Albert-Einstein-Gymnasium, Gesprächsrunde Stuttgarter Wirte, Firma Daimler-Benz, Drogenberatungsstraße Seestraße, Städt. Arbeitskreis Aids, CDU Bezirksverband Nordwürttemberg, Jugendgruppe Reutlingen.
Die Buddy-Gruppe – praktische Hilfe und Menschlichkeit Die Behandlung der Immunschwächekrankheit war geprägt durch Wechsel zwischen Krankenhaus und Remissionsphasen in den eigenen Wänden. Die Aids-Hilfe entwickelte das Buddy-Prinzip: praktische Unterstützung, emotionale Begleitung, Hilfe in Krisensituationen – bis hin zur Sterbebegleitung. Unsere Buddys wurden in verschiedenen Fortbildungen geschult und brachten oft kleine Aufmerksamkeiten, etwa Teddybären, ins Krankenhaus – auch zur Freude von Stationsschwestern.
Telefon- und persönliche Beratung Die Telefonberatung und persönliche Beratung bildeten einen weiteren Schwerpunkt. Nach TV-Berichten – etwa einer ZDF-Sendung am 6. April 1987 – schnellten die Anruferzahlen sprunghaft in die Höhe (etwa von 15 auf über 50 Ratsuchende). Montags, dienstags, freitags und sonntags boten wir auf ehrenamtlicher Basis jeweils von 18 bis 22 Uhr eine Telefonberatung an. Bei Bedarf, so bspw. nach Medienberichten, erweiterten wir die Beratungszeiten.
Gründung des Landesverbandes und Teilnahme an einem Bundesmodellprogramm Wir wuchsen. Im Jahre 1987 gründeten wir mit anderen Aids-Hilfen einen Landesverband Baden-Württemberg, der seinen Sitz zunächst in den Räumen der Aids-Hilfe Stuttgart hatte. Ende 1987 konnten wir am Bundesmodellprogramm „Ausbau ambulanter Hilfen für AIDS-Erkrankte im Rahmen von Sozialstationen“ teilnehmen. Dieses Projekt der Bundesregierung zielte bis 1992 auf eine Verbesserung der ambulanten Versorgung von Menschen mit HIV/Aids. Nach nicht immer einfachen Verhandlungen mit anderen Trägern von sozialen Einrichtungen in Stuttgart erhielten wir 2,5 hauptamtliche Kräfte aus diesem Programm bewilligt, so dass wir insgesamt – neben etwa 75 Ehrenamtlichen – 3,5 Hauptamtliche hatten. Ohne unsere Hauptamtlichen wäre die Arbeit nicht mehr zu bewältigen gewesen. Die Arbeit von Haupt- und Ehrenamtlern- und innen war verzahnt und gleichberechtigt. Es galt ein Gebot gegenseitiger Rücksichtnahme, und unterschiedliche Bedürfnisse mussten wir immer wieder austarieren.
Umzug in die Silberburgstraße und neue Gruppen und Angebote Die Räume in der Schwabstraße waren endgültig zu klein. Im August 1988 bezogen wir größere Räume in der Silberburgstraße, die wir mit viel Elan renovierten. Die gesellschaftliche Diskussion um das Thema Aids hatte sich etwas beruhigt. Der Einzug in die neue Beratungsstelle war ohne Proteste möglich und eine eher freundlich gesinnte Nachbarschaft erwartete uns. Die Zahl der (Selbsthilfe-)Gruppen und das Angebot erhöhte sich in den Räumen in der Silberburgstraße, so bspw. für Frauen, die direkt von HIV und Aids betroffen waren oder als Freundin oder Angehörige zur Aids-Hilfe kamen; die Elterninitiative „Eltern HIV-positiver Kinder, die Gruppe „schwule Väter“, die „anonymen Sexaholiker“, safer sex-Gruppen oder Angehörige von Erkrankten trafen sich zum Erfahrungsaustausch. Ein Informationsdienst sammelte neueste Erkenntnisse aus Fachzeitschriften über Behandlungsmöglichkeiten, wissenschaftlichen Studien, Stand der medizinischen Diagnostik und Therapie.
Das „Rainbow“-Magazin Mit Eigenmitteln der Aids-Hilfe gründeten wir das „Rainbow“ als Informationsmagazin der Aids-Hilfe Stuttgart. Das „Rainbow“ war rasch ein wichtiger Bestandteil zielgruppenorientierter Öffentlichkeitsarbeit und wurde an allen wichtigen Orten schwulen Lebens in der Stadt ausgelegt. Dieses Informationsmagazin wandelte sich später zur Mitgliederzeitschrift der Aids-Hilfe mit festen Rubriken für klassische Hauptbetroffenengruppen und als Informationsdienst für die Allgemeinheit zum Thema HIV/Aids und berichtete über Veranstaltungen.
Erste Planungen für betreutes Wohnen Gemeinsam mit dem Caritasverband und der Stadt Stuttgart führten wir erste Gespräche über ein betreutes Wohnprojekt in einem Stuttgarter Stadtteil – ein wichtiges Zukunftsmodell. Damit sollten HIV-Positiven und auch Erkrankten die Möglichkeit gegeben werden, in einem geschützten Raum miteinander zu leben und versorgt zu werden. Das Projekt konnte 1993 realisiert werden.
Die erste Hocketse und zunehmende Mitgliederzahl Im September 1988 veranstalteten Stuttgarter Wirt:innen gemeinsam mit dem Lederclub Stuttgart und der Aids-Hilfe am Wilhelmsplatz eine erste Hocketse zugunsten der Aids-Hilfe Stuttgart. Aufgrund des Erfolgs führten wir im Anschluss an eine Veranstaltungswoche zum Thema Aids im August 1989 die zweite Hocketse wieder am Wilmshelmplatz durch. Den schwäbischen Ausdruck Hocketse wählten wir bewusst, um die Verbundenheit mit der Stadt Stuttgart, in der wir lebten, herauszustellen. Gerne erinnere ich an die „Aktion 500“, mit der neue Mitglieder gewonnen werden sollten. Das Ziel wurde weit übertroffen, so dass die Stuttgarter Aids-Hilfe bald zu den mitgliederstärksten Aids-Hilfen in Deutschland zählte.
„Das war es wert“ – Rückblick und persönliche Erkenntnisse Die beschriebene erfolgreiche Entwicklung der Aids-Hilfe Stuttgart in der Gründungs- und Aufbauphase war ehrenamtlich geprägt. Zurückblickend erscheint es mir atemberaubend, wie wir in recht kurzer Zeit Schritt für Schritt den Weg von einem kleinen Gesprächskreis zu einer anerkannten Beratungsstelle beschritten haben. Aus meiner Sicht waren die Verlässlichkeit, das „Füreinander-Einstehen“, ein gleichberechtigtes Handeln, das Zulassen von Stärken und Schwächen jedes Mitwirkenden, ein gegenseitiges Verzeihen von Fehlern, der Respekt, dass jede/r anders tickt, Unterstützung von außen und ein Bewusstsein, wach und aufmerksam auf politische Entwicklungen reagieren zu müssen, grundlegend für unseren Weg. Eine Portion Pragmatismus, auch im Umgang mit Einrichtungen und Institutionen der Stadt, war sicher hilfreich. Freundlich waren wir sowieso. Der eine oder die andere waren so stark engagiert, dass Beruf oder Studium ins Hintertreffen gerieten. Vierzig Jahre später kann man zu dem Ergebnis kommen: das war es wert. Heute ist die Aids-Hilfe eine nicht weg zu denkende soziale Einrichtung in Stuttgart. Das sind persönliche Erinnerungen – mit dem Recht auf Irrtum – aus der Zeit von Herbst 1984 bis 1989 und 1992/93. In dieser Zeit war ich mehrfach Vorstandsmitglied, dann hauptamtlich beschäftigter Koordinator/Geschäftsführer im Rahmen des Bundesmodellprogramms „Ausbau ambulanter Hilfen usw.“ und 1987 erster Landesvorsitzender der Aids-Hilfe Baden-Württemberg.
Während ich diese Zeilen verfasse, denke ich an an Armin, Dietmar, Georg, Gerd, Gottfried, Harald, Joachim, Iris, Jochen, Jürgen, Karl-Heinz, Klaus-Dieter, Leelja, Lutz, Manfred, Marina, Michelle, Mitglieder des Sozialfonds des LC Stuttgart, Peter, Rainer, Ralf, Ralph, Regina, Renate, Roland, Rose, Rudi, Rudolf, Ruth, Tommy, Thomas, Waldemar, die in der oben beschriebenen Zeit Teil des Teams „Macher und Macherinnen der Aids-Hilfe Stuttgart“ waren.
Abb. oben rechts: Heinz Stöffler, damals Präsident des Lederclub Stuttgarts, schrieb in „20 Jahre LC Stuttgart 1976-1996“ zur ersten Wilhelmplatz-Hocketse zugunsten der AIDS-Hilfe Stuttgart im September 1988: „Am 18. September 1988 fand die erste Hocketse auf dem Wilmhelmplatz statt, organisiert und vorbereitet von Sylvia (Abb. oben links: Sylvia Lang war damals Wirtin der lesbischen Kneipe „Sylvia’s Bierpunkt“) und ihren Frauen, dem LC Stuttgart und der Aids-Hilfe. Es war ein toller Auftakt und ein großer Erfolg. Die weiteren Hocketse auf dem Wilhelmsplatz und die darauffolgenden auf dem Schillerplatz gehören heute zu den großen Höhepunkten der Stuttgarter Szene, und wir können als Mitinitiatoren mit Recht darauf Stolz sein.“
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„A Time of Change: Confronting Aids“(1986) ist eine der frühen, berührenden Dokumentationen über die Anfänge der Aids-Krise in den USA. Auf Grundlage von Interviews aus den Jahren 1983–1984 zeichnet der Film ein eindrucksvolles Bild vom Alltag der Menschen mit HIV und Aids, ihrer Freund*innen sowie des engagierten Pflegepersonals am San Francisco General Hospital. Besonders bewegend sind die Originalaufnahmen der unvergesslichen Rede „We are fighting for our lives“ von Gary Walsh (1944–1984) beim Candlelight March in San Francisco 1983 (zu sehen bei 9:45, 27:35, 31:47 und 1:00:45).
Aids-Aktivist:innen in den USA kämpften buchstäblich um ihr Leben – und das ihrer Freund:innen. Um das Sterben zu stoppen forderten sie mit spektakulären Aktionen dringend benötigte Mittel für Forschung und Behandlung. Das Titelfoto von RAINBOW Nr. 30/1998 (Abb. oben) zeigt zwei Männer, die sich im April 1986 in San Francisco vor einem Regierungsgebäude angekettet hatten. Ihre Botschaft war klar: „Bekämpft Aids – nicht Menschen mit Aids!“
https://www.youtube.com/watch?v=hxwCA4-Q-I4
Zeitgleich gab es Nachrichten, die uns empörten: Der Film „Aids – die Afrikalegende“ von Heimo Claasen und Malte Rauch, ausgestrahlt am 5. Juni 1989 im 3. Fernsehprogramm, präsentierte Hinweise darauf, dass das HI-Virus möglicherweise nicht auf natürlichem Wege entstanden ist. Für uns entscheidender war jedoch: Während Aktivist*innen verzweifelt für dringend benötigte Mittel zur AIDS-Forschung kämpften, erhöhte die US-Regierung die angeblich nur defensive Biowaffenforschung um Millionen Dollar – wie der Film eindrücklich belegte. Die großen Medien wiesen die Inhalte des Films schnell als Stasi- oder KGB-Legende zurück, doch die politische Realität konnte nicht geleugnet werden: Aids-Forschung wurde gerade in den Anfangsjahren der Aidskrise sträflich unterfinanziert.
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Der Film „Vereint im Zorn: Die Geschichte von ACT UP“ zeigt die Entstehung und das Leben der US-AIDS-Aktivistenbewegung aus der Perspektive derer, die an vorderster Front gegen die Epidemie kämpften. Anhand von Zeitzeugenberichten von ACT-UP-Mitgliedern sowie seltenem Archivmaterial schildert der Film den Kampf von ACT UP gegen Profitgier von Konzernen, gesellschaftliche Gleichgültigkeit und staatliche Vernachlässigung. Mit Parolen wie „We die, they do nothing!“ führten sie Straßenblockaden und weitere Aktionen des zivilen Ungehorsams durch. Weil sie nichts mehr zu verlieren hatten und sich nicht länger ‚ruhigstellen‘ ließen, entwickelte die Bewegung eine enorme Kraft (siehe hierzu auch https://magazin.hiv/magazin/gesellschaft-kultur/aids-geschichte-wird-gemacht/). Aus der verzweifelten Lage heraus experimentierten US-Aktivist:innen auch eigenständig mit Medikamenten und kombinierten Wirkstoffe – lange bevor Schulmedizin und Pharmakonzerne das Prinzip der Kombinationstherapie aufgriffen.
Veranstaltung „Einmischen lohnt sich – ACT UP“, bei der Aktivist:innen gemeinsam mit HIV-Schwerpunktärzten und weiteren Wissenschaftler während der Stuttgarter CSD-Kulturwoche 1996 in der Weissenburg über den Stand der AIDS-Forschung und neue Behandlungsmöglichkeiten diskutierten.
„Warum wir kämpfen“ – Auszüge aus Vito Russo berühmter Rede 1988
Auszüge aus der berühmten Rede „Warum wir kämpfen“ des AIDS-Aktivist Vito Russo (* 11. Juli 1946 in Manhatten, New York City; † 7. November 1990), die er 1988 bei ACT UP-Demonstrationen in Albany, NY und Washington DC hielt:
„Wenn ich also an irgendetwas sterbe, dann an Homophobie. Wenn ich an irgendetwas sterbe, dann an Rassismus. Wenn ich an irgendetwas sterbe, dann an Gleichgültigkeit und Bürokratie, denn diese Dinge verhindern ein Ende dieser Krise. (…) Wenn ich an irgendetwas sterbe, dann daran, dass nicht genug reiche, weiße, heterosexuelle Männer an AIDS erkrankt sind, als dass es irgendjemanden interessieren würde.
Wissen Sie, mit AIDS in diesem Land zu leben, ist wie in einer anderen Welt. Es ist, als würde man einen Krieg durchleben, der nur für diejenigen stattfindet, die sich in den Schützengräben befinden. Jedes Mal, wenn eine Granate explodiert, sieht man sich um und stellt fest, dass man weitere Freunde verloren hat, aber niemand sonst bemerkt es. Es betrifft sie nicht. Sie gehen durch die Straßen, als würden wir nicht gerade einen Albtraum durchleben. Und nur Sie hören die Schreie der Sterbenden und ihre Hilferufe. Niemand sonst scheint es zu bemerken. (…)
Vor zweieinhalb Jahren las ich in der Zeitschrift „Life“ einen Leitartikel, der sagte: „Es ist Zeit aufzupassen, denn diese Krankheit beginnt nun, uns alle zu treffen.“ Es war, als hielte ich die Zeitschrift gar nicht selbst in der Hand. Und seitdem hat sich nichts geändert, was die Wahrnehmung widerlegen könnte, dass AIDS die Menschen in diesem Land nicht betrifft. Es betrifft nicht „uns“ in den Vereinigten Staaten, sondern „sie“, die austauschbaren Schwulen und Junkies, die es nicht anders verdient haben. (…)
Und die Tage, Monate und Jahre vergehen, und sie verbringen diese Tage und Nächte, Monate und Jahre nicht damit, sich den Kopf darüber zu zerbrechen, wie man an das neueste experimentelle Medikament kommt, in welcher Dosis, in welcher Kombination mit anderen Medikamenten, von welcher Quelle, wie man es bezahlen soll und wo man es überhaupt herbekommt, weil es sie nicht betrifft (…). Und sie verbringen ihre wachen Stunden nicht damit, von Krankenzimmer zu Krankenzimmer zu eilen und zuzusehen, wie die Menschen, die sie lieben, langsam an Vernachlässigung und Intoleranz sterben, weil es sie nicht betrifftund es sie nicht kümmert. Sie waren nicht die letzten drei, vier oder fünf Jahre auf zwei Beerdigungen pro Woche, also ist es ihnen egal, weil es sie nicht betrifft.
Und wir lasen letzten Samstag auf der Titelseite der New York Times , dass Anthony Fauci nun behauptet, diverse vielversprechende Medikamente seien in den letzten zwei Jahren gar nicht getestet worden, weil er sich die nötigen Prüfer nicht leisten könne. (…) Wie viele Menschen sind in den letzten zwei Jahren gestorben, die heute noch leben könnten, wenn diese Medikamente schneller getestet worden wären? (…)
Warum sind wir heute hier zusammen? Weil es uns selbst betrifft und es uns nicht egal ist. (…) Es ist mehr als nur eine Krankheit, die von ignoranten Menschen als Vorwand für ihre immerwährende Intoleranz missbraucht wird. Es ist mehr als eine Horrorgeschichte, die von Boulevardzeitungen ausgeschlachtet wird. AIDS ist eine echte Prüfung für uns als Gesellschaft. Wenn zukünftige Generationen fragen, was wir in dieser Krise getan haben, müssen wir ihnen sagen, dass wir heute hier waren. Und wir müssen den nachfolgenden Generationen ein Vermächtnis hinterlassen.
Eines Tages wird die AIDS-Krise vorbei sein. Vergesst das nicht. Und wenn dieser Tag kommt, wenn er vergangen ist, werden Menschen auf dieser Erde leben – Schwule und Heterosexuelle, Männer und Frauen, Schwarze und Weiße –, die die Geschichte hören werden, dass es einst eine schreckliche Krankheit in diesem Land und überall auf der Welt gab und dass eine mutige Gruppe von Menschen aufstand, kämpfte und in manchen Fällen ihr Leben gab, damit andere Menschen leben und frei sein konnten. Deshalb bin ich stolz, heute mit meinen Freunden und den Menschen, die ich liebe, zusammen zu sein, denn ich halte euch alle für Helden, und ich bin froh, Teil dieses Kampfes zu sein.“
„Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“: Stadt bringt neue Ehrungsform ins Gespräch
Unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht“ stößt auf breite Unterstützung. Mehr als 1.000 Menschen – darunter Gewerkschafter:innen (1), Historiker:innen (2), die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, die Stuttgarter Stolpersteininitiativen, das Netzwerk gegen Rechts Stuttgart, Zeichen der Erinnerung sowie die Israelitische Religionsgemeinschaft Württemberg (IRGW) – unterstützen das Anliegen. Über 200 Kommentare auf der Plattform Openpetition bekräftigen den Wunsch, Fritz Bauer als demokratisches und moralisches Vorbild in Stuttgart sichtbarer zu machen. Gerade in Zeiten, in denen demokratische Werte unter Druck geraten und rassistische wie queerfeindliche Tendenzen zunehmen, ist es wichtiger denn je, mutige Menschen wie Fritz Bauer in das Bewusstsein der Stadtgesellschaft zu rücken und sein Wirken stärker ins öffentliche Gedächtnis zu holen (vgl. „Rechte Gewalt steigt: Queere Menschen immer häufiger Opfer von Neonazi-Angriffen“).
Stadt verweist auf ihre rechtliche Einschätzung – bringt aber neue Ehrungsformen ins Gespräch Die Stadt Stuttgart betont in einem Schreiben des Sachgebiets Grundsatz- und Rechtsangelegenheiten vom 17. Oktober 2025, dass sie das Wirken Fritz Bauers mit voller Überzeugung unterstützt. Gleichzeitig verweist sie auf § 22 der baden-württembergischen Gemeindeordnung. Nach ihrer rechtlichen Einschätzung dürfen Ehrenbürgerschaften nur an lebende Personen vergeben werden. Wir hinterfragen diese Auslegung weiterhin (siehe hierzu: „Ehrenbürgerrecht für Fritz Bauer: Rechtslage weniger eindeutig als behauptet – der politische Wille ist gefragt“) und führen unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ wie geplant bis zum 23. Januar 2026 fort. Zugleich begrüßen wir ausdrücklich, dass die Stadt neue Formen des Gedenkens und der Ehrung ins Gespräch gebracht hat. Unser Anliegen bleibt es, gemeinsam Wege zu finden, um Fritz Bauers Lebenswerk sichtbar zu machen – als Zeichen einer Stadt, die Verantwortung übernimmt, aus ihrer Geschichte lernt und demokratische Werte lebendig hält.
Posthume Ehrung als starkes Zeichen moralischer Verantwortung Positiv bewerten wir insbesondere, dass die Stadt auf das Beispiel Göttingen hinweist, wo eine neue Ehrungskategorie für Verstorbene geschaffen wurde, die zwischen Ehrenbürgerschaften für Lebende und posthumen Ehrungen unterscheidet. Das zeigt: Posthume Ehrungen können weit mehr sein als Straßen- oder Platznamen oder Gebäudetitel – sie können ein starkes Symbol moralischer Wertschätzung und historischer Verantwortung sein.
Straßen- und Platzbenennungen – wichtig, aber nicht ausreichend Straßen- oder Platzbenennungen – etwa ein zentraler Platz nahe Bauers ehemaligem Amtsgericht, wie vom Journalisten Jan Sellner vorgeschlagen – unterstützen wir ebenso. (3) Doch diese allein können Bauers Bedeutung nicht vollständig gerecht werden. Bauer kämpfte unermüdlich gegen das Vergessen der Verbrechen der NS-Diktatur, gegen die Straflosigkeit von NS-Tätern und erhob als hoher Staatsbeamter bereits in den 1950er Jahren auch gegen die Diskriminierung homosexueller Menschen seine Stimme. In Stuttgart, besonders am Landgericht und im Hotel Silber, dem ehemaligen Sitz der Gestapo und der städtischen Kriminalpolizei nach 1945, wurde das §175-Unrecht noch bis in die 1960er Jahre auf besonders menschenverachtende Weise angewendet, so dass auch ehemalige KZ-Häftlinge wie Karl Zeh erneut wegen ihrer Homosexualität inhaftiert wurden. Diese Tragödie ist Teil unserer (Stadt-)Geschichte – sie verlangt nach einer angemessenen Erinnerung, die Bauers Mut, seine Weitsicht und seinen unermüdlichen Einsatz für Gerechtigkeit deutlich sichtbar macht. Dabei sollte Stuttgart endlich auch Bauers Rolle als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht angemessen würdigen.
„Wo ein Wille ist, ist ein Weg„: Erinnerung aktiv (mit-)gestalten Die Stadt nennt weitere rechtliche Bedenken, etwa dass „Ehrenbürgerwürde“ in Baden-Württemberg synonym mit Ehrenbürgerschaft in der juristischen Kommentarliteratur verwendet wird. Warum aber dann nicht eine eigene Ehrung für verstorbene Persönlichkeiten einführen, die sich besonders für demokratische Grundwerte, Menschenrechte und Gerechtigkeit eingesetzt haben und dabei auf Begriffe wie Ehrenbürgerwürde und Ehrenbürgerrecht verzichten? Diese Ehrung könnte bewusst außerhalb des §22 GemO liegen. Mögliche Namen könnten sein: „Stuttgarter Gedenkehrung“, „Ehrengedenken der Landeshauptstadt“ oder gar: „Fritz-Bauer-Ehrung“. Wir haben der Stadt mitgeteilt, dass wir die Diskussion über eine solche neue Ehrungskategorie transparent und öffentlich führen möchten – gemeinsam mit der interessierten Stadtgesellschaft und den demokratischen Parteien im Gemeinderat. Eine neue Ehrung, die auch die rechtlichen Bedenken der Stadt berücksichtigt, kann zeigen: Erinnerung ist kein Rückblick, sondern ein Auftrag nach vorn – für Zivilcourage, Menschlichkeit und demokratische Haltung. Sie würde Stuttgart als Stadt profilieren, die aus der Geschichte lernt und Mut belohnt. Zugleich wäre sie ein wichtiger Impuls für die Weiterentwicklung der kommunalen Erinnerungskultur – ein starkes und ermutigendes Zeichen für demokratische Haltung, gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit.
Mitmachen – Stimme zeigen Unsere Unterschriftenaktion hat bereits viel bewegt. Ob die Stadt die Ehrenbürgerschaft vergibt oder eine neue, gleichwertige Ehrungsform schafft – wir bleiben aktiv und laden alle Interessierten ein, Teil dieser Bewegung zu sein. Unsere Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ läuft bis zum 23. Januar 2026. Bitte verbreitet sie, unterschreibt und setzt damit ein sichtbares Zeichen für demokratische Grundwerte und Gerechtigkeit.
Bitte vormerken: Filmvorführung „Fritz Bauer: Die Akte General“ mit anschließender Diskussion zum Thema: Warum setzen wir uns für die Ehrenbürgerschaft von Fritz Bauer in seiner Geburtsstadt Stuttgart ein? Zeit und Ort: 17. Januar 2026, 18 Uhr, Weissenburg, Weißenburgstr. 28a. Veranstalter: AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. mit Unterstützung der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber.
Wer mehr über Fritz Bauer erfahren möchte: Für alle, die Fritz Bauers Lebensleistung und seine herausragende Bedeutung für queere Menschen bisher noch nicht kennen, haben wir einige informative Beiträge und Hintergrundmaterialien zusammengestellt: siehe die Begründung zur Unterschriftenaktion sowie (2) und (3). (2) und (3) gehen dabei genauer auf die lange nicht nur in der Stuttgarter Erinnerungskultur ausgeklammerte „homosexuelle Neigung“ von Bauer ein, die er zeitlebens auf Grund des §175-Terrors unsichtbar machen musste.
Abb. oben: Auszug aus der Kopenhagener Polizeiakte über Fritz Bauer vom 21. Oktober 1936 (Quelle: The Danish National Archives, Kopenhagen, siehe https://fritz-bauer-der-staatsanwalt.de/chapters/chapter05 (weit nach unten scrollen, Online-Ausstellung „Fritz Bauer. Der Staatsanwalt. NS-Verbrechen vor Gericht“ des Fritz Bauer Instituts vom Juli 2023). Bei Ronen Steinke: „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ (München 2013) heißt es: „Tief im Kopenhagener Staatsarchiv (…) liegen seit Jahrzehnten auch Berichte darüber, wie Bauer als junger Mann im Exil wegen homosexueller Handlungen vernommen wurde. Dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hätte diese Nachricht später, wäre sie je bekannt geworden, zum Verhängnis werden können – noch in den 1960er Jahren wurde Homosexualität in Deutschland als Straftat verfolgt.„
Abb. oben und unten: Ausschnitte des Schreibens der Geheime Staatspolizei/Stapoleitstelle Stuttgart mit Sitz im sogenannten „Hotel Silber“ vom 12.7.1938 an das Geheime Staatspolizeiamt Berlin. „Betrifft: Aberkennung der deutschen Staatsangehörigkeit des jüdischen Emigranten Dr. Fritz Max Bauer, led. Kaufmann (früher Amtsrichter)“. Darin heißt es u. a. – siehe Abb. unten: „Bauer zählte zu den ‚prominenten‘ Mitgliedern der SPD. (…) Mit echt jüdischer Frechheit hetzte er gegen die nationalsozialistische Bewegung“ (PAAA – Politisches Archiv des Auswärtigen Amtes – RZ 214/99722, S. 34ff.). Hetzen würden demnach die NS-Opfer, nicht aber die Nazis selbst.
Lachen. Trauern. Kämpfen. Feiern. 40 Jahre Geschichte(n) der AIDS-Hilfe Stuttgart
Die AIDS-Hilfe Stuttgart feiert ihr 40jähriges Bestehen und lädt zum Jubiläumsempfang am Mittwoch, den 5. November 2025im Stuttgarter Rathaus ein (18 Uhr Einlass, 18:30 Uhr Sektempfang und 19 Uhr offizieller Beginn). „Gemeinsam wollen wir auf vier Jahrzehnte unseres Engagements zurückblicken, Erreichtes feiern und euch/Ihnen einen Ausblick auf die Aidshilfe-Arbeit von morgen geben“ heißt es in der Einladung. Wer dabei sein möchte, kann/soll sich hier anmelden: https://eveeno.com/40jahre-ahs.
Für den Abend haben wir von der AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. einen Kurzfilm zu Geschichte(n) der AIDS-Hilfe Stuttgart in den 80er- und 90er Jahren erstellt, der an eine Zeit erinnert, in der es noch keine wirksamen Medikamente gab und im Großraum Stuttgart über 600 Menschen an den Folgen von Aids gestorben sind. Warum es trotzdem allen Grund gibt, das Bestehen der Aids-Hilfe zu feiern, auch im Gedenken an jene, die uns vielleicht von einer Wolke aus zusehen, das bleibt an dieser Stelle noch unser Geheimnis. Seid dabei und meldet Euch rechtzeitig an: https://eveeno.com/40jahre-ahs .
Gedenkaktion: „Lachen, Weinen, Trauern, Feiern – Ihr seid bei uns“ zur Erinnerung an verstorbene Freund:innen beim Stuttgart CSD 2002
Spuren der Aidskrise der 80er und 90er Jahre
Wie tief die Spuren der Aidskrise der 80er und 90er Jahre bis heute reichen, beschreibt Martin Reichert in seinem empfehlenswerten Buch „Die Kapsel“ (Berlin 2018), woraus wir Auszüge veröffentlichen:
Aids ist wie der Paragraf 175 gleichsam eingeschrieben in ihre DNA
„Für jüngere Schwule um die zwanzig ist Aids ungefähr so weit weg wie der Zweite Weltkrieg (…) Doch für mindestens eine Generation von schwulen Männern waren die achtziger und frühen neunziger Jahre einer Zeit, die schwere Traumatisierungen hinterlassen hat. Ihre Erlebnisse haben die meisten von ihnen jedoch fest in einer Kapsel verschlossen, die sie mit sich herumtragen, samt all den Erinnerungen an jene dunkle Zeit.
Aids ist auf der einen Seite also längst Geschichte, und doch leben noch immer rund 80.000 Infizierte in Deutschland, ein großer Teil schweigend. Im Rahmen dieses Buches soll versucht werden, mit einigen von ihnen ins Gespräch zu kommen (…). Dass die meisten Positiven, die in diesem Buch zu Wort kommen, ihren Namen nicht nennen möchten, spricht für sich.
Es war eine bewusste Entscheidung, die Geschichte von Aids in Deutschland anhand der Erfahrungen und biografischen Erlebnisse schwuler Männer zu erzählen, waren und sind sie doch die Hauptbetroffenen. Aids wurde zu einem Teil ihrer Geschichte, ist wie der Paragraf 175 gleichsam eingeschrieben in ihre DNA. (…)
Auffällig erscheint mir bei einem Großteil der Zeitzeugen eine gewisse Abwehr von Mitleid und Empathie gegenüber dem, was sie erlitten haben. Zu monströs erscheint den meisten, was ihren einstigen Weggefährten widerfahren ist, als dass man selbst Anspruch hätte auf Anteilnahme. „Welches Leid, ich lebe noch?“ so könnte man die Reaktionen zusammenfassen. Die Beschädigung aber, die Ängste und Verluste, der Schmerz und die Trauer, die diese Männer erlebten mussten, all das verdient Respekt. Einige waren gezwungen, über sich hinauszuwachsen. Andere haben sich zurückgezogen. (…)
Nach meinem eigenen Coming-Out im Jahr 1996 hatte ich immer das Gefühl, mich in ein gemachtes Bett zu legen – die Schwulenbewegung hatte ihren Kampf gekämpft und eine beeindruckende Infrastruktur aufgebaut. (…) Als junger Mann in meinen Zwangzigern begriff ich zwar, dass HIV und Aids zum Schwulsein irgendwie dazugehörten, gleichzeitig (…) war ich erleichtert, zu der Generation zu gehören, die nicht mehr von dem großen Sterben betroffen war; was da eigentlich geschehen war, hatte ich nicht verstanden. Die Älteren erzählten in der Regel nichts, und ich habe auch nicht nachgefragt. Als würde es sich um ein dunkles Familiengeheimnis handeln, über das man ungern spricht…
Rechte Gewalt steigt: Queere Menschen immer häufiger Opfer von Neonazi-Angriffen
„Das Gefühl, es könnte etwas Krasses passieren, ist ständig präsent“ In Deutschland nimmt die Gewalt gegen queere Menschen seit einigen Jahren zu. „Das Gefühl es könnte etwas Krasses passieren ist ständig präsent“, so Yvonne Fahrenholz vom CSD Köln (1). Besonders stark gestiegen ist in den vergangenen Jahren die Zahl politisch motivierter Übergriffe durch Neonazis. Laut der Amadeu Antonio Stiftung wurde im Jahr 2025 fast jede zweite CSD-Parade Ziel von Angriffen, Störungen oder sogar Verhinderungsversuchen. Besonders betroffen sind Veranstaltungen in Ostdeutschland, wo die AfD in vielen Regionen die stärkste politische Kraft stellt (2). Der Komiker, Schauspieler und Autor Hape Kerkeling sieht in einem Verbot der AfD die einzige Möglichkeit, eine Katastrophe zu verhindern. „Wir stehen jetzt vor dem Problem, vor der real existierenden Möglichkeit, dass Deutschland eine Diktatur wird und das innerhalb kürzester Zeit“, so Kerkeling (3).
Neonazis stören und attackieren CSDs Bei fast jedem zweiten CSD im Jahr 2025 kam es laut Stiftung zu Angriffen oder Störungen – in etwa der Hälfte der Fälle durch Neonazis. Insgesamt wurden 111 Vorfälle dokumentiert. Diese reichten von Neonazi-Gegendemonstrationen mit mehreren hundert Teilnehmenden über Verhinderungsversuche bis hin zu körperlicher Gewalt, Hassreden, Onlinehetze und Sachbeschädigungen (2). Laut Bericht ereigneten sich Angriffe und Störungen bundesweit, doch der Anteil in ostdeutschen Bundesländern war deutlich höher. So fanden 2025 rund 25 Prozent aller CSDs im Osten und 75 Prozent im Westen (inklusive Berlin) statt. Gestört oder angegriffen wurden jedoch 66 Prozent der CSDs im Osten, während es im Westen etwa 38 Prozent waren (2).
Bedrohte Freiräume – was auf dem Spiel steht, wenn CSDs angegriffen werden „CSDs sind nicht nur Feiern queerer Vielfalt, sondern Demokratieorte, an denen Menschenrechte sichtbar werden“, so Timo Reinfrank aus dem Vorstand der Amadeu Antonio Stiftung. Gerade in kleineren Städten und ländlichen Regionen Ostdeutschlands, wo CSDs oft zum ersten Mal stattfinden und regelmäßig Anfeindungen erleben, stünden sie für Mut und demokratische Selbstbehauptung. „Wenn diese Räume bedroht werden, trifft das die demokratische Öffentlichkeit im Kern.“ (2)
Einflussreiche AfD-Politiker:innen fordern Verbot von CSDs und beteiligen sich an Anti-CSD-Kampagnen Im Gegensatz dazu fordern AfD-Politiker:innen wie Christina Baum bereits seit Längerem das Verbot von CSD-Demonstrationen. Queere Menschen sollen nach ihrer Vorstellung nicht mehr für gleiche Rechte demonstrieren dürfen. Björn Höcke versucht zudem, gezielt queerfeindliche Kampagnen zu stärken, etwa indem er den Monat Juni zum „Stolzmonat“ – als Gegenpol zum internationalen „Pride Month“ – erklären will (4).
Hape Kerkeling: „Wir stehe vor der real existierenden Möglichkeit, dass Deutschland eine Diktatur wird“ Der Komiker, Schauspieler und Autor Hape Kerkeling betont, dass es nur in bestimmten Fällen sinnvoll sei, mit AfD-Anhänger:innen zu sprechen: „Alle Menschen, die sich davon einfangen lassen (…) sollte man in jedem Fall versuchen einzufangen und eines Besseren belehren“, sagt er. „Diejenigen, die jedoch für diese Politik stehen und sie nach außen vertreten, ich glaube nicht, dass bei denen ein Sinneswandel möglich ist.“ Bei solchen Menschen, so der Comedian, hätten Diskussionen keinen Sinn. „Es ist mir unerklärlich, wie man sich seine eigene Katastrophe herbeiwählen kann. Ich verstehe, dass Menschen mit der Politik unzufrieden sind, das bin ich auch. Aber deswegen will ich doch nicht die Demokratie abschaffen“, sagt er. „Die Geschichte hat gezeigt, was die probaten Mittel sind. Ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, dass Faschismus jemals durch Diskussion beendet wurde. (…) Ich höre immer nur, es wäre zu riskant, diese Partei zu verbieten. Diese Argumentation halte ich für geradezu grotesk. (…) Wir stehen jetzt vor dem Problem, vor der real existierenden Möglichkeit, dass Deutschland eine Diktatur wird und das innerhalb kürzester Zeit“, so Kerkeling. (3)
Eugen-Bolz-Preis für klare Haltung gegen Rechts Im September 2025 erhielt Kerkeling für seine mutigen Äußerungen und sein klares Eintreten gegen Rassismus, Rechtspopulismus und Neofaschismus den Eugen-Bolz-Preis in Rottenburg bei Tübingen. Bei der Preisverleihung war die Festhalle bis auf den letzten Platz gefüllt. Er erzählte dort von seinem Großvater, der von den Nazis inhaftiert und 1945 von Amerikanern aus dem Konzentrationslager Buchenwald befreit wurde. Er erinnerte an das Attentat in Hanau, bei dem neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Über die AfD sagte er: Sie bedrohe unsere Demokratie – das sei keine Übertreibung, sondern eine nüchterne Analyse. „Ein giftiges Gericht gehört nicht auf die demokratische Speisekarte.“ (5)
„Sollte Fritz Bauer Stuttgarter Ehrenbürger werden? Antwort: Ja! Ohne Wenn und Aber! Die von der Vereinigung der Verfolgten des Nazi-Regimes sowie dem Verein Weissenburg in dem Projekt „Der Liebe wegen“ aufgeworfene und gleichzeitig befürwortete Frage hat nur leider einen Haken: Die posthume Verleihung der Ehrenbürgerwürde an den 1903 in Stuttgart geborenen und 1968 in Frankfurt am Main verstorbenen großen Kämpfer für Gerechtigkeit und Freiheit ist rechtlich nicht möglich. Das geltende Stuttgarter Stadtrecht schließt selbst eine symbolhafte Verleihung des Ehrenbürgerrechts an Verstorbene aus.“
Dass die Rechtslage gar nicht so eindeutig ist und es weder im Stuttgarter Stadtrecht noch in der baden-württembergischen Gemeindeordnung eine Rechtsvorschrift gibt, die den Kommunen eine Verleihung der Ehrenbürgerwürde explizit verbietet, geht aus dem empfehlenswerten Kontextbeitrag „Nazijäger darf nicht Ehrenbürger werden„ von Oliver Stenzel hervor (Kontext-Wochenzeitung Ausgabe 759). Zur Behauptung, dass die Verleihung der Ehrenbürgerwürde für Fritz Bauer in Stuttgart „rechtlich nicht möglich“ sei heißt es hier:
„Ralf Bogen vom Projekt ‚Der Liebe wegen‘ macht das stutzig. ‚Es gibt bereits einige Fälle einer posthumen Verleihung der Ehrenbürgerwürde‘, sagt Bogen. So verlieh etwa die Stadt Berlin 2002 der einige Jahre zuvor gestorbenen Schauspielerin Marlene Dietrich, auch wegen ihres Engagement gegen die Nazis, die Ehrenbürgerwürde. Und im Mai 2025 verlieh die Stadt Euskirchen die Ehrenbürgerwürde an Willi Graf, der 1943 wegen Verteilens von Flugblättern der Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ hingerichtet worden war. Bogen fragte daher im Juli in der Abteilung Grundsatz- und Rechtsangelegenheiten der Stadt Stuttgart nach, welche Rechtsvorschrift genau denn die posthume Verleihung der Ehrenbürgerwürde verbiete. Etwa eine Regelung im Stadtrecht, die es so in Berlin oder Euskirchen nicht gibt? Eine solche konnte ihm bislang jedoch nicht genannt werden.“
Eine Lebendbedingung sei auch in der baden-württembergische Gemeindeordnung nirgendwo im Wortlaut fixiert. Eine posthume Verleihung sei also nicht ausdrücklich verboten. Kontext habe daher bei der Stadt Stuttgart nachgefragt, ob und was für sie aus rechtlicher Sicht gegen eine posthume Verleihung spreche. In der Antwort der Pressestelle sei auf die genannte baden-württembergische Gemeindeordnung verwiesen worden. Voraussetzung für eine Verleihung sei „nach allgemeiner Meinung“, dass die zu ehrende Person noch lebe, da, „es sich um eine reine Ehrenbezeichnung und ein Persönlichkeitsrecht“ handle. Deswegen käme, „eine posthume Verleihung der Ehrenbürgerwürde (…) nach geltender Gesetzeslage in Baden-Württemberg nicht in Betracht.“ Dazu merkte Kontext kritisch an:
„Ist das wirklich so? Die Formulierung ’nach allgemeiner Meinung‚ bezieht sich auf mehrere Titel von Rechtskommentaren, die von der Stadt angeführt werden. Nun handelt es sich bei Rechtskommentaren stets um Interpretationen von schriftlich fixiertem Recht, die so oder so ausfallen können. Nachfrage also: Ist die Lebendbedingung beziehungsweise die nicht in Betracht kommende posthume Verleihung tatsächlich in keiner Rechtsvorschrift explizit festgelegt, und stützt sich die Stadt allein auf die genannten Rechtskommentare? Dies sei ‚korrekt und zutreffend‘, kommt als Antwort von der Pressestelle.“
Diese Antwort der Stadt würde nicht nur wegen der genannten Fälle von Marlene Dietrich und Willi Graf verblüffen, die an keiner juristischen Einschätzung scheiterten. Oliver Stenzel führt auch einen Fall aus Baden-Württemberg an. Dort hatte der Gemeinderat von Spraitbach (Ostalbkreis) im März dieses Jahres am 4. Juni dem wenige Monate zuvor gestorbenen ehemaligen Gemeinderatsmitglied und Ersten Bürgermeister Erich Pommerenke posthum die Ehrenbürgerwürde verliehen. Auch das, was die Stadt Esslingen zu Ehrenbürgerschaften auf ihrer Homepage schreibt, würde anders „als die kategorische Antwort aus der Stuttgarter Rechtsabteilung“ klingen:
„Wer das Ehrenbürgerrecht verliehen bekommen kann, ist nur sehr vage geregelt, was den Gemeinden einen großen Handlungsspielraum eröffnet. § 22 der Gemeindeordnung regelt lediglich, dass Gemeinden diejenigen Personen mit dem Ehrenbürgerrecht auszeichnen können, die sich besonders verdient gemacht haben. (…) Für die Stadt Esslingen lassen sich einige Gemeinsamkeiten unter den Ehrenbürgern festmachen. So wurde das Ehrenbürgerrecht beispielsweise noch nie posthum vergeben, zudem waren alle Träger bislang männlich.“
Stenzel kommt daher zu folgender Schlussfolgerung:
„Vielleicht braucht es hier, wie bislang fast immer in der bundesdeutschen Erinnerungskultur, auch ausdauernden Druck aus der Bürgerschaft. Mit der Unterschriftenaktion wolle man jedenfalls, (…) ‚eine breite Debatte in der Stadtgesellschaft anregen und dazu beitragen, Fritz Bauer als mutiges Vorbild noch bekannter zu machen‘. Bis in den Januar 2026 sollen noch Unterschriften gesammelt, beim CSD-Neujahrsempfang am 23. Januar dann die Unterschriften an eine Vertreter:in des Stuttgarter Gemeinderats übergeben werden. Ob die Stadt bis dahin ihre Rechtsauffassung ändert, bleibt abzuwarten.“
Der vollständige Kontext-Artikel kann hier aufgerufen werden.
6.11.25 bis 16.1.26: Ausstellung „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“
Beim Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2023 im Deutschen Bundestag standen erstmals die queeren Opfer im Fokus. Die historisch-dokumentarische Ausstellung „gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ knüpft an dieses wichtige erinnerungspolitische Signal an und macht das Thema Ausgrenzung und Verfolgung queerer Menschen in den Jahren 1933 bis 1945 nun einem breiten Publikum zugänglich.
Die Ausstellung zeichnet die vielfältigen und ambivalenten Lebensgeschichten queerer Menschen nach. Sie macht auch mit bislang unveröffentlichtem Material deutlich, wie das Leben vieler queerer Menschen gebrochen und zerstört wurde. Sie beleuchtet gleichzeitig, wie verbliebene Handlungsspielräume im Alltag genutzt wurden. Erzählt werden keineswegs nur Verfolgungsgeschichten, sondern auch Wege der Selbstbehauptung in einer widrigen Lebensrealität. Anhand von Dokumenten, Grafiken, Fotografien und Zitaten haben Sie die Möglichkeit, queere Menschen und ihre individuellen Lebensgeschichten kennenzulernen. Das Staatsarchiv Ludwigsburg ergänzt die Ausstellung mit Dokumenten aus den eigenen Beständen, die queere Schicksale aus der Region beleuchten.
Do 6.11.2025 um 18 h im Staatsarchiv Ludwigsburg: Eröffnungsveranstaltung: Die Eröffnung der Ausstellung findet statt am Donnerstag, 6. November 2025 um 18 h im Staatsarchiv Ludwigsburg am Arsenalplatz 3, eine Anmeldung ist nicht erforderlich. Nach einem Grußwort der Stadt Ludwigsburg führt Karl-Heinz Steinle, Co-Kurator der Ausstellung und Mitarbeiter im Forschungsprojekt „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik“ der Universität Stuttgartin die Ausstellung ein. Im Anschluss daran lesen Studierende der Akademie der Darstellenden Künste Ludwigsburg „Queere Schicksale in den Akten des Staatsarchivs Ludwigsburg“.
Ermutigender Start der Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ – jetzt dranbleiben
„Unsere beim CSD gestartete Unterschriftenaktion ‚Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht‘ hat viel Unterstützung bekommen. Das freut uns sehr“, sagt Lars Lindauer von der IG CSD Stuttgart e.V. und Mitstreitender der AG queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. „Nahezu alle an der CSD-Hocketse beteiligte Organisationen haben die Aktion unterstützt, so dass wir in kurzer Zeit ermutigende erste 500 Unterschriften erzielen konnten“.
Sportverein Abseitz, AIDS-Hilfe Stuttgart, Elterngruppe homosexueller Kinder
„Wir leben in Zeiten, in denen rassistische und queer-feindliche Narrative im Internet und auf der Straße zunehmen. Vor diesem Hintergrund hat Fritz Bauer mit seinem entschlossenen Kampf zur Aufarbeitung der NS-Verbrechen für die heutigen Herausforderungen noch eine viel größere Würdigung in seiner Geburtsstadt Stuttgart als bislang verdient“ meint Kerstin Rudat vom LSVD+ Baden-Württemberg e.V..
„Dass Bauer auch einer der Ersten in der Bundesrepublik war, der gegen die Bestrafung einvernehmlicher sexueller Handlungen von erwachsenen Männern seine Stimme erhoben hat, ist vielfach noch nicht bekannt. Überlieferte Polizeiakten aus seiner Exilzeit in Dänemark belegen zusätzlich, dass er selbst seine homosexuellen Neigungen nicht leben konnte, sondern unsichtbar machen musste. Queere Rechte sind Menschenrechte, für welche Fritz Bauer einstand. Darum sollte dieser wesentliche Aspekt des Lebens von Fritz Bauer auch in Stuttgart nicht mehr länger ausgeklammert werden“, ergänzt Sven Tröndle von der Weissenburg e.V.
AktivistA (Verein des asexuellen Spektrums), „Schalom – Salam – Merhaba & Grüß Gott*: tgbw e.V. und religiöse Organisationen beim CSD, Mission TRANS*, Verein zur Förderung von Jugendlichen
„Wir begrüßen den Vorschlag des Journalisten Jan Sellner, nach Bauer nicht nur ein Sträßchen in Sillenbuch, sondern einen Platz im Stadtzentrum in der Nähe des Amtsgerichts, seiner früheren Wirkungsstätte, zu benennen. Von hier aus wurde Bauer am 24. März 1933 wegen seiner der NSDAP unliebsamen sozialdemokratischen politischen Tätigkeit und seiner jüdischen Herkunftverhaftet und in das erste nationalsozialistische Konzentrationslager Württembergs auf dem Heuberg auf der Schwäbischen Alb verschleppt. Aus Sicht queerer Vereine ist gerade an diesem Ort auch daran zu erinnern, wie die Justiz menschenverachtend zur bundesweiten Vorreiterrolle Baden-Württembergs bei der §175-Verfolgung entscheidend beitrug. KZ-Überlebende wie z. B. Karl Zeh wurden statt entschädigt, dort erneut wegen ihrer Homosexualität zu Gefängnisstrafen verurteilt“ teilt Ralf Bogen vom Internetprojekt „Der-Liebe-wegen“ – www.der-liebe-wegen.org – mit. „Eine solche Platzbenennung wäre eine wichtige Ergänzung der von uns angestrebten Verleihung der Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer. Der Stuttgarter Gemeinderat könnte sich durch Ehrenbürgerschaft und Platzbenennung deutlich zur konsequenten demokratischen Haltung von Bauer bekennen und ein wirkungsvolles Zeichen gegen Rassismus und Queerfeindlichkeit für heute und für künftige Generationen setzen“.
Begrüßenswert ist in letzter Zeit die positive Berichterstattung über Fritz Bauer in den Stuttgarter Medien. Allerdings wurde von diesen ohne genauere Angaben verbreitet, dass es nach dem Stuttgarter Stadtrecht rechtlich nicht möglich sei, einer verstorbenen Person die Ehrenbürgerschaft zu verleihen. „Wir haben uns deswegen an die Amtsleitung ‚Grundsatz- und Rechtsangelegenheiten‘ der Stadt Stuttgart mit der Bitte gewandt, uns die Rechtsvorschrift zu nennen, die einer Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer entgegenstehen soll. Wir haben ebenfalls darum gebeten, uns Wege und Möglichkeiten aufzuzeigen, wie diese Rechtsvorschrift der Stuttgarter Gemeinderat gegebenenfalls verändern kann. Denn dass Ehrenbürgerschaften an Verstorbene in Baden-Württemberg und im Regierungsbezirk Stuttgart prinzipiell möglich sind, hat die Stadt Straitbach erst im Juni dieses Jahres gezeigt“ – betonen die für die Unterschriftenaktion Engagierten. Und sie teilen weiter mit: „Damit der Stuttgarter Gemeinderat diesem Beispiel folgt und wir in 2026 das Ziel der ‚Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer‘ erreichen, wollen wir jetzt verstärkt durch unsere Unterschriftenaktion zu einer noch breiteren Diskussion hierzu in der Stadtgesellschaft anregen“.
Wer zum Gelingen der Aktion beitragen möchte, kann Kontakt zur AG Queere Erinnerungskultur „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V., über die Email-Adresse; kontakt@der-liebe-wegen.org aufnehmen und den Link zur Unterschriftenaktion – siehe openpetition.de/!zppfw – gerne weiter verbreiten. Wir haben viele DINA2-Plakate unserer Unterschriftenaktion drucken lassen. Gastronom:innen, kulturelle Einrichtungen und weitere Unternehmen, die diese zur weiteren Verbreitung der Unterschriftenaktion haben möchten, können uns dies gerne mitteilen.
Mitarbeitende des DERTOUR Reisebüros Stuttgart
Wir danken allen an der CSD-Hocketse beteiligten Vereine, die unsere Unterschriftenaktion unterstützen. Davon sind Personen folgender Vereine mit Fotos hier dargestellt: Sportverein Abseitz, AIDS-Hilfe Stuttgart, Elterngruppe homosexueller Kinder, AktivistA (Verein des asexuellen Spektrums), Schalom – Salam – Merhaba & Grüß Gott*: tgbw e.V. und religiöse Organisationen beim CSD, Mission TRANS*, Verein zur Förderung von Jugendlichen und Mitarbeitende des DERTOUR Reisebüros Stuttgart.
Wir danken auch allen an der CSD-Hocketse beteiligten Parteiorganisationen, die unsere Unterschriftenaktion unterstützen. Davon sind Personen folgender Organisationen mit Fotos dargestellt (auf Grund des Regens wurden nicht mehr alle auf der Hocketse vertretenen Parteien angefragt und/oder fotografiert wie beispielsweise die FDP Stuttgart oder Partei Mensch Umwelt Tierschutz – Tierschutzpartei. Dies bitten wir zu entschuldigen): Bündnis90/Die Grünen KV Stuttgart, Die Linke Stuttgart, LSU Baden-Württemberg, Piratenpartei Stuttgart, SPDqueer Stuttgart, Volt Deutschland – Landesverband Baden-Württemberg
Warum sich Städte bewusst für Ehrenbürgerschaften an eine verstorbene Person entscheiden? Ehrenbürgerschaften werden in der Regel an lebende Personen vergeben. Doch: keine Regel ohne Ausnahme. Mehrere Städte haben sich bewusst für eine posthume Ehrenbürgerschaft entschieden, wozu wir hier zwei Beispiele darstellen:
Ehrenbürgerinschaft für Marlene Dietrich durch die Stadt Berlin „Marlene Dietrich stellte sich während der Zeit des Nationalsozialismus gegen die Verbrechen und stand für das andere, das demokratische Deutschland (…) Wir erinnern uns nicht ohne Scham an die unwürdigen Vorfälle im Jahr 1960, als man dem internationalen Showstar den Einsatz gegen die Nazis vorwarf.“ – so begründete der damalige regierende Oberbürgermeister Wowereit die Verleihung der Ehrenbürgerwürde an die Schauspielerin zehn Jahre nach ihrem Tod durch die Stadt Berlin. Die Ehrung stellt damit eine Art symbolische Wiedergutmachung dar, der von vielen Marlene Dietrich-Anhänger:innen sehr begrüßt wurde (Quelle: Der Standard, 16. Mai 2002: Marlene Dietrich zur Berliner Ehrenbürgerin ernannt).
Ehrenbürgerschaft für Willi Graf durch die Stadt Euskirchen „Willi Graf persönlich hat nichts mehr von dieser Ehrenbürgerwürde. Aber wir ehren Willi Graf (…) auch für uns“ – so erklärte der Bürgermeister Sascha Reichelt die posthume Ehrenbürgerschaft für Willi Graf durch die Stadt Euskirchen im Mai 2025. Graf war 1943 vom NS-Staat wegen des Verteilens von Flugblättern der Weißen Rose hingerichtet worden. Mit der Verleihung der Ehrenbürgerwürde will sich Rat und Verwaltung der Gemeinde Euskirchen deutlich zu den demokratischen Werten und der Haltung von Willi Graf bekennen und ein deutliches Zeichen für gegenseitigen Respekt und für Demokratie setzen (Quelle: Webseite Leben in Euskirchen, Beitrag „Willi Graf ist nun Ehrenbürger der Stadt Euskirchen“ vom 12.05.2025).
Fritz Bauers homosexuelle Neigung nicht mehr länger ausklammern Queere Rechte sind Menschenrechte, für welche Fritz Bauer einstand. Darum sollten homosexuelle Neigungen als wesentlicher Aspekt des Lebens von Fritz Bauer auch in Stuttgart nicht mehr länger ausgeklammert werden. Im folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus verschiedenen wissenschaftlichen Arbeiten aus den Jahren 2013, 2017, 2021 und 2023, die darauf eingehen:
„Tief im Kopenhagener Staatsarchiv (…) liegen seit Jahrzehnten auch Berichte darüber, wie Bauer als junger Mann im Exil wegen homosexueller Handlungen vernommen wurde. Dem Generalstaatsanwalt Fritz Bauer hätte diese Nachricht später, wäre sie je bekannt geworden, zum Verhängnis werden können – noch in den 1960er Jahren wurde Homosexualität in Deutschland als Straftat verfolgt.“ (S. 25) „(…) als Fritz Bauer schon im ersten Monat nach seiner Ankunft eine Nacht mit einem Dänen verbringt, konfrontieren die dänischen Uniformierten ihn barsch: Ob er etwa in verbotene schwule Prostitution verwickelt sei? (…) „Von der Straße aus konnte man beobachten, dass der Deutsche sich ausgezogen hat, ohne sich einen Pyjama anzuziehen“: Der dänische Polizist, der diesen Satz in seinen Bericht schreibt, beobachtet Fritz Bauers Fenster noch nachts um 2.30 Uhr. (…) Bauers lebenslange Einsamkeit in Liebesdingen wird später noch deutlicher, festhalten lässt sich nach der schmachvollen Konfrontation mit der dänischen Fremdenpolizei zunächst nur, dass Bauer der Willkür der Behörden selbst in seinem Exilland – der Demokratie Dänemark – von Beginn an ausgeliefert ist.“ (S. 100ff) Quelle: Ronen Steinke: „Fritz Bauer oder Auschwitz vor Gericht“ (München 2013)
„Verfolgung wegen Homosexualität hat Bauer am eigenen Leib erfahren. Kaum war er im März 1936 legal nach Dänemark gereist und im Glauben, frei von Nachstellungen und Gestapowillkür zu sein, wurde der politische Flüchtling von der Kopenhagener Polizei vorgeladen und verhört. (…) Der bis dato »ungekannte Ausländer«, wie es im Polizeibericht heißt, hatte in polizeibekannten Lokalen verkehrt und in seiner Wohnung sexuellen Umgang mit einem Mann gehabt. Bauer bestritt im Verhör die polizeilich notierten Beobachtungen nicht (…) Bauers dänische Polizeiakte weist insgesamt 31 Einträge auf. Immer wieder wurde der Emigrant befragt, ob er weiterhin homosexuelle Kontakte pflege. Der zweifelsfrei gefährdete Bauer, dem eine Abschiebung nach Deutschland drohte, stellte seine Kontakte mutmaßlich ein. In den Jahren 1938 bis 1940 wiederholt von der Polizei auf den Sachverhalt angesprochen, beteuerte er seine Abstinenz.“ Quelle: Werner Renz „Wider die Sittenwächter: Fritz Bauers Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre“, 2017 – siehe https://der-liebe-wegen.org/120-jahre-fritz-bauer-antifaschist-streitbarer-demokrat-und-mutiger-vorkaempfer-gegen-das-%C2%A7175-unrecht/
„1936 folgte Fritz Bauer seiner Schwester Margot und ihrem Mann ins Exil nach Dänemark. Dort ging er im Juni 1943 mit der Kindergärtnerin und Genossin Anna Maria Petersen (1903-2002) eine Schutzheirat ein. Ob er dies tat, weil er in Gefahr stand, als Ausländer ausgewiesen zu werden, oder ob er damit den Verdacht der dänischen Fremdenpolizei, er pflege Umgang mit männlichen Prostituierten aus dem Weg räumen wollte, ist nicht bekannt. (…) Bauers Zurückgezogenheit hatte sicherlich auch taktische Gründe. So vermied er nicht nur den Vorwurf, nur aus eigener Betroffenheit zu handeln, er schützte sich auch vor Erpressungen. Denn während Bauers gesamter Zeit als Landesgerichtsdirektor und Generalstaatsanwalt waren alle homosexuellen Handlungen noch unter Strafe gestellt.“ Quelle: Karl-Heinz Steinle und Barbara Kettnaker „Fritz Bauer – Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt“ im 2021 veröffentlichten Ausstellungskatalog „Queer durch Tübingen: Geschichten vom Leben, Lieben und Kämpfen“
Mitmachen bei der Unterschriftenaktion: Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer – auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht
Unterschriften- und Mitmachaktion der AG queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. an den Stuttgarter Gemeinderat (u. a. IG CSD Stuttgart e.V., LSVD Baden-Württemberg e.V., Weissenburg e.V., Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“)kann hier online unterschrieben werden:www.openpetition.de/!zppfw
Wir fordern die Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer, der als Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse für die Aufklärung über die Verbrechen des Hitlerfaschismus Herausragendes geleistet hat. Mit unserer Aktion erweitern wir die Unterschriftliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ des VVN – Bund der Antifaschist:innen Baden-Württenberg e.V. – um das Anliegen, Fritz Bauer auch als Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht zu würdigen.
Begründung:
Bauer ist 1903 als Sohn liberaler jüdischer Eltern in Stuttgart geboren und aufgewachsen. 1920 trat er der SPD bei. Von 1925 bis 1933 war er Richter am Amtsgericht Stuttgart. Im Zusammenhang mit Planungen zu einem Generalstreik gegen die Machtübertragung an die Hitlerfaschisten wurde er 1933 verhaftet und acht Monate im KZ Heuberg und im KZ Oberer Kuhberg inhaftiert. 1936 floh er nach Dänemark und 1943 weiter nach Schweden, wo er bis 1949 blieb. Nach seiner Rückkehr aus dem Exil hat Bauer als hessischer Generalstaatsanwalt einen unermüdlichen Kampf um die juristische Ahndung des nationalsozialistischen Unrechts geführt. Er brachte das Grauen von Auschwitz vor Gericht. Dank seiner Hartnäckigkeit konnten 211 Überlebende des KZ Auschwitz 1963 erstmals gegen ihre Peiniger aussagen und die in Auschwitz begangenen beispiellosen Verbrechen einer breiten Öffentlichkeit bekanntmachen.
Dass Bauer auch einer der Ersten in der Bundesrepublik war, der gegen die Bestrafung einvernehmlicher sexueller Handlungen von erwachsenen Männern in den 50er Jahren seine Stimme erhoben hat, ist vielfach noch nicht bekannt. Er gab 1963 den Sammelband „Sexualität und Verbrechen“ mit heraus, der als Taschenbuch breite Beachtung fand. Bereits 1952 hatte er in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt den Versuch gewagt, eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Verfassungswidrigkeit des §175 herbeizuführen. In den 50er Jahren als hoher Staatsbeamter für die Abschaffung des §175 StGB einzutreten, war ein mutiger Tabubruch, den nicht nur queere Vereine würdigen sollten.
Posthume Ehrenbürgerschaften wie beispielsweise die Ehrenbürgerschaftsverleihung für Marlene Dietrich zehn Jahre nach ihrem Tod durch die Stadt Berlin gibt es viele in anderen Städten. Helfen Sie / helft mit, dass sich die Stadt Stuttgart daran ein Beispiel nimmt und das Vorbild Fritz Bauer insbesondere unter heutigen Jugendlichen viel bekannter macht. Online kann hier www.openpetition.de/!zppfw unterschrieben werden. Die Unterschriften werden am 23. Januar 2026 beim Neujahresempfang der IG CSD Stuttgart e.V. an eine Vertreter*in des Stuttgarter Gemeinderats übergeben. Bitte gerne weiterleiten und in neue Kreise bekanntmachen.Vielen Dank für Ihre / Deine Unterstützung!
„Was tun gegen Rassismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit?“ – Kurzbericht zur öffentlichen Tagung „Nie wieder still“ am 13.7.2025 im Hotel Silber
Was sind die Wurzeln von völkischen bzw. rassistischen, frauen- und queerfeindlichen Geschlechterideologien und welche Auswirkungen hatten diese, insbesondere in der NS-Zeit? Welche Rolle spielen sie heute noch in modifizierter, dem Zeitgeist angepasster Form bei rechtspopulistischen, neonazistischen und neofaschistischen Gruppierungen? Wie können wir damit verbundenen Diskriminierungen, Diffamierungen und Bedrohungen am Besten entgegentreten? Um diese Fragen ging es bei der mit über 60 Teilnehmenden gut besuchten Tagung „Nie wieder still! Entwicklungen und Auswirkungen der völkischen (NS-)Geschlechterideologie“ im Rahmen der CSD-Kulturwochen 2025 (siehe auch: https://der-liebe-wegen.org/hintergrundinformationen-zum-begriff-voelkisch/ ).
Nach einer kurzen Begrüßung von Ralf Bogen von der AG Queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. im Namen aller beteiligten Organisationen (Abteilung für Chancengleichheit der Stadt Stuttgart, Bildungszentrum und Archiv zur Frauen*Lesbengeschichte Baden-Württemberg, Gedenkstätte Grafeneck, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V., Themengruppe Geschichte des Netzwerks LSBTTIQ Ba-Wü, Weissenburg e.V.) führten Margarete Voll (Wirtschaftsweiber e.V.) und Sven Tröndle (Weissenburg e.V.) durch die Tagung.
Im ersten Block gab es vier Kurzvorträge. Den ersten Vortrag „Einführung zu Entwicklungen, Aspekten und Folgen der völkischen Rassen- und Geschlechterideologie“ hielt Thomas Stöckle, der Leiter der Gedenkstätte Grafeneck.
Die Anfänge der Rassenlehre und der damit verbundenen Geschlechterideologien würden auf die „erste“ Globalisierung zurückgehen, die im 15. und 16. Jahrhundert eingesetzt hatte und mit den (pseudo)wissenschaftlichen Rassenlehren des 19. und 20. Jahrhunderts einen Kulminationspunkt erreichten. Die Einteilung in „höhere und niedere“ bzw. „höherwertige und minderwertige“ Rassen sei unschwer als eine Legitimation des europäischen Kolonialismus und Imperialismus zu erkennen. Als völkisch wird eine solche radikal-nationalistische Einstellung bezeichnet, die die Menschengruppe, zu der man sich zugehörig fühlt bzw. das eigene „Volk“ verabsolutiert, als (ethnisch) reine und im Vergleich zu anderen Völkern angeblich als höherwertige Gemeinschaft definiert. Das „biologistische Denken“, das den pseudowissenschaftlichen Rassenlehren zugrunde liegt, versteht Gesellschaft als „Abstammungs- und Fortpflanzungsgemeinschaft“ – mit allen schlimmen, auch tödlichen Konsequenzen für Menschen, die den Normen der „Rassenhygiene“ nicht entsprechen. Sie wurden aus der „Volksgemeinschaft“ ausgestoßen und mit Einweisung in Konzentrationslager bestraft wie beispielsweise homosexuelle Männer oder wie rund 400.000 Menschen nach dem von den Nazis 1933 verfügten „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ zwangssterilisiert.
Zu welchem Unrecht völkische Geschlechtsnormierungen insbesondere während der NS-Zeit führten, zeigten exemplarisch die auf der Tagung vorgestellten Biografien im zweiten und dritten Kurzvortrag. „‚Ich möchte so gerne mein Leben in die Welt schreien‚ – Adele Haas: Aus dem Leben einer inter*Person in der NS- und Nachkriegszeit“ hieß der zweite Kurzvortrag von Jako Wende. Dass Adele Haas als inter* Person nicht in die NS-Geschlechternormierung gepasst hat, wurde im Vortrag eindrucksvoll geschildert. Adele überlebt unvorstellbare Grausamkeiten in sieben (!) Konzentrationslagern. Bis zu ihrem Tod wird sie nicht gehört und erhält auch in Nachkriegsdeutschland keine Entschädigung.
Im dritten Kurzvortrag „Toni Simon (1887-1979) – Leben und Wirken in gender-nonkonformer Lebensweise trotz staatlicher und gesellschaftlicher Normierungen und juristischer Bedrohungen“ zeigte Karl-Heinz Steinle (Historiker, wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart, Mitarbeitender des Forschungsprojekts „Lebenswelten, Repression und Verfolgung von LSBTTIQ* in Baden und Württemberg im Nationalsozialismus und der Bundesrepublik Deutschland) auf, wie Toni Simon die rigiden Vorstellungen der Zweigeschlechtlichkeit in verschiedenen politischen Herrschaftsformen der Weimarer Republik, des Faschismus und in Nachkriegsdeutschland infrage stellte und welchen Repressionen Toni deshalb ausgesetzt war. Während der NS-Zeit war auch Toni zeitweise in Konzentrationslager eingewiesen worden. Seit den späten 1940er Jahren – nach dem Tod von Tonis Ehefrau – lebte er_sie in Stuttgart-Kornwestheim. Hier arbeitete er_sie als Prüfer_in von Hochspannungsmasten. In der Stuttgarter Homosexuellenszene war Toni Simon bekannt. Mit einer Eingabe an Bundesjustizminister Thomas Dehler setzte sich Toni bereits 1950 für die Liberalisierung der Paragrafen 175 und 175a ein. Tonis Biografie wird auch in der Dauerausstellung im Hotel Silber gezeigt.
Im vierten und letzten Kurzvortrag mit dem Titel „Die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüchen aus rechtshistorischer Perspektive“ von Dr. Jennifer Grafe (Juniorprofessorin am Institut für Kriminologie an der Eberhard Karls Universität Tübingen) thematisiert sie, warum Homosexualitäten und Schwangerschaftsabbrüche vor allem in der NS-Zeit als Bedrohung für die „Volksgemeinschaft“ radikal bekämpft wurden.
Nach der Kaffeepause, ging es weiter mit der Podiumsdiskussion „Was tun gegen das (Wieder-)Erstarken völkischer Geschlechterideologien?“ an der Olcay Miyanyedi, Lucca Ricciotti, Lars Lindauer und Len Schmid teilnahmen. Hierüber schrieb Jan Sellner im Online-Beitrag „Vom Mut, ein „Pride“-Shirt anzuziehen“ auf der Webseite der Stuttgarter Zeitung treffend (Auszüge):
Nach Jahren, in denen „die Liste unserer Forderungen immer kürzer wurde, wird sie nun wieder länger“, hört man von Tagungsteilnehmern im Hotel Silber. Die Zeiten haben sich geändert, und die Stimmung oszilliert zwischen Selbstbewusstsein und Sorge. „Die Lage ist ernst“, sagt Len Schmid von der Fachstelle gegen Antifeminismus und Queerfeindlichkeit in der (…) anschließenden Podiumsdiskussion. Sie erinnert an jüngste Demos von Rechtsextremen und eine AfD-Anfrage nach Geschlechtseinträgen. (…) Auch hier in Stuttgart wächst ein Gefühl der Unsicherheit. Lars Lindauer, Vorstand der IG CSD und Mitorganisator der CSD-Parade am 26. Juli, freut sich einerseits darüber, wie positiv der Umzug in der Stadt inzwischen wahrgenommen werde. Er überlegt sich jedoch zweimal, ob er im Alltag mit einem „Pride“-Shirt S-Bahn fährt, wie er sagt. An diesem Tag hat er es nicht getan. Auch Olcay Miyanyedi hat es erst im Hotel Silber übergestreift. Er ist Aktivist für Empowerment von Menschen aus muslimischen und migrantischen Communities und auch persönlich immer wieder mit Vorurteilen konfrontiert – schon wegen seines türkischen Hintergrunds. Sogar in der eigenen Community. „Ich bin nicht immer mutig“, bekennt Miyanyedi. Aber oft ist er es doch und unterstützt deshalb bewusst kleine CSD-Veranstaltungen im Land, um dort die oft fragilen ehrenamtlichen Strukturen zu stärken. Denn: „Wenn ich nichts tue, gewinnen die!“ Len Schmid rät grundsätzlich, „mutig, aber auch sicher zu agieren“ und queerfeindliche Vorfälle zu dokumentieren und zu melden. Auch für Lars Lindauer ist „präsent sein“, ein wichtiges Mittel, um die Rechte queerer Menschen zu betonen. Lucca Ricciotti vom Verein Weissenburg unterstreicht die Notwendigkeit, „als Community zusammenzuhalten“ und Olcay Miyanyedi spricht von der Notwendigkeit, Allianzen mit Menschen außerhalb der queeren Community zu schließen, auch um gegen Angriffe gewappnet zu sein. Gefragt nach Wünschen antwortet Miyanyedi sehr konkret: „Ich wünsche mir, nach Mitternacht mit queeren Freunden vom Rotebühlplatz bis zum Hauptbahnhof gehen zu können, ohne einmal darüber nachdenken zu müssen, ob etwas passieren kann.“
Foto vom größten Teil der beteiligten Personen (v.l.n.r.): Margarete Voll (Wirtschaftsweiber e.V.), Lars Lindauer (Vorstand der IG CSD Stuttgart e.V.), Elke Banabak (Geschäftsführerin der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.), Olcay Miyanyedi (Aktivist für Empowerment von Menschen aus Muslimischen (+ muslemisch gelesenen) und Migrantischen Communities, tgbw e.V.), Karl-Heinz Steinle (Historiker), Lucca Ricciotti (Gender*nauts des Weissenburg e.V.), Ralf Bogen (AG Queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.), Dr. Jennifer Grafer (Juniprofessorin am Institut für Kriminologie, Eberhard Karls Universität Tübingen), Thomas Stöckle (Leiter der Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum), Sven Tröndle (Weissenburg e.V.).
Zum vierköpfigen Programmgremium, welches die Tagung vorbereitet hat, gehörte P Krüger (baf e.V. und Themengruppe Geschichte des Netzwerks LSBTTIQ Ba-Wü), Claudia Weinschenk (Historikerin – lange Zeit ebenso engagiert in der Themengruppe Geschichte des Netzwerks), Thomas Stöckle (Leiter der Gedenkstätte Grafeneck und im Sprechendenrat der Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Gedenkstätteninitiativen) sowie bereits oben genannt Ralf Bogen. Das Programmgremium hatte die Tagung in zwei „Blöcken“ aufgeteilt: einen fachlichen „Kurzvorträge-Block“ mit historischen Beiträgen und Forschungsergebnissen unter anderem zu einzelnen Biografien und im Anschluss eine Podiumsdiskussion, die explizit die Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz des Themas aus der Sicht von Nichthistoriker:innen in den Mittelpunkt stellt. Diese Aufteilung ging auf einen Austausch mit den Jugendgruppen des Weissenburg e.V. über Erinnerungskultur zurück, bei der der Wunsch formuliert wurde, bei Veranstaltungen mehr Wert darauf zu legen, Jugendliche sowie Selbstvertretungen von trans*, intergeschlechtlichen und nichtbinären Menschen sowie Menschen aus Migrantischen und Schwarzen Communities auf dem Podium zu beteiligen.
13.7.2025 „Nie wieder still“ – Entwicklungen und Auswirkungen der völkischen (NS-)Geschlechterideologie
So 13. Juli 2025 | 13.30 bis 17.30 Uhr, Erinnerungsort Hotel Silber | Stuttgart: Vorträge und Podiumsdiskussion (Hintergrundinformationen zum Begriff „völkisch“ siehe hier) Wir bitten um Anmeldung bis zum 11. Juli 2025 unter veranstaltungen-hs@hdgbw.de
Unsere Tagung beginnt mit einer Einführung zu Entwicklungen und Folgen der im 19. Jahrhundert entstandenen völkischen Geschlechterideologien, die eng mit nationalistischen, rassistischen und imperialistischen Strömungen verwoben waren. Zur angeblichen „Überlegenheit“ der „arischen Rasse“ sollten Männer soldatische Tugenden beweisen, während Frauen „rassisch wertvolle“ Kinder zur Welt zu bringen hatten.
Zu welchem Unrecht solche Geschlechtsnormierungen insbesondere während der NS-Zeit führten, darum geht es in drei Kurzvorträgen: Schwangerschaftsabbrüche und Homosexualitäten, Intergeschlechtlichkeit, Trans*-Sein und generell gender-nonkonforme Lebensweisen wurden als Bedrohung für die „Volksgemeinschaft“ bekämpft.
Was tun gegen das (Wieder-)Erstarken völkischer Geschlechtsideologien?
Die abschließende Podiumsdiskussion widmet sich aktuellen Fragen:
Wie verknüpfen rechtspopulistische, neonazistische und neofaschistische Gruppierungen heute Rassismus, Frauen- und Queerfeindlichkeit?
Was hat sich an völkischen Geschlechterideologien verändert?
Wie können wir die mit diesen Ideologien verbundenen Diskriminierungen, Diffamierungen und Bedrohungen wirksam entgegentreten?
PROGRAMM:
13.00Uhr | Ankommen 13.45 Uhr | Begrüßung 14.00 Uhr | Einführung zu Entwicklungen, Aspekten und Folgen der völkischen Rassen- und Geschlechterideologie Thomas Stöckle, M. A., Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum, Stuttgart 14.30 Uhr | „Ich möchte so gerne mein Leben in die Welt schreien“ – Adele Haas: aus dem Leben einer inter* Person in der NS- und Nachkriegszeit Jako Wende, forscht zu trans* inter* und/oder gender-nonkonformen Personen im Nationalsozialismus, Dortmund 15.00 Uhr | Toni Simon (1887-1979) – Leben und Wirken in gender-nonkonformer Lebensweise trotz staatlicher und gesellschaftlicher Normierungen und juristischer Bedrohungen Karl-Heinz Steinle, M. A., Universität Stuttgart, Historiker, Berlin 15.30 Uhr | Die strafrechtliche Verfolgung von Homosexualität und Schwangerschaftsabbrüchen aus rechtshistorischer Perspektive Dr. Jennifer Grafe, Juniorprofessorin am Institut für Kriminologie, Eberhard Karls Universität Tübingen 16.00 Uhr | Kaffeepause 16.30 Uhr | Podiumsdiskussion – Was tun gegen das (Wieder-)Erstarken völkischer Geschlechterideologien? Mit: Olcay Miyanyedi,Aktivist für Empowerment von Menschen aus Muslimischen (+muslimisch gelesenen) und Migrantischen Communities, Türkische Gemeinde Ba-Wü e.V. (tgbw) Lucca Ricciotti, Gender*nauts des Weissenburg e.V., Jugendgruppe für trans*inter*nb Menschen bis 27 Jahre Lars Lindauer, Vorstand der IG CSD Stuttgart e.V. Len Schmid, Fachstelle gegen Antifeminismus und Queerfeindlichkeit Baden-Württemberg e.V. (FAQ BW) Moderation: Margarete Voll, Coach, Sparringspartnerin und Initiatorin der Wirtschaftsweiber e.V. und Sven Tröndle, Mitglied im geschäftsführenden Vorstand Weissenburg e. V. 17.30 Uhr | Ende der Veranstaltung
Eine gemeinsame Veranstaltung von AG queere Erinnerungspolitik – „Der-Liebe-wegen“, Weissenburg e.V. und Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum in Kooperation mit der Abteilung Chancengleichheit der Stadt Stuttgart, baf e.V. – Bildungszentrum und Archiv zur Frauen*Lesbengeschichte Baden-Württembergs, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. und Themengruppe Geschichte des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg. Die Veranstaltung wird unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg durch Mittel des Landes. Kontakt und V.i.S.d.P.: Ralf Bogen | kontakt@der-liebe-wegen.org und Thomas Stöckle M.A. | thomas.stoeckle@gedenkstaette-grafeneck.de. Weitere Teilnehmende des Programmgremiums: Dr. P. Krüger, baf e.V. und Claudia Weinschenk M.A., freie Historikerin.
14.7.2025,18 Uhr, Theater Rampe: 200 Jahre Karl Heinrich Ulrichs – Was können wir heute vom ‚ersten geouteten Urning der Weltgeschichte‘ lernen?
Veranstaltende: IG CSD Stuttgart e.V. und der AG Queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V. Wann und wo?: 18 Uhr im Theater Rampe, Filderstraße 47, 70180 Stuttgart. Eintritt: frei.
Karl Heinrich Ulrichs würde dieses Jahr 200 Jahre alt werden. Der 1825 in Aurich geborene und 1895 in Italien verstorbene Jurist war einer der weltweit ersten Aktivisten für queere (Selbst-)Akzeptanz, Gleichstellung und Gleichberechtigung. In einer Zeit, als „Sodomie“ der Kirche als Sünde und „widernatürliche Unzucht“ dem Staat als Verbrechen galten, forderte er bereits 1867 auf dem deutschen Juristentag in München die Straflosigkeit homosexueller Handlungen. Obwohl er dort niedergeschrien wurde und seine Rede nicht beenden konnte, fand er den Mut, vor allen 500 Teilnehmenden zu sich zu stehen und sich als Mann, der Männer liebt, zu outen.
Ulrichs lebte von 1870 bis 1880 in Stuttgart in der Silberburgstraße. Hier verfasste er zuletzt die Schriftenreihe „Forschungen über das Rätsel der mannmännlichen Liebe”. Als es die Worte „schwul“, „homosexuell“ oder „queer“ alle noch gar nicht gab, erfand er eigene, fast vergessene positive (Selbst-)Bezeichnungen: „Urninge“ nannte er schwule Männer, „Urninden“ lesbische Frauen.
Auch heute, 150 Jahre nach seinem Coming Out und 130 Jahre nach seinem Tod, droht queeren Menschen wieder ein Klima von Hass, Hetze und Gewalt. CSD-Veranstaltungen werden gestört, Regenbogenflaggen verbrannt, queere Menschen immer noch beleidigt. Daher wollen wir uns den Fragen stellen:
Welche Bedeutung hat für uns Karl Heinrich Ulrichs heute? Was schätzen wir an ihm? Und: Was können wir uns bei ihm für die Herausforderungen heute abschauen?
Nach einem kurzen Einführungsvortrag zu „Nie wieder still! I am what i’am – 200 Jahre Karl Heinrich Ulrichs“ von Ralf Bogen vom Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“ diskutieren:
Prof. Karen Nolte, Historikerin und Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg, u. a. Leiterin des Forschungsprojekts: „Frauenliebende Frauen im deutschen Südwesten“
Kevin Junk, freier Autor und Schriftsteller aus Berlin – siehe u. a. sein Beitrag „Ich möchte ein Urning sein“, veröffentlicht in: „Invictus Unbesiegt – Karl Heinrich Ulrichs zum 200. Geburtstag“, Berlin 2025
Karl-Heinz Steinle, Historiker und Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Stuttgart, Mitarbeitender des Forschungsprojekts „LSBTTIQ in Baden-Württemberg. Lebenswelten, Repression und Verfolgung im Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik Deutschland“
Moderation: Lars Lindauer (IG CSD Stuttgart e.V.) Musikalische Einrahmung: die queeren (Ch)oralen Gesangsfreu(n)de
Am 120. Todestag Ulrichs, am 14. Juli 2015, wurde in Stuttgart der im Bezirk Süd liegende Dreiecksplatz an der Kreuzung von Lehen- und Filderstraße Karl-Heinrich-Ulrichs-Platz benannt.
Fr 18.7.2025, 16.30h: CSD-Führung & Talkrunde: „Polizei im ‚Hotel Silber‘ und die ‚Bekämpfung von Homosexualität'“
Bei der Führung im Rahmen des Stuttgart PRIDE – Christopher Street Days (CSD) wird der Fokus auf die „Bekämpfung“ von Homosexualität in der Zeit der NS-Diktatur und in der Nachkriegszeit bis in die 1960er Jahre gelegt. Es führen Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg und Ralf Bogen von der AG queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.
Im Anschluss widmen sich Lars Lindauer (IG CSD Stuttgart), Günter Oelberger (Gay & Gray) sowie Angela Mitterwald und Kyra E. Lukas (Rainbow Bats Stuttgart) der Frage, was uns die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit für heute bedeutet.
Kooperationspartner*innen: Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V., AG queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ des Weissenburg e.V.
Juni 2025: „dass wir weiterhin queere Geschichten sichtbar machen und damit humane Zukunftsperspektiven stärken“ – Interview mit Gleb Shafigullin
Gleb Shafigullin, 25 Jahre alt, zuerst Automechaniker, später Verwaltungswirt, hat einen Bachelorabschluss im Bereich Public Management und war in Russland aufgrund seiner Aktivitäten für Menschenrechte ins Visier der Polizei gelangt. Heute lebt er in Deutschland, setzt sein Engagement hier fort und ist Mitglied im geschäftsführenden Vorstand des Weissenburg e.V.
Lieber Gleb, kannst Du zunächst erzählen wie und warum Du nach Deutschland gekommen bist? Ich bin vor zwei Jahren nach Deutschland gekommen, weil ich in Russland aufgrund meiner politischen und menschenrechtlichen Aktivitäten massiven Repressionen ausgesetzt war. In meiner Heimatstadt Tyumen, welche in Westsibirien liegt, organisierte ich beispielsweise in 2021 eine Protestkundgebung gegen Putins Korruption, für demokratische Freiheiten und gegen die Verhaftung von Alexej Nawalny. Hierfür bin ich für kurze Zeit ins Gefängnis gekommen. Zwar konnte ich durch die Unterstützung meiner Anwälte wieder freikommen. Nun aber drohte mir die Einberufung zur Armee – mit der realen Gefahr, gegen meinen Willen in den Krieg gegen die Ukraine geschickt zu werden, möglicherweise auch mit dem Ziel, mich auf diese Weise zum Schweigen zu bringen. Ich war in das Visier der Polizei gelangt, da ich auch generell gegen den Zwangsmilitärdienst und gegen den Krieg in der Ukraine war und bin. Meine engsten Freunde wussten, dass ich schwul bin. Ihnen gegenüber hatte ich mich anvertraut. Die Situation in Russland ist jedoch so homophob, dass ich das nicht in der Öffentlichkeit thematisieren wollte oder konnte. Mit Unterstützung von der LGBT*-Organisation Quarteera, ein Verein russischsprachiger LGBTQ* und ihrer Freunde in Deutschland, konnte ich ein Visum vom Auswärtigen Amt erhalten und in Oktober 2022 nach Deutschland gelangen, wofür ich sehr dankbar bin.
Hintergrundinformationen zur Situation in Russland – „Armee oder Gefängnis“: Wie seit dem Einmarsch Russland in die Ukraine sich die Lage der LGBTIQ-Community verschärft hat Heute unvorstellbar: Einst war die Situation im heutigen Russland für homosexuelle Menschen wesentlich besser als in Deutschland. Während in Deutschland nach §175 homosexuelle Männer verfolgt wurden, waren nach der sozialistischen Oktoberrevolution 1917 die sowjetischen Gesetze bezüglich Ehe und Privatleben die weltweit fortschrittlichsten: Entkriminalisierung homosexueller Beziehungen, Legalisierung von Schwangerschaftsabbrüchen, Gleichberechtigung zwischen Frauen und Männern, Gleichstellung von unehelichen Kindern. Der Sexualwissenschaftler Dr. Magnus Hirschfeld reiste 1926 nach Moskau und Leningrad als Gast der russischen Regierung und würdigte diese vorbildlichen Reformen. Dies sollte sich allerdings grundlegend 1934 ändern. Ohne breite Diskussion in Partei und Gesellschaft wurde die Strafbarkeit der männlichen Homosexualität auf Anordnung Stalins in Abstimmung mit seinen Genossen im Politbüro des ZK der KP der UdSSR (B) und mit dem Verweis „streng geheim“ wieder eingeführt (die wichtigsten Dokumente hierzu siehe www.etuxx.com/diskussionen/foo400.php). Das entsprechende Strafgesetz, der Artikel 121, galt unverändert bis 1993. Doch mit dem Argument des Kinderschutzes wurde „homosexuelle Propaganda“ in der Öffentlichkeit in manchen Regionen Russlands spätestens seit 2006 weiterhin unter Verbot gestellt. Am 30. November 2021 hat der Oberste Gerichtshof Russlands die sogenannte “internationale LGBT-Bewegung” als extremistisch eingestuft und ihr jegliche Aktivitäten verboten. Beschuldigten drohen insbesondere Strafverfahren, die bis zu zwölf Jahren Gefängnis vorsehen. Bereits unmittelbar nach Verkündung des Gesetzes kam es zu ersten Razzien. Zusätzlich häufen sich Berichte über Erpressungen, Kündigungen, Drohungen und Angriffe, die die Betroffenen nicht anzeigen können. Hassgewalttaten gegen LSBTIQ* werden nicht aufgeklärt. Der öffentliche Raum wird von Hassreden gegen LSBTIQ* bestimmt. Seit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine hat sich die Situation der queeren Community weiter verschärft. „Wer homosexuell ist, hat ein hohes Risiko, entweder in die Armee oder ins Gefängnis gesteckt zu werden“, sagte die Moskauerin Valentina Likhoshva laut einem Beitrag von Sven Christian Schulz, veröffentlicht beim Redaktionsnetzwerk Deutschland vom 2.11.2022.
Warum hast Du für den geschäftsführenden Vorstand des Weissenburg e.V. kandidiert? Was hast Du Dir dazu vorgenommen? Ich bin in die Weissenburg gelangt, weil ich über das Internet erfahren habe, dass es hier eine russisch-sprachige Queer-Gruppe gibt, die sich Russqueer nennt. Heute bin ich auch bei den Königskindern, einer der Jugendgruppen des Weissenburg e.V. Als der geschäftsführende Vorstand weitere Vorstandsmitglieder gesucht hat, habe ich mich gemeldet. In einer Zeit, in der queerfeindliche Bewegungen auch in Deutschland wieder an Stärke gewinnen, halte ich es für notwendig, dass wir als Community aktiv und sichtbar bleiben. Ich möchte meine politischen Erfahrungen einbringen, um unsere Strukturen zu stärken, uns auf mögliche schwierige Entwicklungen vorzubereiten und diejenigen zu unterstützen, die jetzt schon besonders verletzlich sind.
Du warst mit auf dem CSD in Pforzheim, wo Neonazigruppen zu einer Gegendemo aufgerufen hatten. Wie siehst Du die politische Entwicklung in Deutschland? Ich habe erfahren, dass rechtsextreme Gruppen zu einer Gegendemonstration gegen den CSD in Pforzheim aufgerufen hatten. Gerade deshalb war es mir besonders wichtig, dort präsent zu sein und zu zeigen, dass wir uns nicht einschüchtern lassen. Ich sehe mit Sorge, dass sich die politische Lage in Deutschland seit mindestens zwei Wahlzyklen zunehmend verschärft. Die Neonazigruppe „Deutsche Störtrupp“ ist eine gefährliche, gewaltbereite Organisation (siehe hierzu auch: https://der-liebe-wegen.org/juni-2025-der-csd-ist-keine-provokation/). Sie ist nicht nur eine Bedrohung für queere Menschen, Migrant*innen und Geflüchtete, sondern letztlich für uns alle. Meine Erfahrungen in Russland haben mir gezeigt, dass wir uns nicht spalten lassen dürfen. Der CSD ist nicht nur eine Feier, sondern ein politisches Statement für unsere Rechte als queere Menschen. Noch haben wir die Möglichkeit, solchen bedrohlichen rechtsextremen Entwicklungen entschieden entgegenzutreten – und wir sollten sie nutzen.
Hast Du Wünsche und Anregungen für unsere AG queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“? Ich finde die Arbeit der AG Queere Erinnerungskultur – „Der-Liebe-wegen“ sehr wichtig und berührend. Erinnerungskultur ist nicht nur Rückblick, sondern auch ein aktiver Beitrag zur Gegenwart. Ich wünsche mir, dass wir weiterhin queere Geschichten sichtbar machen, die oft überhört werden und damit humane Zukunftsperspektiven stärken. Dies gibt Kraft, macht Mut und zeigt, dass Vielfalt immer Teil unserer Gesellschaft war und ist.
Vielen Dank für das Interview und Dir alles Gute, Gleb!
14.6.2025: Das „Nie-wieder“-Versprechen darf keine Phrase sein
Bundesweit treten neue Neonazi-(Jugend-)Gruppen seit 2024 offener und gewaltbereiter auf (siehe Antwort der Bundesregierung Drucksache 21/193 und Auszüge daraus am Ende dieses Beitrags sowie – Achtung Triggergefahr – https://www.zdf.de/video/reportagen/die-spur-224/die-spur-jung-radikal-organisiert-rechtsextrem-fussball-100). Vorfälle in Pforzheim und Bad Cannstatt zeigen, dass auch unsere Region davon nicht verschont bleibt. Beim soziokulturellen Zentrum Prisma in Bad Cannstatt wurde zwei Mal hintereinander die Regenbogenflagge geklaut und auf offener Straße zerstört. In Pforzheim mobilisierte der sogenannte „Deutsche Störtrupp“ gegen den CSD. Nach 1945 wäre es undenkbar gewesen, dass Neonaziaufmärsche stattfinden können. Auch heute stellen diese Aufmärsche eine nicht hinzunehmende Verhöhnung der NS-Opfer und Gefahr für alle demokratischen Kräfte und für Minderheiten dar. Um eine konsequente Bekämpfung von Neonazistrukturen durchzusetzen, müssen wir stärker und lauter werden. Dennoch gilt es auch wahrzunehmen, dass es sowohl in Pforzheim als auch in Bad Cannstatt erfreulich solidarische Zeichen gegen Menschenfeindlichkeit gab und in Bad Cannstatt nun noch eine viel größere Regenbogenflagge weht. Von diesen solidarischen Zeichen wollen wir im Folgenden berichten:
Beispiel 1: Der CSD ist keine Provokation, sondern ein wichtiges Zeichen für Würde, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung
Peter Weidner hat uns dankenswerter Weise seinen Leserbrief an die Pforzheimer Zeitung zur Verfügung gestellt, den wir hier gerne veröffentlichen:
Am 14. Juni 2025 feiert Pforzheim den Christopher Street Day – ein Tag der Vielfalt, der Freiheit und der selbstbewussten Sichtbarkeit queerer Menschen. Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen sowie ihre Freunde und Unterstützer gehen auf die Straße – bunt, friedlich, solidarisch. Der CSD ist keine Folklore. Er ist gelebte Demokratie. Er ist Protest gegen Diskriminierung, Ausgrenzung und Ignoranz. Ein klares Zeichen für Würde, Gleichberechtigung und Selbstbestimmung.
Doch ausgerechnet an diesem Tag, zur selben Zeit, nur wenige Meter entfernt, will eine Gruppierung namens „Deutscher Störtrupp” aufmarschieren – unter dem Vorwand, für „traditionelle Werte“ und „gegen Frühsexualisierung“ zu demonstrieren. Das ist kein Zufall und kein Missverständnis. Es ist ein gezielter Angriff, eine kalkulierte Provokation. Ihr Ziel: Queere Menschen einzuschüchtern, demokratische Veranstaltungen zu stören, Angst zu säen. Das sind keine gewöhnlichen Demonstranten – das sind politische Aktivisten mit Methoden, wie man sie aus der Frühzeit des Nationalsozialismus kennt. Das sind SA-Taktiken im 21. Jahrhundert.
Wer hinter dem „Deutscher Störtrupp” steht, ist bekannt: Ein bundesweit vernetztes Bündnis aus ehemaligen Neonazis, ideologisch geschulten Kadern und fanatisierten Jugendlichen. Ein gefährliches Gemisch aus Hass, Gewaltbereitschaft und Verachtung für die Demokratie.
Und diese Entwicklung geschieht nicht im luftleeren Raum.
Die AfD trägt politische Mitverantwortung für dieses vergiftete Klima. Sie ist der parlamentarische Arm eines Kulturkampfes von rechts. Wenn ein Höcke von „wohltemperierter Grausamkeit“ spricht, wenn AfD-Funktionäre von „Umerziehung“ und „biodeutschen Familien“ fantasieren, wenn Grundrechte als „Genderwahn“ diffamiert werden – dann ist das kein Zufall. Es ist Methode. Die AfD zündelt – und Gruppen wie der „Deutscher Störtrupp” setzen das in die Tat um. Wer ihre Sprache übernimmt, bereitet den Boden für Einschüchterung, Hetze und Gewalt.
Dass Teilnehmer des CSD am 14. Juni systematisch gefilmt und fotografiert werden sollen, ist kein Protest. Es ist gezielte Überwachung, Erfassung und Einschüchterung. Ein digitaler Pranger im Stil autoritärer Systeme. Und es bleibt nicht bei Bildern oder Drohungen im Netz.
Aber wir schweigen nicht. Wir weichen nicht. Wir stehen auf.
Die Antwort auf diesen Angriff auf Freiheit und Menschenwürde kann nur lauten: klare, breite und mutige Gegenwehr. Am 14. Juni gehört die Straße den Demokraten. Ich rufe alle auf, denen dieses Land etwas bedeutet: Kommt zur Gegendemo von „Gegen Rechts in Pforzheim“! Zeigen wir gemeinsam: Pforzheim ist kein Ort für Hass, sondern eine Stadt der Vielfalt, der Toleranz und des Zusammenhalts.
Denn das Demonstrationsrecht endet dort, wo es zur Waffe gegen Freiheit und Menschenrechte wird. Die Versammlung des „Deutschen Störtrupps“ darf nicht genehmigt werden – nicht an diesem Ort, nicht zu dieser Zeit. Alles andere wäre ein staatlich zugelassener Angriff auf queere Menschen und eine demokratische Gesellschaft.
Der CSD ist keine Provokation. Er ist ein selbstverständlicher Ausdruck unserer Verfassung. Er ist Artikel 1 bis 3 des Grundgesetzes – auf der Straße gelebt. Wer sich dagegenstellt – im „Deutscher Störtrupp”, im Netz oder im Parlament – stellt sich gegen die Grundlagen unseres Zusammenlebens.
Pforzheim muss sich entscheiden: Zwischen Demokratie – oder der Duldung organisierter Menschenfeindlichkeit.
Ich habe meine Entscheidung längst getroffen. Am 14. Juni stehe ich auf der Straße. Gegen Einschüchterung. Gegen das Schweigen. Gegen das Böse.
Peter Weidner, Pforzheim
Beispiel 2: Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden Pforzheim erklärt sich solidarisch mit dem CSD!
Für manche CSD-Teilnehmende war es sicherlich eine Überraschung, dass sich ausgerechnet die evangelische und die katholische Kirche erfreulicherweise solidarisch zeigten:
„Der Vorstand der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Gemeinden ist entsetzt über die Pläne von Rechtsextremisten (Deutscher Störtrupp), mit völkischen und diffamierenden Parolen in unmittelbarer Nähe des CSDs zu agitieren. Wir sind besorgt über die Gefahr, die von den Rechtsextremisten für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des CSDs ausgeht. Wir erwarten, dass die Stadt Pforzheim und die polizeilichen Behörden verhindern, dass es zu Bedrohung oder gar Gefährdung der Teilnehmer und Teilnehmerinnen des CSDs während der Veranstaltung, sowie auf den Wegen vor und nach der Veranstaltung, kommt. Darüber hinaus bitten wir dringend, ein Verbot der rechtsextremistischen Gegenveranstaltung anzustreben, weil der „Deutsche Störtrupp“ verfassungsfeindlich agiert und eine Gefahr für die Menschen dieser Stadt darstellt. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – dafür stehen wir ein und bitten alle Christen und Christinnen, sich mit dem CSD solidarisch zu zeigen. Wir werden da sein und mit unserer Anwesenheit ein deutliches Zeichen gegen Hass und Menschenfeindlichkeit setzen“.
Beispiel 3: „Nur“ Pforzheim? Zur Situation in Bad Cannstatt
Beim soziokulturellen Zentrum PRISMA wurden zwei Mal hintereinander Regenbogenflaggen geklaut und zerstört. Auch hier kam es zu einem breiten Protest gegen Hass und rechte Gewalt und wurde erneut eine noch größere Regenbogenfahne am PRISMA wieder angebracht:
„Dehumanisierung an einer Stelle bedeutet Dehumanisierung jederorts“ Auszüge der Rede von Toni Böckle, stellvertretend für das PRISMA und Fläche e.V. am 30.5.2025 am Bahnhofvorplatz Bad Cannstatt.
07.01.2023 Plakate wurden im Innenhof angezündet und verbrannt. Es wurden Flyer im Treppenhaus der Ateliergemeinschaft verbrannt. Es wurden Sticker der “Revolte Pforzheim”, die gegen Grüne, Antifaschist*innen, Linke und Queerness hetzen, gefunden.
13.11.2024 In der Toilette des KIOSK wurden Sticker von der “Jungen Alternative”, ebenso Sticker der AfD und Sticker, die gegen Queerness hetzen, gefunden.
03.12.2024 Im Innenhof und im Treppenhaus wurden Sticker von “Der III. Weg” und “Deutsche Jugend voran” gefunden.
11.02.2025 Im Innenhof wurden zwei Schmierereien gefunden, die antisemitische Motive aufgreifen.
20.03.2025 Im Innenhof wurde ein Pride-Flag-Sticker mit dem Hakenkreuz übermalt und ein Schriftzug, der gegen Antifaschist*innen hetzt, gefunden.
04.03.2025 Am Faschingsdienstag wurde beim Verlassen des Gebäudes eine Person massiv körperlich und verbal, mit feindlicher und misogyner Beleidigung, angegriffen. Außerdem fand eine Sachbeschädigung statt. (…)
23.03.2025 Bei der Langen Nacht der Museen fand am roten Tor eine Serie von Machtdemonstrationen verschiedener rechter Gruppierungen nach dem Naziaufmarsch in Stuttgart statt. Es wurden am roten Tor Sticker mit der Aufschrift „NS-Zone“ gefunden.
26.04.2025 Nach mehreren, geblockten und unterbundenen vergangenen Versuchen wurde nun die Pride-Flag von der Terrasse des SUNNY HIGH entwendet und auf offener Straße mit einem Messer zerschnitten. Das PRISMA meldet Hausfriedensbruch, Diebstahl, Sachbeschädigung und politisch motivierte Kriminalität und sucht die Öffentlichkeit.
11.05.2025 Vor dem roten Tor wird die verbotene, als Straftat bewertete, erste Strophe der Nationalhymne gesungen.
16.05.2025 Es werden queerfeindliche Ausrufe von der Schwemme in Richtung SUNNY HIGH bei der Nacht arabischer Poesie im Rahmen des Literaturfestivals bezeugt.
In der Nacht vom 25.05. – 26.05.2025 wurde erneut die Interims-Pride-Flag von der Terrasse des SUNNY HIGH entwendet und auf offener Straße angezündet. (…)
Seit 2021 befindet sich nun schon das PRISMA, vertreten durch Fläche e.V., durch das Prinzip der Zwischennutzung in der ehemaligen Schwaben-Bräu-Passage in Bad Cannstatt. Als selbstverwaltetes, soziokulturelles Zentrum funktioniert das PRISMA als zivilgesellschaftliche Arbeitsstätte. PRISMA stellt Arbeitsräume für Initiativen, künstlerische und sozio-politische Akteur*innen bereit. (…) Im Namen des PRISMAs, dieser Ort mit vielen Bedeutungen und Stimmen, danke ich jeder Person und jeder Initiative, die jeden einzelnen Tag Entscheidungen treffen um jeden einzelnen Tag der Möglichkeit näher zu kommen, dass das PRISMA unser zu Hause wird, ist und bleibt. An jede Person die sich entschieden hat, heute (…) hier zu sein, um ein klares Solidaritätssignal zu senden: Wir sind berührt, erleichtert und dankbar über eure Solidaritätsbekundungen und solidarischen Aktionen.
Neue Neonazi-Jugendgruppen
Auszüge der Antwort der Bundesregierung (21/193) auf eine Kleine Anfrage der Fraktion Die Linke (21/81):
Seit Beginn des Jahres 2024 treten in verschiedenen Bundesländern neue neonazistische Gruppen mit Namen wie „Elblandrevolte“, „Pforzheimrevolte“, „Letzte Verteidigungswelle“, „Deutsche Jugend Voran“, „Jung und Stark“, „Der Störtrupp“, „Nationalrevolutionäre Jugend“ oder „Deutsche Jugend zuerst“ auf. (…) Wie schätzt die Bundesregierung die aktuelle Gefährdungslage durch neu entstehende, gewaltbereite rechtsextremistische Jugendgruppen ein (…)? Die Bundesregierung beobachtet die Entwicklung der neu entstehenden, gewaltbereiten rechtsextremistischen Jugendgruppen intensiv. (…) Aufgrund der Gewaltbereitschaft des Personenpotenzials sowie der gefestigten Strukturen der Personenzusammenschlüsse ist (…) eine abstrakte Gefährdung für Personen, die den rechtsextremistischen Feindbildern der Gruppen entsprechen, gegeben. Dazu gehören insbesondere Angehörige der LGBTQ-Community, der „linken“ Szene sowie Personen mit Migrationshintergrund. (…)
Welche Erkenntnisse liegen der Bundesregierung über die in der Vorbemerkung der Fragesteller genannten Gruppen vor (…)? „Elblandrevolte“: Die „Elblandrevolte“ ist eine Gruppierung der „Jungen Nationalisten“ im Raum Dresden (Freistaat Sachsen). Bei den „Jungen Nationalisten“ handelt es sich um die Jugendorganisation der rechtsextremistischen Partei „Die Heimat“ (vormals NPD). (…) „Pforzheim Revolte“: Die „Pforzheim Revolte“ gründete sich im Jahr 2020. Zu Beginn wurde die Gruppe der „Identitären Bewegung“ zugeordnet. Seit 2023 (…) richteten sich die Aktionen der Gruppe vorwiegend gegen die LGBTQ-Community und den politischen Gegner. (…) „Letzte Verteidigungs Welle“ (L. V. W.), „Deutsche Jugend Voran“ (DJV), „Jung & Stark“ (JS), „Der Störtrupp“ (DST), „Deutsche Jugend zuerst“ (DJZ): Die Mitglieder sind dem aktionsorientierten und gewaltbereiten rechtsextremistischen Spektrum zuzuordnen. Für die rechtsextremistischen Agitationen bedienen sich die Mitglieder dieser Gruppierungen ideologischer Fragmente des Rechtsextremismus, die primär in der Auswahl der Feindbilder – insbesondere der linksextremistischen „Antifa“ oder der LGBTQ-Community – Ausdruck finden. Diese Feindbilder dienen als Projektionsfläche für rechtsextremistisch motivierte, teils gewaltbezogene Aktionen. (…) Die Rekrutierung durch die genannten Personenzusammenschlüsse findet hauptsächlich über die sozialen Medien und Messenger-Dienste statt und richtet sich an Jugendliche und junge Erwachsene. Die Altersspanne der Mitglieder der genannten Personenzusammenschlüsse liegt aktuell zwischen 16 und 35 Jahren. (…) Mehrfachmitgliedschaften sind bislang die Ausnahme, allerdings kam es insbesondere bei Störaktionen gegen Christopher-Street-Day-(CSD-)Veranstaltungen und gegen Kundgebungen der linken Szene zur gemeinsamen Teilnahme von Akteuren unterschiedlicher rechtsextremistischer Organisationen und Parteien.
Hintergrundinformationen zum Begriff „völkisch“
Weder der „Nationalsozialismus“ noch die heutige extreme Rechte wären ohne die völkische Bewegung denkbar, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert entstand. Obwohl sich viele Rechtspopulisten und Neonazis auf die völkische Bewegung beziehen und mit Bezug auf die AfD in Medien öfters von „völkischem Gedankengut“ oder von „völkischen Kräften“ zu lesen ist, sind Geschichte, Ziele und Protagonisten der „Völkischen“ Vielen heute nahezu unbekannt. Zur Vorbereitung auf die Veranstaltung „Nie wieder still – Entwicklungen und Auswirkungen der völkischen (NS-)Geschlechterideologie“ am 13. Juli 2025 im Erinnerungsort Hotel Silber sind hier Hintergrundinformationen zum Begriff „völkisch“ entlang der sogenannten W-Fragen (Was, Wer, Wie, Wann etc.) zusammengestellt, die vor allem auf jene Quellen beruhen, die am Ende des Beitrags genannt werden. Im Text ist das beispielsweise mit (Q1) für Quelle 1 angegeben.
Was bedeutet „völkisch“? Als völkisch wird eine radikal-nationalistische Einstellung bezeichnet, die die Menschengruppe, zu der man sich zugehörig fühlt, das eigene „Volk“ verabsolutiert und als (ethnisch) reine Gemeinschaft definiert. (Q1) In der Geschichtswissenschaft wird „völkisch“ als Sammelbezeichnung für die sich seit den 1890er Jahren politisch und kulturell formierende nationalistisch-antisemitische Rechte in Deutschland verstanden. (Q2)
Was war die völkische Bewegung und wann war sie? Zum Ende des 19. Jahrhunderts formierte sich eine völkische Bewegung. Ihr Ziel war eine ethnisch und kulturell homogene Nation, aus der vermeintlich „undeutsche“ Fremdkörper auszuscheiden seien. Als solche sahen die Völkischen einerseits – ihrer Rassenideologie folgend – Juden, Slawen und generell Deutsche ausländischer Abstammung an. Andererseits wurden aber zum Beispiel auch körperlich oder geistig Behinderte, Freimaurer oder Sozialdemokraten und Kommunisten als „undeutsch“ definiert. (Q1)
Wer waren die wichtigsten völkischen Organisationen? Wichtige völkische Organisationen waren der Alldeutsche Verband, der Deutschvölkische Schutz- und Trutzbund (allein dieser hatte Anfang der 1920er Jahre rund 200.000 Mitglieder, vor allem aus dem Mittelstand und dem Bildungsbürgertum), die Thule-Gesellschaft oder der Deutschnationale Handelsgehilfenverband. Daneben existierten etliche völkische Kleinparteien, etwa die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), aus der später unter Adolf Hitler die NSDAP wurde. Vor allem nach dem Ersten Weltkrieg erlebte die Bewegung einen starken Aufschwung. (Q1)
Wie war das Verhältnis zwischen NSDAP, Hitler und der völkischen Bewegung? Die NSDAP verstand sich bereits in den Weimarer Jahren als feste Größe innerhalb einer größeren völkischen Bewegung. Unter der Vielzahl völkischer Akteure bildete sich die NSDAP als die stärkste deutschvölkische Kraft heraus. Unter Verweis auf „nationalsozialistische“ Alleinvertretungsansprüche in Sachen „völkisch“ lehnte es Adolf Hitler in „Mein Kampf“ ab, die NSDAP „nur“ als Teil der völkischen Bewegung anzusehen. Trotz diffusen Abgrenzungsversuchen zu den sogenannten „altvölkischen“ Kräften, erschien die Parteizeitung der NSDAP als „Kampfblatt“ vom Dezember 1920 bis zum 30. April 1945 unverändert unter dem Namen „Völkischer Beobachter“. Der Begriff „völkisch“ wurde in der gesamten Zeit von 1933 bis 1945 oft synonym mit „nationalsozialistisch“ verwendet. In dem Maße, in dem die altvölkischen Organisationen vom „Nationalsozialismus“ bzw. der NSDAP aus der Öffentlichkeit verdrängt und seit 1933 marginalisiert wurden, gerieten sie aus dem öffentlichen und später aus dem wissenschaftlichen Blick. Es war lange Zeit vergessen, dass die völkische Bewegung nicht nur das „unmittelbare Vorspiel des Hitlertums“ ist, sondern deren Denkmuster über den „Nationalsozialismus“ hinausreichen, also in die Jahrzehnte vor 1918 und seit 1945. (Q1,2,3)
Wie ist das heutige Verhältnis der AfD zum Begriff „völkisch“? Das Verhältnis zum Begriff „völkisch“ ist innerhalb der AfD heute widersprüchlich. Einerseits erklärte die damalige AfD-Vorsitzende Frauke Petry bereits 2016, dass der Begriff „wieder positiv besetzt“ werden müsse und dass die Gleichsetzung „völkisch ist rassistisch“ eine unzulässige Verkürzung sei. Auch Björn Höcke und André Poggenburg traten für eine Rehabilitierung der Begriffe „völkisch“ und „Volksgemeinschaft“ ein. Um rassistische national-völkische Positionen als solche jedoch zu verdecken, werden diese heute andererseits oftmals anders „verpackt“. Biologistische Argumentationsmuster werden vermieden wie der Begriff der „Rasse“, für den manche – als Ersatz – den Begriff der „Ethnie“ nutzen. (Q4)
In welchem Zusammenhang mit völkischem Gedankengut steht der AfD-Kampfbegriff „Passdeutsche“ und die von der AfD angestrebte „Remigration“ von Migrant:innen? Die völkische Ideologie der AfD zeigt sich insbesondere in der Verwendung des Kampfbegriffs „Passdeutsche“. Mit diesem Begriff erkennt die AfD nicht alle deutschen Staatsbürger als Deutsche an. Sie spricht manchen Deutschen die Grund- und Menschenrechte ab. „Passdeutsch“ bedeutet, dass bestimmte Personen aufgrund ihrer Herkunft oder äußeren Merkmale – etwa Hautfarbe oder ethnischer Zugehörigkeit – grundsätzlich für die AfD vom ‚eigentlichen‘ deutschen Volk ausgeschlossen bleiben. Die AfD verwendet den Begriff „Passdeutsche“ vor allem im Zusammenhang mit Menschen mit Migrationshintergrund im außereuropäischen Raum. Sie gehen davon aus, dass es ein „angestammtes“ und damit vorgegebenes homogenes Volk gebe, dessen Mitglieder als Bestandteil dieses exklusiven Kollektivs unbedingten Vorrang gegenüber Menschen hätten, die prinzipiell nicht dazugehören könnten. Demnach müsse das „deutsche Volk“ vor einer „Völkervermischung“ bewahrt werden. So behauptet Björn Höcke, dass „die sogenannte Einwanderungspolitik (…) nichts anderes ist als die Abschaffung des deutschen Volkes“. Der AfD-Europaabgeordnete Maximilian Krah will in seiner Veröffentlichung „Politik von rechts“ Deutschland als „Land der ethnisch Deutschen“ durch „Remigration“ (Vertreibung bzw. zwangsweise Deportation von Millionen Menschen mit migrantischen Wurzeln, falls diese Deutschland nicht freiwillig verlassen) „zurückgewinnen“. (Q4)
Wie definiert die AfD „Passdeutscher“? Nicht die Staatsbürgerschaft gilt für Politiker der AfD als Kriterium für ‚deutsch‘, sondern die Abstammung. Wie weit die zurückreichen soll, bleibt allerdings unklar, wie überhaupt eine klare Definition des Begriffs „Passdeutscher“ bei der AfD fehlt. Sind es die frisch Eingebürgerten oder auch deren Nachkommen? Ist beispielsweise auch der Fußball-Profi Jamal Musiala „Passdeutscher“? Der gebürtige Stuttgarter ist Sohn eines britisch-nigerianischen Vaters und einer deutsch-polnischen Mutter. Nähme man das Abstammungskriterium ernst, dann wäre auch der CDU-Politiker und frühere Bundesinnenminister Thomas de Maizière „nur“ ‚Passdeutscher‘. Seine Vorfahren flüchteten im 17. Jahrhundert aus Frankreich nach Deutschland. (Q4)
In welcher Verbindung steht völkisches Denken heute zur Ablehnung des Aktionsplans für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt? Die gleiche politische Richtung, die sich für die Remigration einsetzt, lehnt auch das geringe Fortpflanzungsverhalten alle jener ab, die zwar entsprechend ihrer genetischen Abstammung und ihres Weißseins als „deutsch“ gelten, jedoch angeblich wegen einer „Verschwulung“ der Gesellschaft und wegen eines angeblichen kinderfeindlichen Feminismus zu wenige Kinder in die Welt setzen würden. So diffamierte die Bundestagsfraktion der AfD den „Aktionsplan der Bundesregierung für Akzeptanz und Schutz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt – Queer leben“ pauschal als einen „linksideologischen Angriff auf die traditionelle Familie (…) und das Wohl insbesondere von Kindern, Jugendlichen und Frauen“. Familienförderung bedeutet für sie, die Rechte von LSBTIQ* bzw. queeren Menschen wieder einzuschränken. (Q5)
Welche besondere Rolle hat Höcke bei queerfeindlichen Kampagnen und in Bezug auf Geschlechter(un-)gerechtigkeit? AfD-Landeschef von Thüringen Bijörn Höcke engagiert sich mit anderen extrem Rechten für gezielte queer-feindliche Kampagnen. So möchte er beispielsweise den Monat Juni zum „Stolzmonat“ (Stolz auf Deutschland) wandeln. Im „Stolzmonat“ soll sich bundesweit als Gegenpol zum internationalen „Pride Month“ der weltweiten CSD-Emanzipationsbewegung das Hissen von Deutschlandfahnen statt Regenbogenfahnen durchsetzen. Höcke forderte bereits in seiner Erfurter Rede vom 18.11.2015: „Ich sage, wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft. Und wir müssen wehrhaft werden, liebe Freunde!“. Männer seien aufgrund ihres „verkümmerten männlichen Selbstbewusstseins“ identitätsgestört, 80% seien Weicheier und 10% „verkrampfte Machos“, die Opfer einer „großen Verschwulung“ geworden seien. Aber der deutsche Mann würde seinen Dämmerschlaf schon bald beenden. Dass es die Männer sind, die über Familie und Beruf hinaus die Verantwortung für die Politik tragen, führt Höcke auf natürliche und wesensmäßige Unterschiede von Mann und Frau zurück: „Wehrhaftigkeit, Weisheit und Führung beim Mann – Intuition, Sanftmut und Hingabe bei der Frau.“ Diese Maßgabe der maskulinen Führerqualitäten wird in der Besetzung politischer Mandate der AfD in den deutschen Landesparlamenten und im Bundestag umgesetzt: Die Frauenquote in den AfD-Fraktionen schwankt zwischen 0% (in Mecklenburg-Vorpommern, Bremen, Saarland, Schleswig-Holstein) und in der Regel ein bis zwei Frauen pro Fraktion in den übrigen Bundesländern. (Q6)
Wie ist das Verhältnis völkischer AfD-Kreise zu Regenbogen-Familien? Alice Weidel, die mit einer auf Sri Lanka geborenen Partnerin zwei Kinder großzieht, passt mit ihrer sexuellen Orientierung und Lebensform wie die Faust aufs Auge zur Höckes völkischen-nationalen Geschlechter- und Familienideologie. Laut einem taz-Artikel (Q7) äffte die Thüringer Landtagsabgeordnete und Höcke-Vertraute Wiebke Muhsal beim AfD-Parteitag Mitte Januar 2025 in Riesa in der AfD-Programmdebatte zum Familienbegriff den Satz im abfälligen Tonfall nach, den auch Alice Weidel öfters in Interviews verwendet hatte: „Familie ist da, wo Kinder sind“. „Diese gesellschaftsverwahrlosenden Sätze kommen mir echt zu den Ohren raus! Kinder kommen nicht irgendwo her, sondern Familie ist da, wo ein Mann und eine Frau gemeinsam Kinder bekommen!“ äußerte sich Wiebke Muhsal laut dem taz-Artikel weiter. Der Parteitag von Riesa hätte demnach diesen queer-feindlichen Klartext mit lautem Jubel, Johlen und Applaus quittiert. Die 600 Delegierten hätten einstimmig (!) das Wahlprogramm dahingehend geändert, dass darin nun steht: Familien bestehen aus „Vater, Mutter und Kindern“. Nach dem Vater-Mutter-Kind-Beschluss soll Weidel laut dem genannten taz-Artikel düpiert aus der Halle gerannt sein. Später soll sie noch am gleichen Tag in einem TV-Interview geltend gemacht haben, dass der veränderte Satz ja nur das Leitbild der AfD beschreibe. Sie wiederholte aber auch noch mal den an der Parteibasis offenbar verhassten Satz: „Für mich ist Familie dort, wo Kinder sind.“ (Q7)
Wie ist das Verhältnis völkischer AfD-Kreise zu homosexuellen AfD-Mitglieder wie Alice Weidel? Patrick Wielowiejski von der Berliner Humboldt-Universität wird in dem o.g. taz-Artikel zum Thema Homosexualität in der AfD wie folgt zitiert: „Wenn woke Queerness der Feind ist, können sich Lesben und Schwule auf Seiten der Normalen stellen (…)Homosexualität in der AfD funktioniert nur unter der Bedingung, dass Zweigeschlechtlichkeit und Heteronormativität als Grundpfeiler der rechten Ideologie nicht in Frage gestellt werden.“ Der taz-Artikel beschreibt weiter, dass Weidel ihre Partnerin Bossard zu einem Wahlkampfauftritt in Halle an der Saale mitgenommen hätte, wo diese zwischen all den „Ab-schie-ben!“-Rufen etwas versteinert gewirkt hätte und nach Weidels Rede eher verhalten applaudiert haben soll. Das kann nicht verwundern, weil laut demselben Artikel „4.000 aufgepeitschter AfD-Anhänger (…) Bier trinkend“ Sprüche riefen wie „Alice, ich will ein Kind von dir“ – während Weidel zeitgleich auf der Bühne „Remigration“ forderte. Wenn der Tech-Oligarch Elon Musk erklären kann, dass die AfD nicht rechtsextrem sein könne, weil Weidel mit ihrer Partnerin aus Sri Lanka ja nicht gerade wie Hitler wirke, dann würde daran deutlich werden, dass auch der völkische Flügel um Höcke derzeit noch ein gewisses Interesse an Alice Weidel hätte. Im taz-Artikel wird Wielowiejski weiter wie folgt zitiert: „Aus Sicht vor allem völkischer Kreise seien sie vor allem nützliche Idioten zur Verharmlosung – solange sie diese noch brauchten.“ (Q7)
16.5.2025: Das „Nie wieder-Versprechen“ darf nicht zu einem bloßen Lippenbekenntnis werden – Stolpersteinverlegung für ein deutsch-französisches Männerpaar in Strassburg
Die Geschichte des annektierten Elsass ist nicht nur über dieses Paar eng mit unserer Stuttgarter Region verbunden. In das KZ Natzweiler-Struthof, kurz KZ Natzweiler genannt, waren mehrere Personen mit Bezug zu unserer heutigen Region Baden-Württemberg wegen Homosexualität eingewiesen worden. Das KZ Natzweiler war ein von Mai 1941 bis September 1944 bestehendes Konzentrationslager des nationalsozialistischen Deutschlands nahe dem Ort Natzweiler (französisch Natzwiller) im besetzten französischen Elsass. Es lag etwa 55 Kilometer südwestlich von Straßburg. In unserer digitalen Gedenkkarte zeigen wir die Biografien folgender KZ-Häftlinge, die einen Bezug zu unserer Region des heutigen Baden-Württembergs hatten (bei Namen der NS-Opfer, die in blauer Farbe dargestellt sind, können Scans von Originaldokumenten zum KZ Natzweiler durch Anklicken aufgerufen werden):
Über die Einladung der Stadt Strassburg und des Vereins „Stolpersteine 67“ zur heutigen Veranstaltung und die darin zum Ausdruck kommende Wertschätzung queerer Erinnerungsarbeit habe ich mich sehr gefreut.
Kurz darf ich mich vorstellen: ich heiße Ralf Bogen und bin Mitarbeiter der AG queere Erinnerungskultur und des Internetprojekts „Der-Liebe-wegen – von Menschen im deutschen Südwesten, die wegen ihrer Liebe und Seualität ausgegrenzt und verfolgt wurden“. Projektträger ist Weissenburg e.V. Zentrum LSBTIQA+ Stuttgart. Auf unserer Webseite „Der-Liebe-wegen.org“ machen wir anhand von 250 Einzelschicksalen detailliert die Verbrechendes Hitlerfaschismus an gleichgeschlechtlich begehrende Menschen in der Region des heutigen Baden-Württembergs sichtbar.
Unter ihnen ist der am 10. August 1942 in Stuttgart hingerichtete Josef Martus, der den Elsässer Eugène Eggermann in Strassburg unter schwierigsten Bedingungen kennengelernt und geliebt hat. Ihr Geschichte hatte mein Mann Werner Biggel und ich im März 2015 unter anderem im Staatsarchiv Strassburg recherchiert. Uns hat an dieser Geschichte berührt, wie stark die Liebe zwischen den beiden Männern zum Ausdruck kommt. Statt allein zu fliehen, riskiert Josef Martus sein Leben, um seinen Strassburger Freund aus der Untersuchungshaft zu befreien..
Mit seiner Hinrichtung in Stuttgart war Josef Martus zweifellos ein NS-Opfer, auch wenn er selbst seit 1937 NSDAP-Mitglied und als Polizeibeamter in Strassburg seit 1940 an der staatlichen NS-Unterdrückung der elsässischen Bevölkerung beteiligt war. Details über sein polizeiliches Handeln, die einem Gedenken als NS-Opfer entgegenstehen, sind uns nicht bekannt.
Angesichts der Rechtsentwicklung und des Erstarkens von rechtspopulistischen und neofaschistischen Kräften, halte ich es für wichtig, sich weiterhin dafür zu engagieren, dass die Verbrechen an ausnahmslos allen NS-Opfern nicht in Vergessenheit geraten. Eine weitere Rechtsentwicklung, die Übernahme extrem rechter antidemokratischer Narrative und Feindbilder sowie eine Verharmlosung rassistischer und queerfeindlicher Kräfte innerhalb vieler Medien und Regierungsparteien in Europa müssen wir ebenso verhindern wie innerhalb der Polizei und Justiz sowie ökonomisch einflussreicher Kreise. Das „Nie wieder-Versprechen“ darf nicht zu einem bloßen Lippenbekenntnis werden!
Zur Unterstützung queerfeindlichen Verhaltens während der NS- und Nachkriegszeit hat sich in Deutschland die katholische Kirche in 2023 und die evangelische Kirche in Württemberg 2019 bekannt. Sie haben um Vergebung gebeten. Sie haben erklärt, dass ihre eigene Einstellung bzw. Theologie dazu beigetragen habe, dass – Zitat – „homosexuelle und andere Menschen mit queerer Identität gedemütigt, verraten und ermordet wurden“ (zitiert nach der Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 27.1.2023).
Die Unterdrückung queerer Menschen hatauch deren Ehepartner:innen und weiteren Familienangehörigen großes Leid zugefügt. Die Haltung der Kirchen in Deutschland hat dazu beigetragen, dass das Unrecht des NS-Verfolgungsbereichs „Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ lange nach 1945 tabuisiert und verdrängt wurde. Eine angemessene Aufarbeitung des NS-Unrechts wegen Schwangerschaftsabbrüchen sowie an intergeschlechtlichen und transsexuellen Menschen steht noch heute aus.
Mit zahlreichen Aktivitäten und Publikationen ist es uns erst in den letzten Jahren gelungen, wichtige Veränderungen zu erreichen. Seit 2010 gibt es in Stuttgart Stolpersteine fürhomosexuelle NS-Opfer. Seit 2018 wird in der Dauerausstellung im Erinnerungsort Hotel Silber, dem ehemaligen Sitz der Gestapo von Württemberg und Hohenzollern, auf das §175-Unrecht in der NS- und Nachkriegszeit eingegangen. Seit 2024 werden in der überarbeiteten Gedenktafel zur Erinnerung an den NS-Terror der ehemaligen Kripoleitstelle im Stuttgarter Hospitalviertel auch explizit Angehörige sexueller Minderheiten benannt. Queere Erinnerungsarbeit ist mittlerweile ein wichtiger Bestandteil des Arbeitskreis LSBTTIQ der Landeshauptstadt Stuttgart geworden. Ich freue mich darüber, dass Bea Olgun-Lichtenberg, die Leiterin des Arbeitskreises und Mitarbeiterin der Abteilung Chancengleichheit der Stadt Stuttgart, mit ihrer Teilnahme an der heutigen Stolpersteinverlegung deren Bedeutung für unsere Städtepartnerschaft und für queere Erinnerungskultur unterstreicht.
Die heutige Stolpersteinverlegung ist ein wichtiger Anfang dafür, dass – so wie es im Einladungsschreiben der Stadt Strassburg heißt – „eine lange verdrängte Erinnerung“ sichtbar und „unser gemeinsames Engagement für die Menschenrechte und die Anerkennung aller Opfer“ bekräftigt wird. Mit dieser Haltung können wir in unseren Städten zu mehr Akzeptanz menschlicher Liebes- und Lebensvielfalt beitragen. Diese neue Haltung ist und kann auch wesentlich für die Sicherheit, den Schutz und für das Verständnis queerer Menschen sein, die noch heute vor Verfolgung und schrecklicher Gewalt wie etwa in Afghanistan, Uganda oder dem Iran, fliehen müssen.
Mein besonderer Dank gebührt daher allen, die zur heutigen Veranstaltung und zur queeren Erinnerungsarbeit seit vielen Jahren beigetragen haben. Namentlich will ich hier insbesondere Frédéric Stroh, Jean-Luc Schwab und die Vereine Stolpersteine67 und LesOublié(e)s de la Mémoire erwähnen. Vielen Dank, auch im Namen der Stuttgarter Stolperstein-Initiativen und der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silberfür Eurer bzw. Ihr wertvolles Engagement!
Ralf Bogen, AG queere Erinnerungskultur und Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“, 16. Mai 2025
Der Historiker Frédéric Stroh hat zur Verfolgung von Minderheiten im von den Deutschen besetzten Elsass recherchiert und maßgeblich die Verlegung der beiden Stolpersteine in Strassburg initiiert. Der Förderverein deutsch-französischer Kultur e.V. hatte ihn nach Stuttgart eingeladen, wo er zum Thema Verfolgung von Homosexuellen im annektierten Elsass referierte. Durch diese Veranstaltung hatten wir erstmals von der geplanten Stolpersteinverlegung erfahren.
En 2025, on agresse encore parce qu’on aime autrement. On humilie, on insulte, on exclut. Et pire : on banalise. Face à une parole haineuse décomplexée, à des plateaux télé qui déversent l’intolérance, à une extrême droite qui rêve de remettre en cause des droits fondamentaux, nous ne plierons pas. À Strasbourg, nous l’inscrivons dans nos rues. Avec l’association Stolpersteine67, nous venons de poser les premiers pavés de la mémoire dédiés à un couple homosexuel en France. Josef Martus et Eugène Eggermann ont été arrêtés en 1942 pour crime « contre nature ». L’un a été exécuté, l’autre déporté. Ils ont vécu et se sont aimés dans notre ville, avant d’être écrasés par la haine nazie. À travers eux, c’est la mémoire de plus de 100 000 personnes persécutées pour leur orientation sexuelle que nous honorons. Poser un Stolperstein, c’est réancrer notre mémoire commune dans notre réalité quotidienne ; réinscrire les personnes, leur rendre leurs noms, leurs histoires, leur adresse. Le 14 juin prochain, nous « trébucherons » sur les noms de Josef et Eugène, posés sur le tracé historique de la marche des visibilités. Et nous marcherons pour leurs droits, et pour les nôtres. Pour que jamais plus la haine ne l’emporte. À Strasbourg, aucune complaisance avec les LGBTphobies. Je suis fière que notre ville avance avec courage, mémoire et amour.
Beiträge in deutschen und französischen Medien über die Stolpersteinverlegung:
Stuttgarter Amtsblatt vom 22.05.2025: Beitrag „Gedenken an männliches Liebespaar“:
Kultureller Beitrag zur Stolpersteinverlegung. Es wurde unter anderem sehr beeindruckend „DAS LILA LIED„, die sogenannte „erste Hymne der Homosexuellen“, gesungen, in dem es heißt: „Wozu die Qual, uns die Moral der andern aufzudrängen? Wir, hört geschwind, sind wie wir sind, selbst wollte man uns hängen. Wer aber denkt, daß man uns hängt, den müßte man beweinen, doch bald gebt acht, es wird über Nacht auch unsre Sonne scheinen. Dann haben wir das gleiche Recht erstritten, wir leiden nicht mehr, sondern sind gelitten“.
Beitrag von Schüler:innen des Marc-Bloch-Gymnasiums Bischheim bei der Stolpersteinverlegung
Il y a plus de 80 ans, le 31 mars 1942, alors que l’Alsace était annexée de fait par l’Allemagne national-socialiste, ici-même, là où nous nous tenons aujourd’hui en pleine lumière, se tenaient dans la pénombre des policiers venus arrêter chez eux Josef Martus et Eugène Eggermann. L’un était allemand, l’autre français. L’un a été condamné à mort et fusillé à Stuttgart, l’autre condamné à de la prison et déporté au camp de Schirmeck. Leur « crime » a été de s’être aimés.
Vor über 80 Jahren, am 31. März 1942, als das Elsass de facto von NS-Deutschland annektiert war, genau hier, wo wir heute im hellen Licht stehen, standen im Halbdunkel Polizisten, die Josef Martus und Eugène Eggermann in ihrem Zuhause verhaften wollten. Der eine war Deutscher, der andere Franzose. Der eine wurde zum Tode verurteilt und in Stuttgart erschossen, der andere zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und in das Lager Schirmeck deportiert. Ihr „Verbrechen“ war, dass sie sich geliebt hatten.
Après la violence du nazisme, le mépris de l’après-guerre et des décennies de sommeil dans les linéaires quasi sans fin des Archives d’Alsace, ces deux hommes sont reconnus en pleine lumière comme des victimes grâce à l’engagement de nombreux chercheurs, membres de la société civile et élus – de France et d’Allemagne. Qu’ils en soient chacun remerciés. En particulier, ceux qui s’exprimeront ici aujourd’hui :
Nach der Gewalt des Nationalsozialismus, der Ausgrenzung in der Nachkriegszeit und Jahrzehnten des Schlummers in den schier endlosen Regalen des elsässischen Archivs werden diese beiden Männer dank des Engagements zahlreicher Wissenschaftler, Mitglieder der Zivilgesellschaft und Politiker – aus Frankreich und Deutschland – in vollem Licht als Opfer anerkannt. Ihnen allen sei an dieser Stelle herzlich gedankt. Insbesondere denjenigen, die heute hier sprechen werden:
Monsieur le président, Richard Aboaf, pour « Stolpersteine 67 » Madame l’adjointe au maire, Floriane Varieras, pour la Ville de Strasbourg Madame la référente, Béatrice Olgun-Lichtenberg, pour la Ville de Stuttgart Les élèves du Lycée Marc Bloch de Bischheim et leur enseignant Hugo Lion Les artistes Mesdames Marie Chauvière et Sonia Louvet Monsieur le délégué régional, David Cupina, pour les « Oublié-e-s de la Mémoire » Monsieur Ralf Bogen de Stuttgart pour « Der Liebe wegen » Monsieur Martin Zerrinius pour le réseau allemand de policiers « VelsPolsSÜD »
Que soit salué également l’historien, Monsieur Friedrich Peter, responsable du projet « Stolpersteine » à Kehl et dans l’Ortenau. Ainsi que Monsieur Roland Ries, ancien maire de Strasbourg, et sa femme Christiane. De même que Nicole Dreyer, ancienne élue de l’Eurométropôle de Strasbourg.
À l’historien de rappeler que les victimes ne sont jamais des figures éthérées, mais bien des hommes et des femmes de chair et de sang, des êtres sociaux globaux et en action, qu’on ne peut réduire et objectiver. Josef Martus, lui, a pris part au système nazi en tant que policier, membre de la Schutzpolizei et du NSDAP, à des rangs subalternes. Il n’en a pas moins été aussi – été finalement et surtout – une victime du national-socialisme.
Der Historiker muss daran erinnern, dass die Opfer niemals ätherische Figuren sind, sondern Männer und Frauen aus Fleisch und Blut, globale und handelnde Sozialakteure, die nicht reduziert und objektiviert werden können. Josef Martus war als Polizist, Mitglied der Schutzpolizei und der NSDAP in untergeordneten Rängen am NS-System beteiligt. Nichtsdestotrotz war er auch – war er letztlich und vor allem – ein Opfer des Nationalsozialismus.
Ici et aujourd’hui, nous voulons nous souvenir que parmi toutes les injustices, parmi tous les crimes du nazisme, il y a eu celui d’emprisonner, de déporter, d’assassiner – aussi en Alsace – des hommes pour avoir désiré d’autres hommes et d’ajouter les noms de Josef Martus et d’Eugène Eggermann au long cortège de toutes les victimes du national-socialisme.
Hier und heute wollen wir uns daran erinnern, dass unter allen Unrecht, unter allen Verbrechen des Nationalsozialismus auch das Verbrechen war, Männer einzusperren, zu deportieren, zu ermorden – auch im Elsass -, weil sie andere Männer begehrten, und diNamen von Josef Martus und Eugène Eggermann dem langen Zug aller Opfer des Nationalsozialismus hinzuzufügen.
Formulons l’espoir que ces deux pavés de mémoire leur rendent justice, qu’ils interpellent chacun des passants de cette place et les encouragent à entrer dans les détails et la complexité de l’Histoire. Qu’ils nous exhortent tous à l’acceptation de la différence, à la bienveillance et deviennent un symbole de réconciliation entre la France et l’Allemagne, une boussole pour nos démocraties libérales.
Hoffen wir, dass diese beiden Stolpersteine ihnen Gerechtigkeit widerfahren lassen, dass sie jeden, der diesen Platz passiert, ansprechen und ihn ermutigen, sich mit den Details und der Komplexität der Geschichte zu befassen. Mögen sie uns alle zur Akzeptanz von Unterschieden und Wohlwollen ermahnen und zu einem Symbol der Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland werden, zu einem Kompass für unsere liberalen Demokratien.
Stolpersteine für ein deutsch-französisches Männerpaar
Die Stadt Strassburg und der Verein „Stolpersteine 67“ haben unser Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ zur Verlegung von zwei Stolpersteinen für ein deutsch-französisches Männerpaar am Freitag, 16. Mai, um 14 Uhr in Straßburg eingeladen. Über die darin zum Ausdruck kommende Wertschätzung queerer Erinnerungskultur freuen wir uns und werden der Einladung gerne folgen. An dieser Stelle veröffentlichen wir einen Beitrag des Pressedienstes der Landeshauptstadt Stuttgart vom 15. Mai 2025:
Mit der Verlegung von zwei Stolpersteinen erinnern die Stadt Straßburg und der Verein Stolpersteine 67 am Freitag, 16. Mai, um 14 Uhr in Straßburg an ein deutsch-französisches Männerpaar. Der deutsche Schutzpolizist Josef Martus aus Kirrlach im Kreis Karlsruhe und der Straßburger Eugen Eggermann lernten sich in der von den Deutschen besetzten französischen Stadt zu Zeiten des Nationalsozialismus kennen und lieben. Beide wurden im März 1942 in Untersuchungshaft genommen. Der Grund: Martus´ Ehefrau hatte die zwei Männer wegen ihrer homosexuellen Beziehung angeschwärzt. Josef Martus konnte fliehen und auch Eugen Eggermann vorübergehend aus dem Gefängnis befreien. Am 1. April aber wurden beide wieder verhaftet. Am 10. August 1942 wurde Josef Martus auf der Stuttgarter Dornhalde hingerichtet.
Die Geschichte des Paares wurde im Jahr 2015 durch Werner Biggel und seinen Mann Ralf Bogen vom Internetprojekt „Der-Liebe-wegen.org“ des Weissenburg e.V. Zentrum LSBTIQA+ Stuttgart erstmals aufgearbeitet – unter anderem durch Recherchen im Staatsarchiv Straßburg. Ihr Engagement ist Teil einer breiten zivilgesellschaftlichen Bewegung in Stuttgart, die sich für die Sichtbarmachung queerer NS-Opfer einsetzt. Seit 2010 wurden dort erste Stolpersteine für homosexuelle Verfolgte verlegt. Seit 2018 sind ihre Geschichten Teil der Dauerausstellung im Erinnerungsort Hotel Silber, dem ehemaligen Sitz der Gestapo in Württemberg.
Die Zeremonie in Straßburg würdigt somit nicht nur zwei individuelle Schicksale, sondern steht auch für die gemeinsame Verantwortung beider Städte, verdrängte Geschichte aufzuarbeiten und queere Erinnerungskultur zu stärken.
Floriane Varieras, stellvertretende Bürgermeisterin der Stadt Straßburg mit Zuständigkeit für Gleichstellung und Antidiskriminierung, wird bei der Zeremonie sprechen. Auch die Stadt Stuttgart ist bei der Zeremonie vertreten, unter anderem durch die Abteilung für Chancengleichheit.
Barbara Straub, Leiterin der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart, betont die Bedeutung dieser internationalen Gedenkarbeit: „Die Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart, in der die Koordinierungsstelle LSBTIQ+ angesiedelt ist, setzt sich dafür ein, vielfältige Geschlechterperspektiven auch in der Erinnerungskultur sichtbar zu machen und zu verankern. In Zusammenarbeit mit der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur der Stadt Stuttgart unterstützen wir die kommunale queere Erinnerungsarbeit aktiv. Die heutige Veranstaltung ist ein eindrucksvolles Zeichen für die lebendige Städtepartnerschaft zwischen Stuttgart und Straßburg, die nicht nur von politischem Austausch, sondern auch von gemeinsamem Erinnern und solidarischem Handeln getragen wird.“
Ausführliche Informationen zur Geschichte von Josef Martus und Eugen Eggermann finden sich auch auf dem Online-Portal https://der-liebe-wegen.org, das queere Lebensgeschichten und Verfolgungsschicksale im Nationalsozialismus dokumentiert und zugänglich macht.
Die Verlegung der Stolpersteine findet am Freitag, den 16. Mai 2025, um 14 Uhr in Straßburg, 19 Rue des Grandes Arcades, statt.
Siehe auch hierzu den Beitrag „Erinnerungen an einen Polizisten, der starb, weil er einen Mann liebte“ – von Uwe Bogen in den Stuttgarter Nachrichten,
6.4.2025: Verfolgung von Homosexuellen im Elsass – Gespräch mit dem Historiker Frédérik Stroh
Am Sonntag, den 6. April 2025 lädt der Förderverein deutsch-französischer Kultur e.V. zu einem Gespräch mit dem Historiker und Dokumentarfilmer Frédérik Stroh von 11 bis 13 Uhr in das Kulturzentrum Merlin in der Augustenstraße 72 in Stuttgart ein (10 Euro Eintritt, 7,50 Euro Schüler und Studenten). Moderiert wird die Veranstaltung von Ralf Körner.
Seit der französischen Revolution wurde in Frankreich und deshalb auch im Elsass, solange es französisch war, homosexuelle Beziehungen zwischen Männer nicht verfolgt. Das ändert sich 1940 mit der Besatzung und Annexion des Elsass durch die Nazis. Der Historiker und Dokumentarfilmer Frédérik Stroh hat zur Verfolgung von Minderheiten im von den Deutschen besetzten Elsass gearbeitet. Ralf Körner schreibt zur Veranstaltung:
Sehr geehrte Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, liebe Freundinnen und Freunde, chères amies et chers amis,
zur Zeit erleben wir, in welch atemberaubender Geschwindigkeit autoritäre Gewaltmenschen Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit unterhöhlen. Donald Trump und seine Gesellen zeichnen sich aus durch „… Neoimperialismus, die Neigung zur offensichtlichen Leugnung des Faktischen, die Verachtung für die liberale Demokratie [und] speziell für Minderheitenrechte …“, schreibt der Historiker Martin Schulze Wessel am 17. März in der Süddeutschen Zeitung. Die New York Times dokumentierte am 7. März mehr als 200 Begriffe, deren Benutzung Trump in der US-Verwaltung verbieten lässt; darunter ‚antiracist‘, ‚identity‘, ‚LGBT‘, ’sexual preferences‘ und ‚transsexual‘. Ob Minderheiten akzeptiert oder unterdrückt werden, ist ein wichtges Merkmal, an dem man das Wesen eines Systems erkennen kann.
Vor 80 Jahren befreiten die Alliierten, darunter französische Soldaten, Europa von der NS-Terrorherrschaft und natürlich war die Unterdrückung und Vernichtung von Minderheiten auch ein wichtiges Element der NS-Diktatur. In unseren nächsten Salon, am 6. April, haben wir einen Wissenschaftler eingeladen, der diese Seite des Nationalsozialismus am Beispiel des Elsass untersucht.
Wir freuen uns wieder über Ihr Interesse im neuen (und alten) Domizil unserer Salons, dem Kulturzentrum Merlin im Stuttgarter Westen.
Aufruf zur Einreichung von Beiträgen für die Tagung „Bekämpfung von Homosexualitäten, Schwangerschaftsabbrüchen und weiteren Abweichungen von der völkischen Geschlechterideologie“
Deadline: 30. März 2025, Veranstaltende: Projekt „Der-Liebe-wegen“ und Weissenburg e.V. Unterstützende Kooperationspartner:innen: Abteilung Chancengleichheit der Stadt Stuttgart, baf e.V. – Bildungszentrum und Archiv zur Frauengeschichte Baden-Württembergs, Gedenkstätte Grafeneck – Dokumentationszentrum, Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V. und Themengruppe Geschichte des Netzwerks LSBTTIQ Baden-Württemberg. Gefördert durch: Fachbereich Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg; Tagungsort: Erinnerungsort Hotel Silber, Dorotheenstraße 10, Stuttgart; Datum und Uhrzeit: 13. Juli 2025 im Rahmen der CSD-Kulturwoche, 13.30 bis 17.30 Uhr
Um 1900 verbreiten sich auch im Deutschen Reich rassistische und völkische Ideen. Diese wurden oft von akademischen Eliten propagiert und fanden vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg eine verstärkte gesellschaftliche und politische Akzeptanz. Bestandteil dieser Ideen war die sogenannte „Rassenhygiene“, worunter der dreifache Kampf gegen „Rassenvermischung“, „Bevölkerungsrückgang“ und „Entartung“ verstanden wurde. Dies beinhaltete eine nach rassistischen Kriterien orientierte Geburtenregelung sowie die Bekämpfung von Homosexualitäten und Schwangerschaftsabbrüchen.
In der Zeit der Weimarer Republik, der ersten Demokratie in Deutschland, in den sogenannten „Goldenen Zwanziger“ entwickelten sich in fast allen größeren Städten homosexuelle Treffpunkte und Vereine, allen voran in Berlin – aber auch in Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim oder Heidelberg. Diese in der Weimarer Republik hart erkämpften Freiräume wurden nach der Errichtung der NS-Diktatur im Januar 1933 sehr schnell zerstört. In Berlin wurde 1936 die „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und der Abtreibung“ installiert. Sowohl Homosexualitäten als auch Schwangerschaftsabbrüche galten als Angriff auf die „Volksgemeinschaft“ sowie auf das völkische Weltbild und dessen Geschlechterideologie und wurden polizeilich verfolgt. Viele Menschen wurden deswegen inhaftiert und ermordet. Dieses Leid wurde nach 1945 in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik Deutschland weder offiziell wahrgenommen, noch als NS-Unrecht anerkannt. Im Gegenteil: es gab vielmehr eine Kontinuität von Repressionen und Verfolgung.
Und heute?
„Wir stehen vor großen Herausforderungen. Die Rechten wollen die LGBTQIA*- Community unsichtbar machen – wir kämpfen dafür, dass wir so sichtbar bleiben, wie wir sind!“, so Lars Lindauer vom im November 2024 neu gewählten Vorstand von Stuttgart Pride (siehe https://www.stuttgart-pride.de/). Die in den letzten Jahren erreichten rechtlichen und gesellschaftlichen Fortschritte in der Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt werden von völkischem Denken beeinflusste Strömungen heute wieder in Frage gestellt oder gar als „Regenbogenmist und Genderirrsinn“ verächtlich gemacht, diffamiert und angegriffen.
Bei rechtspopulistischen und neofaschistischen Gruppierungen ist auch heute wieder der Rassismus eng verknüpft mit Abwertungen von Frauen und LSBTIQA+-Personen sowie weiteren Formen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit. Es sind die gleichen Kräfte, welche in der Bundesrepublik Deutschland unter dem Begriff der „Remigration“ die Vertreibung von Millionen Menschen anstreben und welche die Aufklärung über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt als Angriffe auf die Familien und das Wohl von Kindern und Frauen diffamieren.
Vorträge/Referent_innen gesucht
Die Tagung sieht einen Vortragsblock vor mit schwerpunktmäßig historischen Beiträgen und Forschungsergebnissen zu oben genannten Themen. Im Anschluss ist eine Podiumsdiskussion geplant, die explizit die Gegenwarts- und Zukunftsrelevanz thematisiert. Für den Vortragsblock sind vier 20-minütige Vorträge vorgesehen. Gerne können sich Referent_innen aller akademischen Qualifikationsstufen melden, aber auch Initiativen, Geschichtswerkstätten, Vereine sowie unabhängig Forschende um ihre aktuellen Arbeiten und Projekte zu präsentieren und zu diskutieren. Wir suchen Beiträge zum zentralen Thema der Tagung: das historische Phänomen der Abwertung und Bekämpfung von Homosexualitäten und Schwangerschaftsabbrüchen sowie von weiteren Abweichungen von der damit verbundenen Geschlechterideologie als Teil des rassistisch-völkischen Denkens. Dieses soll in seiner Entstehungsgeschichte, in seinen unterschiedlichen Varianten und Auswirkungen bis heute sichtbar gemacht werden. Die Beiträge können sich auf die Weimarer Zeit, die NS-Diktatur und auf die frühe Bundesrepublik beziehen und einzelne oder mehrere der oben genannten Aspekte beleuchten. Ausdrücklich sind Beiträge zur Lebenssituation von intergeschlechtlichen und/oder transsexuellen Menschen und zu §218-Repressions- und Verfolgungsgeschichten erwünscht.
Themenvorschläge (maximal 1 Seite DIN A 4; zusätzlich kurze biographische Angaben) können bis zum 30. März 2025 an folgende Mailadresse gerichtet werden: kontakt@der-liebe-wegen.org. Für Vortragende sind Honorarzahlungen möglich. Fahrt- und Unterkunftskosten werden ebenso erstattet.
27.1.2025: 80 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz | Performance „Wir: gestern, heute, morgen“ – Gedenkstunde im Landtag von Baden-Württemberg
Anlässlich des 80. Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz beteiligte sich unser Projekt „Der-Liebe-wegen“ sowie der Weissenburg e. V. an zwei Veranstaltungen in Stuttgart:
am 27.1.2025 bei der Gedenkstunde im Landtag von Baden-Württemberg für die Opfer der NS-Diktatur. Unter der künstlicherischen Leitung von Philine Pastenaci wurde die Performance „Wir. Gestern, heute, morgen“ vorgetragen, über die wir im Folgenden genauer berichten.
Video der gesamten Gedenkstunde. Performance „Wir: Gestern, heute, morgen“ ab 1:13. Beteiligte Organisationen waren neben der Weissenburg e.V.folgende Kooperationspartner:innen: SjR Esslingen, SjR Stuttgart, Regenbogenrefugium, Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland, Black Community Foundation Stuttgart, Jüdische Studierendenunion, Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg.
Wir: gestern, heute, morgen.
Von Philine Pastenaci
Prolog
Wer waren wir Wer sind wir Wer wollen wir sein. Woran erinnern wir uns. Woran nicht.
Man sagt, dass die Geschichte ständig neu geschrieben wird.
Part I Nachkriegszeit
Wir erinnern uns oft daran, was 1945 alles vorbei war. Wir erinnern uns selten daran, was alles weiter ging.
Wir erinnern uns gerne daran, was alles aufgeklärt wurde. Wir erinnern uns ungerne daran, was alles vertuscht wurde.
Wer alles im Amt geblieben ist, Wer alles weiter verfolgt wurde, Wer weiterhin eine gute Karriere hatte:
Lehrer*innen,Polizisten, Richter, Juristen, Ärzt*innen und viele mehr.
Wir erinnern uns daran, dass die meisten von ihnen Männer waren.
Wir erinnern uns daran, dass von 8500 SS Angehörigen, die in Auschwitz beschäftigt waren in Deutschland genau 49 für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen wurden. 49 von 8500
Wir erinnern uns daran, dass das nur ein Beispiel ist. Wir erinnern uns daran, dass Millionen weitere Täter unbehelligt weiter lebten.
Wir erinnern uns an die Behandlung von Menschen mit Behinderung nach 45. An die Ärzte und Ärztinnen, die weiter in den gleichen Einrichtungen arbeiteten in denen vorher gemordet wurde.
Wir erinnern uns daran, dass eine ganze Generation behinderter Menschen fehlt.
Wir erinnern uns selten an die Konsequenzen all dessen. Wir erinnern uns selten daran, dass die Menschenfeindlichkeit nie ganz aufgehört hat.
Wir erinnern uns an die ersten Forderungen nach einem Schlussstrich unter die NS Zeit. In den 1950er Jahren. Wir erinnern uns an die Verharmlosung.
Wir erinnern uns an die Sinti Familie, die nahe Reutlingen ein Haus kaufen wollte, die Bevölkerung des Ortes aber gemeinschaftlich das Haus zerstörte bevor jemand einziehen konnte. An den Bürgermeister, der eben jene Bevölkerung in den Schutz nahm.
An die homosexuellen Männer, die kaum aus dem KZ entlassen, wieder verhaftet wurden um ihre Strafe weiter abzusitzen. Ihre Strafe für so genannte „Unzucht“.
Wir erinnern uns daran, dass das Wort „asozial“ von Nationalsozialisten geprägt wurde, für alle, die nicht in ihr Weltbild passten: Menschen mit Suchterkrankung, lesbische Frauen, trans Personen, Obdachlose, Arme, Alkoholkranke, Wanderarbeiter, sogenannte Arbeitsscheue, und viele mehr.
Wir erinnern uns an den Kampf aller betroffenen Gruppen, als Opfer anerkannt zu werden:
An Juden und Jüdinnen, Christ*innen aus Osteuropa, Menschen mit Behinderungen, Sinti*zze, Rom*nja, Jenische, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“, politisch Engagierte, Widerstandskämpfer*innen, Kriegsdienstverweigerer, Deserteure, an Schwarze Menschen.
Part II Verbrechen
Wir erinnern uns an die Abartigkeit der NS Rassenideologie. Wir erinnern uns selten daran, dass diese eine lange Vorgeschichte hat.
Wir erinnern uns selten an die Grauen der deutschen Kolonialzeit. Selten daran, dass die ersten deutschen Konzentrationslager im heutigen Namibia standen.
Wir erinnern uns an: die Toten, die Ermordeten, die Entrechteten, die Versklavten, die Geschändeten, die Entmenschlichten.
Aber leider oft nur aus bestimmten Zeiten.
Wir erinnern uns daran, wie Menschen gesagt wurde: Du gehörst hier nicht hin. Du bist nicht Deutsch. Du bist kein Mensch. Du solltest hier nicht leben. Du solltest überhaupt nicht leben.
Wir erinnern uns daran, wie Menschen nicht mehr Straßenbahn fahren durften, nicht mehr arbeiten durften, nicht mehr zur Schule gehen durften, ihnen der Pass entzogen wurde, wie ihnen nach und nach sämtliche Grundrechte entzogen wurden, und sie weg gebracht wurden.
Wie Menschen zu Schwerstarbeit gezwungen wurden. Wie Experimente an Ihnen durch geführt wurden. Wie sie staatlich organisiert ermordet wurden.
Wir erinnern uns daran, dass innerhalb der kurzen 12 Jahre der NS Herrschaft die größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurden.
Part III Zerstörte Hoffnung
Wir erinnern uns daran, dass nach 1945 im Angesicht des Grauens der NS Verbrechen die internationalen Menschenrechte formuliert wurden, genauso wie die Genfer Flüchtlingskonvention.
Wir erinnern uns an Artikel 1 Absatz 1 des deutschen Grundgesetzes: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
Aber auch an Absatz zwei: Das Deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
Wir erinnern uns daran, wie stolz diese Gesetze formuliert wurden. Aber auch daran, wie wenig sie umgesetzt werden.
Wir erinnern uns an Semre Ertans Gedicht: „Mein Name ist Ausländer“ dass beschreibt, wie sie nicht als Mensch wahrgenommen wurde.
Daran, dass sie sich aus Protest gegen die Feindlichkeit, die ihr begegnete, 1982 selbst verbrannte.
Wir erinnern uns an die Anschläge in: Mölln, Solingen, Rostock Lichtenhagen, an die NSU Morde, an Dessau, Kassel, Halle, Hanau
Wir erinnern uns daran, dass es kaum Konsequenzen danach gab. Dass der Ruf nach Solidarität immer schnell verhallte. Der nach geschlossenen Grenzen und Abschiebung aber immer lauter wurde. Dass die Mittel für Jugendarbeit und Bildung im Anschluss kaum erhöht wurden.
Wir erinnern uns an, Layla M., die mit ihrer Partnerin vor Verfolgung und Tod aus dem Iran geflohen ist. Die im Dezember 2023 in Stuttgart nachts um 3:30 von der Polizei geweckt wurde, daran dass sie durch die Polizei von ihrer Partnerin getrennt wurde, daran dass sie so in Panik geriet, dass sie nicht in der Lage war einen Koffer zu packen. Daran, dass sie ohne Jacke und Wechselkleidung bei Minusgraden nach Finnland gebracht wurde.
Wir erinnern uns daran, dass ihr Fall keine Ausnahme ist. Dass ähnliches jeden Tag passiert.
Wir erinnern uns daran, dass diese Liste endlos fortgeführt werden könnte.
Part IV Sprache und Empowerment
Wir erinnern uns daran wie gesagt wurde, eine ganze Religionsgemeinschaft würde nicht zu Deutschland gehören.
Wir erinnern uns an den Wert der Meinungsfreiheit. Wir erinnern uns daran, dass man durchaus alles sagen kann. Dass man sich fragen sollte ob man alles sagen möchte. Dass Sprache immer eine Geschichte hat. Dass sie immer im Wandel ist. Und immer im Wandel war. Sprache ist ein Spiegel unserer Zeit. Wofür wir keine Worte haben, das existiert für uns nicht. Wofür wir nur abwertende Worte haben, das werten wir ab.
Wir erinnern uns an, die ersten Menschen, die gegen die Abwertung aufgestanden sind:
Menschen verschiedener Religionen, die verschiedene Sprachen sprechen, die verschiedene Kulturen leben, verschiedene Geschlechter haben, verschiedene Körper, verschiedene Haare, verschiedene Hautfarben, die verschieden lieben, und verschiedene Fähigkeiten haben.
Aber alle das selbe Blut. Und die selbe DNA. Die alle Homo Sapiens sind. Verständige Menschen. Die aufgestanden sind und gesagt haben:
Es reicht.
ich will das nicht mehr. Ich lasse mich nicht mehr bespucken. Ich lasse mich nicht mehr klein machen. Ich habe ein Recht zu leben. Ich habe ein Recht hier zu leben. Ich bin ein Mensch. Ich habe Rechte. Ich habe Würde. Ich möchte, dass diese geachtet wird.
Wir erinnern uns daran, dass die Meinungsfreiheit des einen da aufhören sollte, wo die Würde eines anderen anfängt.
Epilog
Wer sind wir. Wer wollen wir sein. Wer ist mit „wir“ gemeint? Warum gibt es immer wieder ein „wir“ und ein „die“? Ist das „wir“ nicht stärker je mehr Menschen es einschließt?
Wir leben in einem Land der Kultur der Erinnerung. Erinnerung bedeutet Verantwortung. Bedeutet Probleme Lösen statt mit dem Finger auf andere zu zeigen. Ihr könnt bestimmen wer ihr sein wollt. Wir können bestimmen wer wir sein wollen. Gestern, heute und morgen.
25.01.2025: Zum Gedenktag an die Opfer der NS-Diktatur: Impulse, Austausch, Gedenken
80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz im Jahr 1945: Gedenkveranstaltung für die Opfer der NS-Diktatur am Samstag, den 25. Januar 2025, 15 Uhr, im Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstraße 33
Die Geschichte der „Büchsenschmiere“ im Hospitalviertel, in dem die Kriminalpolizei Stuttgart bis 1945 untergebracht war, wird im Zentrum einer Veranstaltung zum diesjährigen Gedenktag an die Opfer der NS-Diktatur stehen. Am Samstag, den 25. Januar 2025, 15 Uhr, laden das Projekt „Der-Liebe-wegen“, der Weissenburg e.V., die Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V., die Stuttgarter Stolperstein-Initiativen und Regenbogen.Bildung.Stuttgart in den Hospitalhof Stuttgart, Büchsenstraße 33, ein.
In einem Vortrag unter dem Titel „Die NS-Verbrechen der Kripoleitstelle Stuttgart im Hospitalviertel – der lange Weg der Aufarbeitung“ werden Gudrun Greth und Ralf Bogen unterschiedlichen Fragen nachgehen: Welche Rolle hatte die Kripoleitstelle Stuttgart für die NS-Diktatur? Warum erinnert die Gedenktafel erst seit einem Jahr auch an die Angehörigen sexueller Minderheiten?
Jugendliche aus verschiedenen Organisationen wie beispielsweise der DGB-Jugend, des Stadtteilzentrums Gasparitsch oder der Gruppen der Burgjugend des Weissenburg e.V. werden kurze Impulse geben zur Frage „Warum und wie heute an die NS-Verbrechen erinnern?“. Danach findet ein generationenübergreifender Austausch statt. Abschließend erfolgt der Gang zur neuen Gedenktafel am Leonhard-Lechner-Weg. Hier werden Blumen niedergelegt.
Die Veranstaltung findet im Rahmen einer Kooperation mit der Landeshauptstadt Stuttgart, dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg, dem Evangelischen Bildungszentrum Hospitalhof Stuttgart und dem Zeichen der Erinnerung e.V. statt. Sie wird musikalisch umrahmt von den jungen Musikern Andrii Rubskyi und Yelisei Martynovaus aus der Ukraine und Alexander Nesterov aus Russland. Mit ihren Liedern erinnern sie an die Millionen NS-Opfer aus Belarus, Ukraine und Russland.
Weitere Informationen zur Gedenktafel im Hospitalviertel zur Erinnerung an den NS-Terror der Kripoleitstelle Stuttgart:
80 Jahre liegt die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau zurück. Das Grauen, das sich der Welt an jenem 27. Januar 1945 offenbarte, ist zum Inbegriff geworden für die Ermordung und das Leid von Millionen von Menschen unter nationalsozialistischer Schreckensherrschaft. (…) Wir wollen zurückblicken (…) aber auch vorausschauen auf den vor uns liegenden Weg des Erinnerns. Denn angesichts wachsender Geschichtsvergessenheit und dem Erstarken von Menschenfeinden stehen wir womöglich erneut am Scheideweg der Demokratie
(Aus der Einladung „Gedenkstunde des Landtags von Baden-Württemberg zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“)
Programm:
Gedenkrede Muhterem Aras MdL Präsidentin des Landtags von Baden-Württemberg
Grußwort Michael Kashi Vorstandsmitglied der israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs
Fachvortrag „Der Weg des Erinnerns“ Prof. Dr. Martin Sabrow Senior Fellow am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam und Sprecher des Leibniz-Forschungsverbundes „Wert der Vergangenheit“
Beitrag „Wir: Gestern, heute, morgen“ Weissenburg e.V. und Kooperationspartner
Musik Noga Sivan (Violine), Zohar Sivan (Cello), Prof Dr. Noam Sivan (Klavier)
Weitere Veranstaltungen zum Gedenktag und darüber hinaus in Stuttgart, Heidelberg und Mannheim:
Do., 9. Januar 2025, 17 Uhr, Sandgasse 10, Heidelberg Altstadt: Enthüllung einer Gedenkplakette für Magnus Hirschfeld
Do., 9. Januar 2025, 18 Uhr, Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, Heidelberg: Eröffnung der Ausstellung „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ der Magnus-Hirschfeld-Stiftung (in Heidelberg bis 16. Februar, danach ab 20. Februar in Mannheim) Mit einer Einführung der Co-Kuratorin Dr. Insa Eschebach Öffnungszeiten: Di., 9:30 – 19:45, Mi., Do., Fr. 9:30 – 16:30 Sa., So. 11 – 16:30 Uhr Do., 16. Januar 18 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit Karl-Heinz Steinle, M.A. So., 2. Februar 11:30 Uhr: Führung durch die Ausstellung mit Prof. Dr. Karen Nolte
Sa., 15. Februar 2025, 14 Uhr, vor dem Dokumentations- und Kulturzentrum deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, Heidelberg: „Lesbisch. Schwul. Queer. Erinnerung in Bewegung“ – ein Stadtrundgang der lesbisch-schwulen Geschichtswerkstatt Rhein-Neckar
Do., 23. Januar, 18 Uhr, im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg: Vortrag „Und wenn ich zehn Jahre herumreise, kriegen tut man mich doch nicht.“ mit Frauke Steinhäuser, M.A., freiberufliche Historikerin in Hamburg
Do., 30. Januar, 18 Uhr, im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg: Vortrag „Ich möchte so gerne mein Leben in die Welt schreien.“ mit Adele Haas inter*
Do, 6. Februar Vortrag, 18 Uhr, im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg: „Ich werde von der Menschheit als Frau als vollwertigen Menschen behandelt.“ mit Kai* Brust, M.A., freiberufliche*r Historiker*in in Berlin
Do., 13. Februar, 18 Uhr, im Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, Bremeneckgasse 2, 69117 Heidelberg: Finissage mit Musikprogramm „Claire Waldoff: Ich will aber gerade vom Leben singen …“ Eine musikalische Biografie von und mit Sigrid Grajek sowie Stefanie Rediske am Piano
In Mannheim
Sa., 1. Februar, 18 Uhr, Cinema Quadrat, K 1,2; 68159 Mannheim: Gendertrouble in der Weimarer Republik: „Mädchen in Uniform“ (1930, 83 Min.) und „Ich möchte kein Mann sein“ (1918, 44 Min.) Fassung: Tonfilm und Stummfilm mit Live-Musik von Jens Schlichting (Klavier) Referentinnen: Karola Gramann und Heide Schlüpmann, Filmwissenschaftlerinnen, Filmhistorikerinnen, Autorinnen Eintritt: 20 € regulär/ 15 € ermäßigt / 13 € Mitglieder
Do., 20. Februar 2024, 18:30 Uhr Mannheimer Abendakademie; U 1, 1; 68161 Mannheim: Eröffnung der Ausstellung „Gefährdet leben. Queere Menschen 1933-1945“ der Magnus-Hirschfeld-Stiftung (bis 27. März)
Sa., 15. März 2025, 14 Uhr, ab Abendakademie Mannheim U1,1: „Lesbisch. Schwul. Queer. Erinnerung in Bewegung“ – ein Stadtrundgang der lesbisch-schwulen Geschichtswerkstatt Rhein-Neckar
Sa., 15. März 2025, 17 Uhr, ab Abendakademie Mannheim U1,1: „queer. lesbisch. feministisch.“ – ein Stadtrundgang der lesbisch-schwulen Geschichtswerkstatt Rhein-Neckar
Di., 18. März 2025, 18 Uhr, ab Abendakademie Mannheim U1,1: „Lesbisch. Schwul. Queer. Erinnerung in Bewegung“ – ein Stadtrundgang der lesbisch-schwulen Geschichtswerkstatt Rhein-Neckar
Januar 2025: Ein ganzes Leben in Zwangseinrichtungen
Aus Anlass des Tages des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2025, dem achtzigsten Jahrestag der Befreiung von Ausschwitz, hat uns Claudia Weinschenk folgenden Beitrag zur Erinnerung an eine Frau zugesandt, die durch äußere Zwänge nie die Chance auf ein selbst bestimmtes Leben hatte. Claudia Weinschenk forschte fünf Jahre in Akten von baden-württembergischen Psychiatrien aus der NS-Zeit nach Hinweisen auf Frauen, die nicht-heteronormativ empfanden. Weil die Daten sehr sensibel dürfen sie nur anonymisiert veröffentlicht werden.
B.G. hatte bereits einen schlechten Start ins Leben: Sie wurde 1915 in der Frauenstrafanstalt Bruchsal geboren. Ihr Vater fiel noch im selben Jahr im Ersten Weltkrieg. Sie hatte mehrere Geschwister. Da ihre nun alleinerziehende Mutter überfordert war wurde sie von der Fürsorge in ein Waisenhaus verbracht, in dem sie bis zum Ende ihrer Schulzeit verblieb. Danach war sie bis zum Alter von 18 Jahren in verschiedenen Erziehungsheimen untergebracht. Dann konnte sie in Freiburg einen Platz in einem Mädchenwohnheim erhalten, das von der Freiburger städtischen Fürsorge betreut wurde.
Erstmals in ihrem Leben konnte sie sich nun frei und ohne Zwänge bewegen. Offensichtlich nutzte sie das auch aus, denn ihre Freiheit währte nur kurz: Sie wurde schon bald von der Polizei auf dem Freiburger Schloßberg unter dem Vorwurf, sie habe sich dort „mit Männern herumgetrieben und mit zweien geschlechtlich verkehrt“ aufgegriffen. Sie wurde allerdings nicht wegen Prostitution inhaftiert sondern in die Universitätspsychiatrie Freiburg verbracht, wo sie ungefähr ein Jahr verblieb. Ihre dortige Diagnose lautete „haltlose asoziale Psychopathin“. In den Akten der Psychiatrie Freiburg wurde vermerkt, sie habe sich „eng an eine Puella“ angeschlossen, eine Benennung für eine Prostituierte. Von Freiburg wurde sie 1934 in die nahe gelegene Heil- und Pflegeanstalt Emmendingen verbracht, wo sie bis April 1940 verbleiben sollte.
Bereits in den ersten Tagen ihres dortigen Aufenthalts wurde in der Akte vermerkt: „unterhält ein intimes Verhältnis mit einer (..) Pat., wobei sie, obwohl bedeutend jünger, doch die Tonangebende, Aktive und weitaus Gefährlichere ist.“ Ähnliche Vermerke finden sich immer wieder, beispielsweise: „Ist erst kürzlich dabei überrascht worden, wie sie bei einer anderen Patientin im Bett lag und pervers sich betätigte Sexuell völlig haltlos und äusserst leicht erregbar.“, „Wurde von einer Mitkranken beschuldigt mit einer anderen Kranken homosexuelle Sachen zu treiben“. An anderer Stelle wurde sie auch als „mannstoll“ beschrieben. Im Oktober 1939 vermerkte ein*e Ärzt*in: „Immerhin eignet sie sich tatsächlich nicht für eine Irrenanstalt. Man sollte eigentlich einen Entlassungsversuch durchführen und bei Missglücken sie in ein Arbeitshaus einweisen“. Es dauerte dann noch ein halbes Jahr bis sie entlassen wurde.
Sie hat es nicht geschafft: Sie kam mehrmals wegen diverser Straftaten in Konflikt mit dem Gesetz, wurde inhaftiert und im Landeskrankenhaus Sigmaringen untergebracht und verbüßte schließlich 1942 wegen „verbotenen Umgangs mit Kriegsgefangenen“, also eines „Vergehen(s) gegen die Verordnung zum Schutz der Wehrkraft“, eine einjährige Gefängnisstrafe in der württembergischen Frauenstrafanstalt Gotteszell.
Nach Verbüßung ihrer Strafe wurde sie nicht in Freiheit entlassen sondern direkt in die Heil- und Pflegeanstalt Zwiefalten verbracht. Hier blieb sie bis zum März 1944. Der Vermerk zur Entlassung lautet: „versetzt nach Arbeitslager“.
Noch konnte ich nicht ermitteln in welches Arbeitslager B.G. verbracht wurde und wie ihr weiterer Lebensweg verlief. Weitere Recherchen diesbezüglich sind im Gange.
Claudia Weinschenk
Quellen: Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Freiburg, E 120-1 Nr. 8702 Landesarchiv Baden-Württemberg, Staatsarchiv Ludwigsburg, E 356i Bü 4246 ebd. F 235 III Bü 262a Nr. 76
21.-23.11.2024: „Queere Menschen und die Kirchen“ – ein subjektiver Tagungsbericht
„Lange haben die katholische und die evangelische Kirche alle Lebensformen jenseits der Heteronormativität verurteilt und LGBTQI* in christlicher Lehre wie kirchlicher Praxis marginalisiert und diskriminiert. Momentan vollzieht sich jedoch ein vorsichtiger Umbruch. In dieser Situation wollen wir (…) einen Beitrag zu den Diskussionen um eine weitere Öffnung leisten“ – so hieß es in der Einladung zur Tagung „Queere Menschen und die Kirchen“. Zu ihr hatte die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart in Kooperation mit mehreren Partnerorganisationen (1) am 21. bis 23. November 2024 in ihr Tagungszentrum Hohenheim eingeladen.
Der besondere Reiz dieser Tagung zeigte sich für mich in drei Aspekten:
von unmittelbar Beteiligten der Aktion „#OutinChurch – für eine Kirche ohne Angst“ in 2022 zu erfahren, was diese Aktion ausgelöst hat;
im vielfältigen Spektrum der Vortragenden und Teilnehmenden;
in der mutigen Bereitschaft der Tagung damit zu beginnen, sich mit der schmerzhaften Rolle der Amtskirchen in der Aidskrise der 1980er Jahren auseinanderzusetzen.
Spürbare Nachwehen der Aktion „#OutinChurch“
Ohne den Hintergrund der Aktion „#OutinChurch“ wären viele Vorträge, wenn nicht gar die gesamte Tagung für mich so nicht vorstellbar gewesen. Daher möchte ich zunächst diese Aktion in Erinnerung rufen. 125 Personen erklärten am 24. Januar 2022 ihr gemeinsames Coming Out im Manifest „#OutinChurch – Für eine Kirche ohne Angst“, das mit folgender Selbstdarstellung begann: „Wir, das sind hauptamtliche, ehrenamtliche, potentielle und ehemalige Mitarbeiter*innen der römisch-katholischen Kirche. (…) Wir identifizieren uns unter anderem als lesbisch, schwul, bi, trans*, inter, queer und non-binär. (…) Die meisten von uns haben mannigfach Erfahrungen mit Diskriminierung und Ausgrenzung gemacht – auch in der Kirche.“ Das Manifest bezog unmissverständlich Stellung für rund 90.000 Beschäftigte der katholischen Kirche und 700.000 Beschäftigte bei deren Wohlfahrtsverband Caritas (insgesamt arbeiten in Deutschland rund 1,3 Millionen Personen für Kirchen und ihre Einrichtungen): „Bisher können viele von uns in ihrem kirchlichen Beruf oder Umfeld mit ihrer geschlechtlichen Identität und/oder mit ihrer sexuellen Orientierung nicht offen umgehen. Es drohen arbeitsrechtliche Konsequenzen bis hin zur Zerstörung der beruflichen Existenz. […] Damit ist ein System des Verschweigens, der Doppelmoral und der Unaufrichtigkeit etabliert worden.“ Bei der Tagung zeigten sich für mich die Nachwehen dieser Aktion insbesondere in den Vorträgen „Geschichte der Queerpastoral in der katholischen Kirche“ von Andreas Heek (Düsseldorf), „Pfarrerin mit Frau – eine (un)mögliche Geschichte“ von Sibylle Biermann-Rau (Tübingen – hier im Bezug auf die evangelische Landeskirche in Württemberg), „Queere Lebensgeschichten im Dialog“ von Kerstin Söderblom und Josephine Haas (Mainz), „Ungehorsam!“ von Jana Kristin Hoffmann (Bielfeld – hier in Bezug auf die Methodistische Kirche in den USA), „Beheimatung lesbischer Frauen in der alt-katholischen Kirche“ von Ella Detscher (Freiburg) und nicht zuletzt im Vortrag „Queere Menschen in den Kirchen“ von Jens Ehebrecht-Zumsande (Hamburg), einem der Initiatoren von #OutInChurch. [Zu „Queere Lebensgeschichten im Dialog“ siehe hierzu auch den Beitrag von Reinhard Brandhorst, Pfarrer i. R., über 20 Jahre Pfarrer der Leonhardsgemeinde Stuttgart und Initiator der alljährlichen Stuttgarter CSD- und Welt-AIDS-Tag-Gottesdienste bei der Veranstaltung „Religiös begründete Abwertungen als Nährboden für Hass und Gewalt gegen queere Menschen“ vom 13.7.2024 im Erinnerungsort Hotel Silber.] Das Verbindende bei all diesen Vorträgen war für mich, dass queere Menschen in den Kirchen sich nicht mehr verstecken, sondern sich generationsübergreifend gegenseitig helfen und ermutigen, die Stimme zu erheben und sichtbar(er) zu werden, damit sich in Kirchen endlich nicht mehr queere Menschen, sondern ihre Peiniger und Unterdrücker wegen ihrer diskriminierenden Worte und Taten schämen.
Jens Ehebrecht-Zumsande (links), einer der Initiatoren von #OutInChurch:
Vielfältiges Spektrum der Vortragenden und Teilnehmenden
Im Programm (2) der Tagung mit den drei Sektionen „Historische Perspektive“, „Theologische Auseinandersetzungen“ und „Lebenswelten und Handlungsräume“ kam ein vielfältiges Spektrum der Vortragenden und Teilnehmenden zum Ausdruck. Die Tagung hat Historiker:innen wie Theolog:innen, Haupt- und Ehrenamtlichen im kirchlichen Raum, Religionslehrer:innen, Kirchenarchivar:innen, Studierenden und nicht zuletzt Vertreter:innen queerer Kirchengruppen und Initiativen wie unserem Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ im nichtkirchlichen Bereich die Möglichkeit zum Austausch geboten. Auch die Sichtbarwerdung von trans* und inter*Personen und generell der Vielfältigkeit geschlechtlichen Seins wurde während der Tagung insbesondere durch die Vorträge „Denkstile und Anerkennung – der Diskurs um trans* und inter* Personen in Recht und Kirche“ von Mara Klein und Lea Quaing (Münster), „Doing Systematics am Beispiel der Transgeschlechtlichkeit“ von Theodor Adam (Hannover), „Your stories matter – Biografien von trans*Personen als Anstoß pastoraltheologischer Reflexion“ von Stephanie Bayer (Luzern) deutlich. Dazu trug auch Klaus-Peter Lüdkes (Altenberg) bei der Schlussdiskussion bei, der Vater eins transidenten Sohnes und Autor des Buches „Jesus liebt trans“ ist.
Mutige Bereitschaft damit zu beginnen, sich mit der schmerzhaften Rolle der Amtskirchen in der Aidskrise der 1980er Jahren auseinanderzusetzen
Als jemand, den die Aidskrise der 1980er Jahre maßgeblich geprägt hat, begrüße ich die mutige Bereitschaft der Tagung damit zu beginnen, sich mit der schmerzhaften Rolle der Amtskirchen in der Aidskrise der 1980er Jahren auseinanderzusetzen. Bei Beerdigungen wurden damals oftmals die Lebens- und Liebenspartner der Verstorbenen und ihr Leid durch kirchliche Vertreter nicht anerkannt. Hier zeigte sich die große politische und gesellschaftliche Wirkmächtigkeit der Kirchen auf die Lebenswelten queerer und auch heterosexueller Menschen, die keine der kirchlichen Norm entsprechendes Beziehungs- und Liebesleben führten, unabhängig davon, ob sich die Menschen selbst nun als religiös oder nicht religiös verstehen oder verstanden haben. Im Vortrag „Kirche, Katholizismus und HIV/Aids in den 1980er Jahren“ von Elisabeth Wittkowski (Bochum) wurde deutlich, wie die katholische Kirche zunächst eine Kondombenutzung strikt ablehnte und schwulen Männern generell und weltfremd sexuelle Enthaltsamkeit empfahl.
Bereits im ersten Vortrag der Tagung mit dem Titel „Gleichgeschlechtliches Begehren und die Grenzen des Erlaubten – Verschiebungen, Wandlungen, Wendepunkte von der Antike bis zur Gegenwart“ ging von Klaus van Eickels (Bamberg) auf den wichtigen Wendepunkt „Die Aids-Krise in den 1980er Jahren“ ein (siehe Abbildung). Vorwiegend schwule Männer gründeten in Deutschland die Aidshilfen. Nicht wenige waren mit dem zu frühen Tod von Freunden konfrontiert oder mussten gar ihren Partner bis zum Tod begleiten. Dies trug eher im Verborgenen mit dazu bei, dass die beiden Amtskirchen zunehmend in Schwierigkeiten gerieten, schwule Männer und Beziehungen nur auf Sex und einen sündhaften Lebensstil zu reduzieren und gleichzeitig gleichgeschlechtliche Partnerschaften weiterhin strikt zu missbilligen. An dieser Stelle sei mir ein kleiner Exkurs erlaubt, dass ich gerne – nicht nur im Kontext der Tagung – an Mitarbeitende der Kirchen erinnern möchte, die vorurteilsfrei und empathisch in der Aidskrise für männerliebende Männer und ihre Angehörige gekämpft und sich eingesetzt haben. In Stuttgart waren dies zum Beispiel Gerd Brunnert und Petrus Ceelen. Gerd Brunnert hatte die erste konfessionelle Aidsberatungsstelle Deutschlands bei der Evangelischen Gesellschaft Stuttgart und die Angehörigentreffen im Waldschlösschen ins Leben gerufen. Petrus Ceelen war im Auftrag der Diözese Rottenburg als Seelsorger für Menschen mit HIV und AIDS-Kranke im Großraum Stuttgart engagiert – eine Stelle, die ebenso auf sein eigenes Betreiben hin in Stuttgart erst geschaffen wurde.
Podium und Schlussdiskussion und die Frage nach Perspektiven
Bei der Schlussdiskussion, die von der Theologin und Sozialethikerin Ursula Wollasch moderiert wurde, wurde durch die Beiträge von Sibylle Biermann-Rau, Jens Ehebrecht-Zumsande, Andreas Heek und Klaus-Peter Lüdke und weiteren Tagungsteilnehmenden deutlich, welch Fortschritte bereits erreicht wurden, aber auch welch langer Weg bis zu einer selbstverständlichen Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt in Kirche und Gesellschaft noch vor uns liegt. Dafür sei es weiterhin wichtig, sich gegenseitig Mut zu machen. Für queere Menschen in und außerhalb Kirche gelte: „Das Private ist politisch und das Politische ist Privat“. Die queerfeindlichen Kräfte in den Kirchen seien nicht geschichtsbewusst und würden Selbstreflexion und Begegnung auf Augenhöhe meiden. Die historische Perspektive hätte eine enorme befreiende Wirkung und gelte es für Queerfreundlichkeit zu nützen. Queere (Lebens-)Geschichten, die die Menschen erzählen, konnten viele Jahre nicht erzählt werden. Das hat sich deutlich verändert. Hier sei der generationsübergreifende Austausch von großer Bedeutung für gegenseitiges Verständnis. Die derzeit schizophrene Situation innerhalb der katholischen Kirche brachte Jens Ehebrecht-Zumsande mit dem Spruch „Als Kirchenmitarbeiter eine Bereicherung, als Katholik ein Sünder“ (siehe Abbildung aus dem Vortrag „Queere Menschen in den Kirchen“) eindrucksvoll auf den Punkt. Die Frage wurde aufgeworfen, ob diese kaum ertragbare Situation nicht Anlass für neue bundesweite Aktionen durch „#OutinChurch“ werden sollte. Aktivist:innen von „#OutinChurch“ wollten sich in nächster Zeit jetzt jedoch erst Mal mehr um sich selbst kümmern und sich auch gut mit außerkirchlichen queeren Organisationen vernetzen. „Kraft tanken„, „sich gegenseitig besser kennenlernen und Zeit füreinander nehmen“ und „vorsichtig den eigenen Weg weitergehen“ wurde als wichtige Quintessenz und als einer der aufgezeigten Perspektiven der Tagung in der Schlussdiskussion sichtbar.
Ralf Bogen
Weiterer Bericht zur Tagung „Auf dem Weg – mit vielen Fragen“ von Thomas König, Linda Huber und Johannes Kuber siehe hier.
(1) Partnerorganisationen waren Evangelische Akademie Bad Boll, LSVD+ Verband Queere Vielfalt, LSBTTIQ in Baden und Württemberg – das Forschungsprojekt der Abteilung Neuere Geschichte von der Universität Stuttgart, Katholische Erwachsenbildung Diözese Rottenburg Stuttgart e.V., Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg und das Studienzentrum der EKD für Genderfragen.
(2) Programm der Tagung:
Donnerstag, 21. November 2024 14:00 Uhr, Begrüßung und Einführung Sektion 1: Historische Perspektiven 14:30 Uhr: Gleichgeschlechtliches Begehren und die Grenzen des Erlaubten Verschiebungen, Wandlungen, Wendepunkte von der Antike bis zur Gegenwart Klaus van Eickels, Bamberg 15:15 Uhr: Gesetz, Moral und gesellschaftlicher Wandel. Die katholische Kirche, der Paragraph 175 und das Thema Homosexualität, 1969–1994. Ein Projektbericht Alina Potempa & Frank Kleinehagenbrock, Bonn 16:00 Uhr Kaffeepause 16:30 Uhr Kirche, Katholizismus und HIV/Aids in den 1980er Jahren Elisabeth Wittkowski, Bochum 17:15 Uhr Geschichte der Queerpastoral in der katholischen Kirche Andreas Heek, Düsseldorf 18:00 Uhr Abendessen 19:30 Uhr Pfarrerin mit Frau – eine (un)mögliche Geschichte. Buchvorstellung mit Lesung Sibylle Biermann-Rau, Tübingen Kennenlernen und Austausch in der Denkbar
Freitag, 22. November 2024 08:00 Uhr Frühstück. Morgenimpuls Sektion 1: Historische Perspektiven (Fortsetzung) 09:00 Uhr (K)ein Segen unterm Regenbogen? Das kirchliche Ringen um die Deutungshoheit im Kampf um die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe in Deutschland Sabine Exner-Krikorian, München 09:45 Uhr Queere Lebensgeschichten im Dialog. Ein intergenerationaler Austausch im Horizont von queerer Biographie und queerer Theologie Kerstin Söderblom & Josephine Haas, Mainz 10:30 Uhr Kaffeepause Sektion 2: Theologische Auseinandersetzungen 11:00 Uhr Die queere Frau am Kreuz? Legenden und Kult um die heilige Kümmernis Judith Reinders, Bonn 11:45 Uhr Denkstile und Anerkennung. Der Diskurs um trans* und inter* Personen in Recht und Kirche Mara Klein & Lea Quaing, Münster 12:30 Uhr Mittagessen 14:30 Uhr Doing Systematics am Beispiel der Transgeschlechtlichkeit Theodor Adam, Hannover 15:15 Uhr Homosexualität als Sodomie, Verbrechen und Krankheit. Die Begründung der Verurteilung von Homosexualität in der katholischen Lehre Johanna Voithofer, Salzburg 16:00 Uhr Kaffeepause Sektion 3: Lebenswelten und Handlungsräume 16:30 Uhr Queere Menschen in den Kirchen. Ressourcen einer radikalen Diversität offenlegen und verteidigen Jens Ehebrecht-Zumsande, Hamburg 17:15 Uhr Ungehorsam! Queeres Leben in der Methodistischen Kirche in den USA Jana Kristin Hoffmann, Bielefeld 18:00 Uhr Abendessen 19:30 Uhr Posterpräsentationen. „Your stories matter.“ Biografien von trans* Personen als Anstoß pastoraltheologischer Reflexion Stephanie Bayer, Luzern Schulen im Fokus christlicher Initiativen mit Anti-Gender-Agenda. Möglichkeitsräume queerer Vielfalt im evangelischen Religionsunterricht Marvin Gärtner, Bonn Die Liebe, eine einigende Kraft. Sprache und Gender in liturgischen Texten der Alt-Katholischen Kirche Nathalie Schuler, Bonn Tagesausklang in der Denkbar
Samstag, 23. November 2024 08:00 Uhr Frühstück Morgenimpuls Sektion 3: Lebenswelten und Handlungsräume (Fortsetzung) 09:00 Uhr „Konversionsbehandlungen“. Konturierungen eines komplexen Forschungsfeldes Klemens Ketelhut, Heidelberg 09:45 Uhr Beheimatung lesbischer Frauen in der alt-katholischen Kirche Ella Detscher, Freiburg 10:30 Uhr Kaffeepause 11:00 Uhr Fluchtlinien, Möglichkeitsräume, Perspektiven. Podium und Schlussdiskussion. Sibylle Biermann-Rau, Tübingen; Jens Ehebrecht-Zumsande, Hamburg; Andreas Heek, Düsseldorf; Klaus-Peter Lüdke, Altensteig; Moderation: Ursula Wollasch 12:30 Uhr Mittagessen und Tagungsende
17.11.2024: Für einen der größten CSD’s in diesen schwierigen politischen Zeiten Verantwortung zu übernehmen verdient Respekt!
Unser Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ gratuliert Thomas Jansky (25), Betina Starzmann (34), Sina Will (31), Lars Lindauer (38) und Alexander Prinz (26, siehe Foto von l. n. r.) zu ihrer Wahl zum Vorstand der IG CSD Stuttgart e.V. auf der 31. ordentlichen Mitgliederversammlung am 17. November 2024 in der Weissenburg. Die langjährigen Vorstände Detlef Raasch und Marco Schreier sind aus ihrem Amt verabschiedet worden.
„Ich freue mich, gemeinsam mit meinen Vorstandskolleg*innen die Stuttgart PRIDE weiterzuentwickeln. Wir stehen vor großen Herausforderungen. Die Rechten wollen die LGBTQIA*- Community unsichtbar machen – wir kämpfen dafür, dass wir so sichtbar bleiben, wie wir sind!“, so wird Lars Lindauer auf der Webseite von Stuttgart Pride zitiert. Weiter heißt es hier: „Es gehe dem neuen Vorstandsteam künftig vor allem darum, in der Stuttgarter Community wieder mehr Kräfte zu bündeln, um eine größtmögliche Wirksamkeit in unserer queer-politischen Arbeit zu erreichen, so Betina Starzmann. ‚Wir sind jetzt ein fast komplett neues und junges Vorstandsteam. Viele Stellen im Team müssen durch den Weggang langjähriger Orgateam- Mitglieder neu besetzt werden. (…) Deshalb bitten wir die Mitglieder und auch die Stuttgarter Community um ihr Vertrauen und ihre Unterstützung‘, sagte Starzmann.“
In auf der Mitgliederversammlung verabschiedeten Anträgen wurde betont, dass die Erinnerung an die NS-Verbrechen für alle LSBTIQA+-Vereine, also auch für die IG CSD, angesichts der aktuellen Rechtsentwicklung und Erstarkung von rechtspopulistischen bis neofaschistischen Kräften wichtiger denn je ist, wir uns nicht auseinanderdividieren lassen dürfen und die IG CSD sich für die „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ einsetzt. Wir dokumentieren im Folgenden Auszüge aus zwei der verabschiedeten Anträge, die in direkten Zusammenhang mit der Erinnerungsarbeit vom Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ stehen.
Der IG CSD Stuttgart e.V. unterstützt das Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur
Angesichts der zunehmenden Rechtsentwicklung und der Erstarkung rechtspopulistischer bis neofaschistischer Kräfte wird die Erinnerung an die NS-Verbrechen für alle LSBTIQA+-Vereine wichtiger denn je! Der IG CSD Stuttgart e.V. wird für die Teilnahme an einer geplanten Gedenkveranstaltung zum Gedenktag an die Opfer der NS-Diktatur über seine verschiedenen Medienkanäle breit werben.
Begründung und Hintergrundinformationen: Der Gesamtvorstand der Weissenburg sowie die Programm-AG der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber hat auf Vorschlag vom Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ nach Rücksprache mit der sogenannten „Hofratssitzung“ der drei Weissenburgjugendgruppen Gender*nauts, Königskinder und LUNA beschlossen, eine Gedenkveranstaltung an der Gedenktafel zum NS-Terror der Kriminalpolizeileitstelle Stuttgart im Hospitalviertel anlässlich des Gedenktags für die Opfer der NS-Diktatur durchzuführen. Weitere Informationen zur Veranstaltung, die (…) am 25. Januar 2025 stattfinden wird, folgen [1]. Der Ort Hospitalhof/Hospitalviertel wurde ausgewählt, weil viele nicht mitbekommen haben, dass die Gedenktafel zur Erinnerung an die Opfer der damals dort ansässigen Stuttgarter NS-Kriminalpolizei überarbeitet wurde und der Text der Gedenktafel heute lautet: „Im Gebäude des Stuttgarter Dominikanerklosters und späteren städtischen Hospitals waren von 1895 bis 1945 die Polizei und das Polizeigefängnis untergebracht. In der Zeit des Nationalsozialismus 1933-1945 wurden hier Menschen gequält und gedemütigt. Wir gedenken aller, die aus politischen, religiösen und anderen Gründen verfolgt, entrechtet, deportiert und ermordet wurden – Jüdinnen und Juden, Sinti:ze und Roma:nja, Angehörige sexueller Minderheiten, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Oppostionelle.“ [2]
Der IG CSD Stuttgart e.V. unterstützt die Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer!“
Der IG CSD Stuttgart e.V. unterstützt die Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ an die Stadt Stuttgart, indem er über seine Medienkanäle und auf Veranstaltungen für diese wirbt und Fritz Bauer auch als einen Vorkämpfer gegen den Schandparagraphen 175 sichtbar macht und würdigt.
Begründung und Hintergrundinformationen: Fritz Bauer hat als Generalstaatsanwalt und Initiator der sogenannten Frankfurter Ausschwitzprozesse einen unermüdlichen Kampf um die juristische Ahndung des nationalsozialistischen Unrechts geführt. Dabei ist vielfach immer noch nicht bekannt, dass Bauer einer der ersten in der Bundesrepublik war, der gegen die Bestrafung einvernehmlicher sexueller Handlungen von erwachsenen Männern in den 50er Jahren seine Stimme erhoben hat. Er gab 1963 beispielsweise den Sammelband „Sexualität und Verbrechen“ mit heraus, der als Taschenbuch auf breite Resonanz stieß. Bereits 1952 hatte er in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt den Versuch gewagt, durch das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des §175 StGB prüfen zu lassen. In den 50er Jahren als hoher Staatsbeamter für die Abschaffung des §175 einzutreten, war ein mutiger Tabubruch, den nicht nur LSBTIQA+-Vereine würdigen sollten. Die VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Landesvereinigung Baden-Württemberg e.V. Kreisvereinigung Stuttgart hat eine Unterschriftenaktion „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ an die Stadt Stuttgart gestartet, deren Text wie folgt lautet: „Wir fordern die Ehrenbürgerschaft für den 1903 in Stuttgart geborenen Juristen des Friedens und der Menschlichkeit Fritz Bauer. 1933 wurde dieser im Zusammenhang mit Planungen zu einem Generalstreik gegen die Machtübertragung an die Hitlerfaschisten verhaftet und acht Monate im KZ Heuberg inhaftiert. 1956 wurde er hessischer Generalstaatsanwalt. Fritz Bauer schrieb 1955: „Ich wollte ein Jurist sein, der dem Gesetz und Recht der Menschlichkeit und dem Frieden nicht nur Lippendienst leistet.“ Es ist heute wichtiger denn je, Antifaschismus und den Einsatz für den Frieden nicht nur als Lippenbekenntnis zu begreifen. Dem Antifaschisten Fritz Bauer die Stuttgarter Ehrenbürgerschaft zukommen zu lassen, halten wir daher für unerlässlich.“[3]
Heute sind wir hier, um anlässlich der Reichspogromnacht vor 86 Jahren daran zu erinnern, was geschehen kann, wenn Hass und Hetze eine Gesellschaft vergiften, wenn Ausgrenzung, Abwertung und Entrechtung von Menschen und ganzer Menschengruppen hingenommen oder gar unterstützt werden.
Die Schreckensnacht vom 9. auf den 10. November 1938 waren von der NS-Diktatur organisierte und gelenkte Gewaltmaßnahmen gegen Menschen jüdischen Glaubens bzw. mit jüdischer Zuschreibung im Deutschen Reich. Dabei wurden zwischen dem 7. und 13. November im ganzen Reichsgebiet mehrere hundert Menschen ermordet, mindestens 300 nahmen sich das Leben. Um die 1400 Synagogen, „Bet“-Stuben und sonstige Versammlungsräume jüdischer Menschen sowie tausende Geschäfte, Wohnungen und jüdische Friedhöfe wurden gestürmt und zerstört. Von der Synagoge in der Stuttgarter Innenstadt blieben nur noch die Mauern übrig. Ab dem 10. November folgten Deportationen jüdischer Menschen in Konzentrationslager. Mindestens 30.000 Menschen wurden interniert, Hunderte starben an den Folgen der mörderischen Haftbedingungen oder wurden hingerichtet. Diese Pogrome markierten den Übergang von der Diskriminierung jüdischer Menschen in Deutschland hin zu ihrer systematischen Vertreibung und Unterdrückung. Im Rückblick waren sie eine Vorstufe zu dem drei Jahre später beginnenden Holocaust, der Vernichtung allen jüdischen Lebens.
13 Jahre zuvor, 1925, hatte Hitler bereits im ersten Band von „Mein Kampf“ seine Weltanschauung in bemerkenswerter Offenheit ausgebreitet: Sein rabiater Antisemitismus und Hass auf den Marxismus, auf Gewerkschaften, Liberalismus und Pazifismus kam ebenso deutlich zum Ausdruck wie seine Weltherrschaftspläne mit der Eroberung von neuem Lebensraum im Osten. Ernst genommen wurde das Buch jedoch kaum, wohl weil Mensch damals davon ausging, dass den Worten nicht unbedingt Taten folgen würden. Nach dem gescheiterten Putschversuch 1924 hatte Hitler eine weitgehend legale Strategie der Machtübernahme der völkischen Bewegung favorisiert. Viele Bürgerliche wie zum Beispiel der Reichstagsabgeordnete Theodor Heuss, der sich durchaus kritisch mit „Mein Kampf“ auseinandergesetzt hatte, vertrauten auf Hitlers neuem Legalismus und glaubten, Hitler werde sich durch das parlamentarische Verfahren bändigen lassen. Heute wissen wir alle, welch fataler Irrtum das war.
Heute geht es uns auch darum, wie wir anders als `33 einer weiteren Rechtsentwicklung und faschistischen Gefahr erfolgreich entgegenwirken können. Wie gefährlich die Situation heute bereits wieder geworden ist, möchte ich anhand von Auszügen aus dem Beschluss des Verwaltungsgerichts Meiningen vom 26.09.2019 deutlich machen. In jenem Beschluss hat das Gericht anerkannt, dass nach der folgenden Argumentation Björn Höcke berechtigt als Faschist bezeichnet werden kann. Denn diese Argumentation sei nicht aus der Luft gegriffen, sondern beruhe auf einer überprüfbaren Tatsachengrundlage:
„Im Juli 2018 sei sein Buch mit dem Titel ‚Nie zweimal in denselben Fluss‘ (…) erschienen. (…) Dieses Buch bestätige insgesamt eine faschistische Agenda (…). Nach seiner Auffassung sei letztlich ein neuer Führer erforderlich, Teile der Bevölkerung sollten ausgeschlossen werden, insbesondere Migranten. In rassistischer Diktion wettere er gegen den angeblich ‚bevorstehenden Volkstod durch den Bevölkerungsaustausch‘. (…) Bezogen auf die von ihm angestrebte Umwälzung stelle er fest, dass „wir leider ein paar Volksteile verlieren werden, die zu schwach oder nicht willens sind“ mitzumachen. Er denke an einen ‚Aderlass‘. (…) Er trete für die Reinigung Deutschlands ein. Mit starkem Besen sollten eine ‚feste Hand‘ und ein ‚Zuchtmeister‘ den Saustall ausmisten. Bezogen auf den Hitler-Faschismus sei diese für ihn vor allem die ‚katastrophale Niederlage von 1945‘. (…) In Dresden habe er eine ‚erinnerungspolitische Wende um 180 Grad‘ gefordert, was heiße, die Zeit des Hitler-Faschismus positiv zu betrachten (…). Das Holocaust-Denkmal in Berlin bezeichne er als Schandmal.“ (Quelle: siehe https://openjur.de/u/2180513.html).
Soweit aus dem Beschluss von 2019.
Wie sich die faschistische Gefahr in Deutschland in den letzten Jahren drastisch verschärft hat, zeigt sich anhand der Entwicklung der AfD: 2017 hatte der damalige AfD-Bundesvorstand Höcke noch selbst mit Hitler verglichen und ihm in einem Antrag zum Parteiausschluss „eine Wesensverwandschaft mit dem Nationalsozialismus“ vorgeworfen (siehe https://www.tagesspiegel.de/politik/afd-spitze-vergleicht-hocke-mit-hitler-5495260.html). Dieses Parteiausschlussverfahren scheiterte. Dass stattdessen Höcke mittlerweile den Ton in der AfD angibt, wurde beim Bundesparteitag in Riesa 2022 deutlich. Im Gegensatz zu Alice Weidel war Höcke für die Streichung der Pseudogewerkschaft „Zentrum Automobil“ von der Unvereinbarkeitsliste der AfD, wofür 60% der Delegierten stimmten. Bei Zentrum Automobil ging und geht es um eine Betriebsgruppe, die 2009 im Mercedes-Werk in Stuttgart-Untertürkheim von Oliver Hilburger gegründete wurde. Hilburger war bereits seit 2006 ehrenamtlicher Arbeitsrichter sowie als Betriebsrat für die Christliche Gewerkschaft Metall tätig. Als von Antifaschisten seine Mitgliedschaft als Gitarrist in der Rechtsrock-Band „Noie Werte“ und seine Bezüge zur Terrororganisation Blood and Honours, zur NPD und zum neonazistischen III. Weg aufgedeckt wurde, verlor er 2007 per Gerichtsbeschluss sein Posten als Arbeitsrichter und wurde er aus der Christlichen Gewerkschaft Metall ausgeschlossen. Die Rechtsrock-Band „Noie Werte“ ist jene Band, mit deren Musik der NSU seine Bekennervideos bei den Morden an Migranten unterlegt hatte. „Ohne Zentrum Automobil sind wir nichts, und werden nicht durchbrechen!“ sagte Höcke beim AfD-Bundesparteitag 2022. Das zeigt, welche Bedeutung er dem Aufbau einer AfD-nahen spalterischen Pseudo-„Gewerkschaft“ mit dem Ziel der bundesweiten Ausbreitung in seiner Agenda beimisst.
Seit den Enthüllungen über ein Treffen in Potsdam im November 2023 wurde breit bekannt, dass unterschiedliche rechtspopulistische und neofaschistische Kräfte unter dem Begriff „Remigration“ planen, Millionen von Migrant:innen aus Deutschland zu vertreiben. Nach dem ehemaligen AfD-Vorstandsmitglied Maximilian Krah sei es in den nächsten zehn Jahren politisch und rechtlich nicht möglich, diese Menschen gegen ihren Willen auszuweisen. Was geschieht aber nach zehn Jahren, wenn es uns nicht gelingt, eine weitere Rechtsentwicklung zu verhindern? Müssen wir dann wie 1938 mit dem Übergang von der Diskriminierung zur systematischen Vertreibung und Unterdrückung von Migrant:innen rechnen?
Die gleichen Kräfte, die in Deutschland daran arbeiten, die Voraussetzungen für die angestrebte Vertreibung von Migrant:innen zu schaffen, bekämpfen auch alle Maßnahmen zum Schutz von sexueller und geschlechtlicher Vielfalt. Solche Maßnahmen werden als linksideologischen Angriff auf die traditionelle Familie und völlig absurd auch als Angriff auf das Wohl von Kindern und Frauen sowie verächtlich als „Regenbogenmist und Genderwahnsinn“ diffamiert. Trotz einer lesbischen Politikerin in führender Position bedeutet Familienförderung für die AfD, die Rechte von queeren Menschen wieder einzuschränken. Diese sollte uns alle wachrütteln!
Es liegt in der Verantwortung von jedem Einzelnen von uns, ob wir uns ihren rassistischen und queerfeindlichen Plänen widersetzen oder ob diese Kräfte durch Verharmlosung, Beschwichtigung und letzten Endes Legitimierung durch Übernahme ihrer Narrativen und Themen noch weiter gestärkt werden!
Wir brauchen eine viel bessere Vernetzung und einen intensiveren Austausch untereinander. Ermutigende Beispiele gilt es stärker bekannt zu machen. Wenn sich beispielsweise in einer Betriebsversammlung bei Mercedes Benz dutzende IG Metall Vertrauensleute während einer Rede des „Zentrums Automobil“ mit dem Banner „Kein Platz für Nazis!“ auf die Bühne stellen, dann gilt unser Dank allen daran beteiligten Kolleg:innen!
Wir brauchen ein vielfältigeres Bündnis von Gewerkschaften und von Frauen-, Queeren-, Umwelt- und Antikriegsaktiven um dafür zu kämpfen, was die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschist:innen seit ihrer Gründung nach 1945 fordert und was jetzt dringt erreicht werden muss: Nämlich, dass der 8. Mai endlich ein Feiertag in Deutschland wird, wo die breite Aufklärung der Jugend über die NS-Verbrechen und die Würdigung aller antifaschistischer Widerstandskämpfer:innen im Mittelpunkt steht!
Angesichts der rechten Bedrohung, Demagogie und Spaltungspolitik ist es wichtiger denn je, dass wir aus 1933 die richtigen Lehren ziehen und uns heute nicht mehr auseinanderdividieren lassen! Unsere Hauptgegner sind rechtspopulistische und neofaschistische Kräfte und jene, die sie im Hintergrund finanzieren. Wo der Hauptgegner steht,dürfen wir bei all unseren Meinungsdifferenzen und Schwierigkeiten im Umgang miteinander nicht aus dem Blick verlieren, NIE UND NIMMER!
„Alles was nicht aufgearbeitet ist, wirkt weiter“ – Kurzbericht zur Veranstaltung „Religiös begründete Abwertungen als Nährboden für Hass und Gewalt gegen queere Menschen“ am 13.7.2024
An subtil weiterwirkenden, religiös begründeten Abwertungen von queeren Menschen als „widernatürlich“ oder gar als „Gefahr für Kinder und Familien“ knüpfen rechtspopulistische bis neofaschistische sowie religiös-fundamentalistische Kräfte heute wieder an. „Wie lässt sich dieser Nährboden für Hass und Gewalt gegen queere Menschen erfolgreich und nachhaltig abtragen?“ Diese Frage stand bei der öffentlichen Tagung im Erinnerungsort Hotel Silber Stuttgart am 13. Juli 2024 im Mittelpunkt.
Über 60 Personen hörten sich vier unten genauer vorgestellte Impulsvorträge von Ralf Bogen, Reinhard Brandhorst, Dr. Noah Munier und Karl-Heinz Steinle sowie Olcay Miyanyedi an. Moderiert wurde die anschließende (Podiums-)Diskussion von Brigitte Lösch, Vorsitzende der Initiative Lern‐ und Gedenkort Hotel Silber, und Dr. Axel Schwaigert, MCC Gemeinde Stuttgart. Für den musikalischen Rahmen der von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg geförderten Veranstaltung sorgte der Klarinettist Jürgen Klotz. Zur Veranstaltung hatten eingeladen: das Projekt „Der-Liebe-wegen.org“, Weissenburg LSBTIQA+-Zentrum Stuttgart, MCC Gemeinde Stuttgart und Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber in Kooperation mit der Abteilung Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Haus der Geschichte Baden.-Württemberg.
Die Diskussionsrunde war sich weitgehend einig darin,
dass die konkrete Rolle der evangelischen und katholischen Kirche bei der Unterdrückung queerer Menschen in der NS-Zeit hier in Württemberg baldmöglichst aufgearbeitet werden soll (bislang sind uns wissenschaftliche Arbeiten und Publikationen „nur“ zu den Themen Kirchen und Krankenmorde sowie Kirchen und Antisemitismus / Shoa bekannt);
dass beispielsweise durch historische Bildung viel bekannter gemacht werden soll, dass der Islam per se nicht queerfeindlicher als das Christentum ist und mit den fünf Bücher Mose gemeinsame Wurzeln hat. Im Iran gab es beispielsweise um 1500 keine aktive Strafverfolgung von Homosexualität, während im christlichen Europa um diese Zeit Männer wegen gleichgeschlechtlichen sexuellen Handlungen als „Sodomiten“ im Namen der Bibel getötet wurden. Heute ist es umgekehrt;
dass positive Beispiele von kirchlichen und muslemischen Akteuren sowie islamische Religionsgemeinschaften (siehe z. B. den Liberal-Islamischen Bund e.V.), die sich für Akzeptanz, Respekt und Gleichberechtigung queerer Menschen einsetzen, breiter bekannt gemacht werden sollten;
und dass gemeinsame Begegnungen von christlichen, muslemischen und atheistischen Menschen, um Vorurteile abzubauen, initiiert und gefördert werden sollen.
Impuls 1:Die Frage nach den ideologischen Grundlagen der Ausgrenzung und Diskriminierung queerer Menschen während der NS- und Nachkriegszeit Ralf Bogen, Projekt „Der-Liebe-wegen.org„
NS- und Nachkriegstäter der Ausgrenzung und Diskriminierung von LSBTIQ-Menschen gab es nicht nur in Polizei und Justiz. Neben den Täter:innn in den Universitäten gab es diese auch in der evangelischen und katholischen Kirche, die gerade auch nach 1945 jahrzehntelang die ideologischen Grundlagen der Abwertung und Kriminalisierung queerer Menschen gesellschaftlich verankert haben. Auch die Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg hat in der Nachkriegszeit sehr lange noch sexuelle und geschlechtliche Minderheiten nicht als Opfer des NS- und Nachkriegsunrechts angemessen anerkannt, geschweige denn, eine vertiefte Auseinandersetzung mit den ideologischen Wurzeln dieses Unrechts geführt. Erst 2016 konnte in Kooperation – unter anderem mit dem Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg – durch die Fachtagung „Späte Aufarbeitung – Lebenswelten und Verfolgung von LSBTTIQ-Menschen im deutschen Südwesten“ ein grundsätzlich anderer Umgang mit dieser NS-Opfergruppe eingeleitet werden.
Impuls 2:Der lange Weg bis zur Bitte um Vergebung der evangelischen Kirche in Württemberg für das Unrecht, das von ihr an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde Reinhard Brandhorst, Pfarrer i. R., über 20 Jahre Pfarrer der Leonhardsgemeinde Stuttgart und Initiator der alljährlichen Stuttgarter CSD- und Welt-AIDS-Tag-Gottesdienste
70 Jahre nach der Befreiung vom sogenannten Dritten Reich begann der Deutsche Evangelische Kirchentag 2015 in Stuttgart mit dem „Gedenken zu Beginn“ erstmals an die Ausgrenzung und Verfolgung gleichgeschlechtlich Liebender zu erinnern. „Die Kirchen, auch unsere Württembergische Ev. Landeskirche, traten weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in der Nachkriegszeit eindeutig und klar für homosexuelle Menschen und gegen ihre Verfolgung und Ermordung ein. Gegen die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der christlichen Kirchen gab es im sog. Dritten Reich lediglich Einzelaktionen von wenigen Christen“, so begründete 2017 der Erstunterzeichner Dr. Harald Kretschmer den Antrag an die 15. Evangelische Landessynode in Württemberg, gleichgeschlechtlich orientierten Menschen um Vergebung zu bitten. 2019 hat der damalige Bischof Dr. h. c. Frank Otfried July in einer Andacht vor der Sommersynode die Bitte um Vergebung ausgesprochen. Zu Beginn des Vortrags wird ein kurzer Videoausschnitt der Vergebungsbitte gezeigt. Reinhard Brandhorst, seit 1972 engagiert in schwulen Emanzipationsgruppen, vernetzt mit dem Bündnis Kirche und Queer (BKQ) und verheiratet mit Jürgen Klotz, hat aus seiner persönlichen Sicht berichtet, wie er den Weg bis zur Vergebungsbitte erlebt hat und was er sich heute von Kirche und Gesellschaft in Bezug auf die Aufarbeitung des genannten Unrechts wünscht.
Impuls 3: Die Kirche und der §175 StGB nach 1945 Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle, Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abteilung Neuere Zeitgeschichte, Forschungsprojekt „LSBTTIQ in Baden und Württemberg“
In der Bundesrepublik Deutschland war noch bis Ende der 1960er Jahre jede Form von männlicher Homosexualität kriminalisiert. Trotz Kritik hielt die Politik am vom Nationalsozialismus übernommenen §175 StGB fest. Das insgesamt restriktive Sexualstrafrecht der Bundesrepublik hatte Auswirkungen auf die Lebenswelten Vieler – betroffen waren homo- und bisexuelle Männer wie Frauen, Personen, die geschlechtlichen Minderheiten zugehörten und selbst Heterosexuelle, die kein der Norm entsprechendes Beziehungs- und Liebesleben führten. Diese reformfeindliche Haltung der Politik war mitunter bestimmt und fundiert durch den politischen Einfluss der beiden christlichen Kirchen. In ihrem gemeinsamen Vortrag vermittelten Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle einen Eindruck vom restriktiven Einfluss der Kirchen auf die Lebenswelten von homo- und bisexuellen Männern in Baden-Württemberg in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Sie beleuchteten durchaus ambivalente Anerkennungsbemühungen und stellen kirchliche Institutionen und Akteur*innen vor, die Liberalisierungsdebatten mitanstießen.
Impuls 4:Wie der „Nie-wieder“-Auftrag besonders bei diesem Thema Jugendliche aus muslimisch/migrantisch geprägten Familien erreichen kann Olcay Miyanyedi, Religions- und Erziehungswissenschaftler, Forschung zu LSBTTIQ Jugendlichen mit Migrationsbiografie und einer der drei Schirmpersonen von Stuttgart Pride 2024
Den drei abrahamitischen Weltreligionen, – Judentum, Christentum und Islam –, liegen in großen Teilen die ca. 5000 Jahre alten fünf Bücher Moses zugrunde. Insbesondere nach der „Schöpfungsgeschichte“, die sich um Adam und Eva dreht, hätte Gott den Menschen zuerst als Mann und danach als Frau und beide ausschließlich heterosexuell angelegt. Gleichgeschlechtliche Empfindungen seien eine Abweichung einer gottgewollten Norm. Diese Aussagen, die nicht als Gottes Worte, sondern heute als historisches Produkt einer zeitgebundenen Interpretation der heiligen Schriften gewertet werden, sind nicht nur (religions-)wissenschaftlich längst überholt, sondern nach wie vor auch diskriminierend und sehr verletzend. Im Vortrag analysierte Olcay Miyanyedi wie sich Machtstrukturen und struktureller Rassismus in Deutschland auf muslimische und migrantische Jugendliche auswirken und dazu beitragen können, eine feindselige Haltung gegenüber queeren Personen sowie menschenverachtende Ideologien zu fördern. Er ging der Frage nach, wie dem in der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit entgegengewirkt werden kann.
Brigitte Lösch, Vorsitzende der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber, und Dr. Axel Schwaigert, MCC Gemeinde Stuttgart, bei der Moderation der Veranstaltung
Für den musikalischen Rahmen sorgte der Klarinettist Jürgen Klotz.
„Die Verfolgung homo- und bisexueller Männer und Frauen, insbesondere in der NS-Zeit, aber auch ihre Kontinuität in der BRD und der DDR, sind nicht ausreichend erforscht. Zur Geschichte von trans- und intergeschlechtlichen Menschen gibt es kaum Forschung. Aber auch die Dokumentation und damit das Sichtbarmachen sowohl der LSBTIQ*-Emanzipationsgeschichte im Allgemeinen als auch der Lebens- und Leidensgeschichten von einzelnen LSBTIQ* ist ein wichtiges politisches Zeichen für die Anerkennung sexueller und geschlechtlicher Vielfalt und trägt zur Förderung einer Erinnerungskultur bei.“
Zum Thema Sicherheit wird ausgeführt:
„In Deutschland sind Gewalttaten, Übergriffe und Anfeindungen gegen LSBTIQ* sowohl im öffentlichen als auch im privaten Raum keine Seltenheit. Für die Betroffenen bedeutet das eine erhebliche Belastung sowie Einschränkung von Freiheit und Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Für besonders vulnerable Personengruppen, wie gewaltbetroffene LSBTIQ* mit Behinderungen, fehlen häufig Hilfestrukturen, die auf die besonderen Beratungsbedarfe ausgerichtet sind. Ziel der Regierungskoaltion ist es, (…) LSBTIQ* vor Gewalt, Übergriffen und Anfeindungen zu schützen (…) und Opfer besser zu unterstützen (…).“
Sven Lehmann, Beauftrager der Bundesregierung für die Akzeptanz sexueller und geschlechtlicher Vielfalt, erklärte:
„Vor genau 30 Jahren wurde § 175 Strafgesetzbuch endgültig abgeschafft. Damit endete ein dunkles Kapitel deutscher Geschichte, unter dem Generationen vor allem homo- und bisexueller Menschen gelitten haben. Ihre Liebe wurde staatlich verfolgt, sie mussten sich verstecken, sie riskierten ihren Arbeitsplatz. Zehntausende wurden inhaftiert, viele davon in den Suizid getrieben. Ich denke, dass ich auch in ihrem Namen spreche, wenn ich sage: So etwas darf in Deutschland nie wieder passieren! (…) Bei diesen CSDs geht es nicht, wie manchmal behauptet wird, um Sonderrechte einer Minderheit, sondern es geht um grundlegende Menschenrechte für alle Menschen, nämlich das Recht, selbstbestimmt zu leben und zu lieben, und zwar frei von Diskriminierung und Anfeindungen.“
Zum 30. Jahrestag der Abschaffung des §175 StGB merkte auch Mareike Lotte Wulf (CDU/CSU) an:
„Lassen Sie mich direkt zu Beginn ein paar kurze persönliche Sätze zum gestrigen 30. Jahrestag der Abschaffung des § 175 StGB sagen. Es ist schlimm genug, dass die Strafbarkeit von Homosexualität in der Bundesrepublik bis 1969 vollumfängliche Rechtslage war und § 175 erst gestern vor 30 Jahren, im Jahr 1994, restlos aus dem Strafgesetzbuch gestrichen wurde. Trotz oder gerade aufgrund dieser traurigen Vorgeschichte ist das gestrige Jubiläum ein Ereignis, das mich persönlich tief berührt. Denn es lässt nicht nur an das unsagbare Leid zurückdenken, das so viele Männer und Frauen in unserem Land in der Vergangenheit erfahren mussten, und zwar einzig und allein deshalb, weil sie liebten, wen sie liebten.
Anke Henning (SPD) setzte sich kritisch mit der Gefahr von rechts in Bezug zum Aktionsplan auseinander:
„Die rechten Kräfte sind nicht nur in Deutschland und in Europa, sondern weltweit stärker geworden. (…) Sie bespielen international ihre Netze und Verbindungen (…). Sie nehmen aktiv Minderheiten wie etwa die queeren Menschen in den Fokus, um sie gegenüber der Gesellschaft zu instrumentalisieren, als ob Trans- und nicht binäre Menschen sie in ihren Rechten beschneiden oder ihnen etwas wegnehmen. Bewusst gestreute Desinformationen und Hetze führen dazu, dass Misstrauen gesät und negative Emotionen gegenüber Trans-, Inter- und nicht binären Personen aufgebaut werden. Sie versuchen mit allen Mitteln, die Zeit dahin zurückzudrehen, in der noch nicht mal die Rede von Gleichberechtigung von Mann und Frau war. (…) Gleiche Rechte für alle Menschen bedeuten nicht weniger Rechte für eine einzelne Person.“
Auch Jürgen Lenders (FDP) sprach von einer derzeitigen Umkehrbewegung, die uns beunruhigen sollte:
„Auch wenn die Menschen in Deutschland nach wie vor hinter der Gleichstellung von homosexuellen Paaren stehen, sehen wir doch, dass es zurzeit eine Umkehrbewegung gibt. Gewalt, Anfeindungen und auch Straftaten gegen queere Menschen nehmen in Deutschland mittlerweile zu. Das sollte uns alle miteinander beunruhigen. Es sollte uns auch beunruhigen, was wir alle schon als selbstverständlich gesehen haben: Jeder vierte Deutsche ist in Deutschland mittlerweile gegen die Ehe für alle. Das sollte uns echt zu denken geben. (…) Mich wundert es tatsächlich ein Stück weit auch, dass queere Menschen die AfD wählen. Aber queere Menschen sind halt nicht besser und nicht schlechter und nicht schlauer als der gesamte Durchschnitt der Bevölkerung. Aber es ist eine gute Gelegenheit gewesen, hier einmal an eine AfD-Forderung zu erinnern, wie die Ehe für alle abzuschaffen oder CSDs zu verbieten.“
Gökay Akbulut (Die Linke) merkte kritisch an:
„Die Koalition feiert das Selbstbestimmungsgesetz als Erfolg. Doch leider ist es vom Geist des Misstrauens gegenüber den Betroffenen geprägt. Außerdem ist die Ampel bei dem Anliegen, Schutz für queere Geflüchtete zu schaffen, gescheitert. Die Einstufung Georgiens als sicheres Herkunftsland wird selbst von Ihrem eigenen Queer-Beauftragten scharf kritisiert. Zum 75. Jahrestag des Grundgesetzes verpasste die Ampel die Gelegenheit für eine Initiative, Artikel 3 des Grundgesetzes endlich auch um queere Menschen zu erweitern. Der Hass und die Gewalt gegen queere Menschen nehmen tagtäglich zu. Das Ziel, queere Menschen besser vor Übergriffen und Anfeindungen zu schützen, muss viel besser umgesetzt werden. Die Bundesregierung versprach 70 Millionen Euro jährlich, um Queerfeindlichkeit zu bekämpfen. Doch die angekündigten Gelder flossen nicht – jedenfalls nicht bis heute. Ein breites Bündnis aus LSVD und vielen anderen schrieb jetzt an die Bundesregierung: „Werden die hierin … aufgegriffenen Reformen nicht mit Nachdruck umgesetzt, droht“ der Aktionsplan „ein Feigenblatt zu werden“. Es ist daher an der Zeit, den Aktionsplan endlich mit Leben zu füllen.“
Mit welcher Demagogie Maßnahmen des Aktionsplan zur Stärkung der Erinnerungskultur und zum Schutz vor Gewalt abgelehnt werden, machte für die AfD Martin Reichhardt deutlich. Der Aktionsplan würde
„die traditionelle Familie zersetzen, Frauen und Kinder gefährden“
Er sprach davon, dass „junge Menschen und fleißige Arbeiter mehrheitlich die AfD gewählt“ hätten, die AfD die Zukunfts Deutschland sei, die anderen Politiker und Parteien abgewirtschaftet hätten und dass dies gut so sei. Die AfD-Bundestagsfraktion sprach sich in einem auch von Dr. Alice Weidel unterzeichneten Antrag dafür aus, keine der vorgeschlagenen Maßnahmen umzusetzen. Sie diffamierte den Aktionsplan pauschal als einen „linksideologischen Angriff auf die traditionelle Familie (…) und das Wohl insbesondere von Kindern, Jugendlichen und Frauen“. Familienförderung bedeutet für sie, die Rechte von LSBTIQ* bzw. queeren Menschen wieder einzuschränken. Alle demokratische und humane Kräfte, insbesondere alle LGBTI*-Personen sollte dies wachrütteln!
13.7.24: Tagung „Religiös begründete Abwertungen als Nährboden von Hetze und Gewalt gegen queere Menschen in der NS- und Nachkriegszeit“ im Erinnerungsort Hotel Silber
Samstag, 13. Juli 2024, 13.30 bis 17.30 Uhr: Öffentliche Tagung im Erinnerungsort Hotel Silber Stuttgart (Dorotheenstraße 10, U-Bahn-Haltestelle Charlottenplatz) anlässlich der Stuttgart Pride Kulturwoche 2024
PROGRAMM 13.30 Uhr Ankommen 13.45 Uhr Begrüßung 14.00 Uhr Impuls 1: Die Frage nach den ideologischen Grundlagen der Ausgrenzung und Diskriminierung queerer Menschen während der NS- und Nachkriegszeit Ralf Bogen, Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ 14.30 Uhr Impuls 2: Der lange Weg bis zur Bitte um Vergebung der evangelischen Kirche in Württemberg für das Unrecht, das von ihr an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde Reinhard Brandhorst, Pfarrer i. R., über 20 Jahre Pfarrer der Leonhardsgemeinde Stuttgart und Initiator der alljährlichen Stuttgarter CSD- und Welt-AIDS-Tag-Gottesdienste 15.00 Uhr Impuls 3: Die Kirche und der §175 StGB nach 1945 Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle, Universität Stuttgart, Historisches Institut, Abteilung Neuere Zeitgeschichte, Forschungsprojekt „LSBTTIQ in Baden und Württemberg“ 15.30 Uhr Impuls 4:Wie der „Nie-wieder“-Auftrag besonders beim Thema religiös begründeter Abwertungen queerer Menschen Jugendliche aus muslimisch/migrantisch geprägten Familien erreichen kann Olcay Miyanyedi, Religions- und Erziehungswissenschaftler, Forschung zu LSBTTIQ Jugendlichen mit Migrationsbiografie und einer der drei Schirmpersonen von Stuttgart Pride 2024 16.00 Uhr Kaffeepause 16.30 UhrPodiumsdiskussion mit den Impulsgebenden – Was tun wir und was können wir zukünftig tun, um den Nährboden von Hass und Gewalt nachhaltig abzutragen? Moderation: Brigitte Lösch, Vorsitzende der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber und Dr. Axel Schwaigert, MCC Gemeinde Stuttgart. Für den musikalischen Rahmen sorgt der Klarinettist Jürgen Klotz. 17.30 Uhr Ende der Veranstaltung
Impulse und Podiumsdiskussion zur Frage: Wie können wir dazu beitragen, dass rechtspopulistische bis neofaschistische Kräfte nicht noch einmal religiös begründete Geschlechter-, Sexualitäts- und Familienvorstellungen für ihre demokratiefeindlichen Ziele instrumentalisieren?
Spezifische Formen menschlicher Vielfalt bezüglich sexueller Orientierung als „abnormal“ und „widernatürlich“ zu diffamieren und Frauen sowie transsexuelle und intergeschlechtliche Menschen als „minderwertig“ zu betrachten, war keine Erfindung der Nationalsozialisten. Diese konnten vielmehr an eine Jahrhunderte alte Geschichte religiös begründeter Abwertungen von homo-, transsexuellen und intergeschlechtlichen Menschen anknüpfen. Zu dieser Geschichte sowie zur Unterstützung queerfeindlichen Verhaltens während der NS- und Nachkriegszeit hat sich die katholische Kirche bundesweit 2023 und die evangelische Kirche in Württemberg 2019 bekannt und um Vergebung gebeten. Sie haben erklärt, dass ihre eigene Einstellung bzw. Theologie dazu beigetragen habe, „dass homosexuelle und andere Menschen mit queerer Identität gedemütigt, verraten und ermordet wurden“ (zitiert nach der Pressemitteilung der Deutschen Bischofskonferenz vom 27.1.2023).
Wie heute weiterwirkenden Vorurteilen nachhaltig entgegengewirkt werden kann, ist das zentrale Thema dieser Tagung vom Projekt „Der-Liebe-wegen.org“, Weissenburg LSBTIQA+-Zentrum Stuttgart, MCC Gemeinde Stuttgart und Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber in Kooperation mit der Abteilung für Chancengleichheit der Landeshauptstadt Stuttgart und dem Haus der Geschichte Baden-Württemberg. Die Veranstaltung wird unterstützt von der Landeszentrale für politische Bildung Baden-Württemberg durch Mittel des Landes.
Vorstellung der Impulse:
Impuls 1: Die Frage nach den ideologischen Grundlagen der Ausgrenzung und Diskriminierung queerer Menschen während der NS- und Nachkriegszeit Ralf Bogen NS- und Nachkriegstäter der Ausgrenzung und Diskriminierung von LSBTIQ-Menschen gab es nicht nur in Polizei und Justiz. Neben den Täter:innn in den Universitäten gab es diese auch in der evangelischen und katholischen Kirche, die gerade auch nach 1945 jahrzehntelang die ideologischen Grundlagen der Abwertung und Kriminalisierung queerer Menschen gesellschaftlich verankert haben. Auch die Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit der Landeszentrale für politische Bildung in Baden-Württemberg hat in der Nachkriegszeit sehr lange noch sexuelle und geschlechtliche Minderheiten nicht als Opfer des NS- und Nachkriegsunrechts angemessen anerkannt, geschweige denn, eine vertiefte Auseinandersetzung mit den ideologischen Wurzeln dieses Unrechts geführt. Erst 2016 konnte in Kooperation – unter anderem mit dem Netzwerk LSBTTIQ Baden-Württemberg – durch die Fachtagung „Späte Aufarbeitung – Lebenswelten und Verfolgung von LSBTTIQ-Menschen im deutschen Südwesten“ ein grundsätzlich anderer Umgang mit dieser NS-Opfergruppe eingeleitet werden.
Impuls 2: Der lange Weg bis zur Bitte um Vergebung der evangelischen Kirche in Württemberg für das Unrecht, das von ihr an gleichgeschlechtlich orientierten Menschen begangen wurde Reinhard Brandhorst 70 Jahre nach der Befreiung vom sogenannten Dritten Reich begann der Deutsche Evangelische Kirchentag 2015 in Stuttgart mit dem „Gedenken zu Beginn“ erstmals an die Ausgrenzung und Verfolgung gleichgeschlechtlich Liebender zu erinnern. „Die Kirchen, auch unsere Württembergische Ev. Landeskirche, traten weder in der Zeit des Nationalsozialismus noch in der Nachkriegszeit eindeutig und klar für homosexuelle Menschen und gegen ihre Verfolgung und Ermordung ein. Gegen die Herabwürdigung und Verachtung von Homosexuellen durch weite Teile der christlichen Kirchen gab es im sog. Dritten Reich lediglich Einzelaktionen von wenigen Christen“, so begründete 2017 der Erstunterzeichner Dr. Harald Kretschmer den Antrag an die 15. Evangelische Landessynode in Württemberg, gleichgeschlechtlich orientierten Menschen um Vergebung zu bitten. 2019 hat der damalige Bischof Dr. h. c. Frank Otfried July in einer Andacht vor der Sommersynode die Bitte um Vergebung ausgesprochen. Zu Beginn des Vortrags wird ein kurzer Videoausschnitt der Vergebungsbitte gezeigt. Reinhard Brandhorst, seit 1972 engagiert in schwulen Emanzipationsgruppen, vernetzt mit dem Bündnis Kirche und Queer (BKQ) und verheiratet mit Jürgen Klotz, wird aus seiner persönlichen Sicht berichten, wie er den Weg bis zur Vergebungsbitte erlebt hat und was er sich heute von Kirche und Gesellschaft in Bezug auf die Aufarbeitung des genannten Unrechts wünscht.
Impuls 3: Die Kirche und der §175 StGB nach 1945 Dr. Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle In der Bundesrepublik Deutschland war noch bis Ende der 1960er Jahre jede Form von männlicher Homosexualität kriminalisiert. Trotz Kritik hielt die Politik am vom Nationalsozialismus übernommenen §175 StGB fest. Das insgesamt restriktive Sexualstrafrecht der Bundesrepublik hatte Auswirkungen auf die Lebenswelten Vieler – betroffen waren homo- und bisexuelle Männer wie Frauen, Personen, die geschlechtlichen Minderheiten zugehörten und selbst Heterosexuelle, die kein der Norm entsprechendes Beziehungs- und Liebesleben führten. Diese reformfeindliche Haltung der Politik war mitunter bestimmt und fundiert durch den politischen Einfluss der beiden christlichen Kirchen. In ihrem gemeinsamen Vortrag vermitteln Julia Noah Munier und Karl-Heinz Steinle einen Eindruck vom restriktiven Einfluss der Kirchen auf die Lebenswelten von homo- und bisexuellen Männern in Baden-Württemberg in den ersten Nachkriegsjahrzehnten. Sie beleuchten durchaus ambivalente Anerkennungsbemühungen und stellen kirchliche Institutionen und Akteur*innen vor, die Liberalisierungsdebatten mitanstießen.
Impuls 4: Wie der „Nie-wieder“-Auftrag besonders beim Thema religiös begründeter Abwertungen queerer Menschen Jugendliche aus muslimisch/migrantisch geprägten Familien erreichen kann Olcay Miyanyedi Den drei abrahamitischen Weltreligionen, – Judentum, Christentum und Islam –, liegen in großen Teilen die ca. 5000 Jahre alten fünf Bücher Moses zugrunde. Insbesondere nach der „Schöpfungsgeschichte“, die sich um Adam und Eva dreht, hätte Gott den Menschen zuerst als Mann und danach als Frau und beide ausschließlich heterosexuell angelegt. Gleichgeschlechtliche Empfindungen seien eine Abweichung einer gottgewollten Norm. Diese Aussagen, die nicht als Gottes Worte, sondern heute als historisches Produkt einer zeitgebundenen Interpretation der heiligen Schriften gewertet werden, sind nicht nur (religions-)wissenschaftlich längst überholt, sondern nach wie vor auch diskriminierend und sehr verletzend. Im Vortrag wird analysiert, wie sich Machtstrukturen und struktureller Rassismus in Deutschland auf muslimische und migrantische Jugendliche auswirken und dazu beitragen können, eine feindselige Haltung gegenüber queeren Personen sowie menschenverachtende Ideologien zu fördern. Es wird der Frage nachgegangen, wie dem in der Erinnerungs- und Gedenkstättenarbeit entgegengewirkt werden kann.
Bild rechts: Joachim Stein († 5.2.2023), Vorstand der Weissenburg LSBTIQA+-Zentrum Stuttgart, setzt sich in seiner Rede beim Deutscher Evangelischer Kirchentag Stuttgart in 2015für die Aufarbeitung des NS-Unrechts an queeren Menschen und der konkreten Rolle der Landeskirche ein.
15. April 2024: Fritz Bauer auch als ein Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht würdigen
(aktualisiert am 06.04.2024) Am Montag, den 15. April 2024 ab 14:30 Uhr wird in der Wiederholdstraße (gegenüber von Haus Nr. 10) in Stuttgart-Nord eine Gedenkstele für Fritz Bauer eingeweiht, was wir vom Projekt „Der-Liebe-wegen.org“ sehr begrüßen und unterstützen. Mit Bauers Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968 verbindet sichsein unermüdlicher Kampf um die juristische Ahndung des nationalsozialistischen Unrechts. Auf seinen Beitrag hin ist die Ergreifung des untergetauchten NS-Verbrechers Adolf Eichmann zurückzuführen, einer der Hauptorganisatoren des Holocausts. Bauer gilt als Initiator der sogenannten Frankfurter Auschwitzprozesse und trug maßgeblich zur positiven Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 bei. Vom Projekt „Der-Liebe-wegen“ setzten wir uns darüber hinaus dafür ein, dass Bauer auch als mutiger Vorkämpfer gegen das §175-Unrecht gewürdigt wird und das nicht mehr länger tabuisiert wird, dass er selbst wegen seiner Homosexualität als Flüchtling in Dänemark seit März 1936 von Abschiebung an Nazideutschland bedroht war.
Mit dem Schandparagraphen 175 wurden Tausende von homo- und bisexuell begehrende Männer staatlicherseits auch nach 1945 ihrer Würde und ihrer Freiheit beraubt. Hunderte von KZ-Überlebende §175-Opfer haben nach 1945 keinerlei Rehabilitierung erlebt und keinerlei Entschädigung erhalten. Im Gegenteil: ihre Verfolgung während der Nazidiktatur wurden bei §175-Vergehen gerade auch in Baden-Württemberg und gerade auch am Stuttgarter Landgericht als strafverschärfend gewertet (siehe https://der-liebe-wegen.org/nachkriegszeit_baden-wuerttemberg_spitzenreiter_der_verfolgung/). Bauer lehnte das geltende Sexualstrafrecht als lebensfeindlich ab und wandte sich gegen staatliche Eingriffe in die Intimsphäre. „Eros und Sexus“ hätten frei zu sein und dürften keiner staatlichen Zweckbestimmung unterliegen. Das Sexualstrafrecht habe sich Bauer zufolge auf Handlungen zu berschränken, die Kinder und Jugendliche schädigten und gewalttätig waren. Ein wichtiger Beitrag Bauers und seiner Mitstreitenden war der Sammelband „Sexualität und Verbrechen“, der als Taschenbuch 1963 große Resonanz fand. Fortwährend argumentierte er gegen die Bestrafung des homosexuellen Verkehrs einverständlich handelnder erwachsener Männer. 1952 machte er in seiner Eigenschaft als Generalstaatsanwalt den mutigen Versuch, durch das Bundesverfassungsgericht die Verfassungsmäßigkeit des §175 StGB prüfen zu lassen. Im Beitrag von Werner Renz „Wider die Kriminaliserung von Sexualität“ (veröffentlicht in dem 2023 herausgegeben Band „Verfolgung – Diskriminierung – Emanzipation“ von Michael Mayer und Michael Schwartz) heißt es unter der Zwischenüberschrift „Wider den Schwulenparagrafen“:
„Vor dem Landgericht Braunschweig hatten sich ein ’50jähriger Vertreter und ein vielfach vorbestrafter 22jähriger Arbeiter‘ zu verantworten. Bauer vertrat laut Presseberichten die Anklage in der Absicht, keinen Strafantrag zu stellen. In einer Meldung der Deutschen Presseagentur heißt es: ‚Das Schöffengericht Braunschweig lehnte einen Antrag des Generalstaatsanwaltes Bauer ab, nach dem das Verfahren ausgesetzt […] und eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts über die Rechtsgültigkeit‘ des §175 ‚herbeigeführt werden sollte‘. Und weiter: ‚Der Generalstaatsanwalt begründete seinen Antrag damit, daß der Paragraph 175 in der Fassung vom 28. Juli [sic!] 1935 nicht mit der Bundesverfassung zu vereinbaren sei, die gleiches Recht für Männer und Frauen vor dem Gesetz fordere.‘ Das Schöffengericht Braunschweig lehnte Bauers Antrag mit dem Argument ab, ’sämtliche Oberlandesgerichte hätten‘ den §175 StGB ‚in letzter Zeit als geltendes Recht anerkannt.‘ Aus London schrieb Kurt Hiller (1885-1972), schon seit der Weimarer Republik ein streitbarer Kämpfer für die Straflosigkeit von Homosexualität, einen enthusiastischen Brief an Bauer. Er hatte im Berliner ‚Tagesspiegel‘ die dpa-Meldung gelesen. Hiller rief Bauer sein ‚leidenschaftliches Bravo‘ zu und schloss mit den Worten: ‚Das Unrecht (…) überrascht mitnichten; überraschend vielmehr ist die Tatsache, dass es heute Generalstaatsanwälte I h r e r Haltung gibt. Dazu beglückwünschte ich Sie, ehrlich verehrter Mann, und dazu beglückwünsche ich unser Deutschland.‘ Hillers Brief hebt die Wichtigkeit hervor, die Bauers Antrag Anfang der 1950er Jahre beizumessen ist.“
In einer Zeit, wo die Bundesregierung eine neuerliche Asylverschärfung durch Einstufung als sichere Herkunftsstaaten von Ländern mit massiver LSBTIQ*-Verfolgung plant, wird bis heute teilweise immer noch tabuisiert, dass Fritz Bauer selbst als Flüchtling in Dänemark ab März 1936 von einer Auslieferung an Nazideutschland wegen seiner eigenen homosexuellen Kontakte bedroht war. Im bereits 2017 erschienenen Beitrag von Werner Renz „Wider die Sittenwächter: Fritz Bauers Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre“wird die gefährliche Situation vieler homosexueller Geflüchteter aus Nazideutschland am Beispiel von Fritz Bauers Leben deutlich:
„Verfolgung wegen Homosexualität hat Bauer am eigenen Leib erfahren. Kaum war er im März 1936 legal nach Dänemark gereist und im Glauben, frei von Nachstellungen und Gestapowillkür zu sein, wurde der politische Flüchtling von der Kopenhagener Polizei vorgeladen und verhört. (…) Der bis dato »ungekannte Ausländer«, wie es im Polizeibericht heißt, hatte in polizeibekannten Lokalen verkehrt und in seiner Wohnung sexuellen Umgang mit einem Mann gehabt. Bauer bestritt im Verhör die polizeilich notierten Beobachtungen nicht und gab auch an, wohl wissend, dass bezahlter Sex unter erwachsenen Männern auch in Dänemark strafbar war, seinem Sexualpartner für seine Dienste Geld gegeben zu haben. (…) Wie entwürdigend die Lage gleichwohl für ihn gewesen ist, zeigt die Tatsache, dass das sozialdemokratische Komitee, das politische Flüchtlinge wie Bauer unterstützte, von der Polizei informiert wurde. Gegenüber seinen offenbar beschränkten dänischen Genossen sah sich Bauer veranlasst (…) zu betonen, er werde sich fortan an die Gesetze des Landes halten. Bauers dänische Polizeiakte weist insgesamt 31 Einträge auf. Immer wieder wurde der Emigrant befragt, ob er weiterhin homosexuelle Kontakte pflege. Der zweifelsfrei gefährdete Bauer, dem eine Abschiebung nach Deutschland drohte, stellte seine Kontakte mutmaßlich ein. In den Jahren 1938 bis 1940 wiederholt von der Polizei auf den Sachverhalt angesprochen, beteuerte er seine Abstinenz.
Der Autor des Beitrags, Werner Renz, war seit der Gründung des Fritz Bauer Instituts im Jahr 1995 bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand im Jahr 2016 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts und Leiter des Archivs und der Bibliothek. Die Initiative Queer Nations hat anlässlich des 50. Todestags von Fritz Bauer Werner Renz Beitrag „Wider die Sittenwächter: Fritz Bauers Kritik am überkommenen Sexualstrafrecht der 1950er und 1960er Jahre“ als kostenlosen Download im Internet veröffentlicht (siehe hierzu auch das Jahrbuch Sexualitäten 2017). Der Beitrag ist eine würdevolle Aufarbeitung dieser oftmals totgeschwiegenen Seite des Nazi-Jägers Fritz Bauer und sehr lesenswert: HIER PDF DOWNLOADEN.
Im Beitrag „Fritz Bauer – Jurist, Jude, Remigrant und Generalstaatsanwalt“ von Karl-Heinz Steinle und Barbara Kettnaker im 2021 veröffentlichten Ausstellungskatalog „Queer durch Tübingen: Geschichten vom Leben, Lieben und Kämpfen“ heißt es:
„1936 folgte Fritz Bauer seiner Schwester Margot und ihrem Mann ins Exil nach Dänemark. Dort ging er im Juni 1943 mit der Kindergärtnerin und Genossin Anna Maria Petersen (1903-2002) eine Schutzheirat ein. Ob er dies tat, weil er in Gefahr stand, als Ausländer ausgewiesen zu werden, oder ob er damit den Verdacht der dänischen Fremdenpolizei, er pflege Umgang mit männlichen Prostituierten aus dem Weg räumen wollte, ist nicht bekannt. (…) Auch seine Homosexualität lebte Fritz Bauer nicht offen aus. (…) Bauers Zurückgezogenheit hatte sicherlich auch taktische Gründe. So vermied er nicht nur den Vorwurf, nur aus eigener Betroffenheit zu handeln, er schützte sich auch vor Erpressungen. Denn während Bauers gesamter Zeit als Landesgerichtsdirektor und Generalstaatsanwalt waren alle homosexuellen Handlungen noch unter Strafe gestellt.“
Unser Projekt „Der-Liebe-wegen“ (www.der-liebe-wegen.org) unterstützt die Unterschriftenliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer“ an die Stadt Stuttgart (1) und begrüßt es, dass die Stadt Stuttgart eine Gedenkstele für Fritz Bauer am 15. April 2024 einweihen wird. So heißt es in einer Mail vom Team der Koordinierungsstelle Erinnerungskultur Stuttgart vom 2. April 2024: „Am 15. April weihen wir in Stuttgart-Nord eine Gedenkstele für Fritz Bauer ein. Der engagierte Streiter für die Aufarbeitung der NS-Verbrechen ist 1903 in Stuttgart geboren und verbrachte auch seine Kindheit und Jugend sowie seine ersten Berufsjahre hier. Dennoch ist Bauer im Stuttgarter Stadtbild bisher kaum präsent, was sich nun ändern soll. Die Einweihung der Stele findet am Montag, den 15. April ab14:30 Uhr in der Wiederholdstraße (gegenüber von Haus Nr. 10) statt. Nach einem Grußwort des Ersten Bürgermeisters Fabian Mayer spricht Dr. Katharina Rauschenberger vom Frankfurter Fritz-Bauer-Institut. Außerdem gibt es einen Beitrag von Schüler*innen des „Ebelu“ (Eberhard-Ludwig-Gymnasium).“
Ralf Bogen
(1) Unterschriftenliste „Ehrenbürgerschaft für Fritz Bauer!“
2) Veranstaltung „120 Jahre Fritz Bauer – Antifaschist und streitbarer Demokrat aus Stuttgart“ Unser Projekt „Der-Liebe-wegen“ möchte auf die Veranstaltung „120 Jahre Fritz Bauer – Antifaschist und streitbarer Demokrat aus Stuttgart“ mit Vortrag von Dr. Katharina Rauschenberger (Fritz Bauer Institut, Frankfurt/Main) am 18. November 2023 um 18 Uhr im Forum 3 Theater, Gymnasiumstraße 21 in Stuttgart aufmerksam machen (siehe detaillierte Informationen hierzu auf dieser Webseite weiter unten sowie auch die Webseite der DGB-Region Stuttgart).
„Wenn ich mein Büro verlasse, betrete ich feindliches Ausland.“ | Fritz Bauer
Fritz Bauer wurde 1903 als Sohn liberaler jüdischer Eltern in Stuttgart geboren. Er verstand sich selbst aber als bekennender Atheist. Sein Vater war der Textilgroßhändler Ludwig Bauer, seine Mutter Ella Bauer, geb. Hirsch. In Stuttgart und Tübingen wuchs er mit seiner drei Jahre jüngeren Schwester Margot in gutbürgerlichen Verhältnissen auf. Er studierte nach dem Besuch des Stuttgarter Eberhard-Ludwigs-Gymnasiums Rechtswissenschaft in Heidelberg, München und Tübingen. Während seiner Studienzeit engagierte er sich in einer liberalen jüdischen Studentenverbindung, vor allem in politischen Debatten.
Nach dem Studium wirkte er 1929 bis 1933 als jüngster Amtsrichter am Stuttgarter Amtsgericht. 1933 wurde der begabte Jurist und leidenschaftlicher Demokrat verhaftet und ins KZ Heuberg gesperrt. Nach seiner Haftentlassung konnte Fritz Bauer nach Dänemark und später nach Schweden fliehen, wo er Asyl erhielt.
Ab 1949 kehrte er in die Bundesrepublik zurück. Als Generalstaatsanwalt in Hessen widmete der Weggefährte von Willi Brandt seine ganze Energie der Aufklärung von NS-Verbrechen. Mit seinem Namen und Wirken als Generalstaatsanwalt in Hessen von 1956 bis 1968 verbinden sich die Entführung Adolf Eichmanns nach Israel, die positive Neubewertung der Widerstandskämpfer des 20. Juli 1944 und die Frankfurter Auschwitzprozesse. Unerschrocken, rücksichtslos gegen den herrschenden Zeitgeist prangerte er die weit verbreitete Schluss-Strich Mentalität in der jungen Bundesrepublik an. Dass Bauer sich damit in einem Land, in dem die alte Nazigarde gerade wieder in die Chefsessel der Ämter zurückkehrte, nur wenig Freunde machte, liegt auf der Hand. Eine der wichtigsten Lehren aus dem Untergang der Weimarer Republik war für ihn, dass Demokratie dauerhaft nur gesichert werden kann, wenn die Rechte der Bürger gegenüber der Macht des Staates gestärkt werden. Seine öffentlich geäußerte Befürchtung, dass in Deutschland noch immer der Nährboden für neuen „Nationalsozialismus“ bestehe, brachte ihm heftigste Kritik der hessischen CDU ein, die seine Absetzung als Generalstaatsanwalt forderte.
Fritz Bauer, ein Vorreiter und Vordenker bei der Gestaltung einer demokratischen Justiz, der streitbare Demokrat, der „Nestbeschmutzer“, hat nie eine staatliche Ehrung erfahren. Am 30 Juni 1968 ist er in Frankfurt am Main verstorben.
14. APRIL 2024: AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG „OPFER DER NS-MILITÄRJUSTIZ – HINRICHTUNGEN AUF DER DORNHALDE“
In der Geschichtswerkstatt Degerloch, Große Falterstraße 4, wird am Sonntag, den 14. April 2024 um 11 Uhr die Ausstellung „Opfer der NS-Militärjusitz – Hinrichtungen auf der Dornhalde“ eröffnet, die über die Lebensgeschichte einiger der bislang bekannten 31 Opfer berichtet. Friedhofsführungen(Dauer ca. zwei Stunden) werden am 12. Mai 2024 und am 13. Juli 2024, jeweils um 11 Uhr, angeboten. Start ist am Haupteingang Dornhaldenfriedhof. Von dort geht es zur Stelle, wo der Maschinengewehr-Schießstand war, und dann weiter zum Waldfriedhof, wo 18 der Hinrichtungsopfer beerdigt sind.
Einer der Hingerichteten war der Schutzpolizist Josef Martus, der 1942 wegen seiner Homosexualität zum Tod verurteilt und auf der Dornhalde deswegen erschossen wurde. In 2017 hatten wir auf unserer digitalen Gedenkkarte über das Schicksal von Martus berichtet (siehe https://der-liebe-wegen.org/?profil=josef-martus). Zum damaligen Zeitpunkt war uns der Ort seiner Hinrichtung nicht bekannt. Dr. Betram Maurer, der Ansprechpartner der Ausstellung, hat hier weiter recherchiert und wichtige Dokumente aufgefunden, die nun in der Ausstellung gezeigt werden.
Die Ausstellung ist jeweils Sonntags von 11 bis 17 Uhr bis zum 28. Juli 2024 geöffnet. Mitveranstalter*innen der Ausstellung sind die Initiative Lern- und Gedenkort „Hotel Silber“ e. V. und Die AnStifter.
Dezember 2023: Erfreuliche Nachrichten über die iranische LGBT+-Aktivistin Sareh (Zahra Sedighi Hamedani)
Die iranische LGBT+-Aktivistin Sareh (Zahra Sedighi Hamedani), die nach der Aufhebung ihres Todesurteils gegen eine hohe Kaution aus dem Gefängnis entlassen wurde, ist heute wohlbehalten in einem sicheren Land angekommen.
Sie dankt allen LGBT+-Aktivisten, die sie auf diesem schwierigen Weg in die Freiheit begleitet haben. Sie gratuliert der LGBT+-Community, den Aktivisten und der globalen Community, die die #FreeSareh-Kampagne unterstützt haben.
Zahra Sedighi Hamedani, 31, auch bekannt als Sareh, wurde im November 2021 vom Korps der iranischen Revolutionsgarden an der Grenze zu Urmia im Nordwesten des Iran festgenommen. Sie hatte sich in den sozialen Medien öffentlich für ihre sexuelle Identität eingesetzt. Sie wurde an den leitenden Ermittler der Abteilung 6 des Staats- und Revolutionsgerichts Urmia verwiesen, wo ihr schwere Vorwürfe der „Korruption auf der Erde“ vorgeworfen wurden, darunter „Förderung von Homosexualität“, „Kommunikation mit antiislamischen Netzwerken“ und „ Förderung des Christentums.“
Nach einer umfangreichen Kampagne von 6rang und mit Unterstützung der iranischen und globalen LGBT+-Gemeinschaft sowie der internationalen Gemeinschaft, darunter Politiker und Künstler, wurde das Todesurteil gegen Sareh aufgehoben und sie gegen Kaution freigelassen.
Sarehs Freiheit und Sicherheit sind ein bedeutender Sieg für die LGBT+-Bewegung im Iran. Dieser Sieg zeigt, dass wir uns niemals unmenschlichen Urteilen beugen und alle Anstrengungen unternehmen sollten, um der Verletzung unserer Rechte zu widerstehen. Unsere Stimme auf globaler Ebene laut zu erheben und internationale Menschenrechtsmechanismen zu nutzen, kann von Vorteil sein, um Druck auf die Islamische Republik auszuüben, ihre Verbrechen einzustellen.
Wir sind stolz darauf, dass alle Bemühungen der iranischen LGBT+-Gemeinschaft zusammen mit der Weltgemeinschaft das Ziel erreicht haben und Sareh nun mit ihren Kindern in einem freien und demokratischen Land leben kann.
6Rang, die queeren Stimme des Irans „fühlt sich von Euch wahrgenommen und das gibt uns Kraft“
Zu unserer Solidaritäts- und Spendenkampagne mit 6Rang (siehe hierzu unsere Erklärung „STOLZES ERGEBNIS DER SPENDEN- UND SOLIDARITÄTSKAMPAGNE FÜR 6RANG, DER „QUEEREN STIMME DES IRANS„, siehe betterplace) haben wir Post von 6Rang, der queeren Stimme des Irans, erhalten, die wir hier gerne veröffentlichen. Zu oben dargestellten Foto schreibt uns Shadi Amin, die Sprecherin von 6Rang: „Im Auftrag von 6Rang, bedanke ich mich ganz herzlich bei „Just Human“ und „Der Liebe Wegen“ für ihre solidarischen Aktionen. Wir haben gesehen wie Ihr Euch in Kälte und Hitze auf den Straßen verschiedener Städte engagiert und Eure Solidaritätkampagne mit iranischen LGBT+-Menschen durchgeführt habt. Wir, Mitglieder von 6Rang, haben eure Spende für die LGBTI-Personen, die in Not waren und leider zum Teil noch sind, eingesetzt. Wir sagen danke bei allen Beteiligten und Spender:innen. 6Rang fühlt sich von Euch wahrgenommen und das gibt uns Kraft. Vielen Dank! Herzliche Grüße, Shadi Amin“
Einem Jahr nach Mahsa Aminis Tod, in dem über 500 Menschen bei Demonstrationen von der Diktatur getötet wurden, hat die Protest- und Widerstandsbewegung neue Aktionsformen ausgewählt wie zum Beispiel den massenhaften Boykott der Moscheen, in denen Staatspropaganda verkündet wird. Wie isoliert diese Diktatur ist, zeigt, dass nach einem Bericht der iranischen Zeitung «Enthehab» mehr als zwei Drittel aller „Gotteshäuser“ geschlossen seien (siehe den Beitrag: „Leere Moscheen im Gotteststaat: Die nicht mehr ganz so Islamische Republik Iran)„.
Wie 6Rang und ihre Sprecherin Shadi Amin sich weiter für die LGBT*-Rechte im Iran einsetzen, dass wird auch im November-Newsletter von 6Rang deutlich, den wir hier in zwei kurzen Auszügen veröffentlichen:
Die Vereinten Nationen fordern Iran auf, die Todesstrafe für gleichgeschlechtliches Verhalten aufzuheben Der UN-Menschenrechtsausschuss empfahl der Islamischen Republik Iran in seinen Überlegungen zum vierten periodischen Bericht über die Islamische Republik Iran im Oktober nachdrücklich, einvernehmliche gleichgeschlechtliche Beziehungen zwischen Erwachsenen zu entkriminalisieren und sicherzustellen, dass auf solche Beziehungen nicht die Todesstrafe verhängt wird. Das Gremium, das die Umsetzung des Pakts (…) überwacht, kam zu dem Schluss, dass die Mitglieder der LGBTQI+-Gemeinschaft allein aufgrund ihrer tatsächlichen oder vermeintlichen sexuellen Orientierung oder ihrer einvernehmlichen sexuellen Aktivitäten inhaftiert und misshandelt werden (…). Vor dieser Überprüfung hat 6Rang einen Bericht über staatlich geförderte Diskriminierung und Gewalt aufgrund sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und -ausdrucks sowie einen weiteren Bericht über die geschlechtsspezifische Verfolgung von LGBTQI+-Demonstranten vorgelegt (…).
Internationale Gemeinschaft wird auf anhaltende Verletzungen der LGBTQI+-Rechte im Iran aufmerksam gemacht Shadi Amin, Direktorin des 6rang-Netzwerks, hielt am 13. September eine Rede vor dem Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen und wies auf staatliche Gewalt und Rechtsverletzungen gegen Frauen, Mädchen und die LGBTQI+-Gemeinschaft im Iran hin. Amin betonte das Fehlen von Gerechtigkeit für die Opfer des Jina Mahsa Amini-Aufstands und forderte internationale Institutionen auf, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen. Obwohl der Bericht in einem begrenzten Zeitrahmen erstellt wurde, enthielt er wichtige Einblicke in die Lage der Menschenrechte im Iran, die Amin in einer 90 Sekunden langen Präsentation auf der Generalversammlung des Rates in Genf hervorhob. (Sehen Sie sich hier das vollständige Video an)
August 2023: 3657 EURO – stolzes Ergebnis der Spenden- und Solidaritätskampagne für 6RANG, der „queeren Stimme des Irans“
Austausch über Unterdrückung von LGBT*-Personen in unserer Region während der NS- und Nachkriegs-Zeit sowie in Ländern wie dem Iran heute mit der iranischen LGBT*-Aktivistin Shadi Amin im Hotel Silber, dem ehemaligen Sitz der Gestapo am 29. Juli 2023 (siehe auch: betterplace.org/p120934).
Zum Abschluss der Spenden- und Solidaritätskampagne für 6Rang erklären das Projekt „Der-Liebe-wegen“ und just human:
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Shadi Amin, auf der CSD-Kundgebung von Stuttgart Pride am 29. Juli 2023
Wir vom Projekt „Der-Liebe-wegen“ und von just human freuen uns, dass bei unserer Spenden- und Solidaritätskampagne für 6Rang insgesamt 3657 Euro zusammen gekommen sind. Mit dieser Spende unterstützen wir die Arbeit des iranischen Netzwerks, die für das Motto steht: „Stoppt Hinrichtungen und jegliche Gewalt gegen LGBT*! Frau, Leben, Freiheit, einschließlich der Freiheit der LGBT*-Regenbogen-Community!“ Die Kampagne hatten wir am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, dem 17. Mai 2023, gestartet und schließen sie nun nach der Stuttgarter Pride CSD-Demonstration ab. Wir danken allen Spendenden und Unterstützenden, die zu diesem Erfolg beigetragen haben!
Höhepunkt unserer Kampagne war die Rede der Leiterin von 6Rang, Shadi Amin, auf der CSD-Kundgebung von Stuttgart Pride am 29. Juli 2023. Sie erinnerte daran, dass lesbische, schwule, bisexuelle und trans Personen im Iran jeden Tag ihr Leben riskieren. Sie machte deutlich, dass die iranische LGBTI*-Community eine klare und transparente Position der Bundesregierung fordert, „wenn es um (…) Verhaftung, Folter und Hinrichtungsurteile gegen LGBTI+-Personen im Iran geht.“ Als Deutsche würden wir diese Art der Unterdrückung aus der NS-Zeit kennen. So verwies sie auf das Hotel Silber, die ehemalige Zentrale der regonalen Gestapo, welches sie am Vormittag besucht hatte, um sich dort über Verfolgung von LGBTI*-Personen in Vergangenheit und heute auszutauschen. In ihrer Rede appellierte sie auch im Bezug auf Deutschland: „Ohne unser (…) solidarisches Handeln sind unsere Chancen sehr gering. Wir sind nicht umsonst so weit gekommen; diese Errungenschaften sind nicht selbstverständlich. Wir müssen jeden Tag dafür kämpfen, um diese Rechte zu behalten und auszuweiten.“
Bei mehreren Veranstaltungen zur Kampagne wurde deutlich, dass die Jahrhunderte alten Vorurteile über eine angebliche Widernatürlichkeit gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität sowie die angebliche Minderwertigkeit von Frauen, von inter- und transsexuellen Menschen weltweit millionenfaches Leid verursacht haben, egal ob wir in jüdisch, christlich oder moslemisch geprägten Gesellschaften aufgewachsen sind. Dazu beizutragen, dieses Leid endlich zu überwinden, war und ist eine wichtige Motivation für unser Arbeit vom Projekt „Der-Liebe-wegen“ (www.der-liebe-wegen.org) als auch von just human (www.just-human.de). Spenden für 6Rang können auch nach der Kampagne weiterhin auf das Konto von just human geleistet werden (Spendenkonto: DE89 3702 0500 0007 7692 00, bitte Spende mit Stichwort 6Rang versehen).
Führung „Schweigen zur Verfolgung von LGBT*: NICHT MIT UNS“ und Austausch im Hotel Silber über die Unterdrückung von LGBT*-Menschen während der NS- und Nachkriegszeit in Deutschland sowie heute in Ländern wie dem Iran am 29. Juli 2023 (Foto v. l. n. r.: Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte Baden-Württemberg, Shadi Amin von 6Rang und Ralf Bogen vom Projekt „Der-Liebe-wegen“)
Beteiligung an der Stuttgart Pride CSD-Demonstration von unserer Solidaritätskampage
Rede von Shadi Amin, Sprecherin von 6Rang, auf der CSD-Kundgebung von Stuttgart Pride am 29. Juli 2023:
Happy pride!
Ich bin Shadi Amin und komme aus dem Iran, wo gleichgeschlechtliche Beziehungen mit Strafen von Peitschenhieben bis zur Todesstrafe geahndet werden. LGBTI-Personen werden diskriminiert und marginalisiert. Doch heute bin ich stolz darauf, dass ich aus einem Land komme, in dem es in den letzten 10 Monaten gelungen ist, die Aufmerksamkeit und Empathie der ganzen Welt durch die Parole „Frau, Leben, Freiheit“ (Jen, Jiyan, Azadi) auf sich zu ziehen.
Ja, wir haben das Bild von Frauen und LGBT-Personen, die unter religiösen Diktaturen leben, grundlegend verändert und haben eine kämpferische und aktive Rolle als Opfer dieses homophoben und sexistisch-kapitalistischen Regimes übernommen. Mehr als 500 Menschen wurden ermordet, darunter 73 Kinder, und mehr als 22.000 Personen wurden verhaftet. Sie als Deutsche kennen diese Art der Unterdrückung; wir waren in Hotel Silber (Zentrale der Gestapo)ja, das sind die gleichen politischen Situation wie in den dreißiger Jahren und Jahrzehnten danach in Deutschland.
Aber das allein reicht nicht aus, damit die Welt die Gefahr des politischen Islams erkennt und sich aktiv für die Demokratie im Iran einsetzt. Leider ist diese Revolution noch nicht zum Ziel gelangt. Wir als LGBT+-Community haben es geschafft, unsere Forderungen in den Diskurs dieser Revolution einzubringen. Die lesbischen, schwulen, bisexuellen und trans Personen im Iran riskieren jeden Tag ihr Leben, um eine Veränderung im Land herbeizuführen. Dieses mutige und hoffnungsvolle politische Engagement ist etwas, was wir nicht nur im Iran, sondern überall auf der Welt brauchen, um fundamentalistische, rassistische und rechtsradikale Kräfte bekämpfen zu können.
Wir sind heute hier, um unseren Willen für den Aufbau einer fortschrittlichen LGBT+-orientierten Politik zu äußern. Ohne unser Zusammenkommen und solidarisches Handeln sind unsere Chancen sehr gering. Wir sind nicht umsonst so weit gekommen; diese Errungenschaften sind nicht selbstverständlich. Wir müssen jeden Tag dafür kämpfen, um diese Rechte zu behalten und auszuweiten. Unsere Gegner warten nicht, sie organisieren sich und handeln. Wir können und müssen gezielt aktiv werden. Wir dürfen keine Zeit verlieren.
Die iranische LGBTI-Community fordert eine klare und transparente Position der Bundesregierung gegenüber der Islamischen Republik, wenn es um Hasskampagnen, Diskriminierung, Verfolgung, Verhaftung, Folter und Hinrichtungsurteile gegen LGBT+-Personen im Iran geht.
Heute und jetzt denken wir an alle Opfer unseres Kampfes, die ermordeten Jugendlichen auf den Straßen des Irans, unsere Freunde in Polen, Saudi Arabia, Afghanistan, Russland, Uganda und überall auf der Welt.
Hoch die internationale Solidarität! Frau – Leben – Freiheit! Jen Jiyan Azadi!
Am Infostand der Weissenburg auf der CSD-Pride Hocketse: Informationen zur Verfolgung wegen gleichgeschlechtlicher Liebe und Sexualität in unserer Region während der NS-Zeit und heute in Ländern wie im Iran.
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Online-Veranstaltung „Schweigen zur Gewalt gegen LGBT? NICHT MIT UNS!“ mit Shadi Amin am 20. Juli 2023 von der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber und unserem Projekt „Der-Liebe-wegen“, unter anderem über ihre persönliche Entwicklung und Fluchtgeschichte, über ihr Coming Out sowie über die Arbeit von 6Rang und die politische Situation im Iran heute.
Juli 2023: Warum wir 6Rang, die „queere Stimme des Irans“, unterstützen: Schweigen zur Gewalt gegen LGBT*? NICHT MIT UNS!
Stimmen zur Spenden- und Solidaritätskampagne mit 6Rang aufbetterplace.org/p120934. Wir vom Kampagnenteam sagen ein HERZLICHES DANKESCHÖN an alle Spendende und Unterstützenden.
Veranstaltungen mit Shadi Amin, der Direktorin von 6Rang sind am Donnerstag, den 20. Juli und am Samstag, den 29. Juli 2023: siehe Veranstaltungsübersicht. Der Beitrag „Die queere Stimme des Irans“ im CSD-Programmheft 2023 von Stuttgart Pride kann online gelesen werden (siehe Seite 40).
Elke Banabak, Geschäftsführerin Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e.V.: „Im Iran sind derzeit LGBT* Menschen in akuter Lebensgefahr. Die Aktivist*innen von 6Rang machen mit hohem Einsatz sehr wichtige Aufklärungsarbeit über die Lebensrealität von LGBT*, es ist mir wichtig, sie dabei zu unterstützen. Das Thema geht alle an, denn es sollte in der heutigen Zeit längst selbstverständlich sein, dass die grundlegenden Menschenrechte ohne Ausnahme weltweit für alle gelten.“
Werner Biggel, Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org, im Kampagnenteam: „Mir ist es wichtig, dass die Unterdrückung und Peinigung der LGBT*-Menschen im Iran sichtbar gemacht und nicht länger hingenommen wird. Ich möchte dazu beitragen, dass die queere Stimme des Irans gehört und gestärkt wird.“
Florian Boesch, Aktivist der LGBT*-Geflüchtetenarbeit und der ASF (Amour sans Frontières): „Ich unterstütze die Kampagne, weil ich internationale Solidarität in der queeren Community als wichtig und notwendig empfinde. Wir müssen uns gegenseitig empowern und einen Beitrag für eine tolerante und inklusive Zukunft leisten, nicht nur hierzulande. Die Inhaftierungen und Hinrichtungen im Iran sind eine humanitäre Tragödie, die mehr gesellschaftliche Aufmerksamkeit braucht.“
Ralf Bogen,Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org, im Kampagnenteam: „Die von 6Rang aufgezeigten staatlichen Folterpraktiken, von der Diktatur als ‚Therapie der Homosexualität‘ bezeichnet, sowie Hinrichtungen wegen ‚Förderung der Homosexualität‘ müssen stärker als bislang international geächtet werden. Die queere Stimme des Irans hat bereits heute eine befreiende Ausstrahlung auf alle Länder, wo LGBT*Menschen immer noch von staatlichen Stellen als ‚krank‘ und ‚pervers‘ diffamiert und unterdrückt werden. Stärken wir diese Stimme im Kampf für ein demokratisches und freies Iran und für die weltweite Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt!“
Uwe Bogen, Journalist und Buchautor: „Auch im Iran sollte endlich die Regenbogenfahne wehen. Dies wird höchste Zeit! Menschenrechte dürfen nicht an Grenzen stoppen. Alle Menschen sollten lieben dürfen, wen sie wollen. Was bei uns selbstverständlich ist, kann in zu vielen Ländern immer noch eine Gefahr für Leib und Leben sein. Dies zu ändern sollte weltweit die Aufgabe von uns allen sein – und von der Politik, die wir gemeinsam unter Druck setzen müssen.“
Kerstin Bosse, Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org,just human, im Kampagnenteam: „Ich unterstütze den Kampf von 6Rang um gleiche Rechte von LGBT Menschen in der iranischen Gesellschaft, aber auch innerhalb der iranischen Protestbewegung gegen das Regime, weil Shadi Amin Recht hat, wenn sie sagt, „Man kann keine Blumen im Garten pflanzen und ihren Anblick genießen, wenn die andere Hälfte des Gartens schlammig ist.“ Schauen wir über unseren eigenen Tellerrand hinaus und erklären wir uns aktiv solidarisch mit dem Kampf der LGBT Community im Iran gegen Homo- und Transphobie.“
Oliver Hildenbrand, Grüne, Mitglied des Landtags: „Jin, Jiyan, Azadî. Frau, Leben, Freiheit. Wir hören die mutigen Frauen und all die anderen Protestierenden, die im Iran für Demokratie und Menschenrechte auf die Straße gehen. Mir ist wichtig, dass wir auch die queeren Stimmen hören, die diese Freiheits- und Revolutionsbewegung ausmachen. Die brutale Gewalt und die furchtbaren Menschenrechtsverletzungen durch das menschenverachtende Mullah-Regime müssen gestoppt werden. Deshalb unterstütze ich die Kampagne.“
Laura Halding-Hoppenheit, Wirtin, LGBT*- und AIDS-Aktivistin sowie Kommunalpolitikerin der Linken in Stuttgart: „Liebe ist kein Verbrechen. Stoppt die Todesstrafe im Iran!“
Ahvan Hosseinzade, Geflüchteter aus dem Iran, im Kampagnenteam: „Menschen, deren Rechte sowie die Akzeptanz ihrer Vielfalt stehen ganz oben auf meiner Prioritätenliste, egal um welche Vielfaltsdimension es geht: von wo sie beispielsweise herkommen, welche Hautfarbe sie haben, an was sie glauben oder was für eine Sprache sie sprechen. 6Rang widmet sich den Menschen, die wegen ihrer geschlechtlichen Identität und/oder ihrer sexuellen Orientierung sowohl vom autoritären Regime als auch von der traditionellen Gesellschaft im Iran entrechtet, diffamiert, verurteilt oder sogar getötet werden. Das verdient genauso unsere Unterstützung!“
Sam Langeroudian, Geflüchteter aus dem Iran, Aktivist bei avaye Iranian Tübingen: „Iran zählt zu den Ländern, in denen homosexuelles Begehren mit dem Tod bestraft werden kann. Stoppt alle Hinrichtungen im Iran!“
Brigitte Lösch, Stellvertretende Landtagspräsidentin a.D.: „Ich unterstütze die Kampagne weil es mir wichtig ist weltweit für unsere Menschenrechte einzustehen, gegen Mennschenrechtsverletzungen zu kämpfen und unsere internationale Solidarität mit der queeren community zu zeigen!“
Thomas Ott, Buchladen Erlkönig (Copyright des Bildes: Wilhelm Betz): „In Iran sehen wir, wozu Frauenfeindlichkeit und Homophobie führen können, wenn sie von einem verbrecherischen Regime zur „Staatsreligion“ gemacht werden: Hier wird nicht nur diskriminiert oder benachteiligt. Hier wird gefoltert, ermordet und vernichtet. Eine „community“ sollte sich immer ganz besonders solidarisch für diejenigen einsetzen, die die größte Unterdrückung und Bedrohung erfahren. Die Solidaritätskampagne von „Der Liebe wegen“ mit „6Rang“ ist eine solche Aktion und daher eine großartige Idee!“
Lena Raisdanai, Menschenrechtsaktivistinmit iranischem Migrationshintergrund aus Stuttgart, Aktivistin von Ayande Jugendinitiative „Ich unterstütze die Kampagne für 6Rang, denn es ist wichtig auf die Situation im Iran aufmerksam zu machen: Der Slogan Frau, Leben, Freiheit steht für eine vielfältige Gesellschaft, die viele Jahre Unterdrückung, Vergewaltigung, Mord und Hinrichtung erlebt hat. Ein jeder Mensch hat das Recht so zu sein, wie er sein möchte und niemand darf in seiner Freiheit eingeschränkt werden!“
Martin Richter, Sprecherrat des Ak Asyl Stuttgart, Unterstützer und Helfer für LGBTIQ Refugees, ehrenamtlicher Mitarbeiter bei ASF (Amour sans Frontieres): „Ich fordere weltweite Sanktionen gegen queerfeindliche Länder sowie Freiheit und Rechte für eine Liebe ohne Grenzen.“
Marion Römmele, Frauenberatung Fetz: „Was fürchten Diktatoren? Freie Frauen – freie Liebe – selbstbestimmte Identität – Solidarität Was lässt uns hoffen? Freie Frauen – freie Liebe – selbstbestimmte Identität – Solidarität! Ich freue mich, mit einer Spende an 6Rang einen kleinen Teil zu diesem Freiheitskampf beitragen zu können.“
Christel Stroh, Internetprojekt www.der-liebe-wegen.org, just human, im Kampagnenteam: „Ich erkläre mich solidarisch mit dem Kampf von 6Rang, weil das unsagbare Leid unserer LGBT Mitmenschen im Iran, die ständige Bedrohung mit der Todesstrafe und der Druck zur zwangsweisen Geschlechtsangleichung ein Ende haben muss.“
Florian Wahl, SPD-Landtagsabgeordneter für den Wahlkreis Böblingen: „Ich unterstütze die Kampagne, denn queere Rechte sind Menschenrechte! Meine Solidarität gilt den mutigen Aktivist:innen, die sich für queere Rechte in Iran einsetzen. Die Emanzipation und Gleichstellung von LSBTIQ-Personen kann nur international gedacht werden!“
Katja Walterscheid, Vorstand von just human e.V., im Kampagnenteam: „Die queere Stimme des Iran darf nicht verstummen – denn die Welt muss wissen: Menschen werden mit dem Tode bedroht, weil sie lieben. Das dürfen wir nicht zulassen. Wir sind solidarisch mit 6Rang, weil niemand frei sein kann, wenn auf der Welt Menschen unfrei leben müssen. Gemeinsam für Freiheit, Leben und Liebe!“
Solidaritätskampagne in Aktion:
20. Juli 2023: „Die neue Generation soll es besser haben als wir“ – Onlineveranstaltung mit Shadi Amin, Sprecherin von 6Rang
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Im Mittelpunkt der Kooperationsveranstaltung der Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber und unseres Projekts „Der-Liebe-wegen“ stehen drei Fragestellungen: Wie war ihre persönliche Entwicklung hin zur lesbischen Aktivistin? Wie arbeitet 6Rang angesichts der aktuellen Situation im Iran? Wie sieht sie die Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit sowie die LGBT*-Bewegung hierzulande angesichts von Umfragen, wonach eine rechtspopulistische Partei bei über 20% steht?
16. Juli 2023: 5 Jahre Just human-Feier in Stuttgart Bei der Feier heute konnten wir unsere Solidaritätskampagne vorstellen.
24. Juni 2023: CSD in Tübingen
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17. Mai 2023 am Stuttgarter Marktplatz: Start der Kampagne zum IDAHOBITA
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Am 17. Mai 2023, dem Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transsexualität, haben wir unsere Solidaritäts- und Spendenkampagne mit 6Rang, die „queere Stimme des Irans“ auf dem Marktplatz in Stuttgart gestartet. Hier wie auch am 20. Mai 2023 bei der Kundgebung „Frau – Leben – Freiheit“ von Democracy4Iran konnten wir unsere Kampagne vorstellen.
Wie wichtig diese ist, zeigt uns Ende Mai 2023 ein Schreiben von Shadi Amin, die Sprecherin von 6Rang. Sie informierte uns darüber, dass 6Rang der internationalen Öffentlichkeit den Bericht „Folter als Therapie: Massive Peinigung der LGBTQI-Community“ anlässlich des Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transfeindlichkeit vorgelegt hat, dem Aussagen von 210 Angehörigen der LGBTQI-Community in 25 iranischen Provinzen zugrunde liegen. 110 davon hätten drakonische „Therapiemethoden“ am eigenen Leib erlebt, fast die Hälfte davon sei minderjährig (!) gewesen. Ihnen werden demnach beispielsweise Psychopharmaka verabreicht, um ihre sexuelle Neigung zu „korrigieren“. Neun der von 6Rang Befragten sollen auch mit Elektroschocks „behandelt“ worden sein. Durch den Konsum von Pornographie (!) sollen ihre sexuellen Empfindungen „in die richtige Bahn“ gelenkt werden. Die drastischen Maßnahmen führen bei Betroffenen laut der 6Rang-Befragung unter anderem zu Depressionen, Selbstmordgedanken, Schlafstörungen, Gedächtnisverlust oder Stottern. 6Rang bittet um internationale Aufmerksamkeit, um diese Folterpraktiken bekannt zu machen und den politischen Druck auf die Islamische Republik zu erhöhen sowie Ärzt*innen und Psycholog*innen zum Handeln zu bewegen, Folter nicht länger als Therapie zur „Heilung (!) von Homosexualität“ im Iran zu praktizieren.
„Stop aux exécutions et à toutes les violences contre les LGBT* ! Femme, vie, liberté, y compris la liberté de la communauté LGBT* arc-en-ciel !“ C’est ce que défend le réseau iranien des lesbiennes et des transsexuels 6Rang https://6rang.org/english). Ce réseau défend les personnes LGBT* condamnées à mort, comme dans le cadre de la campagne internationale visant à lever la peine de mort prononcée à l’encontre des militantes LGBT* Elham Choubdar et Zahra Seddiqi Hamadani (https://action.allout.org/de/m/66561cda/). 6Rang a pu contribuer à l’inclusion des revendications de la communauté LGBT* dans la lutte pour un Iran libre et démocratique dans le document „Charte des revendications minimales des organisations syndicales et autres organisations de la société civile“ du 14 février 2023 (https://der-liebe-wegen.org/ausnahmsweise-gute-nachrichten-aus-dem-iran/). En particulier, le réseau veut montrer la situation des lesbiennes et des personnes transgenres dans une société où la sexualité est généralement un tabou et où toute autodétermination des femmes est réprimée, y compris par des codes vestimentaires.
Nous pouvons aider ! Nous collectons des fonds pour soutenir les efforts de sensibilisation de 6Rang en Allemagne et ses services de conseil en ligne pour les personnes LGBT*. Nos campagnes de solidarité „For the sake of Love“ (www.der-liebe-wegen.org) et „Just Human“ (www.just-human.de) débutent le 17 mai 2023, Journée internationale contre l’homophobie et la transphobie, et se terminent le 5 août 2023, une semaine après la CSD Pride de Stuttgart. Elle représente la lutte pour un monde qui ne tolère plus les exécutions et toute autre forme de violence à l’encontre des LGBT* !
Veranstaltungsübersicht während der Solidaritätskampagne mit 6Rang
Veranstaltungen mit Beteiligung unserer 6Rang-Solidaritätskampagne
Sa 24.6.2023, 14 h: CSD Parade Tübingen– Uhlandstraße (vor dem Keplergymnasium)
So 16.7.2023, ab 14 h: Jubiläumsfest „5 Jahre just human“– wir feiern und informieren unter anderem mit dem Beitrag: „Gewalt gegen LGBT* – NICHT MIT UNS!“ 17.30 Uhr, Stuttgart, Württembergischer Kunstverein, Schlossplatz 2.
Do 20.7.2023, 19.30 h: Onlineveranstaltung „Schweigen zur Gewalt gegen LGBT*? NICHT MIT UNS“ mit Shadi Amin, Vorsitzende von 6Rang. Zur aktuellen Situation und zum Kampf für eine LGBT*-Lebensperspektive im Iran. Im Gespräch mit ihr werden Kerstin Bosse und Ralf Bogen Fragen zu drei Themenblöcken nachgehen:
Wie war ihre persönliche Entwicklung hin zur lesbischen Aktivistin?
Wie arbeitet 6Rang angesichts der aktuellen Situation im Iran?
Wie sieht sie die Erinnerungs- und Menschenrechtsarbeit sowie die LGBT*-Bewegung hierzulande angesichts von Umfragen, wonach eine rechtspopulistische Partei bei über 20% steht
Sa 29.7.2023, 10.30 h „Schweigen zur Verfolgung von LGBT*-Personen? NICHT MIT UNS“ – Führung durch die Dauerausstellung im Hotel Silber mit Ralf Bogen (Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber e. V.) und Friedemann Rincke (Haus der Geschichte Baden-Württemberg) mit anschließendem Gespräch mit Shadi Amin (Geflüchtete aus dem Iran, Vorsitzende von 6Rang) über Gewalt gegen LGBT* heute am Beispiel des Irans, Dorotheenstraße 10, 70173 Stuttgart, in der Nähe der U-Bahnstation am Charlottenplatz. Wir bitten um Anmeldung bis zum 27. Juli unter veranstaltungen-hs@hdgbw.de. Sa 29.7.2023, 15.30 h Stuttgart Pride – CSD-Demonstration(ab 12.30 h Aufstellung in der Rotebühlstraße, zwischen Schwab- und Senefelder Straße, stadteinwärts), um 15.30 Uhr Beginn der Demonstrationen. Sa 29.7.2023, 18.30 h Stuttgart Pride –CSD-Kundgebung auf dem Schlossplatz, u. a. mit Shadi Amin, Vorsitzende von 6Rang. Danach Treffen und Gesprächsmöglichkeit mit Shadi Amin am Infostand von just human.
„Stop executions and all violence against LGBT*! Woman, life, freedom, including the freedom of the LGBT* rainbow community!“ That’s what the Iranian Lesbian and Transgender Network 6Rang (https://6rang.org/english) stands for. The network advocates for LGBT* people facing death sentences, as in the international campaign to lift the death penalty against LGBT* activists Elham Choubdar and Zahra Seddiqi Hamadani (https://action.allout.org/de/m/66561cda/). 6Rang was able to contribute to the inclusion of the demands of the LGBT* community in the struggle for a free and democratic Iran in the document „Charter of Minimum Demands of Trade Union and Other Civil Society Organizations“ of February 14, 2023 (https://der-liebe-wegen.org/ausnahmsweise-gute-nachrichten-aus-dem-iran/). In particular, the network wants to show the situation of lesbians and transgender persons in a society where sexuality is generally a taboo and where any self-determination of women is suppressed, including through dress codes.
We can help! We are raising funds to support 6Rang’s outreach efforts in Germany and their in-person online counseling for LGBT* individuals. Our solidarity campaigns „For the sake of Love“ (www.der-liebe-wegen.org) and „Just Human“ (www.just-human.de) begins on the International Day against Homophobia and Transphobia on May 17, 2023 and ends on August 5, 2023 one week after the CSD Pride in Stuttgart. It stands for the fight for a world that no longer tolerates executions and any other form of violence against LGBT*!
Solidaritätskampagne mit 6Rang: Übersetzung auf Arabisch
إلى جانب آخرين ، تمكن شيشرانج من تضمين بعض مطالب مجتمع المثليين في النضال من أجل إيران حرة وديمقراطية في وثيقة „الحد الأدنى من مطالب النقابات العمالية ومنظمات المجتمع المدني الأخرى“ بتاريخ 14 فبراير 2023.
تريد هذه الشبكة بشكل خاص تسليط الضوء على الوضع الصعب للمثليين جنسياً والأشخاص المثليين في المجتمع الإيراني ، حيث تعد الحياة الجنسية من المحرمات عمومًا وأي حق في تقرير المصير للنساء يُسلب منهن ، بما في ذلك إجبارهن على ارتداء الحجاب.
نستطيع المساعدة!
نقوم بجمع الأموال لدعم العمل الإنساني والاستشارات الخاصة عبر الإنترنت التي تقدمها 6Rang للأشخاص في مجتمع LGBT.
سيبدأ اليوم العالمي لمناهضة رهاب المثلية الجنسية ورهاب المتحولين جنسياً في 17 مايو 2023 ، وبعد أيام قليلة موكب الشرف CSD Pride ينتهي في 31.07.2023 في شتوتغارت.
هذه حملة للنضال من أجل عالم خالٍ من الإعدام وأي عنف ضد المثليين.
Solidaritätskampagne mit 6Rang: Übersetzung auf Türkisch
İran’ın queer halkının sesi Sheshrang örgütüyle dayanışma
Konus:
İnfazları ve LGBT kişilere yönelik tüm şiddeti durdurun.
Kadın, yaşam, özgürlük ve LGBT bireyler için özgürlük.
6Rang Network’ün İran halkı ve trans bireyler için öne sürdüğü ve bu hakları yerine getirmek için çabaladığı talepler bunlardır ve bu faaliyetler desteğimizi hak etmektedir.
Kampanya açıklaması:
LGBT’lere yönelik infazlara ve her türlü şiddete son!
Kadın, yaşam, özgürlük ve LGBT bireyler için özgürlük.
6Rang, diğerleriyle birlikte, 14 Şubat 2023 tarihli „İşçi Sendikaları ve Diğer Sivil Toplum Kuruluşlarının Asgari Talepleri“ belgesinde özgür ve demokratik bir İran mücadelesinde LGBT topluluğunun bazı taleplerine yer verebildi.
Ağ özellikle, cinselliğin genellikle tabu olduğu ve kadınların kendi kaderini tayin hakkının hükümet ve toplum tarafından sistematik olarak reddedildiği İran toplumundaki gey ve lezbiyenlerin kötü durumuna ışık tutmayı amaçlıyor.
Yardımcı olabiliriz
6Rang’ın LGBT* kişilere yönelik halkla ilişkiler ve kişisel çevrimiçi danışmanlığını desteklemek için fon topluyoruz.
Uluslararası Homofobi ve Transfobi Karşıtı Gün, 17 Mayıs 2023’te ve birkaç gün sonra başlayacak CSD’nin Onuru onur geçidi 31.07.2023’te Stuttgart’ta sona eriyor.
Bu, infazların ve LGBT kişilere yönelik şiddetin olmadığı bir dünya için mücadele etme kampanyasıdır.
Solidaritätskampagne mit 6Rang: Übersetzung auf Kurdisch
اعدام و هرگونه خشونت علیه افراد الجیبیتی+ را متوقف کنید!
زن، زندگی، آزادی، همراه با آزادی برای جامعه رنگین کمانی
اینها خواستههایی است که شبکه ششرنگ (شبکه لزبینها و ترنسجندرهای ایرانی) برای مردم ایران و جامعه کوییر مطرح و برای برآورده شدن این حقوق تلاش می کند که مجموعه این فعالیت ها شایسته حمایت ماست.
شرح کمپین:
اعدام و هرگونه خشونت علیه افراد الجیبیتی+ را متوقف کنید!
ششرنگ در حمایت از حقوق جامعه الجیبیتی+ و علیه تبعیض اجتماعی و برای رفع جرمانگاری رابطه همجنسخواهانه و مقابله با خشونت و نفرتپراکنی دولتی و برای حمایت از کسانی که در معرض خطر اعدام هستند تلاش میکند، برای مثال کمپین جهانی „اقدام برای لغو فوری حکم اعدام“ بر علیه زهرا صدیقی همدانی (ساره) و الهام چوبدار، دو عضو جامعه الجیبیتی که توانست مانع از اجرای این حکم شود.
ششرنگ به همراه دیگر فعالین این حوزه توانست با ایجاد گفتمان وسیع در دفاع از حقوق این جامعه، برخی مطالبات جامعه الجیبیتی+ در مبارزه برای یک ایران آزاد و دموکراتیک را در سند «منشور مطالبات حداقلی اتحادیه های کارگری و سایر سازمان های جامعه مدنی» مورخ 14 فوریه 2023 بگنجاند.
شبکه ششرنگ به ویژه میخواهد به وضعیت دشوار همجنسگرایان و افراد ترنس در جامعهی ایران که در آن هر گونه گرایش جنسی غیردگرجنسگرایی تابو است و هویت جنسیتی متفاوت مورد تبعیض قرار میگیرد و هرگونه حق تعیین سرنوشت زنان، از جمله از طریق اجبار به حجاب، از آنان گرفته میشود، نور بتاباند.
ما می توانیم کمک کنیم!
ما برای حمایت از کار های انسان دوستانه و مشاوره های روانشناسی آنلاین که توسط ششرنگ برای افراد جامعه رنگین کمانی فراهم شده است، در حال جمع آوری کمک مالی هستیم.
کمپین حمایتی ما از طرف شبکه «به خاطرعشق» Der Liebe wegen
در روز جهانی مبارزه با همجنس گرا – و ترنس ستیزی، در 17 ماه می 2023 آغاز می شود و یک هفته پس از
رژه افتخار، در روز 05.08.2023 در اشتوتگارت پایان مییابد.
هدف این کارزار مبارزه برای جهانی است که در آن از اعدام و خشونت علیه جامعه الجیبیتی+ اثری نباشد.
17.5.2023: Internationaler Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie: Schweigen zur Gewalt gegen LSBTIQA? NICHT MIT UNS!
Zum Start unserer Solidaritäts- und Spendenkampagne mit 6Rang, der „queeren Stimme des Irans“ am Internationalen Tag gegen Homo-, Bi-, Inter- und Transphobie, möchten wir auf weitere Beispiele von LGBT*-Organisationen in Süd- und Westasien sowie Nordafrika aufmerksam machen sowie den Aufruf Stuttgarter LGBT*-Organisationen zum Internationalen Tag gegen Homo- und Transphobie veröffentlichen:
Beispiele von LGBT*-Organisation in Süd- und Westasien sowie Nordafrika
Wenn wir hier auf Webseiten von LGBT*-Selbstorganisationen der SWANA-Region hinweisen (SWANA ist ein antikolonialistischer Begriff für die Region Süd- und Westasien und Nordafrika, die sonst oft ,Naher Osten‘ oder ,Mittlerer Osten‘ genannt wird. Letztere Begriffe denken Europa als Zentrum, beinhalten also eine koloniale bzw. neokoloniale Vorstellung von Geografie), so wollen wir vorweg ebenso darauf aufmerksam machen, dass Polizeistellen in Ländern wie Ägypten mit gefälschte Facebook-Konten, Fake-Profile auf Dating-Apps gegen LGBT*-Personen vorgehen. Die digitalen Plattformen hätten LGBT*-Personen zwar „ermöglicht, sich selbst auszudrücken und ihren Stimmen dadurch mehr Gehör verschafft“, so Rasha Younes, leitende Forscherin für LGBT*-Rechte bei Human Right Watch. Das ist nicht gerade unwichtig in einem Umfeld, in dem Homosexualität oft gesellschaftlich tabuisiert wird und teilweise sogar bis heute als Krankheit gilt. Doch dadurch, dass auch sogenannte „Sicherheits“-kräfte anonym auf diesen Plattformen unterwegs sind, seien diese „zugleich (…) auch zu Instrumenten staatlich geförderter Unterdrückung geworden“ (Quelle: https://www.dw.com/de/lgbtq-in-%C3%A4gypten-staatliche-verfolgung-%C3%BCber-dating-apps/a-65214584).
Helem ist die erste LGBTQIA+-Organisation in der arabischen Welt, die 2001 offiziell in Beirut, Libanon, gegründet wurde.
Rasan wurde 2004 in Sulaimaniyya, Region Kurdistan, im Irak gegründet und setzt sich für die Verteidigung von Frauen- und LGBTQI-Rechten sowie gegen weibliche Genitalverstümmelung, Kinderheirat und häusliche Gewalt ein.
Al Qaws (deutsche Übersetzung: „Der Regenbogen“) wurde offiziell 2007 gegründet und setzt sich für sexuelle und geschlechtsspezifische Vielfalt in der palästinensischen Gesellschaft, insbesondere in Haifa, Ostjerusalem, Jaffa und Ramallah ein.
Guardians of Equality Movement (GEM) ist eine am 14. September 2021 gegründete Organisation mit Sitz in Genf (Schweiz), die sich dafür einsetzt, das Leben syrischer LGBTQIA+-Menschen zu verbessern, die in Syrien und in der gesamten syrischen Diaspora weltweit Diskriminierung/Missbrauch aufgrund ihrer sexuellen Orientierung und Geschlechtsidentität erleben.
Aufruf Stuttgarter LGBT*-Organisationen zum Internationalen Tag gegen LSBTIQA-Feindlichkeit in 2023:
Die Gewalt gegen queere Menschen nimmt rasant zu: Die Statistiken des Bundesinnenministeriums zeigen einen seit Jahren anhaltenden Anstieg bei der Anzeige queerfeindlicher Gewalt. Kaum ein CSD im letzten Jahr verlief ohne Gewalt durch Angriffe auf Teilnehmende, Regenbogenfahnen wurden verbrannt und in Münster erlag Malte C. den Folgen eines brutalen Angriffes beim CSD.
In den USA gab es in den letzten Monaten über 300 queerfeindliche Gesetzesinitiativen. In Ländern wie dem Iran wird die Todesstrafe wegen Homosexualität noch heute praktiziert und soll in Uganda eingeführt werden. Auch in einigen unserer Nachbarländern nimmt die Gewalt gegen queere Menschen weiter zu. Queere Menschen erfahren nicht nur physische Gewalt – tägliche Diskriminierung, Beleidigung, abschätzige Blicke und mangelnde soziale Teilhabe sind ebenso an der Tagesordnung, insbesondere, wenn mehrere Diskriminierungsebenen zusammenkommen. Europa, sind das die „Werte“, derer Du Dich immer so gerne rühmst?
Wir protestieren! Wir protestieren gegen die Gewalt, die wir jeden Tag erfahren. Wir protestieren gegen Kräfte, die unsere Freiheit einschränken wollen, uns beleidigen und angreifen. Wir protestieren gegen ein System der Unterdrückung und Normierung, gegen Ungleichheit und Ausgrenzung. Wir protestieren für die Anerkennung von LSBTIQA-Geflüchteten! Wir protestieren aber auch FÜR ein Selbstbestimmungsgesetz und die Erweiterung des Grundgesetzes Artikel 3, Absatz 3! Wir protestieren FÜR Sichtbarkeit und Sicherheit! Wir protestieren FÜR bessere Bildung und besseren Schutz!
Kommt und werdet an diesem wichtigen internationalen Protesttag mit uns laut! Schweigen zur Gewalt gegen LSBTIQA? Nicht mit uns!
März 2023: Solidarität zeigt Wirkung: die Todesurteile gegenüber den LGBT*-Aktivistinnen Elham und Sareh sind vorläufig ausgesetzt
6Rang: „Wir verdanken diese gute Nachricht der internationalen Unterstützung“ 6Rang schreibt weiter: „6Rang, die iranische LGBTQ+-Community, iranische und internationale Menschenrechtsorganisationen, Aktivisten auf der ganzen Welt und viele andere haben sich monatelang für die Freilassung von Sareh und Elham eingesetzt. Durch Sensibilisierung und Unterstützung wurden ihre Todesurteile aufgehoben und sie freigelassen. Wir verdanken diese gute Nachricht der internationalen Unterstützung (…)“. Die Todesurteile sind allerdings nur vorläufig ausgesetzt, nicht aufgehoben worden. Im April 2023 sollen die Verhandlungen weitergehen, denen nach wie vor „Verderbtheit“ und „Förderung der Homosexualität“ vorgeworfen wird.
Breite Unterstützung der Charta der Mindestforderungen und solidarisch für LGBTQIA-Anliegen 6Rang berichtet darüber hinaus von der iranischen Protest- und Widerstandsbewegung (siehe https://6rang.org/74060/): Mehrere iranische Gewerkschaften, Frauenorganisationen, Menschenrechtsgruppen und Studierende-Vereinigungen (konkrete Auflistung siehe Fußnote 1) haben sich auf das Dokument „Charta der Mindestforderungen der unabhängigen gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Origanisationen: Dem rechtschaffenen und freiheitsliebenden Volk Irans“ vom 14. Februar 2023 verständigt und darin auch die Forderungen der LGBT*-Community aufgenommen. Dort heißt es: „Sofortige Gleichstellung von Frauen und Männern in allen politischen, ökonomischen, sozialen, kulturellen und familiären Bereichen; Bedingungs- und ersatzlose Aufhebung aller Gesetze und Formen von Diskriminierung gegen diverse Geschlechtsidentitäten; bedingungslose Anerkennung einer Regenbogengesellschaft LGBTQIA; Entkriminalisierung der Geschlechterdiversität; Anerkennung aller Rechte von Frauen auf ihren Körper und auf ihr Schicksal; Sanktionierung der patriarchalen Kontrolle und Gewalt über Frauen.“
Zur politische Relevanz der Charta der Mindestforderungen Die politische Relevanz zeigt sich darin, dass gewerkschaftliche Organisation über ihre ökonomichen und betriebsbedingten Forderungen hinaus politische Forderungen aufstellen und dass die Verwirklichung dieser Forderungen mit dem Fortbestand der bestehenden Machtverhältnisse im Iran als nicht vereinbar eingeschätzt wird. Darüber hinaus grenzen sich die Unterzeichner:innen von den rechten monarchistischen Kräfte ab, die unter liberalen Parolen das Schah-Regime wieder herstellen wollen.
„Wir (…) halten an der Einheit und der Geschlossenheit der sozialen Bewegungen fest“ Weiter heißt es in diesem wichtigen Dokument: „Wir, die gewerkschaftlichen und zivilgesellschaftlichen Organisationen als Unterzeichner:innen dieser Charta, halten an der Einheit und der Geschlossenheit der sozialen Bewegungen fest und legen den Fokus auf die Kämpfe zur Beendigung dieser menschenfeindlichen und zerstörerischen Zustände. Wir sind der Auffassung, dass die Verwirklichung der folgenden Mindestforderungen der einzige Weg zur Errichtung einer neuen, modernen und menschlichen Gesellschaft in unserem Land ist. (…) Die in dieser Charta formulierten Forderungen präsentieren einen allgemeinen Rahmen als Ausgangspunkt. Selbstverständlich werden wir diese Forderungen im weiteren Verlauf der Kämpfe und der solidarischen Zusammenarbeit noch konkreter und präziser fassen.“ (das gesamte Dokument ist auf deutsch hier zu lesen: https://express-afp.info/charta_iran#_ftn1).
(1) Dieses Dokument vom 14. Februar 2023 wurde unter anderm unterzeichnet vom:
Koordinationsrat gewerkschaftlicher Organisationen der Lehrer:innen
Freie Gewerkschaft der Arbeiter:innen Irans
Union studentischer Organisationen (Vereinigte Studierende)
Verein der Verteidiger:innen von Menschenrechten
Syndikat der Arbeiter:innen der Zuckerrohrfabrik von Haft-Tapeh
Rat für die Organisierung der Proteste von Werkarbeiter:innen in der Erdölindustrie
Haus der Lehrer:innen
Erwachte Frauen
Stimme der Frauen Irans
Unabhängige Stimme der Arbeiter:innen der nationalen Stahlindustrie von (Stadt) Ahwaz
Verein der Verteidiger:innen der Arbeiter:innenrechte
Gewerkschaftsverein der Metall- und Elektrizitätsarbeiter:innen von (Stadt) Kermanschah
Koordinationskomitee zur Unterstützung für den Aufbau der Arbeiter:innenorganisationen
Vereinigung der Rentner:innen
Rat der Rentner:innen Irans
Organisation progressiver Studierender
Rat freidenkender Schüler:innen Irans
Syndikat der Maler:innen der Provinz Alborz
Komitee zum Aufbau der Arbeiter:innenorganisationen
Rat der Rentner:innen in Organisation sozialer Sicherung
27.1.2023: Bewegende Gedenkstunde an die queeren NS-Opfer
Was für ein Tag heute – eine sehr bewegende Gedenkstunde im Deutschen Bundestag.
78 Jahre nach der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz durch die Rote Armee hatte heute der Deutsche Bundestag erstmals die queeren NS-Opfer in den Mittelpunkt seine Gedenkens gestellt. Die Gedenkstunde kann über folgenden Link angeschaut werden: Videos der Gedenkstunde auf bundestag.de.
„Es ist nicht in Worte zu fassen, was das für mich bedeutet. An so einem Tag stellvertretend für eine verfolgte Minderheit einem homosexuellen Opfer eine Stimme zu geben, ist wahnsinnig berührend. Als ich meinem Vater davon erzählte, hat er am Telefon geweint“, so Jannik Schümann, 30, der bei der Gedenkstunde Karl Gorath seine Stimme verlieh. Gorath war wegen seines Schwulseins ins Konzentrationslager Auschwitz gesperrt worden (siehe Foto oben). Er entkam dem KZ schwer krank. Zwei Jahre nach der Befreiung vom Faschismus wurde er von demselben Nazi-Richter erneut wegen seiner Homosexualität verurteilt.
Die digitale Gedenkkarte unseres Onlineprojekts „Der-Liebe-wegen“ zeigt, dass es keine von der Verfolgung unberührte Region des heutigen Baden-Württemberg gab:
In ihr sind folgende 75 Männer mit Bezug zu Baden und Württemberg aufgeführt, die das KZ-System nicht überlebt haben (siehe Biografien / Skizzen der einzelnen NS-Opfer über Anklicken NS-Opfer oder auf die einzelnen Namen):
Willi Karl App: * 27.9.1919 Stuttgart, † 14.3.1943 KZ Sachsenhausen
Karl Aretz: * 25.5.1891 Karlsruhe, † 18.10.42 KZ Flossenbürg
Karl Autenrieth: * 22.3.1900 Vaihingen an der Enz, † 4.7.1943 KZ Natzweiler
Kurt Baumgart: * 30.6.1913 Mannheim, † 24.9.1942 KZ Ravensbrück
Wilhelm Bay: * 11.2.1909 Backnang, † 18.9.1942 KZ Stutthof
Karl Belthle: * 22.7.1922 Ulm, † 13.2.1945 KZ Sachsenhausen
Adolf Billmann: * 6.2.1879 Karlsruhe, † 28.1.1940 KZ Mauthausen
Heinrich Böckle: * 8.3.1894 Rinklingen, † 19.12.1944 SS-Arbeitslager Dautmergen (Außenlager des KZ Natzweiler)
Gustav Hartmann: * 16.1.1892 Dielheim, † 4.10.1941 im KZ Sachsenhausen
Friedrich Haug: * 15.9.1914 Ulm, † 14.8.1943 im KZ Sachsenhausen
Fritz Hauser: * 4.4.1892 Freiburg, † 14.4.1944 im KZ Lublin-Majdanek
Jakob Hess: * 20.2.1895 Heidelberg, † 7.8.1943 im KZ Natzweiler
Gustav Holl: * 10.11.1892 Mannheim / Ladenburg, † 10.6.1940 im KZ Sachsenhausen
Wilhelm Huther: * 18.1.1908 Neuhausen auf den Fildern, † 25.3.1944 im KZ Majdanek
Fritz Junkermann: * 19.10.1883 Stuttgart, † Oktober 1942 Tötungsanstalt Bernburg – offiziell gestorben beim Transport vom KZ Sachsenhausen in das KZ Dachau
Albert Karl: * 14.1.1917 Augsburg, † 6.7.1943 im KZ Sachsenhausen
Lothar Keiner: * 18.8.1908 Mannheim, † 27.11.1942 im KZ Neuengamme
Franz Klauser: * 11.3.1907 Seebach, † 6.11.1944 im KZ Neuengamme
Georg Klimas: * 24.6.1903 Königshütte, † 13.1.1945 KZ Sachsenhausen
Adolf Wilhelmi: * 15.4.1874 Freiburg, † 26.8.1942 KZ Dachau
Hans Winterhalter: * 16.7.1907 Hinterzarten, † 2.12.1942 KZ Sachsenhausen
2022: Mann-Männliche Prostitution im „Dritten Reich“
Mirjam Schnorr: Mann-männliche Prostitution im „Dritten Reich“: Von den Schwierigkeiten ihrer Erforschung im regionalen und lokalen Kontext, Heidelberg 2022. Zur Verfasserin: Sie hat ihre Dissertation an der Universität Heidelberg über Alltags- und Verfolgungserfahrungen von Prostituierten und Zuhältern im NS-Staat verfasst. Hierbei legte sie einen lokalen Schwerpunkt auf den deutschen Südwesten. Sie ist aktuell wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main.
Generallandesarchiv Karlsruhe: Auszug aus einer Vernehmung des Rudolf P. durch die Kriminalpolizei, Mannheim, 19.10.1942, S. 17. Auf die Veröffentlichungs- und Vervielfältigungsrechte des Landesarchivs Baden-Württemberg wird hingewiesen.
2022 Verschiedenes
18. September 2022: 16. Stuttgarter LebenSlauf sensiblisiert für LGBT-Geflüchtete Der 16. Stuttgarter LebenSlauf vom Sportverein Abseitz Stuttgart am Sonntag, den 18. September 2022 (Treffen Eingang Park Berg/Johann-Friedrich-von-Cotta-Schule, Sickstraße 165, 70190 Stuttgart – siehe (www.stuttgarter-lebenslauf.de)) zugunsten der LGBT-Geflüchtetenarbeit von just human und Regenbogenrefugium der Weissenburg sensibilisiert für die Situation von LGBT-Geflüchteten. In vielen Ländern dieser Erde erfahren LSBTTIQ-Menschen noch immer Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung. Zum Beispiel im Iran: Tausende homosexuelle Männer sind in den vergangenen Jahrzehnten dort vom Staat hingerichtet worden. Jetzt verhängte ein Gericht erstmals die Todesstrafe gegen zwei lesbische Frauen – siehe https://www.rnd.de/…/todesstrafe-im-iran-erstmals-zwei… – Unterschriftensammlung: „Save Sareh and Eliham’s live“ hier: https://action.allout.org/en/m/66561cda/
2. September 2022: Malte C. stirbt nach queerfeindlichen Angriff beim CSD in Münster Keine Verharmlosung mehr von homo- und transphober Gewalt in Deutschland – Stoppt Hasskriminalität, Rechtspopulismus und Gewalt!
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26. Juni 2022: Istanbul Pride trotz brutalem Polizeiterror Es kam zu zahlreichen Festnahmen von Pride-Aktivist:innen, die sich auch in 2022 nicht einschüchtern haben lassen.
https://www.youtube.com/watch?v=2AeBJ9wHFAM
25. April 2022 Ehrung im Hotel Silber Am 25. April 2022 wurde Ralf Bogen unter anderem wegen seiner Arbeit für das Internetprojekt „Der Liebe wegen“ mit dem Bundesverdienstkreuz geehrt. „Besonders hervorzuheben ist die Realisierung des Projekts ‚Der Liebe wegen, … von Menschen im deutschen Südwesten, die wegen ihrer Liebe und Sexualität ausgegrenzt und verfolgt wurden‘“ heißt es in der Pressemitteilung des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst Baden-Württemberg. Auch im Beitrag „Ehrung für Ralf Bogen“ der Stuttgarter Nachrichten vom 26. April 2022 wird das Internetprojekt „Der Liebe wegen“ hervorgehoben: „Schicksale von Opfern der Nazis haben er und seine Mitstreiter mit ihrem Projekt „der Liebe wegen“ recherchiert und dokumentiert. Von den 251 Männern mit Bezug zu Baden und Württemberg haben 75 ihre KZ-Haft nicht überlebt.“
11. Februar 2022: Gedenken für Farid und Mehrdad – wegen Homosexualität vom iranischen Staat am 30.1.22 gehängt. Seid dabei beim Totengedenken für Mehrhard Karimpou und Farid Mohammadi, die am 30.01.2022 aufgrund ihrer Homosexualität vom iranischen Staat gehängt wurden. Lasst uns die Hinrichtung von Sareh, einer 28-jährigen lesbischen Frau durch internationalen Protest verhindern – https://mannschaft.com/iran-lesbische-frau-sendet-kurz…/ – beteiligt Euch an der Eilaktion/Urgent Action von amnesty: https://www.queeramnesty.de/…/iran-lgbti-aktivistin… SCHWEIGEN = TOD – stoppt die Todestrafe im Iran!
29.03.2021: NS-Kriterien der Verfolgung beim Gedenken überwinden
In der Berliner Zeitung online ist am 29. März 2021 und in der Printausgabe am 7. April 2021 ein Beitrag von Hanno Hauenstein „Von Schwulen und Nazis zwischen Opfermythos und historischer Präzision“ erschienen, der ein Streitgespräch zwischen Dr. Lutz van Dijk und Dr. Alexander Zinn wiedergibt. Alexander Zinn sieht als Hauptproblem, dass „die Aufarbeitung der Verfolgung Homosexueller zur NS-Zeit für die queere Community ‚identitätsbildend'“ sei – „teils jedoch gegen die historische Faktenlage“. Eine positive Verklärung der Rosa-Winkel-Häftlinge will er festgestellt haben, die Kindesmißbrauch und Jugendverführung nicht angemessen berücksichtigt. Lesbische Frauen seien nicht wegen ihrer Homosexualität verfolgt worden. Demgegenüber warnt Lutz van Dijk in der Bewertung der Faktenlage allein mit NS-Kriterien zu operieren. Er ist ein Befürworter des Mahmals für lesbische Frauen in der Gedenkstätte Ravensbrück, die dort gelitten haben – „nicht, weil sie als lesbische Frauen verurteilt wurden, sondern weil ihr Leid unsichtbar gemacht wurde.“
Zu dieser Kontroverse bringen wir im Folgenden ungekürzt einen Leserbrief, der am 12. April 2021 in der Berliner Zeitung leicht gekürzt veröffentlicht wurde:
29. März 2021: Was für eine historische Forschung und Gedenkkultur wollen und brauchen wir?
Die historische Forschung hat jahrzehntelang sexuelle und geschlechtliche Minderheiten nicht als Opfer des NS- und Nachkriegsunrechts angemessen anerkannt und konkret erforscht. Sie hat sich stattdessen von patriarchalischen Vorurteilen gegenüber Homo-, Trans- und Intersexualität leiten lassen, die der NS-Staat zwar nicht erfunden, aber wesentlich verstärkt hat und die bis heute subtil weiterwirken. Leider trägt Zinn im Streitgespräch teilweise zur Bestärkung dieser Vorurteile bei:
Bezogen auf seine Leipziger Studie sagt Zinn, „dass ungefähr drei Viertel derjenigen, die im KZ mit einem rosa Winkel als Homosexuelle gekennzeichnet wurden, wegen Jugendverführung oder Kindesmissbrauch vorbestraft waren.“ Daraus können wir lernen, dass Rosa-Winkel-Häftlinge nicht per se gedenkwürdig sind und dass wir sehr genau hinschauen müssen. Vor dem Hintergrund, dass der NS-Staat homosexuelle Männer per se als „Kinderschänder“ stigmatisierte und bekämpfte, sehe ich das Hauptproblem bei Zinn darin, dass er mit dieser Aussage jegliche Differenzierung zwischen heute wie damals strafbaren Kindesmissbrauch einerseits und heute nicht strafbarer „Jugendverführung“ (im Grundsatz ist das Schutzalter heute 14 Jahre – unabhängig von der sexuellen Orientierung – bei wenigen Ausnahmen in Sonderfällen) andererseits vermissen lässt. Damit ersetzt Zinn eine von ihm kritisierte positive Verklärung in der Erinnerung an die homosexuellen NS-Opfer durch eine negative Verklärung, womit er seinem hohen Anspruch auf historische Präzision selbst nicht gerecht wird. Hingegen nennen wir in unserer, im Internet unter www.der-liebe-wegen.org veröffentlichten Studie zur heutigen Region Baden-Württemberg folgende Kriterien für die Anerkennung als homosexuelle NS-Opfer: „Insofern uns Informationen vorliegen oder noch zugänglich werden, wonach Personen auch Vergehen gemäß 174 Ziffer 1 (sexuelle Handlungen mit Minderjährigen unter Missbrauch von Abhängigkeitsverhältnissen), gemäß 175 a Ziffer 1 (Gewalt und Nötigung) und gemäß § 176 (sexuelle Handlungen mit Kindern) begangen haben, haben wir diese nicht in unsere Gedenkkarte aufgenommen bzw. werden wir diese herausnehmen.“ Letzteres war bei einer von 251 Personen der Fall.
Mit dem Hinweis, dass KZ-Einweisungen nicht primär oder gar nicht aufgrund weiblicher Homosexualität erfolgten, wird seit Jahrzehnten das durch die NS-Diktatur verursachte spezifische Leid lesbischer Frauen übersehen oder gar wie mit dem von Zinn selbst als polemisch überspitzt bezeichneten Vergleich der Situation von Raucherinnen mit der von lesbischen Frauen im Frauenkonzentrationslager Ravensbrück bagatellisiert. Auch hier stimme ich van Dijk zu, der die historische Forschung und die Gedenkkultur dazu anregen möchte, das NS-spezifische Unrecht gegenüber lesbischen Frauen stärker als bislang in den Blick zu nehmen. Das ist in dem von van Dijk mit herausgegebenen Sammelband „Erinnern in Auschwitz – auch an sexuelle Minderheiten“ mit wertvollen neuen Forschungsergebnissen beispielhaft gelungen.
Mit der Erstarkung rechtspopulistischer Kräfte in Deutschland geht die Zunahme von Hass und Hetze in verschiedenen Internetforen einher. Homo- und Transsexualität ist nach wie vor ein wichtiger Fluchtgrund angesichts von Gewalt und Verfolgung in vielen Ländern. Daher ist Zinn entschieden zu widersprechen, wenn er die Aufgabe, auf eine bessere Gesellschaft hinzuwirken, nur bei der Gedenkarbeit und nicht auch bei der historischen Forschung sieht. Das von van Dijk vertretene Anliegen eines angemessenen Erinnerns an das Leid sexueller und geschlechtlicher Minderheiten während der NS-Diktatur im Deutschen Bundestag am Auschwitzgedenktag ist wichtiger denn je.
Ralf Bogen, Stuttgart
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